Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 4.

Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. Wir würdigen dies mit einer kleinen Reihe und haben Frauen und Männer, Katholiken und Protestanten, Geistliche und Laien um ihre Meinung gefragt. Hier Teil 4 mit Beiträgen aus Stuttgart.

Dr. h.c. Frank Otfried July, 56 Jahre, Stuttgart, Landesbischof Evangelische Landeskirche in Württemberg, evangelisch. „Ich weiß noch wie heute, mit welch besonderem Gefühl ich meinen ersten Talar angezogen habe. Es war nach dem Examen und vor meinem Dienstantritt als Vikar. Es wurde mir in einem Augenblick klar, was „Investitur“ wirklich bedeutet:

Mit diesem Talar trägst du dich nicht selbst durch die Kirche, mit deinen Tageseinfällen und Meinungen, sondern die Kirche vertraut dir das Amt der öffentlichen Wortverkündigung an. Dafür stehst du – in deinem Talar.

Daran erinnert mich mein Talar bis heute! Bei vielen ökumenischen Gottesdiensten steht mein Talar für die reformatorische Tradition und Beauftragung. Dennoch trage ich bei manchen Anlässen auch den weißen Talar mit Stola; viele Jahre am frühen Ostermorgen bei der Osterfeier auf dem Friedhof der Diakonissen. Da zeigte der weiße Talar etwas von der neuen Leichtigkeit und dem Glanz am Auferstehungsmorgen. Ebenso wie bei den Schlussgottesdiensten der sozial-diakonischen Vesperkirche in Stuttgart. Dort wird ein „Fest des Lebens“ gefeiert, das schon etwas ahnen lässt vom „Fest ohne Ende“ (Roger Schulz).

Es ist das Evangelium, das uns letztlich umkleidet. Ich möchte weiterhin im schwarzen Talar das Evangelium Sonntag für Sonntag verkündigen, um an besonderen Festen und Feiern im weißen Festgewand Christus zu loben und ihm im Abendmahl zu begegnen.“ Den Beitrag von Bischof Juli finden Sie auch hier.

Pascal Kober, 39, Reutlingen, Mitglied des Deutschen Bundestages, Pfarrer, evangelisch. „Für mich zeigt der Talar, dass es auf die Botschaft und das Handeln des Pfarrers und nicht auf dessen Kleidungsstil und Aussehen ankommt. Alle Pfarrer tragen dasselbe Gewand. Wir haben uns derselben Botschaft verpflichtet, verkünden das Wort Gottes und sind im Auftrag der Kirche unterwegs. Die Person unter dem Talar, mit ihren positiven und negativen Eigenschaften, Interessen und Schwächen, steht hier nicht im Vordergrund, sondern allein das Wort Gottes. Somit unterstreicht der Talar das Anliegen des Gottesdienstes. Er zeigt, dass es hier nicht um die Persönlichkeit und den Charakter des Pfarrers, gar um die Unterhaltungsshow eines Alleinunterhalters, sondern dass es um Gott geht. Der Talar hat eine liturgische Bedeutung und zeichnet den Pfarrer als Leiter des Gottesdienstes aus. Dies hilft auch mir selbst, mir meiner Funktion bewusst zu werden. Rein äußerlich bedeckt das Gewand die Beine, den Oberkörper und die Arme. Mir ist schon immer aufgefallen, dass die segnenden Hände und das offene, der Gemeinde zugewandte Gesicht aufgrund des sonst bedeckten Körpers auffallend hell erscheinen.“

Martina Schmidt-Rutkowski, Hohnstorf, Diakonin, evangelisch-lutherisch. „Seit ich als Diakonin in den 1980er Jahren in einer Hamburger Gemeinde in der Konfirmandenarbeit tätig war, stellte sich mir die Frage nach meiner Kleidung zu den Konfirmationsgottesdiensten. Seinerzeit wurde an drei aufeinander folgenden Sonntagen konfirmiert. Im Anschluss an die feierlichen Gottesdienste machte ich bei fast allen Familien Besuche. In der Woche darauf fand dann die letzte Konfi-Stunde für die nächste Gruppe statt und die Konfirmanden kommentierten nicht nur den Gottesdienst ihrer Freunde sondern auch meine Kleidung. Abgesehen davon, dass mein Kleiderschrank damals nur eine sehr begrenzte Auswahl an feierlicher Kleidung enthielt, stießen einzelne Stücke auch noch auf Befremden. Ich beneidete meinen Pastorenkollegen, der weder eine Frage zu beantworten hatte, was er denn wohl zum Gottesdienst anziehen würde noch einer kritischen Begutachtung ausgesetzt war. Der Talar war selbstverständlich. Meine Diakonenbrüder konnten die Kleidungsfrage mit einem dunklen Anzug einfach beantworten.

