Fünf Fragen an Notger Slenczka, Systematik-Professor an der Humboldt Universität

Fünf Freitagsfragen an Prof. Notger Slenczka über Maria, die Freiheit von Kreaturvergötterung und die Weite des Protestantismus.

Prof. Notger SlenczkaNotger Slenczka, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Stammt aus Heidelberg, studierte in Tübingen, München und Göttingen, war Professor in Gießen und Mainz und seit 2006 in Berlin. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, inwiefern der christliche Glaube nicht ‚Sachinformationen‘ über ‚göttliche Dinge‘ bietet, sondern eine besondere Form des Selbstverständnisses des Menschen zum Ausdruck bringt.

Rogate-Frage: Herr Prof. Slenczka, die meisten Protestanten haben ein eher distanziertes Verhältnis zu Maria, der Mutter Jesu. Wie ist das zu erklären?

Notger Slenczka: Distanziertes Verhältnis – das kommt darauf an, was man unter einem ’nahen‘ Verhältnis verstehen will. Wenn ein ’nahes‘ Verhältnis bedeutet, daß die Heilige Jungfrau angerufen, dass sie in besonderer Weise um Fürbitte bei Gott gebeten wird und man auf ihren Schutz vertraut, dann ist das eine Verhalten, das nach protestantischem Verständnis nur Gott gegenüber angebracht ist: Allein Gott hilft, rettet, rechtfertigt und erlöst in Jesus Christus den Menschen, und vor allem: der Mensch darf selbst, ohne die Vermittlung von Heiligen, an Gott herantreten, ihn bitten und vor ihm klagen. Dafür steht die Gabe des Vaterunsers: Christus gibt uns an seinem Gottesverhältnis Anteil, so dass wir selbst, wie er, zu Gott als Vater beten dürfen. Eine Heilige, auch die Gottesmutter ist Gott um keinen Deut näher oder lieber als ich selbst es im Glauben an Christus bin. So gesehen ist das „distanzierte Verhältnis“ zu Maria als Mittlerin eine Folge des Wissens um die geschenkte Nähe zu Gott.

Aber eigentlich ist das kein ‚distanziertes Verhältnis‘ zu Maria. Vielmehr gibt es selbstverständlich Vorbilder im Glauben – das kann Maria sein, oder Mutter Teresa, für einen Theologen etwa Thomas von Aquin, oder meinetwegen auch Dietrich Bonhoeffer. Die ruft man aber nicht an, sondern man sieht in ihnen ein Vorbild in der Nachfolge Christi, an dem man das eigene Leben ausrichten und selbstkritisch messen kann.

Und selbstverständlich üben auch in den protestantischen Kirchen die Christen Fürbitte füreinander – aber einer ist da so gut wie der andere, und die Fürbitte Mariens hat der Fürbitte einer beliebigen Christin nichts voraus.

Rogate-Frage: Es heißt, dass Martin Luther trotz seiner theologischen Entwicklung eine Marienfrömmigkeit lebte. Welchen Platz hat die protestantische Theologie Maria nach der Reformation eingeräumt?

Notger Slenczka: Für Luther und für viele Protestanten ist Maria ein Vorbild im Glauben. Das ‚Magnifikat‘ ist für Luther Ausdruck des Vertrauens auf Gott in allen Nöten des Lebens; das „Siehe ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lukas 1,38) ist für ihn und viele andere Theologen der Ausdruck des Glaubens, der wider alle Wahrscheinlichkeit – kein Mann in Sicht – sich an die Zusage hält, die sie gehört hat: ‚du wirst einen Sohn gebären‘.

Andere Theologen, beispielsweise Paul Tillich, sind noch weiter gegangen und haben Maria als Gegengewicht zum männlichen Symbol der trinitarischen Gestalten betrachtet – das wurde auch in der feministischen Theologie beider Konfessionen aufgenommen; ich halte das für keinen weiterführenden Gedanken, aber sei’s drum!

Und es gibt durchaus hochkirchliche Theologinnen und Theologen in der lutherischen Kirche, die eine Verehrung der Gottesmutter, durchaus auch mit dem Ave Maria, durchaus für angemessen halten; freilich ziehen sie alle eine Grenze bei dem Gedanken einer besonderen Anrufung der Maria um Fürbitte.

