Betrachtung: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde das Böse mit Gutem“

Eine Betrachtung zur Jahreslosung 2011 von Pastor Bernhard Busemann, Wilhelmshaven.

Zwei Priester leben schon seit Jahren in enger klösterlicher Gemeinschaft zusammen. Sie spüren über die Jahre, dass sie sich immer mehr entfremdet haben. Sie kochen innerlich auf wenn der andere seine Meinung kund tut und an der geringsten Kleinigkeit entzündet sich schlechte Stimmung, Streit und Zwist. Eine Spannung, die das Innerste fast zum Zerreißen bringt.

Die alte Mönchsregel ist so einleuchtend. Denn da heißt es: Wende dich mit ganzem Herzen an den Bruder, mit dem du dich am wenigsten verstehst, denn er ist ein Spiegel deiner Dunkelheit.

Klingt geheimnisvoll und weise. Klingt richtig. Aber die beiden haben über die Jahre alles versucht und kommen miteinander nicht weiter. Jedes mal wieder dieses innere Aufkochen. Gefühle von Aggression und innerem Zerplatzen. Sie regen sich aneinander auf.

Der eine geht in seiner Hilflosigkeit zum Abt: Was soll ich nur machen? Der alte Abt hat eine gute Idee: Geh zum Klosterbrunnen im Hof und schöpfe daraus einen vollen Krug mit Wasser. Und jedes Mal, wenn du spürst, dass dein Bruder dich aufregt, nimm einen kräftigen Schluck vom Brunnenwasser. Nach einigen Wochen wendet sich der Bruder wieder vertrauensvoll an seinen Abt. Freudig erregt erzählt er ihm: „Das Brunnenwasser hilft! Ich bin ganz erstaunt. Das Verhältnis zu meinem Mitbruder ist wesentlich entspannter geworden. Wie geht das? Lüfte mir das Geheimnis des Brunnenwassers?“

Der Abt antwortet lächelnd: „Das Wasser trägt kein Geheimnis in sich. Aber wenn du einen Schluck davon nimmst, dann ist dein Mund voll kühlender Frische und du ersparst dir und deinem Gegenüber jeglichen Kommentar. Was auch immer er von sich geben mag und du davon hältst. Dein Mund ist entspannt und damit auch dein Gesicht und dein Herz.“

Überwinde das Böse mit Gutem. Manchmal braucht es vielleicht einen einfachen Trick, damit sich festgefahrene Lebenssituationen entspannen. Und das finden wir auch in den Gedanken von Paulus wieder. Lesen wir die Jahreslosung und den gedanklichen Zusammenhang aus dem Römerbrief im 12. Kapitel.

Auch wenn euch jemand Unrecht zugefügt hat, zahlt es nicht durch weiteres Unrecht zurück. Bemüht euch darum, allen Menschen gegenüber aufrichtig zu sein. Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Gottes Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem gerechten Gericht Gottes Raum; denn es ist geschrieben: Die Rache liegt in meinen Händen, ich werde alles Unrecht vergelten, spricht Gott.

Wenn dein Gegner hungert, gib ihm etwas zu essen. Wenn deine Feindin Durst leidet, gib ihr zu trinken. Ein solches Verhalten häuft glühende Kohlen auf ihrem Kopf auf. Lass dich nicht vom Bösen besiegen. Sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,21)

Ganz starke Sprachbilder, die Paulus uns vor Augen zeichnet. Die glühenden Kohlen auf dem Kopf! In einigen Bibelübersetzungen wird das mit Schamesröte übersetzt. Wer kennt das Gefühl nicht, dass es einem die heiße Schamesröte ins Gesicht treibt? Wenn man dabei ertappt wird, dass man sich irgendwo im Dunkel, Verbotenen, auf der falschen, unrechten und unehrenhaften Seite des Daseins bewegt. Das Böse bekommt oft im ganz persönlichen Leben Kontur. Die Bibel greift schon ganz früh auf dieses Bild zurück. Der Baum der Erkenntnis von gut und böse.

„Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen. Denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (Gen 2,15-17)

Wir wissen, dass die Menschen im Paradies sich verführen lassen. Das sie sein wollen wie Gott und gut und böse eindeutig unterscheiden. Das Resultat: Sie fliegen aus dem Paradies. Die Schonzeit ohne Scham und Scheu ist vorbei. Das spannungsreiche und energiegeladene Drama des Menschseins beginnt.

Die Welt ist nicht nur gut, sondern wir spüren weit da draußen aber auch tief innen drin die ungeheuren Kräfte des Bösen, die uns oder andere aus der Bahn werfen oder die Schamesröte ins Gesicht treiben. Die Jahreslosung 2011 nimmt uns ohne Umwege mit hinein in diese uralte Spannung des Daseins. Sie weckt die tiefe Sehnsucht nach dem Guten.

Aber redet auch nicht weich drum herum: Das Böse fordert uns immer wieder zu einem sehr harten und kompromisslosen Kampf heraus.

Über eine Kleinigkeit im Bibelvers bin ich sofort gestolpert: Das Wort „Böse“ kommt zweimal vor. Das „Gute“ nur einmal. Ich glaube das ist bewusst so konstruiert und formuliert und soll ein mögliches  Kräfteverhältnis widerspiegeln.

Wie oft fühlt sich unser Leben ungerecht, unbarmherzig und brutal an. Wie stark sind die Gefühle von Aggression und Ablehnung gegenüber denen von liebevoller Zuwendung und Zärtlichkeit. Wie viel Kraft braucht es oft gegen eine finstere Vergangenheit, gegen eine Übermacht oder das Chaos anzuarbeiten? Und wie wenig Kraft bleibt, um helles und kreatives Licht zu sein, das hier und jetzt leuchtet?

Wie mächtig ist oft der Hass gegenüber der Liebe. Zweimal Böse. Einmal Gut. Lassen wir es gut sein!

Gut sein lassen. Das versucht der Maler und Christ Eberhard Münch mit seinem sehr dynamischen und feurigen Entwurf zur Jahreslosung 2011.

Strahlend helles Licht und ein hell leuchtendes Kreuz durchbrechen mit mächtigem Schwung die Dunkelheit und das tobende Chaos.

Spürbar wird: Zum Himmel hin wird das Bild deutlich ruhiger, die Farben und Konturen klarer und bestimmbarer. Der Himmel öffnet sich hellblau hinter einem gelben Horizont. Verkehrte Optik: Himmelaufgang statt Sonnenuntergang.

Blutrot-orange steht das Kreuz im Zentrum und Durchbricht oder verbindet alle Dimensionen und schöpft anscheinend unerschöpfliche Kraft aus der glanzhellen Mitte. Christus der Durchbrecher der Wirklichkeiten, der sich mutig und farbgewaltig hineintraut in alle Farbe und Unfarbe des Lebens. Wer seinem Weg folgt und sich von seiner Dynamik anstecken lässt, der entdeckt neue Wege und Horizonte. Eine kraftvolle und hoffnungsvolle Ansage. Aber auch eine stille Mahnung: Gut und Böse gehen fließend ineinander über.

Maße Dir nicht an, Mensch, dass du es wirklich klar unterscheiden und entlarven kannst, was wirklich gut oder böse ist. Da draußen in der Welt oder auch drinnen in dir. Es bleibt ein Ringen um Wahrheit. Es bleibt ein Kämpfen um den Sieg des Guten. Es bleibt eine unglaubliche Dynamik in unserem Leben. Und wahrscheinlich tut es gut, den Mund nicht zu voll zu nehmen mit klaren Ansagen was oder wer gerade gut oder böse ist.

Sondern manchmal hilft eher ein Schluck kaltes Wasser. Der den Mund von der Quelle her füllt mit beruhigender Stille und die Gesichtszüge entspannt und das Herz beruhigt.

Und vielleicht einen Gedanken ganz kühl durchkreuzend und doch sehr wärmend mit auf den Weg gibt:  „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21)

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