Fünf Fragen an: Frido Pflüger, Jesuiten Flüchtlingsdienst im Erzbistum Berlin

Fünf Freitagsfragen an Pater Frido Pflüger SJ über Menschen ohne Papiere, unsichere Herkunftsländer und Aufträge aus dem christlichen Glauben.

Pater Frido Pflüger SJPater Frido Pflüger SJ trat 1966 in den Jesuitenorden ein und studierte zunächst Philosophie und Theologie in München und Innsbruck, später zudem Mathematik und Physik in Tübingen. Er unterrichtete zuerst in St. Blasien und leitete bis 2003 das katholische St. Benno-Gymnasium in Dresden. Seit 2003 ist er für die Flüchtlingsorganisation des Ordens tätig: Er betreute in Uganda ein Projekt mit sudanesischen Flüchtlingen und war von 2008 bis 2012 Regionaldirektor des Jesuit Refugee Service (JRS) in Ostafrika. Seit 2012 leitet er den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, der in Berlin, Brandenburg und München tätig ist und vertritt das Erzbistum Berlin in der Härtefallkommission des Landes.

Rogate-Frage: Pater Pflüger, Sie sind Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Bei Ihrem Ordenseintritt haben Sie vermutlich nicht gleich daran gedacht, in dieses Aufgabenfeld gestellt zu werden? Wie kamen Sie zu der Aufgabe?

Frido Pflüger: Nein, zunächst nicht. Zunächst war ich mal über 20 Jahre begeistert Lehrer für Mathe und Physik. Im Schuljahr 2002/2003 wurde mir klar, dass das St. Benno-Gymnasium als neue Schule gut aufgebaut war und ich deshalb als Jesuit meine Aufgabe erfüllt hatte. Der Auftrag des Ordens ist, sich für den Glauben, der die Gerechtigkeit einfordert, zu engagieren. Ich wollte diesen Auftrag nun auf eine andere Weise erfüllen, direkt im Dienst von Flüchtlingen und bewarb mich beim JRS, der mich nach Norduganda schickte, wo ich Schulen für 30.000 Flüchtlingskinder organisierte. Die Idee dazu war mir schon vorher eingepflanzt worden, als ich im Jahr 1987 mehrere Monate für vietnamesische boat people auf den Philippinen arbeiteten durfte. Nach Ablauf meiner Zeit in Afrika fragte mich dann mein Orden, ob ich jetzt nicht in Deutschland für Asylsuchende, für Menschen ohne Papiere, für Menschen, die schon so lange hier leben, aber keinen sicheren Aufenthalt besitzen, arbeiten wolle. Meine bisherigen Erfahrungen helfen mir dabei sehr, die Situationen und Probleme der Menschen besser zu verstehen.

Rogate-Frage: Wie arbeitet der Flüchtlingsdienst und wie ist er organisiert?

Frido Pflüger: Der Flüchtlingsdienst war 1980 die Reaktion des Jesuitenordens auf die ungeheure Not der vietnamesischen Boat People. Er beruht auf der Überzeugung, dass zur Förderung des Glaubens unbedingt auch das Eintreten für Gerechtigkeit gehört. Heute ist der JRS in mehr als 50 Ländern weltweit aktiv. Wir arbeiten in großen Flüchtlingslagern oder mit Flüchtlingen in den Großstädten überall in der Welt. Uns ist es dabei wichtig, mit Flüchtlingen gemeinsam tätig zu sein, in vielen JRS Einrichtungen sind Flüchtlinge unsere MitarbeiterInnen.

In Deutschland setzen wir uns seit 1995 für Menschen in der Abschiebungshaft, langjährig „Geduldete“ und Menschen ohne Papiere durch Seelsorge, Rechtsberatung und politische Fürsprache ein. Wir beraten also im Einzelfall – zum Beispiel in der Härtefallkommission, in der ich das Erzbistum vertrete -, treten aber auch politisch für einen gerechteren Umgang mit Flüchtlingen ein.

