Aktuell: 200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum. Teil 7.

Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. Wir würdigen dies mit einer kleinen Reihe und haben Frauen und Männer, Katholiken und Protestanten, Geistliche und Laien um ihre Meinung gefragt. Hier Teil 7 mit Beiträgen aus Nürnberg, Amsterdam, Caracas und Bangkok.

Eckhard Gebser, 55 Jahre alt, Pfarrer, Caracas/Venezuela, evangelisch: „Meinen Talar bekam ich von der „Bruderhilfe“ aus dem Westen. Zuvor war ich aufgefordert worden dafür einige Körpermaße wie Größe und Halsumfang anzugeben. Die schickte ich ab, ich weiß nicht mehr wohin und eines Tages kam er dann wie aus dem Nichts angeflattert. Seither hat er mich als Pastor an ganz unterschiedliche Orte begleitet: in kalte mecklenburgische Dorfkirchen, an die Strände von Karibik und Pazifik, auf einen Berg in Kanada und zurzeit in eine manchmal ziemlich heiße Kirche in einer südamerikanischen Großstadt. Mein schwarzer Talar diente mir genauso gut bei Kälte, wie in der Wärme. Auch die Wüstenbewohner der Sahara kleiden sich traditionell in dunkle lange Gewänder und halten darin die Wärme des Tages und die Kälte der Nacht aus.

Auf die Idee, ein weißes liturgisches Gewand zu tragen, bin ich nie gekommen. Den schwarzen Talar empfinde ich als „protestantisches Markenzeichen“ in einer Welt der vielen Möglichkeiten und Traditionen, sich in einem Gottesdienst zu kleiden. Wir Protestanten deutscher Herkunft liegen damit deutlich erkennbar zwischen den weißen Messgewändern in den katholischen Kirchen und den dunkeln Anzügen, die die Prediger evangelischer Kirchen in Lateinamerika tragen. Den schlichten schwarzen Talar empfinde ich als durchaus passenden äußeren Ausdruck unseres Glaubens, unserer Eigenart und Geschichte. Er ordnet uns nah genug bei der Tradition ein, aus der wir kommen und setzt sich auch wieder davon ab. So ganz in schwarz gekleidet zu sein und dadurch aufzufallen, das macht mir nichts aus, die Leute hören sowieso, dass ich von woanders herkomme, wenn ich den Mund aufmache und ein anderes Spanisch spreche als sie.

Meine Frau, nennt ihren Taler, der die gleiche Herkunft hat wie meiner, manchmal auch: „Mein kleines Schwarzes“. Ich kann das als Mann nicht so zärtlich sagen, aber fühle mich damit doch immer und überall gut angezogen, wenn ich als Pastor unterwegs bin und einen Gottesdienst halte. Ich bekam meinen Talar in der Vikarszeit als Geschenk und empfinde ihn immer noch als solches.“

Dr. Stefan Ark Nitsche, 55 Jahre., Oberkirchenrat, Regionalbischof im Kirchenkreis Nürnberg, eangelisch-lutherisch: „Meinen ersten Talar habe ich „geerbt“. Er gehörte dem Pfarrer, der mich getauft hat. Er starb früh. Ich habe ihn nie kennengelernt. In meiner unkirchlichen Familie aber redete man mit Respekt von ihm, habe ich in Erinnerung. Sein Talar hing jahrzehntelang in der Sakristei unserer Kirche: kleiner Service für Gäste.  Als ich spät doch noch Pfarrer wurde, überraschte mich meine Heimatgemeinde und schenkte ihn mir. Er ist etwas kurz, aber ich trage ihn manchmal immer noch. (Mit dem so eingesparten Talarzuschuss der Landeskirche erwarb ich übrigens eine Albe.)

Bevor ich Pfarrer wurde, war ich Regisseur. Zur Ausbildung gehörte es, selber auszuprobieren, wie das ist: sich eine Rolle erarbeiten und dann hinein schlüpfen. Es war mir also nichts Fremdes, in ein anderes Kleidungsstück zu schlüpfen. Für mich gibt es aber einen fundamentalen Unterschied zwischen Kostüm und Talar. Das Kostüm half mir einen anderen Charakter anzunehmen: neue Körperhaltung, anderer Gang, vielleicht auch eine veränderte Stimmführung und Sprechart. Am Schluss dann mit der Anprobe des Kostüm das Einsteigen in den Charakter der Person, die ich verkörpern sollte.

