Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 3.

Am 20. März 2011 kann die evangelische Kirche in Deutschland ein Fest feiern: Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. Hier der 3. Teil, 1. Teil mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier. Den 2. Teil mit Statements von Monika Grütters und Ulrich Fischer finden Sie hier. In diesem Teil 3 finden Sie Beiträge aus Australien, Belgien, Hamburg und Frankfurt am Main.

Dr. theol. Wolfgang Gern, 60, Darmstadt, Pfarrer und Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau, evangelisch. „König Friedrich Wilhelm III. hat ja den Talar vorgeschrieben, um dem Wildwuchs bei der Kleidung der Pfarrer ein einheitliches Bild entgegen zu setzen. Nicht nur als Preuße kann ich diesem Ziel vorbehaltlos zustimmen. Inzwischen ist der schwarze Talar zum evangelischen Symbol geworden. In seiner Schlichtheit, Einheitlichkeit und Erkennbarkeit schätze ich den Talar, weil er mir gleichzeitig bedeutet, dass ich im Dienst der Wortverkündigung stehe, also nicht im eigenen Auftrag rede und nicht nach eigenem Gutdünken den Gottesdienst gestalte. Was den Talar selbst angeht, halte ich es gerne so: je einfacher, je klarer, je zurückhaltender – und je einheitlicher, desto besser. Daher habe ich einen großen Abstand zur folkloristischen Farbenvielfalt von Stolen. Ich gestehe allerdings, dass ich mir als Heidelberger Assistent bereits einen Talar mit bayerischem Samtbesatz zugelegt habe, der mir nach wie vor sehr gefällt. Ich würde mich freuen, wenn er weiterhin zur Erkennbarkeit des offenen und öffentlichen Zeugnisses des evangelischen Glaubens in diesem Land beiträgt.

Man kann es auch anders sagen: Wer im Dienst der Wortverkündigung steht, weiß um die Gefahr eines hohlen, pfäffischen Geschwätzes. So ist dem Talar zu wünschen, dass er Pfarrerinnen und Pfarrer darin bestärkt, nicht in eigener Sache zu reden, sondern Sprachrohr Jesu zu sein, Kirche Jesu Christi zu bauen, zur glaubwürdigen Nachfolge am eigenen Ort zu ermutigen und die die Menschheit versöhnende Gerechtigkeit Gottes anzusagen. Nicht mehr, nicht weniger. Es geht ja nicht um das Göttleinspielen von Amtsträgern, sondern um die unmissverständliche und vorbehaltlose Ansage der Liebe Gottes zu seiner Welt, die von egomanischen Fantasien und deren Folgen genug hat. Auch dazu ist der Talar gut, um uns zu bedeuten: Jesus hat nicht von Honig und Marmelade geredet, sondern vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. Ihr seid es! Das hat er uns zugesprochen. Und in diesem Zuspruch steckt der Anspruch, dass wir es weitersagen und weitertragen. Das bleibt unser Auftrag. Mit diesem Auftrag steht und fällt der Talar, auch im Jahre 2211.“

Wilhelm Stern, 60 Jahre alt, Springvale (Australien), evangelisch-lutherisch. „Als ich vor 35 Jahren zum ersten mal einen Talar tragen durfte/musste, fühlte ich mich ziemlich unwohl darin, hatte ich doch noch den Ruf der Studentenunruhen im Ohr: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“.

Heute sehe ich das ganz locker: Der Talar ist ein Stück der Dienstkleidung, sozusagen der „Blaumann der Geistlichen“. Und ich habe ihn schätzen gelernt, weil er die zitternden Knie und die Flecken an der Kleidung verbirgt. Ein Kollege hier in Australien hat sogar an einem besonders heißen Weihnachtsfest nur eine Badehose unter dem Talar getragen.

Der Talar trägt für mich nur insofern zum Gelingen eines Gottesdienstes bei, als seine Benutzung die Ansprüche mancher Gemeindemitglieder erfüllt, die diese an einen anständig gekleideten Pastoren/eine anständig gekleideten Pastorin stellen.

Meine australisch-lutherischen Kollegen benutzen weiße Talare und bunte Stolen. Und viele Kollegen/Kolleginnen anderer protestantischer Gemeinden tragen hier in Australien im Gottesdienst nur einen Anzug (oder gar nur eine Hose und ein offenes Hemd) und dennoch habe ich vollwertige Gottesdienste mit ihnen erlebt. Die Autorität des Predigers/der Predigerin hängt nicht an der Kleidung, sondern daran, ob er/sie Gottes Wort richtig auslegt und für sich selbst ernst nimmt.

