September: Musikalische und andere Vespern @RogateKloster

Herzlich willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan. Unseren Gottesdienstplan für den September finden Sie hier.

September:

  • Gamle Oslo kro og kirkekorDienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPER
  • Donnerstag, 4. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 6. September, 18:00 Uhr, musikalische Vesper mit dem «Gamle Oslo kro og kirkekor». Gemeinsam veranstaltet mit der Norwegischen Kirche in Berlin (Sjømannskirken).
  • Dienstag, 9. September 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 11. Sept. |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachgebet
  • Sonnabend, 13. September 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuen-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Organist: Malte Mevissen.
  • Dienstag, 16. Sept. 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 18. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 23. Sept. 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 25. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 30. Sept. 14 |19:00 Uhr, KONVENTSAMT ZU ST. MICHAELIS. Orgel: Malte Mevissen.

Vorschau:

  • Freitag, 3. Oktober 2014, 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Hier der Flyer 2014. Predigt: Thomas Schimmel. Mit dem Kummelby Kirchenchor aus Sollentuna-Stockholm. Orgel: Uwe Schamburek.
  • Sonnabend, 11. Oktober 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Mit Gedenken an die Toten des 1. Weltkrieges. Mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Tempelhof-Schöneberg.
  • Sonnabend, 25. Oktober 2014, 18:00 Uhr, Lichtvesper, Zwölf-Apostel-Kirche (mit der alt-katholischen Gemeinde )
  • Sonnabend, 8. November 2014, 12:00 Uhr, Andacht für Trauernde: Mit Eucharistie und Gräbersegnung, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Mit der alt-katholischen Gemeinde Berlin. Organist: Malte Mevissen.
  • Sonnabend, 29. November 2014, 18:00 Uhr, Lichtvesper, Kapelle Zwölf-Apostel-Kirche (mit der alt-katholischen Gemeinde)
  • Donnerstag, 4. Dezember, 19:30 Uhr, Adventsandacht, Zwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen.
  • Sonnabend, 13. Dezember 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Mit Pastor Michael Noss, Baptistische Gemeinde Schöneberg.
  • Donnerstag, 11. Dezember, 19:30 Uhr, Adventsandacht, Zwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen.
  • Donnerstag, 18. Dezember, 19:30 Uhr, Adventsandacht, Zwölf-Apostel-Kirche. Orgel: Malte Mevissen.
  • Sonnabend, 27. Dezember 2014, 18:00 Uhr, Lichtvesper, Kapelle Zwölf-Apostel-Kirche (mit der alt-katholischen Gemeinde)

Wir danken der Zwölf-Apostel-Gemeinde für die Gastfreundschaft der Rogate-Gottesdienste in Schöneberg.

Erreichbar ist die Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln und über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4). Oder per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). PKW-Stellplätze vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße.

Fünf Fragen an: Gunther Wenz, Professor für Systematische Theologie in München

Professor Gunther WenzFünf Freitagsfragen an Professor Gunther Wenz über das Verhältnis der Reformatoren zu den Klöstern, den evangelischen Dienst der Kommunitäten und die Wahrnehmung von Taizé.

Geboren wurde Gunther Wenz 1949 im mittelfränkischen Weißenburg. Er ist ordinierter Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Seit 1995 hat er den Lehrstuhl für Systematische Theologie I an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München inne und ist Direktor des Instituts für Fundamentaltheologie und Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Professor Wenz, Mitgliedern evangelischer geistlichen Gemeinschaften wird nicht selten gesagt: „Klöster sind unevangelisch“ und „Luther war ein Gegner aller Klöster“. Ist da was dran?

Gunther Wenz: Luther und die anderen Reformatoren haben sich bei aller Kritik niemals grundsätzlich gegen ein klösterliches Leben ausgesprochen, sondern dessen Wert stets zu schätzen gewusst. Dies belegt unter anderem der 27. Artikel der Confessio Augustana, der von den Klostergelübden handelt. Kritisiert wird, dass viele und namentlich junge Leute nicht aus eigenem Antrieb und Willensentschluss, sondern etwa aus Versorgungsgründen ins Kloster gelangten. Kritisiert wird ferner der Anspruch, das Klosterleben stehe höher als andere von Gott eingesetzte Stände, wie etwa der Ehestand. Von diesen und vergleichbaren Einwänden bleibt aber die prinzipielle reformatorische Hochschätzung des Klosters als einer spezifischen Lehr- und Lernanstalt christlichen Glaubens unbetroffen.

Rogate-Frage: Keine evangelische Kirchenzeitung kommt heute ohne Texte von Pater Anselm Grün oder anderen katholischen Ordensleuten aus. Fehlt der evangelischen Kirche die Spiritualität eigener Klöster? Und welchen Platz haben Kommunitäten und Klöster in heutigen Protestantismus?

Gunther Wenz: Es ist auch für einen Protestanten sehr gut und nützlich zu wissen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben primär dem gemeinschaftlichen Gottesdienst und dem Gebet widmen. Wie keine sinnvolle Tätigkeit ohne Muße und Ruhe auskommt, so bedarf die christliche Kirche bestimmter Horte der Abkehr von aller äußeren Geschäftigkeit und der inneren Konzentration. Wenn zu solch gesammelter Konzentration auf den fundierenden Grund unserer selbst und unserer Welt katholische oder orthodoxe Klöster und Ordensleute beitragen, dann tun sie an uns und an der Welt einen evangelischen Dienst.

Rogate-Frage: Manche sagen, dass die ökumenische Gemeinschaft von Taizé nur in Frankreich groß werden konnte. In Deutschland hätten die verfassten Kirchen die Entwicklung einer solchen Institution verhindert. Ist diese These abwegig?

