Rückblick: Passionspunkt am Karfreitag 2011.

Ein Passionspunkt von Pastor Bernhard Busemann.

Bombenangriff auf Wilhelmshaven. Wer hier in Wilhelmshaven auch im Jahr 2011 lebt und arbeitet, der trifft immer wieder auf die tiefen Krater, die die Bombenangriffe in das Leben von Menschen reißen. Da ist der Ladenbesitzer, der seinen kompletten Besitz und seine Lebensgrundlage zweimal verloren hat. Zwei Volltreffer ins Haus. Wohnung und Geschäftsräume – alles weg. Für ein drittes Mal das Leben neu aufbauen reichte die Kraft nicht. Einsam und arm ist er alt geworden in seiner Stadt. Da ist die Frau die es als kleines Kind gemeinsam mit der Mutter nicht mehr in den Bunker geschafft hat. Hier um die Ecke flach auf dem Boden gelegen, während die Bomben um sie herum explodierten. Ein Trauma für das ganze Leben. Da ist der Mann, der seinen kleinen Bruder nie kennengelernt hat. Aber die Geschichte des Bombenangriffes kennt er detailgenau: Die Küchenwand ist bei dem Luftangriff ohne Vorwarnung zusammengebrochen und hat das dreijährige Kind am Küchentisch begraben. Die Mutter stand drei Schritte daneben. Zeitlebens stand der kleine Bruder still mit in allen Lebensräumen. Ein Leben lang zieht er am Rockzipfel der zerstörten Mutterseele. Unzählbare Bombengeschichten liegen auch heute noch auf dieser Stadt. Und wer hier lebt und arbeitet trifft immer wieder darauf.

Viele Menschen der dritten Generation nach dem Krieg fragen sich manchmal sehnsüchtig: Wann ist es endlich soweit, dass man diese schrecklichen Ereignisse weniger emotional und viel sachlicher und mit Abstand betrachten kann? Versachlichung. Franz Radziwill hat es schon 1941 versucht. „Bombenangriff auf Wilhelmshaven“. Neue Sachlichkeit (Anmerkung: Das Bild darf hier leider auf Anweisung der Kunsthalle Wilhelmshaven nicht gezeigt werden).

Der Versuch durch Lichtführung und Detailverliebtheit eine Versachlichung zu erreichen. Der Schrecken wird gefangen in einem in sich funktionierenden abgeschlossen Farbraum. Ein faszinierendes Farbenspiel bei Mondschein – das könnte das hier auch sein. Versachlichung von Krieg und Kriegsmaterial. Objekte, die sich eigenartig in einem Spiel von Detailtreue und unermesslicher Weite mit Raum und Farbe verbinden. Krieg als Naturphänomen. Wenn wir hier stehen und die Bilder in ihrer hervorragenden malerischen Qualität und ihrem starken Ausdruck anschauen, dann kommt es damit und das ist ja der tiefe Sinn aller Kunst, zu einem Dialog: Mensch, Bild, Menschenbild?

Und dann sind wir mitten drin und Teil der Widersprüchlichkeit, die alle, die sich intensiv mit dem Maler Franz Radziwill beschäftigen, bewegt. Was steckt für ein Menschenbild hinter alledem? Welche Rolle spielt der Mensch in diesen Bildern? Radziwill lässt sich da nicht festlegen. Auch nicht als Person in einer dunklen Zeit. Ab 1933 NSDAP Mitglied, Propagandaleiter der Ortsgruppe Dangast, Kreiskulturhauptstellenleiter im Kreis Friesland, viele Spuren an denen deutlich wird, dass Professor Radziwill auf der Suche nach Anerkennung in der NS Diktatur war. Aber eben auch Mitglied der Bekennenden Kirche und später Verbot von Einzelausstellungen durch die Nazis, weil Teile seiner frühen Werke als „entartet“ galten und vernichtet wurden. Widersprüchlichkeit. Ein Leben in Anfechtung. Ein spürbares Ringen um den rechten Weg. Voller Widersprüche.

Karfreitag. Das Kreuz. Jesus. Letzter Schrei: Eli, eli asabtani – warum hast du mich verlassen? Ein Mensch, ganz und gar auf sich gestellt. Aber auch das wird noch falsch verstanden. Voller Missverständnisse. Voller Widersprüche. Voller Anfechtung. Aber eines bleibt doch sehr klar, wenn wir versuchen uns ein Bild davon zu machen, was da am Kreuz passiert. In der Mitte des Kreuzes geht es immer und eindeutig um einen Menschen und ein Bild von Menschlichkeit. Das ist und bleibt der Mittelpunkt und Maßstab des Christseins. Der Mensch entzieht sich allen Versuchen zur Versachlichung und Objektivierung seiner selbst oder auch allen Versuchen auf ein Naturphänomen reduziert zu werden. Der Mensch ist mehr. Weil er in Beziehung existiert und im Dialog. Auch zu Gott. Und die Karfreitagsfrage aus dem 22 Psalm: „Warum hast du mich verlassen?“, die gehört grundlegend in einen echten Dialog mit hinein. Das werden die Menschen mit den Bombenkratern in der Seele bestätigen können. Aber hoffentlich auch die Erfahrung, das vor Gott immer wieder neu die wirklich existenziellen und wahrhaftigen Fragen gestellt werden dürfen. Der Raum bleibt offen und dialogbereit. Auch am Karfreitag.

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Bernhard Busemann trug den Text am Karfreitag 2011 in der Kunsthalle Wilhelmshaven anlässlich einer Passionsandacht in der aktuellen Ausstellung über Franz Raziwill vor.

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