Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 2.

Am 20. März 2011 kann die evangelische Kirche unserer Breiten ein Fest feiern: Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. Hier der 2. Teil, den 1. Teil mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier.

Prof. Monika Grütters, 49, Mitglied des Deutschen Bundestages, Berlin, römisch-katholisch. „Zunächst ist es ja nichts Ungewöhnliches, dass verschiedene Berufsgruppen in Ausführung ihres Amts Berufsbekleidung oder eine Amtstracht tragen, so gibt es z.B. Roben, Uniformen, Messgewänder – und auch Talare. Die Reformation schaffte die Umhänge und Gewänder der Priester keineswegs ab; sie gestaltete die „Amtstracht“ der Pastoren nur schlichter. Luther übrigens trug beim Abendmahl immer ein Messgewand und beim Predigen eine Schaube, eine Art mittelalterliches Gelehrtengewand. Der Talar ist demnach Ausdruck eines bestimmten, auch geschichtlichen Selbstverständnisses der Amtsträger. Das Tragen des Talars ist dem Pastor mit seiner Ausbildung zugesprochen; er ist ein ehrfürchtiges und feierliches Zeichen von Autorität, Rang und Würde. Der Talar ist auch ein Zeichen des Vertrauens, dass der Tragende das Evangelium dem Glauben gemäß verkündet. Mancherorts gibt es Stimmen, die gegen die Farbe schwarz Einwände erheben – schwarz wirke traurig. Oft findet man daher auch eine farbige Stola über den schwarzen Schultern, je nach Farbe der Kirchenjahreszeit. Aber kann schwarz nicht auch besonders würdevoll und feierlich wirken? Der Talar ist seit 200 Jahren das traditionelle Gewand der evangelisch-lutherischen Kirche. Ihn zu tragen, drückt eine besondere Ehrfurcht dem Amt gegenüber aus.“

Dr. Ulrich Fischer, geb. 1949, Karlsruhe, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden. „Den schwarzen Talar trage ich gern. Er vermeidet das Missverständnis, als würde ich im Gottesdienst als Privatperson reden. Als Amtstracht lässt er mich als Vertreter der evangelischen Kirche erkennbar werden. Mit Hilfe des Talars tritt meine Person zurück hinter meinem Amt, und das ist gut so. Außerdem macht der Talar die menschlichen Körper irgendwie gleich: Unvorteilhafte körperliche Proportionen werden verdeckt, der Superbody kommt nicht zur Geltung. So wehrt der Talar mancher Eitelkeit, die es auch im Pfarrberuf gibt. Allerdings „predigt“ der Talar auch. Bevor ich den Mund auftue, hat seine schwarze Farbe schon eine Botschaft ausgesandt – bei Beerdigungen in guter Weise, bei anderen Gelegenheiten eher neutral, manchmal aber auch deprimierend. Darum schätze ich es, an besonderen Festtagen dem schwarzen Taler „Farbe zu geben“ – durch eine Stola in der Farbe der Kirchenjahreszeit. Und an den großen Kirchenfesten lasse ich den schwarzen Talar auch manchmal im Schrank und tausche ihn – als Ausdruck der Festtagsfreude – gegen die Albe, die weiße Schwester des von mir so geschätzten schwarzen Bruders.“

Nicolas Weiser, 42, Journalist und Komponist, Dipl.-Theol., römisch-katholisch. „Den ursprünglichen Sitz im Leben des evangelischen Talars kannte ich bis vor kurzem gar nicht. Und doch ist er für die heutige Glaubenspraxis relevant. König Friedrich Wilhelm III. verordnete ihn als Amtstracht für Geistliche, königliche Beamte und Richter. Warum aber soll es für den heutigen Glauben sinnvoll sein, eine Tracht zu tragen, die damals auch von „profanen“ Beamten getragen werden musste? Bei der Einführung durch den König ging es nicht um Dinge der Religion, sondern um das optische Herausheben honoriger Amtsträger des Staates. Es ging um weltliche Macht und Ansehen. Religion im Sinne einer Unterbrechung des Herkömmlichen sieht sicherlich anders aus. Wird doch hier lediglich das Bestehende bestätigt. Was sagt es uns heute, wenn der Verkünder des Evangeliums eine vor 200 Jahren übliche Tracht eines Beamten trägt? Und was bedeutete es, wenn der zeitgenössische Verkünder so aussähe wie ein Staatsbeamter, Politiker oder Würdenträger heute? Würde die Botschaft des Glaubens dadurch glaubwürdiger?

Nachdenklich dürften wir auch werden, wenn wir nachlesen wie Jesus zum Talar steht. Im Markusevangelium (MK 12, 38) warnt er uns vor den Schriftgelehrten „die es lieben, in langen Gewändern einherzugehen“, und immer den ersten Platz für sich in Anspruch nehmen. Nicht umsonst ist ein paar Stellen weiter von der Selbsterhöhung und dem Erwecken eines falschen Scheins die Rede. Ungefährlich ist das Tragen für Jesus also nicht. Ich jedenfalls war immer irritiert, wenn wir Theologen diese Kritik durch lavierende Interpretationen außer Kraft gesetzt haben.

Und trotzdem ist das Tragen des Talars eine schöne und sinnvolle Sache. Denn er gibt dem evangelischen Glauben einen sinnlichen Ausdruck, ist fester Bestandteil der gelebten Tradition. In der Liturgie wirkt der Talar aber schon recht nüchtern, vergleicht man ihn mit den oft aufwändigen Messgewändern der römisch-katholischen Kirche. Für einen rheinischen Katholiken erscheint der „preußische“ Talar daher durchaus trostlos. Aber auch interessant und inspirierend, da er kontrastreich zeigt, wie unterschiedlich der christliche Glaube gelebt wird.“

Johannes Simang, Berlin, Pfarrer, evangelisch.“Das Auge der Vernunft, das mich als den erkennbar werden lässt, der diese Amtstracht trägt, weil damit die Lehre verbunden ist – die Lehre von dem, was Glaube ausmacht. Das umfasst die Auslegung der Schrift, aber auch Lebenserfahrung – mitunter geliehen von den biblischen Personen -, Glaubenserfahrungen und das Beschreiben dessen, was man nicht sieht, was aber doch das Leben bestimmt: wie wir Atome und Quadratwurzeln nicht sehen können, können wir auch Liebe nicht sehen, Dankbarkeit und eben Vertrauen, wissen aber, das all das uns zu tragen vermag.

Das Auge der Kontemplation lässt uns jenseits des Verstandesbereiches sehen. Der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung, die den, der sie trägt, als durch das gemeinschaftliche Beten und Handeln führende Person anerkennt. Vom Kleidungsstück hängt sicher nicht das Gelingen von Innesein und Kontemplation ab, aber es hilft besonders in den Anfangsjahres pfarramtlichen Tuns, in diese Rolle in der Gemeinde hineinzuwachsen.“ Den ganzen Beitrag finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier. Teil 4 hier und Teil 5 hier.

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier.

Eine Zusammenstellung von Hinweisen zu liturgischen Gewändern in evangelischen Kirchen in Brandenburg (Autor: Helmut Schatz) finden Sie hier.

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3 Antworten zu Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 2.

  1. Sabine Herm schreibt:

    Danke,
    dies war ein interessanter Ausflug in die Geschichte der Bekleidung unserer Pfarrer und anderer kirchlicher Amtsträger.

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