Gunther Wenz: Ich habe mit der ökumenischen Gemeinschaft von Taize keine persönlichen Erfahrungen und kann auch nicht sagen, ob und gegebenenfalls warum sie nur in Frankreich groß werden konnte. Deshalb nur folgende Anmerkung: In diesen Tagen ist meiner Fakultät eine empirische Studie zum Einfluss von Taize auf die Spiritualität Jugendlicher als Dissertation vorgelegt worden. Als besonders bedeutsam wird von allen Befragten das Leben in Einfachheit, die geistliche Strukturierung des Alltags, der gemeinsame Gesang als dichte Ausdrucksform des Glaubens (Luther sagt: „Zweimal betet, wer singt!“), der Zusammenhang von Schweigen und Existenzwahrnehmung, die Zuwendung zu den Armen und Benachteiligten sowie die Offenheit für andere Konfessionen und religiöse Bekenntnisse hervorgehoben. Auch dem gemeinsamen Theologisieren wird von den Jugendlichen ein überraschend hoher Stellenwert zuerkannt. Als besonders eindrucksvoll wird in der Regel die Gestaltung der Abendmahlsfeiern empfunden. Inwieweit die ökumenische Gemeinschaft von Taize ein Vorbild für die ökumenischen Beziehungen der christlichen Kirchen insgesamt sein kann, lasse ich dahingestellt; eine spirituelle Bereicherung des Kirchenlebens stellt sie auf jeden Fall dar.

Rogate-Frage: Was ist die Besonderheit von Klöstern und Kommunitäten und welche inneren und äußeren Freiheiten brauchen sie – auch von der Amtskirche – zur eigenen Entwicklung?

Gunther Wenz: Die Kirche ist insgesamt eine Kommunität, nämlich die Gemeinschaft derjenigen, die im Glauben an Wort und Sakrament und mittels der Heilsmedien an dem in Jesus Christus in der Kraft seines Heiligen Geistes offenbaren Gott teilhaben. Klösterliche Kommunitäten stehen innerhalb dieser Gemeinschaft und haben entsprechend die institutionellen Grundregeln zu achten, die für die ganze Kirche gelten. Unter dieser Voraussetzung ist ihnen jede Freiheit zu gewähren, die Christenmenschen zukommt, um je an ihrem Ort die spezifischen Aufgaben zu erfüllen, die ihnen von Gott gestellt sind.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie persönlich an Ihnen bekannten Kommunitäten und Klöstern?

Gunther Wenz: Ich war als Mitherausgeber der Zeitschrift „Una sancta“ häufig in Kloster Niederaltaich an der Donau. Jeder Besuch war für mich ein Erlebnis: die Lage des Ortes, die historische Dimension, die er zu erkennen gibt, die geschwisterliche Atmosphäre, die ökumenische Offenheit, die Bedeutung, die jedem Einzelnen in der Gemeinschaft beigemessen wird. In der Kirche Jesu Christi stehen Individualität und Sozialität paritätisch in Geltung. Um dies einzusehen, muss man nichts ins Kloster gehen; aber man kann es dort, wie ich denke, in besonderer Weise erfahren.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Wenz, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPERGamle Oslo kro og kirkekor
  • Donnerstag, 4. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 6. September |18:00 Uhr, musikalische Vesper mit dem «Gamle Oslo kro og kirkekor». Gemeinsam veranstaltet mit der Norwegischen Kirche in Berlin (Sjømannskirken).
  • Unseren Gottesdienstplan für den September finden Sie hier.

 

Fünf Fragen an: Dr. Thomas Schimmel, Geschäftsführer 1219. Religions- und Kulturdialog e.V.

Fünf Freitagsfragen an Dr. Thomas Schimmel, Geschäftsführer 1219. Religions- und Kulturdialog e.V., über einen historischen und zugleich modernen interreligiösen Austausch, das Engagement der Franziskaner und die „3. Lange Nacht der Religionen“ am 6. September 2014 in Berlin.

Dr. Thomas SchimmelDr. Thomas Martin Schimmel stammt aus Hagen und wuchs in der unmittelbaren Nachbarschaft einer liberalen Franziskanerkirche und einer lutherischen Kirche auf, so dass er schon früh die Kirchenspaltung nicht verstand. Er studierte an der Freien Universität Berlin und an der Johannes-Keppler-Universität in Linz/Oberösterreich Politikwissenschaft. Nach seinem Studium war er für unterschiedliche Bundestagsabgeordnete als Wissenschaftlicher Referent in Bonn und Berlin tätig. Nebenberuflich engagierte er sich als OSCE-Wahlbeobachter auf dem Balkan sowie als Dozent in der außerschulischen Jugendbildung. Nach dem Regierungsumzug nach Berlin leitete er das Lobbybüro der Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisation der europäischen Franziskanerprovinzen, der Missionszentrale der Franziskaner, bevor er als Projektleiter am Fusionsprozess der deutschen Franziskanerprovinzen mitwirkte, über den er auch promovierte. Seit 2011 ist Thomas M. Schimmel Geschäftsführer der franziskanischen Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog e.V. Daneben ist er regelmäßig als Dozent für Politik an der Verwaltungsakademie des Landes Berlins tätig. Er predigt gelegentlich im Rogate-Kloster, so am Franziskustag, Freitag, 3. Oktober 2014|15:00 Uhr, im Gottesdienst für Mensch und Tier.

Rogate-Frage: Herr Dr. Schimmel, was ist die „1219. Deutsche Stiftung für interreligiösen und interkulturellen Dialog e.V.“ und was sind Ihre Aufgaben?