Wenn bis 2211 Christus noch nicht wiedergekommen ist, wird es bestimmt noch eine Dienstkleidung für Pastoren/Pastorinnen hier in Australien geben. Aber der Talar wird dann wohl eher weiß sein. Dann kommen die Stolen richtig zur Geltung und die armen Kollegen/Kolleginnen schwitzen nicht so sehr in dem australischen Sommer!“

Ulrich Rüß, 67 Jahre, Hamburg, Pastor, evangelisch-lutherisch. „Im Namen des Dreieinigen Gottes ist jeder Gottesdienst die wichtigste Feier, ein freudiges Fest, das Himmel und Erde, Gott und Mensch verbindet. ER ist gegenwärtig, spricht zu uns durch sein Wort, in der Eucharistie feiern wir die reale Gegenwart Christi in Brot und Wein. Die gefeierte Liturgie der Messe bringt die Entsprechung von Inhalt und Form beispielhaft zum Ausdruck. Der schwarze preußische Talar mit Beffchen, ein Gewand, das sich einer Kabinettsorder eines preußischen Königs verdankt, weder christlich, liturgisch noch typisch evangelisch ist, sondern bürgerlich und einem modischen Zeitgeist vor 200 Jahren entspricht, steht heute mehr für Tristesse und Trauer, jedenfalls nicht für Freude und Fest. Nun machen bunte Gewänder noch keinen guten Gottesdienst, aber liturgische Gewänder, die Albe mit Stola in der jeweils liturgischen Farbe, ggf. auch die Kasel unterstreichen mit ihrer christlichen symbolhaften Deutung den Inhalt und das Wesen des Gottesdienstes. Von Martin Luther wissen wir, dass er an den alten liturgischen Gewändern festhielt. Der wünschenswerte Abschied vom schwarzen Talar ist somit kein Verrat an der Reformation oder Anbiederung an die röm.-kath. Kirche, vielmehr entspricht die liturgische Gewandung mit der Farbe Weiß der Freude des Evangeliums und des Festes mit Gott und einer gesamtkirchlichen aussagestarken liturgisch-gottesdienstlichen Tradition. Die anzustrebende Wiederentdeckung der liturgischen Gewänder im evangelischen Gottesdienst unterstreicht darüber hinaus die wünschenswerte ökumenische Verbundenheit mit anderen Kirchen.“ Den Beitrag finden Sie zudem hier.

Robert M. Zoske und Beatrix Zoske, 58 und 54, Antwerpen (Belgien), Pastor und Pastorin, evangelisch-lutherisch. „Äußeres Markenzeichen des belgischen Jazzpianisten Jef Neve ist das tadellose Outfit. In seinen Konzerten trägt er Maßanzüge unter deren Jacketkragen eingestickt steht: „Bach is God.“ Damit habe er, so der Ausnahmemusiker, das Gefühl, einer wichtigen Inspirationsquelle ganz nahe zu sein.

Äußeres Markenzeichen ist für mich lutherischen Theologen der Talar. Wenn ich ihn anlege, fühle ich mich mit der Kirche verbunden, stelle mich in ihre Tradition, stehe für sie ein. Zwar habe ich mir nichts in meinem Talar einsticken lassen, doch hat auch er eine Besonderheit. Obwohl Pastor der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, trage ich keinen preußischen, sondern einen bayerischen Talar, mit Stehkragen und Passe aus schwarzem Samt. Daher werde ich manchmal gefragt, ob ich aus Bayern stamme.

„Ich nicht, aber meine Frau,“ antworte ich dann und erzähle, dass wir uns vor dem Vikariat entscheiden mussten, ob wir gen Süden oder Norden gingen. Als wir an die Küste zogen, wollte meine Frau wenigstens einen bayerischen Talar tragen und da wir Gottesdienste gemeinsam feiern, schloss ich mich gerne an. Unsere Talare, die uns mehr als 25 Jahre, inzwischen bis nach Flandern, begleiten, sind also auch Zeichen persönlicher Verbundenheit.

Ließe ich mir doch etwas in meinen Talar einsticken, wäre das „Ein feste Burg.“ Dann hätte ich das Gefühl, einer meiner wichtigen Inspirationsquellen ganz nahe zu sein.“

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier.

Den 1. Teil der Reihe „200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum“ mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier. 2. Teil mit Statements Monika Grütters und Ulrich Fischer finden Sie hier.

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