Rogate-Frage: In einer gemeinsamen Stellungnahme verurteilen zahlreiche Anwalts-, Flüchtlings- und Romaverbände den Kabinettsbeschluss vom 30. April, der es ermöglichen soll, Roma aus Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina noch schneller abzuschieben. Diese Herkunftsländer sollen grundsätzlich zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt werden, obwohl Roma dort einer so massiven rassistischen Diskriminierung unterworfen sind, dass es teilweise einer Verfolgung gleichkommt. Gestern war es nun Thema im Bundestag. Warum haben Sie beim Bundesinnenminister Protest eingelegt?

Frido Pflüger: Diese Menschen fliehen zu uns, und wir ändern sogar unsere Gesetze – nicht, um ihnen zu helfen, sondern um sie noch schneller wieder loszuwerden. Das ist doch ein Armutszeugnis für unseren Rechtsstaat! Schon jetzt ist die Anerkennungsquote der Asylverfahren minimal – was aber angesichts der vielen Berichte über Vertreibung und Gewalt gegen Roma große Zweifel aufwirft, ob ihre Asylanträge unvoreingenommen und gewissenhaft geprüft werden. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass Roma in vielen Balkan-Ländern massiver Gewalt und brutaler Diskriminierung ausgesetzt sind; dies wird aber bei uns nicht als Asyl-Kriterium anerkannt. Dieses systematische Wegsehen vom Unrecht sollte uns sehr viel mehr Sorgen machen als die 18.000 Asylanträge aus Serbien und Mazedonien, die wir im letzten Jahr hatten.

Rogate-Frage: Was können Menschen in unserem Land tun, die die Nachrichtenbilder vom Flüchtlingselend und dem Sterben auf dem Mittelmeer erschüttert und hilflos macht?

Frido Pflüger: Wenn Menschen sich erschüttern lassen, ist das viel wert! Nicht gleichgültig werden und nicht abstumpfen. Wir können und müssen unseren Politikern deutlich sagen, dass wir uns eine bessere, menschlichere Asylpolitik für Europa wünschen. Das können wir ihnen auch außerhalb der Wahlen sagen. Wir können uns informieren und offen widersprechen, wenn die Mär von der „Asylflut“ in das eigene Umfeld hinüberschwappt. Wir können etwas für diejenigen tun, die es auf ihrer Flucht bis zu uns geschafft haben – und die statt Sicherheit zu finden, oft nur weitere Unsicherheit und Ausgrenzung erleben müssen. Es gibt viele Nachbarschaftsnetzwerke in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften, in denen man sich einbringen und Kontakt zu Flüchtlingen aufbauen kann.

Rogate-Frage: Ihre Organisation spricht in allen Stellungnahmen in für kirchliche Verhältnisse selten klarer Eindeutigkeit und mit konkreten Forderungen an die Politik. Wie geht´s Ihnen mit dem Satz mancher Politiker: „Religion ist Privatsache!“?

Frido Pflüger: Da musste ich erst mal lachen! Natürlich ist Religion Privatsache in dem Sinn, dass es den Staat nichts angeht, welche Religion ich wähle und wie ich sie ausübe. Glaube ist etwas sehr Persönliches. Aber aus dem Glauben, zumal aus dem christlichen, erwachsen doch Aufträge an unser Leben und Handeln. Christus hat uns unmissverständlich klar gemacht, welche: Er selbst steht auf der Seite der Armen, der Flüchtlinge, der Ausgegrenzten. Als Christ kann ich doch nicht Unrecht und Leiden sehen und mich schweigend abwenden. Gerade als Christ bin ich ganz persönlich aufgefordert, etwas dagegen zu tun.

Und die Kirche als die Gemeinschaft derer, die sich aus persönlicher Entscheidung zum Glauben bekennen, muss auch Stellung nehmen, wenn die in ihrer Glaubensüberzeugung gegründeten Werte wie Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde verletzt werden. Und über die Stellungnahme hinaus sollte sie immer die Menschen in ihrem Engagement für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Menschenwürde fördern, ja mittragen, denn dieses Engagement ist oft sehr aufreibend und braucht moralische und spirituelle Unterstützung.

Rogate: Vielen Dank, Pater Pflüger, für das Gespräch!

Mehr über den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland finden Sie hier: jesuiten-fluechtlingsdienst.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der Ausstellung "Töten aus Überzeugung"gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

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