Thomas Schimmel: 1219. Religions- und Kulturdialog e.V. ist eine franziskanische Initiative zum Religionsdialog. Im Jahr 1219 schloss sich der heilige Franziskus von Assisi dem 5. Kreuzzug an – allerdings nicht, um gegen die Muslime zu kämpfen, sondern um den ganzen Irrsinn friedlich zu beenden. Bei Damiette im Nildelta versuchte er zuerst die christlichen Kreuzfahrer zur Vernunft zu bringen. Leider vergeblich. In einer Gefechtspause ging er dann ins feindliche Lager und verlangte den Sultan zu sprechen. Man erkannte in ihm sofort als einen religiösen Menschen, weil er in seinem Habit wie ein Sufi aussah, also ein Anhänger des mystischen Islams. Der Sultan ließ ihn tatsächlich vor und beide haben miteinander gesprochen. Franziskus hat in dem Lager der Muslime die islamische Glaubenspraxis erlebt – und war beeindruckt. Auch der Sultan war von Franziskus beeindruckt, auch wenn das Gespräch selbst nicht zum Frieden führte. Jedoch ließ der Sultan Franziskus unter Geleit sicher ins Christenlager zurückbringen und schenkte ihm ein Horn, das als Visum galt, mit dem sich Franziskus ohne Gefahr frei im heiligen Land bewegen konnte. Diese Begegnung hat dazu geführt, dass Franziskus in der zweiten Fassung seiner Ordensregel die offensive Mission und den Streit mit Andersgläubigen untersagt hat. Außerdem hat er in Gesprächen darauf hingewiesen, dass alle Schriften über Gott mit Ehrfurcht zu behandeln sind. Und schließlich hat er vorgeschlagen, dass es in allen christlichen Ländern – analog zum Ruf des Muezzin – ein Zeichen zum gemeinsamen Gebet geben solle – eine Anregung, die zum täglich dreimaligen Glockengeläut bei uns heute geführt hat. Aus dieser Geschichte zieht der Franziskanerorden seine besondere Verpflichtung, sich für den Religionsdialog einzusetzen. 1219 e.V. will dafür ein Werkzeug sein und wie Franziskus ohne Vorurteile und Vorbehalte auf andere Religionen zugehen. Heute heißt der Auftrag, Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu schaffen. Konkret bedeutet das, dass wir als 1219 e.V., dessen Leiter ich bin, religionskundliche Aufklärung betreiben – mit Seminaren und Publikationen zum Beispiel – oder über die aktive Mitwirkung im Initiativkreis der Langen Nacht der Religionen bzw. dem Koordinierungskreis des „Berliner Forums der Religionen“. Als Ordensinitiative sind wir da vielleicht vorbehaltloser als die großen kirchlichen Verwaltungen?

Rogate-Frage: Bereits zum dritten Mal findet am 6. September die „Lange Nacht der Religionen“ in Berlin statt. Fast 100 Synagogen, Moscheen, Kirchen, Tempel, religiöse Orte und Gemeindehäuser werden an diesem Abend in ganz Berlin ihre Türen öffnen. In diesem Jahr koordinieren Sie erstmalig diese Veranstaltung. Was ist das besondere an diesem Format? Reicht Ihnen die „Lange Nacht der Kirchen“ nicht mehr?

Thomas Schimmel: Die Lange Nacht der Religionen will Türen öffnen, die sonst verschlossen sind. Sie will die Orte der Stille, der Solidarität, der Gottesbegegnung und des gesellschaftlichen Engagements, das aus dem Glauben heraus geschieht, auf dem Stadtplan Berlins markieren. Sie will, dass sich Menschen unterschiedlicher Weltanschauung begegnen und neugierig aufeinander sind. Sie will sowohl die religiöse Vielfalt Berlins zeigen, als auch die positive Rolle, die die Religionen in dieser Stadt im Zusammenleben spielen. Oft wird gesagt, Berlin sei eine heidnische Stadt. Aber das stimmt nicht, wenn man genau hinschaut. Über 250 Glaubensrichtungen gibt es hier und auch Menschen ohne Religionen, die aber doch auch eine Weltanschauung haben, die das menschliche Dasein nicht auf Konsum und Spaß reduzieren. Im Moment nehmen wir Religion sehr negativ wahr. Unser Bild wird geprägt von wildgewordenen und ungebildeten Idioten, die meinen, ihre Intoleranz und ihr männliches Weltbild mit Gewalt durchsetzen zu können. Solche Leute gibt es in allen Religionen und Regionen dieser Welt und sie säen die Saat des Hasses, der Angst und der Gewalt. Für uns stellt sich da doch immer wieder die Frage: Lassen wir uns auf dieses Spiel und diese Gewaltspirale ein? Oder zeigen wir den Menschen in dieser Stadt und in diesem Land, dass wir hier in Deutschland und hier in Berlin anders miteinander umgehen? Dass für uns gläubige Menschen, egal ob Muslime, Christen, Juden, Hindus, Sikhs, das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden der Dreh- und Angelpunt allen privaten und gesellschaftlichen Handelns ist?