Wenn ich heute in der Sakristei in den Talar schlüpfe, passiert nichts von dem: Ich bleibe ganz ich selbst; mit meiner Lebens- und Glaubensgeschichte, mit meinen Überzeugungen, mit meinen Pfarrershandwerk. Ich werde kein anderer, aber der Talar kann zu einem Zeichen werden: Ich stehe da nicht selbsternannt am Altar, auf der Kanzel, an Taufstein oder Grab. Bei aller Individualität, die in Inhalt und Gestaltung der Predigt oder auch in manchem Gebet natürlich zum Ausdruck kommt, hilft mir der Talar gleichzeitig zu einer Zurücknahme der eigenen Individualität: Ich stehe da nicht in eigener Sendung, sondern im Auftrag dessen, der mich gesandt hat. Entlastung und Verantwortung.“

Bärbel Büssow, 49 Jahre, Amsterdam und Rotterdam, Pfarrerin, evangelisch: „Der Talar ist mein teuerstes und einziges maßgeschneidertes Kleidungsstück und ist schon 22 Jahre jung, denn sein Stoff zeichnet sich durch eine unverwüstliche Qualität aus. Er ist sommer- und wintertauglich und hält auch dem eisigen Friedhofsregen stand. Und knitterfrei ist das gute Stück auch. Schon diese ganz profanen Eigenschaften machen ihn zu etwas Besonderem. Und was sehr praktisch ist: Der Talar erspart ein  mühsames Suchen nach passenden Kleidungsstücken für den Gottesdienst. So braucht sich die Gottesdienstgemeinde z.B. in der Passionszeit nicht darüber ärgern,  dass das Violett des Kleides sich mit dem des Antependiums beißt.

Der Talar ist mit seinen fast 10 Metern Stoff so weit, dass ich darin tanzen möchte – ja warum nicht. „Der Gottesdienst soll fröhlich sein“, steht im Evangelischen Gesangbuch.

Mit dem Talar verbindet sich für mich ein Stück Lebensgeschichte. Es war eine Ehre für meine Patentante, ihn mir zu Beginn meines Vikariats zu schenken. Seitdem war er bei vielen frohen und ernsten Anlässen dabei.“ Sie finden den Beitrag in voller Länge hier.

Gerhard Kuppler, 67 Jahre, Bangkok, Pfarrer im Ruhestand und in Vertretung, evangelisch: „Unter den Talaren den Muff von 1000 Jahren!“ Volle Zustimmung, damals im Jahre 1967 wie heute. Aber liegts an den Talaren? Ein Jahr nachdem dieser Satz die Geschichte und meine Geschichte geprägt hatte, kaufte ich mir als Examenskandidat einen Talar, schwarz wie üblich, günstig im Kaufhaus von der Stange; Schwaben sparen eben. Was kann der arme Talar für den Muff? Den gibt’s leider immer, auch ohne Talar. Er hat seine Ursache eher in der nicht hinterfragten Hierarchie, in der Selbstgefälligkeit und Selbstbeweihräucherung der Amts- und „Führungs“-personen. Damals sagte ich zu den lautesten Schreihälsen, die den langen Marsch durch die Institutionen propagierten: die Institutionen werden euch mit oder ohne Talar auffressen, wenn ihr sie nicht ändert. So wars dann auch; sie wurden aufgefressen, die Fischers und Schröders.

Beim Kauf meines Talars gab es schon links- oder rechts geknöpfte  – kurz zuvor war die Frauenordínation eingeführt worden. Es gibt doch herrliche Skurrilitäten, trotz Gender-Theologie. Dieser Talar ist bis heute mein einziger geblieben. Einmal habe ich ihn reinigen lassen: mit dem Eintritt ins Pensionsalter. Der leichte Speckrand am Kragen war mir irgendwie vertraut.

Mein Talar war und ist mir liebe Gewohnheit. Er gehört zu dem Teil meines Lebens, wo ich weiß, ich stehe auch in einer hilfreichen Tradition. Ich muss nicht jeden Tag das Leben neu erfinden. Mein Talar schützt mich – rein äußerlich: Ich muss nicht immer schauen, ob die Krawatte schräg sitzt. Er zeigt – rein äußerlich: hier redet nicht nur der Mensch Gerhard Kuppler, sondern einer, der beauftragt und freigestellt ist, über Gott und die Welt nachzudenken und zwischen Gott und Abgott zu unterscheiden. Er zeigt: Da redet einer im höheren Auftrag, da spricht einer den unfassbaren Segen Gottes zu. Mit Talar spreche ich den Segen zu, ohne Talar bitte ich um ihn.

Manchmal erscheint mir mein Talar als zu bombastisch, zum Beispiel bei Gottesdiensten, in denen es lockerer zugeht, wenn kleine Kinder dabei sind, oder wenn ich im kleinen Kreis am Krankenbett Abendmahl feiere. Da habe ich die katholischen Kollegen immer um ihre Stola beneidet, ein kleines bescheideneres Zeichen dafür, dass da mehr kommt als nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber erst nach der Pensionierung hatte ich den Mut, mir eine Stola zu kaufen.

Ach und noch eins. Ich habe es wohl selten geschafft, dass mein württembergisches bescheidenes Beffchen richtig schön gerade herunterhängt. Das habe ich schließlich als Zeichen akzeptiert, dass man auch im Talar ein unvollkommener Mensch ist.“

Den 1. Teil der Reihe „200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum“ mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier. 2. Teil mit Statements Monika Grütters und Ulrich Fischer finden Sie hier. Der Teil 3, mit Beiträgen von Wolfgang Gern und Ulrich Rüß, ist hier zu finden. Teil 4 mit Beitraägen von Pascal Kober und Frank Otfried July hier. Teil 5 mit Wilhelm Hüffmeier hier. Teil 6 mit Statements u.a. von Hans-Martin Heinemann hier. Einen Teil 8 hier.

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier zum kostenlosen Download.

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