Mit meiner Ausbilderin folgten Gespräche, die zum Besuch vom Kirchenausstatter Eggert  führte: Die Anprobe eines schwarzen Talars ließ mich im Spiegel jemanden Fremden erblicken. Nein, Pastorin bin ich nicht und wollte mich auch so nicht „verkleiden“ – das wäre mir wie eine Amtsanmaßung vorgekommen.

Der Ausweg ergab sich durch eine ökumenische Begegnung in der anglikanischen Kirche. Dort gibt es einen Diakonentalar, ein schwarzer Talar mit weißem, langem Überwurf. Die Entscheidung war schnell getroffen und fühlte sich damals und fühlt sich heute noch richtig an. Die Kleidungsfrage für Gottesdienste, in denen ich mitwirke, ist gelöst. Die Reaktionen sind durchweg interessiert und positiv, denn das Weiß des Überwurfs wird als freundlich empfunden. Für mich selbst hat das Tragen des Talars zusätzlich noch die Dimension, meiner inneren Haltung einen äußeren Ausdruck verleihen zu können. Ich feiere Gottes Dienst, bin eine Dienerin GOTTES und bedarf seiner Gnade, die rechten Worte in Gebet, Gesang und Worten zu finden. Mein Talar ist dieser Haltung angemessen und kann durch kein anderes Kleidungsstück gleichwertig ersetzt werden.“

Friedbert Baur, 50 Jahre alt, seit 2006 EKD-Auslandspfarrer in Oslo, Norwegen, evangelisch. „Seit 21 Jahren trage ich ihn, wenn ich als Pfarrer Gottesdienst feiere: den schwarzen und weiten Talar mit weißem Bäffchen.

Zugegeben, wenn man als Pfarrer noch eine Rolle in einem Theaterstück im Gottesdienst hat, ist es umständlich. Oder beim Knien, beim Steigen von Treppenstufen, beim Gitarrespielen oder Kerzenanzünden. Man bewegt sich anders, man fühlt sich anders.

Ich bin im amtskirchenkritischen Pietismus aufgewachsen und bin mit Predigern vertraut, die ohne Talar predigen. Und doch möchte ich sagen, dass auch der Talar mich trägt.

Ich habe einen Auftrag, wenn ich an dieser Stelle stehe. Von der Gemeinde, der ich diene und von Gott. Was ich im Gottesdienst erzähle und tue ist nicht nur meinen eigenen Gedanken entsprungen und das, was ich bete, auch nicht.  Hier bin ich nicht als Privatperson, sondern in einem Amtsgewand.

Meine Kollegen und Kolleginnen im Pfarrdienst der norwegischen lutherischen Staatskirche tragen die weiße Alba, Stola, Meßgewand und heißen auch Priester, prest.

Nun, ich bin hier „Pastor“, Priester sind wir alle, der Talar kennzeichnet mich eben eher als Verkündiger denn als Liturg. Und bevor ich mich mit regenbogenfarbenen Schälchen schmücke denke ich: die schlichte Stilreinheit unseres hundertjährigen Talars hat auch etwas.

Also, was soll ich sagen, ich habe mich an meine Amtstracht gewöhnt, könnte mir aber auch etwas anderes vorstellen. Trotzdem verkörpert er bestimmte evangelische Tugenden und Werte, die mir wichtig sind.

Über die Zukunft des Talars mache ich mir keine Gedanken. Bis zum „Muff von 1000 Jahren“ sind es noch 800.“

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier zum kostenlosen Download.

Den 1. Teil der Reihe „200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum“ mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier. 2. Teil mit Statements Monika Grütters und Ulrich Fischer finden Sie hier. Einen Teil 3, mit Beiträgen von Wolfgang Gern und Ulrich Rüß ist hier zu finden.

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