Die Lange Nacht der Kirchen ist aus meiner Sicht ein ähnliches Format – aber mit anderen Zielen. Ich würde mich freuen, wenn die Lange Nacht der Kirchen zeitgleich mit der Langen Nacht der Religionen stattfinden würde – so wie ja auch die Lange Nacht der Synagogen im Rahmen der Langen Nacht der Religionen stattfindet. Ich nehme wahr, dass die beiden großen Kirchen bei der Beteiligung an der Langen Nacht der Religionen noch zurückhaltend sind. Aus meiner sehr persönlichen Sicht sind sie noch sehr in ihrem volkskirchlichen Ziergarten beschäftigt, in dem sie sich selbst genügen. Aber es ist nicht mehr selbstverständlich, dass mein Nachbar, meine Schwiegertochter, die Klassenlehrerin meiner Kinder evangelische Christin oder katholischer Christ ist. Da muss ich in Kontakt treten, neugierig auf das andere sein und mich selbst auch verständlich erklären können. Lange Nächte sind dafür eine gute Gelegenheit. Zwar sind wir Christen noch die größte religiöse Gruppe – aber eben nicht mehr die Einzigen. Die gesellschaftspolitische Rolle der großen Kirchen hat sich radikal verändert – auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen – und diese Rollenveränderung muss eine Verhaltensänderung nach sich ziehen: Wir sind eine Gruppe unter anderen und wir müssen das vorbehaltlose gesellschaftspolitische Gespräch mit „den anderen“ auf Augenhöhe suchen und finden.

Rogate-Frage: Wie reagieren die noch nicht beteiligten Religionsgemeinschaften auf dieses besondere Veranstaltungsformat? Gibt es Vorbehalte auf dieses interreligiöse Angebot?

Thomas Schimmel: Es gibt natürlich Religionsgemeinschaften, die nicht dabei sind. Die Zeugen Jehovas zum Beispiel, oder die Aleviten. Das ist sehr schade. Ich würde mich auch freuen, wenn wir diese Gruppen motivieren könnten, das nächste Mal mitzumachen. Auch über eine Teilnahme des Humanistischen Bundes wäre ich froh. Ich finde es auch schade, dass christliche Ordensgemeinschaften nicht dabei sind. Mit ihrer besonderen Spiritualität bereichern sie das Bild des Christentums und hier wären ja auch interreligiöse Projekte spannend: mit buddhistischen Mönchen zum Beispiel.

Die Motive, warum Gruppen nicht mitmachen sind unterschiedlich. Einige halten das nicht für nötig und bleiben lieber unter sich. Andere halten interreligiöse Aktionen für Teufelszeug, das der Satan erfunden hat. Das Interessante ist ja, dass sich die fundamentalistischen Gruppen alle Religionen in vielen Bereichen gut verstehen und die gleichen Argumente und die gleichen Floskeln haben. Die könnten vielleicht einen Lange Nacht der Fundamentalisten veranstalten? Aber Spaß beiseite: Die meisten religiösen Gruppen, die nicht mitmachen, haben schlicht und einfach oft keine Ressourcen: Sie arbeiten ja mit ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Die Gruppen haben einfach keine Zeit, kein Geld und keine Kraft, auch noch so einen Abend neben der alltäglichen Arbeit zu stemmen.

Rogate-Frage: Wer nimmt an der „Langen Nacht der Religionen“ teil und was wird angeboten?

Thomas Schimmel: An der Langen Nacht der Religionen nimmt ein schöner Querschnitt der Religionsgemeinschaften in Berlin teil. Man kann alles finden: Quäker, Muslime, Bahá’í , liberale und orthodoxe Juden, evangelische, hochkirchliche, freikirchliche, neuapostolische und katholische Christen, Hindus, Sikh, Buddhisten vieler Konfession, den Candomblé Tempel – aber auch das Forum Offene Religionspolitik oder den Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz e. V. Das Angebot der Gruppen ist sehr unterschiedlich. Es gibt Ausstellungen, Konzert, Andachten, Gottesdienste, Meditationen, Einführungsvorträge, Führungen, Gesprächsangebote. Einen Überblick kann man sich auf der Internetseite Indr.de oder in dem gedruckten Programmheft verschaffen, das man bei uns erhalten kann.

Rogate-Frage: Wo sind Sie an diesem Abend zu finden? Alle Orte können Sie sicher nicht besuchen….

Thomas Schimmel: Als 1219 e.V. haben wir eine eigene Veranstaltung gemeinsam mit dem Kathedralforum an der Hedwigskathedrale: eine Kathedral- und Stadtführung ab 16.50 Uhr und anschließend eine hl. Messe mit Erklärung der Liturgie. Am Abend werde ich religiöse Orte besuchen, die ich noch nicht kenne: zum Beispiel den Candomblé-Tempel in der Tradition afro-brasilianischer Religion in Kreuzberg. Empfehlen kann ich aber auch einen Besuch bei den Sufis in Neukölln oder bei den Sikhs in Reinickendorf: Hier wie dort habe ich tiefe Spiritualität erlebt. Aber auch die tolle geistliche Musik in einer Neuapostolischen Kirche, die erstaunliche Geschichte der Gewaltfreiheit bei den Quäkern oder die tiefe Frömmigkeit bei gleichzeitiger Weltzugewandtheit in den Moscheen ist ein wunderbares Erlebnis. Am Ende ist eigentlich vollkommen egal, wohin man an diesem Abend geht: Man wird Gastfreundschaft erleben und einen neuen, erstaunlichen Blick auf Gott und den eigenen Glauben erfahren.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Schimmel, für das Gespräch!

Weitere Informationen hier: langenachtderreligionen.de und 1219.eu

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Gamle Oslo kro og kirkekorDienstag, 26. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Donnerstag, 4. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 6. September, 18:00 Uhr, musikalische Vesper mit dem «Gamle Oslo kro og kirkekor». Gemeinsam veranstaltet mit der Norwegischen Kirche in Berlin (Sjømannskirken).
  • Unseren August-Plan finden Sie hier.
  • Unseren Gottesdienstplan für den September finden Sie hier.Dienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPER

Fünf Fragen an: Dr. Karl-Hinrich Manzke, Landesbischof und Catholica-Beauftragter der VELKD

Fünf Freitagsfragen an Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke über Leidenschaft in der Ökumene, protestantische Identität und das evangelische Verständnis von „Katholisch“.

Dr. Landesbischof Dr. Manzke, Catholica-Beauftragte der VELKDKarl-Hinrich Manzke, geboren in Stade an der Elbe ist Niedersachse. Er studierte in Tübingen, London und München. Er promovierte bei dem bekannten ökumenischen Theologen Wolfhart Pannenberg. Er engagiert sich seit seiner Zeit am ökumenischen Lehrstuhl für ökumenische Fragen, aber auch, durch die Beauftragung als zuständiger Bischof der EKD, für die Seelsorge an Polizistinnen und Polizisten in der Bundespolizei. Er ist als Catholica-Beauftragte der VELKD für den Dialog mit der römisch-katholischen Kirche zuständig. Er ist Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Rogate-Frage: Herr Landesbischof Dr. Manzke, wie steht es kurz vor dem großen Reformationsjubiläum um die Ökumene in Deutschland?

Karl-Hinrich Manzke: Das ökumenische Gespräch braucht Geduld und Leidenschaft zugleich. Inzwischen sind die beiden großen Kirchen sehr deutlich dabei, sich darauf verständigen, dass das Reformationsgedenken im Jahre 2017 einen starken ökumenischen Akzent bekommen soll. Reformationsgedenken in 2017 kann nur mit starker ökumenischer Note sinnvoll begangen werden. Und zwar so, dass die Schönheit und Klarheit des christlichen Glaubens im Mittelpunkt steht. Insofern steht es derzeit gut um das Vertrauen im Miteinander zwischen den beiden großen Kirchen. Man kann den Stand des ökumenischen Gespräches nicht nur nach den nach wie vor strittigen Punkten in der Amtslehre, der Lehre von der Kirche und in der Abendmahlsfrage messen.

Rogate-Frage: Manchmal hört man auf die Frage, was evangelisch sei: Wir haben keinen Papst, unsere Pfarrer dürfen heiraten und Frauen steht die Ordination offen. Wie könnte man die Definition von „Evangelisch“ und „evangelischer Kirche“ unabhängiger und positiver formulieren?

Karl-Hinrich Manzke: Evangelisch sein bedeutet, dass der persönliche Glaube im täglichen Studium der Schrift, in der produktiven Auseinandersetzung mit dem biblischen Wort und im Gespräch mit anderen Glaubenden im Kontext der Kirche gewonnen wird. Im Glauben mündig zu werden und sich nicht allein auf den Glauben der Kirche und der Amtsträger zu verlassen, das vor allem bedeutet „evangelisch sein“. So hat die evangelische Kirche immer Wert darauf gelegt, dass das Zeugnis der Schrift die entscheidende und alleinige Grundlage für den Glauben ist. Im Bezug zur Schrift und zu Christus, der Mitte der Schrift, findet der Glaube Halt und gewinnt der Mensch Gewissheit für sein Leben. Denn durch eigenes Tun kann der Mensch sich die Gnade Gottes nicht verdienen und erwerben. Gute Werke sind Ausfluss des Glaubens, aber nicht Bedingung für die Gnade Gottes.

Rogate-Frage: Die Definition durch Papst Benedikt XVI, was Kirche sei, hat Protestanten zum Teil sehr getroffen. Woran liegt das?

Karl-Hinrich Manzke: Papst Franziskus hat in seinem apostolischen Schreiben ‚Evangelii gaudium‘ von 2013 sehr deutlich davon gesprochen, dass die Kirche keine Zollbehörde und kein Rechnungsprüfungsamt ist und sein soll. Das elektrisiert, weil diese Worte im besten Sinne reformatorisch klingen. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation in verschiedenen Schriften sehr deutlich darauf verwiesen, dass die Kirche Jesu Christi am sichtbarsten in der römisch-katholischen Kirche zum Ausdruck kommt. Papst Benedikt XVI. war sich aber dessen bewusst, dass das Zweite Vatikanische Konzil erstmals sehr deutlich formuliert hat, dass auch in der römisch-katholischen Kirche die Kirche Jesu Christi, die im Werden ist, in keiner Realisierung von Kirche, in keiner Konfession in vollem Umfang verwirklicht ist. Insofern hat Papst Benedikt XVI. auch Widerspruch im ökumenischen Diskurs nicht nur von evangelischer, sondern auch von russisch-orthodoxer Seite mit Recht erfahren, wenn er bisweilen darauf hinweisen wollte, dass außerhalb der römischen Kirche der christliche Glaube nur sehr defizitär gelebt werden kann.

Rogate-Frage: Sie sind von der VELKD speziell für den Dialog mit der römisch-katholischen Kirche als Catholica-Beauftragte beauftragt. Wie gestaltet sich Ihr Amt und welche Grundsätze leiten Sie dabei?

Karl-Hinrich Manzke: Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland (VELKD) hat mich zum 1. April 2014 als Catholica-Beauftragter berufen. Vor diesem Amt habe ich sehr großen Respekt – ich bin sehr demütig angesichts dieses Vertrauens, das die VELKD-Kirchenleitung mir damit ausgesprochen hat. Zunächst gestaltet sich das Amt so, dass die bewährten Dialoge zwischen der römisch-katholischen und den lutherischen Kirchen in Deutschland weitergeführt werden. Damit nimmt die VELKD auch stellvertretend für die EKD Aufgaben wahr, den Dialog zwischen den römisch-katholischen Kirchen und dem Lutherischen Weltbund auch in Deutschland bekannt und beliebt zu machen. Diesen Diskurs in den feststehenden Zirkeln und Kommissionen weiterzuführen, das ist meine erste Aufgabe. Mein Partner in diesem Zusammenhang ist Bischof Dr. Feige aus Magdeburg als Ökumene-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz.

Des Weiteren gehört es zu meinen Aufgaben zunächst, die ökumenischen Institute in der Bundesrepublik zu besuchen; dazu gehört das ökumenische Institut in Straßburg, das in Bensheim und natürlich auch das Adam-Möhler-Institut des Bistums Paderborn. Ebenso mache ich reichlich Antrittsbesuche, auch bei der Deutschen Bischofskonferenz und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx in München.

Mich leitet der Grundsatz, Vertrauen aufzubauen durch persönliche Begegnungen, durch Predigten bei besonderen ökumenischen Ereignissen und durch regelmäßige Konsultationen. Einmal im Jahr habe ich die Aufgabe, der VELKD- und EKD-Synode über den Stand des ökumenischen Gespräches und der Entwicklungslinien des Katholizismus zu berichten.

Rogate-Frage: Es ist noch nicht so lange her, da fand im protestantischen Gottesdienst im Credo das Wort „katholisch“ noch Verwendung. Nun ist es durch „christlich“ ersetzt. Es wirkt manchmal so, als wenn im evangelischen Kontext manche Sorge haben, wenn etwas „zu katholisch“ werden könnte und die „Erkennbarkeit“ in Gefahr sei. Woher kommt diese Sorge und wie kann sie überwunden werden?

Karl-Hinrich Manzke: In der Tat gab es im Protestantismus eine Debatte um die Frage, wie das griechische Wort „katholisch“, was „allgemein“ und „universal“ bedeutet, ins Deutsche übersetzt werden soll. Man wird nicht von der Hand weisen können: Die Möglichkeit, das Wort „katholisch“ konfessionell verengt zu verstehen, ist nicht ganz ausgeschlossen. Insofern ist die Entscheidung der Gremien der evangelischen Kirche, im Glaubensbekenntnis das Wort „katholisch“ mit „christlich“ zu übersetzen, durchaus nachvollziehbar, weil es Missverständnisse vermeidet.

Im Übrigen hat die Reformation, die ja im Jahre 1517 nicht mit dem Ziel einer neuen Kirchengründung begann, immer Wert darauf gelegt, dass sie in der Freilegung der ursprünglichen Zielsetzung der Evangelien des Neuen Testamentes im eigentlichen Sinne katholisch ist. Der Glaube findet seine Gewissheit in Bezug auf die Schrift und Christus, die Mitte der Schrift. Das bleibt das entscheidende Geschehen, aus der die Kirche Jesu Christi wächst. Darin ist evangelische Kirche im eigentlichen und neutestamentlichen Sinne „katholisch“. Darauf legen die Reformatoren Wert, darauf legten die evangelischen Kirchen in Deutschland bis zum heutigen Tage Wert, ohne damit den ökumenischen Dialog torpedieren zu wollen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Landesbischof, für das Gespräch!

Mehr über die Arbeit des Catholica-Beauftragten finden Sie hier: velkd.de/251.php

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 19. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 26. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPER

Fünf Fragen an: Sabine Hark, Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung

Fünf Fragen an Prof. Dr. Sabine Hark über das Geschlecht als wirkmächtiges Klassifikationskriterium und der Notwendigkeit der Auseinandersetzung der Kirchen mit der eigenen Homophobie.

Sabine Hark, Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und GeschlechterforschungDie Berliner Soziologin Sabine Hark ist eine der profiliertesten Geschlechterforscherinnen in Deutschland, die sich selbst als „notorische (In-)Fragesteller_in“ beschreibt. Sie schrieb früh über „Grenzen lesbischer Identitäten“; aktuell beschäftigt sie sich u.a. mit europaweit stärker werdenden homophoben und antifeministischen Bewegungen. Seit 2009 leitet Hark das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. In Mainz und Frankfurt am Main studierte sie Politikwissenschaft und Soziologie. 1995 wurde sie an der Freien Universität Berlin promoviert.

Rogate-Frage: Täglich werden in Deutschland Lesben, Schwule, Bi- und Trans*-Personen beleidigt oder auch körperlich angegriffen und verletzt. Die Opferhilfeorganisation Maneo hat 290 Fälle im Jahr 2013 allein in Berlin registriert. Was erforschen Sie in diesem Kontext? 

Sabine Hark: Ich beschäftige mich in diesem Zusammenhang zum einen mit der Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingungen von Homophobie. Dabei verstehe ich Homophobie nicht als eine Phobie im psychiatrischen Sinne; es ist keine pathologische Angst, sondern eher eine Art kulturelle Paranoia, eine gesellschaftliche Verteidigungsstrategie. Verteidigt wird damit die heteronormative Ordnung von Gesellschaft, also kurz gesagt die Vorstellung, dass es zwei und nur zwei Geschlechter gibt, die natürlicherweise zusammengehören. Zum zweiten beschäftige ich mich mit der Frage, wie diese heternormative Ordnung von Gesellschaft die Lebenswirklichkeit von Lesben, Schwulen, Bi- und Trans*-Personen beeinflusst. Hier geht es beispielsweise um die Frage, welche Chance es überhaupt gibt, sich für eine solche Lebensweise zu entscheiden.

Rogate-Frage: Sie haben einmal die Angst vor „irreversiblen Eingriffen in die patriarchalen Tiefenstrukturen“ als die Wurzel von Feministinnen-Hassern und Homophobikern beschrieben – weil beide Bewegungen die scheinbare Natürlichkeit der Geschlechterordnung infrage stellen. Wieso führen Infragestellungen und Verunsicherungen zu Aggression und Gewalt?

Sabine Hark: Infragestellungen und Verunsicherungen müssen nicht notwendig zu Aggression und Gewalt führen. Oft genug tun sie das ja auch nicht. Sonst müssten ja gerade Lesben, Schwule, Bi- und Trans*-Personen, die diese Erfahrung, in ihrem geschlechtlichen Status in Frage gestellt zu werden, oft machen, besonders aggressiv sein.

Geschlecht ist allerdings offensichtlich ein so zentrales Element auch unserer Identität, weshalb Verunsicherungen des geschlechtlichen Status oft sehr fundamental empfunden werden. „Du wirst Mann sein oder du wirst nicht sein“, könnte man sagen. Wenn es also die Wahrnehmung gibt, existentiell in Frage gestellt zu werden in seinem/ihren eigenen Identitätsentwurf oder Weltbild, kann es zu gewaltförmigen Antworten auf eine solche Infragestellung kommen. Soziologisch gesehen ist Gewalt mithin eine Handlungsressource.

Rogate-Frage: Durch die Annäherung an neue Erkenntnisse im Bereich der Intersexualität bewegt sich innerkirchlich manches, bis hin zum – von Intersexuellen-Organisationen begrüßten – Aufbau eigener Forschungsinstitute. Die Auseinandersetzung mit dem Thema führt dennoch bei manchen zur Verunsicherung. Sie schreiben an einer Stelle: „Irritiert sind die Heterosexuellen also deshalb von den Homosexuellen, weil „Mann“ und „Frau“ recht instabile Konzepte sind.“ Hat das Geschlecht als Kategorie (bald) ausgedient?

Sabine Hark: Davon gehe ich nicht aus. Geschlecht ist wohl noch immer ein sehr wirkmächtiges Klassifikationskriterium; vielleicht die gewichtigste Kategorie, die wir kennen. Was wir soziologisch aber sehr wohl beobachten können – und das ist ja ein Grund, warum es zur gesellschaftlichen Verteidigung von Heteronormativität, zu Homo- und Transphobie kommt – ist, dass Geschlecht als Sinnressource, als Begründung für Ungleichheit nicht mehr so umstandslos zur Verfügung steht. Dass Frauen beispielsweise weniger wert sind, weil sie Frauen sind, ist heute jedenfalls – zumindest rhetorisch – nicht mehr argumentierbar.

Rogate-Frage: Die Kirchen haben nicht unbedingt engagiert zum Abbau von Homophobie beigetragen. Fundamentalistische Strömungen pflegen diese Tradition bis heute. Welchen Rat würden Sie den Kirchen auf dem Weg geben? Wie kann die Kirche insgesamt zur Akzeptanz von Vielfalt nachhaltig beitragen?

Sabine Hark: Die Kirchen haben ja nicht nur nicht engagiert zum Abbau von Homophobie beigetragen, sondern im Gegenteil zu deren Ausbau. Hier wäre es sicher notwendig, wenn sich die Kirchen aktiv sowohl mit Homophobie in der Geschichte der Kirchen auseinander setzen als auch sich entschieden gegenüber jeder homophoben Diskriminierung positionieren würden. Darüber hinaus geht es nicht einfach nur um Akzeptanz von Vielfalt, sondern um ein aktives Eintreten dafür, dass Vielfalt überhaupt möglich ist. Von der Möglichkeit, „zugleich Nein zur einen und Ja zur anderen Lebensweise“ sagen zu können, wie die Philosophin Judith Butler es formuliert hat, sind wir jedenfalls weit entfernt.

Rogate-Frage: Wie beurteilen Sie die Veränderungen von schulischen Lehrplänen und Programmen zur Akzeptanz von sexueller Vielfalt? Ist unsere Gesellschaft auf dem richtigen Weg?

Sabine Hark: Über richtige und falsche Wege kann die Soziolog_in wenig sagen. Wichtig ist in jedem Fall, dass wir für eine Gesellschaft eintreten, die die Freiheit, das eigene Lieben und Begehren leben zu können und nicht verheimlichen zu müssen, höher Wert schätzt als dies bisher der Fall ist.

Rogate: Vielen Dank, Frau Professorin Hark, für das Gespräch!

Mehr über das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung finden Sie hier: zifg.tu-berlin.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Donnerstag, 14. August 14 |19:30 Uhr, Konventsamt. Orgel: Felicitas Eickelberg.
  • Dienstag, 19. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 26. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet

 

Welttag der Suizidprävention: Aktion „600 Leben“ am 10. September

WSPT14_Sharing_InfoReiche Deine Hand und hilf uns, Suizide zu verhindern!

Für den Welt-Suizidpräventionstag am 10. September 2014 haben sich Berliner Akteure aus den Bereichen Suizidprävention und Seelische Gesundheit für eine gemeinsame Aktion zusammen geschlossen. Das Rogate-Kloster und der Rogate-Förderverein unterstützen als Netzwerkpartner das Vorhaben.

“600 Leben” ist ein symbolisches Zusammenkommen von 600 Menschen auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Auf ein Signal werden sich die Teilnehmer auf den Boden fallen lassen, wo sie so lange liegen bleiben, bis ihnen die Hand zum Aufstehen gereicht wird. Die Botschaft: Wir verlieren jedes Jahr 600 junge Leben durch Suizid. Reiche Deine Hand und hilf uns miteinander, Suizide zu verhindern!

600 Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren sterben pro Jahr in Deutschland durch Suizid. 10.000 Menschen sind es bundesweit insgesamt. Eine erschreckend hohe Zahl, die wenig bekannt ist. Ziel dieser Aktion ist es, die Öffentlichkeit auf das Thema Suizid stärker aufmerksam zu machen, für Hilfsmöglichkeiten zu sensibilisieren und ein Zeichen zu setzen: Damit nächstes Jahr weniger Menschen durch Suizid sterben.

Über die Aktions-Webseite 600leben.de werden alle dazu aufgerufen, die Initiative mit ihrem Erscheinen vor dem Brandenburger Tor zu unterstützen. Dabei sein sollen alle, denen das Thema wichtig ist, die selbst eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, die auch schon seelische Krisen erlebt haben oder wissen, dass Suizid jeden betreffen kann. Ein Kurzfilm wird die Aktion dokumentieren. Durch Berichterstattung der Medien soll eine breite Öffentlichkeit erreicht werden.

Anmeldungen zur Teilnahme ab sofort auf der Seite: 600leben.de

Fünf Fragen an: Sieghard Wilm, Pastor in Hamburg-St. Pauli

Fünf Freitagsfragen an Pastor Sieghard Wilm über Nothilfe für Flüchtlinge aus Afrika, Kirche im sozialen Brennpunkt und die Sehnsucht nach Stille mitten auf St. Pauli in Hamburg.

Pastor Sieghard WilmSieghard Wilm ist seit 2002 Pastor in Hamburg-St. Pauli. 1965 in Bad Segeberg geboren, studierte er in Heidelberg, Accra/Ghana und Hamburg Ev. Theologie und Ethnologie. Er ist Landessynodaler der Nordkirche und wurde 2014 für sein Engagement in der Flüchtlingsarbeit mit dem „Helmut-Frenz-Preis für Mitmenschlichkeit“ ausgezeichnet.

Rogate-Frage: Herr Pastor Wilm, Ihre St. Pauli-Kirchengemeinde und Sie wurden bundesweit durch die humanitäre Nothilfe für afrikanische Flüchtlinge bekannt. Wie ist es zu dieser Maßnahme gekommen?

Sieghard Wilm: Es war die unmittelbare Not der Menschen, die vor unserer Kirchentür standen: Nässe und Kälte ausgesetzt, hustend und hungrig, müde und schutzlos.

Es ist eigentlich so einfach und naheliegend, die Kirche für die Flüchtlinge zu öffnen. Ich bin meinem Herzen gefolgt – aber natürlich habe ich mich mit dem Kirchengemeinderat abgestimmt.

Rogate-Frage: Über Wochen hinweg haben Sie mit den Flüchtlingen gelebt und Sie unterstützt. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Sieghard Wilm: Ein halbes Jahr war unsere Kirche 24 Stunden am Tag geöffnet – im Oktober bekamen wir dann endlich die Genehmigung für die Container des Winternotprogramms. Diese Maßnahme endete am 2. Juni, ein Jahr nachdem wir die Nothilfe begonnen hatten. Ich habe gelernt, dass es gut ist, eine Sache anzufangen von der ich überzeugt bin – auch wenn ich nicht überblicken kann, ob alles gut gehen wird. In diesem Moment des Kontrollverlusts steckt die schönste Gotteserfahrung. Wir haben improvisiert im freien Fall und immer wieder erfahren, dass wir getragen werden.

Rogate-Frage: Hat sich für die Kirchengemeinde etwas verändert? Was ist heute anders in der St. Pauli-Gemeinde?

Sieghard Wilm: Die Hilfe ist noch nicht beendet, aber mittlerweile strukturiert und verstetigt. Wir sind noch am Sortieren, was das für uns hier vor Ort bedeutet. Als Kirche im sozialen Brennpunkt wird Flucht und Migration für uns weiterhin ein wichtiges Thema sein.

Wir haben viele Ehrenamtliche gewonnen und sind deutlich mehr geworden in den Gottesdiensten.

Rogate-Frage: Sie legen großen Wert darauf, dass es kein Kirchenasyl war. Worin liegt der Unterschied?

Sieghard Wilm: Kirchenasyl ist eine Möglichkeit, um einem Menschen zu helfen, dessen rechtliche Lage schon geklärt ist. Hier gilt es dann, Zeit zu gewinnen, um Rechtsmittel einlegen zu können. Die Flüchtlinge, die zu uns kamen, sind keine Asylantragssteller. Ihre grundsätzliche Schutzbedürftigkeit ist schon von der italienischen Republik festgestellt worden.

Rogate-Frage: Hat sich Ihre eigene Spiritualität durch die Nothilfe verändert? Wenn ja, wie?

Sieghard Wilm: Wir haben ja ein sehr lautes Jahr erlebt – da entsteht schon eine tiefe Sehnsucht nach Stille. Aktion und Kontemplation muss immer wieder eine Balance finden. Wir bitten: Gott segne unser Tun und unser Lassen. Gerade den Engagierten rate ich, nicht heißzulaufen im Einsatz für andere und dann auszubrennen. Das Lassen will genauso gesegnet werden.

Und noch etwas: Wir sind immer so schön strukturiert und durchorganisiert. Etwas mehr Gottvertrauen, dass sich der heilige Geist auch im Chaos zurechtfindet würde uns alle von Zwanghaftigkeit erlösen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pastor Wilm!

Mehr über die St. Pauli-Kirchengemeinde hier: stpaulikirche.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de. Dabei auch ein Gespräch mit Pastorin Fanny Dethloff, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, über humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen, Asyl in der Kirche und die Bibel als Buch der Migranten.

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Sonnabend, 9. August 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuen-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Orgel: Malte Mevissen
  • Dienstag, 12. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 14. August 14 |19:30 Uhr, Konventsamt
  • Dienstag, 19. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Unseren August-Plan finden Sie hier.