Rogate-Frage: Wie könnte ein entspannteres Verhältnis zu Maria die evangelische Spiritualität beleben?

Notger Slenczka: Die Frage impliziert, daß die evangelische Spiritualität unter einem verkrampften Verhältnis zu Maria leidet. Ich kann das, offen gestanden, nicht sehen. Es gibt, wie gesagt, Protestanten, die eine tiefe Spiritualität mit einer Marienverehrung und mit einem Begehen der Marienfeste verbinden, ohne Maria um Hilfe anzurufen; und es gibt spirituell lebendige Protestanten, die in aller Entspanntheit für die Gestaltung ihrer Frömmigkeit an eine Marienverehrung nicht im Entferntesten denken und dabei nicht einmal auf die Idee kommen, dass ihnen etwas fehlen könnte.

Allerdings: Ein Zug der römisch-katholischen Marienfrömmigkeit ist bedenkenswert – die Identifikation Marias mit der Kirche, die etwa die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils ‚Lumen Gentium‘ vornimmt. Dass Maria – mit ihrem Vertrauen auf das Wort (Lukas 1,38) und mit ihrer Kreuzesnachfolge in der Passion Jesu die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden symbolisiert und anschaulich macht, ist ein schöner Gedanke. So verstanden ist auch die Vorstellung einer Fürbitte Mariens kein ganz abwegiger Gedanke – denn dass die Gemeinschaft der Glaubenden füreinander betet, ist selbstverständlich. Aber einer ist da so gut wie die andere – es gibt keine besondere Kraft der Fürbitte der individuellen Person Mariens.

Rogate-Frage: Die jüngste Heiligsprechung der beiden Päpste durch Papst Franziskus hat auch manche evangelische Christen neu fragen lassen, wie es mit den Glaubenszeugnissen unserer Verfahren und unserem Grad der Verehrung steht. Welche Heiligen haben Protestanten und welche Form der Verehrung lässt die evangelische Theologie und Dogmatik zu?

Notger Slenczka: Die evangelische Theologie und Dogmatik hat nichts zuzulassen und auch nichts zu verbieten. Sie erschließt die christliche Tradition und ihre lebensgestaltende Kraft, die sich dann selbst an den Christenmenschen durchsetzt, indem sie einleuchtet (oder auch nicht).

‚Heilige‘ – wenn man darunter verstorbene Personen versteht, die in einem offiziellen Heiligsprechungsverfahren zur Ehre der Altäre erhoben wurden, dann gibt es im Protestantismus keine Heiligen. Wenn man aber unter ‚Heiligen‘ den Teil der Kirche, diejenigen Gläubigen versteht, die aus der Zweideutigkeit dieses Lebens erlöst sind und die nun ‚um den Thron des Lammes‘ (Apk 5) stehen, dann gibt es im Protestantismus durchaus Heilige; die Kirche umfaßt nicht nur die gegenwärtig lebenden Glaubenden. ‚Die Heiligen‘ sind dann aber nicht ethisch besonders bewährte Personen, sondern solche, die in der Zweideutigkeit ihres irdischen Lebens darauf vertraut haben, dass sie nicht durch ihre eigene Lebensgestaltung zu Gott gehören, sondern abgesehen von ihren ‚Werken‘, aus Gnade, durch Christus vor Gott etwas sind. Dieser Glaube macht einen Heiligen aus – insofern sind wir alle Heilige. Da gibt es durchaus exemplarische Situationen im Leben der Kirche und ihrer Gläubigen, die mein Leben orientieren und mir ein Vorbild sein können – und warum sollte das nicht auch für den einen oder anderen Protestanten Johannes Paul II. oder für die eine oder andere Protestantin Maria oder Edith Stein sein?

Für mich ist mein Namenspatron Notger, der erste Fürstbischof von Lüttich, dessen Tag der 10. April ist, durchaus ein solches Vorbild – nicht weil er sonderlich heilig im landläufigen Sinne war, das war er ganz und gar nicht! Sondern weil es von ihm ein Evangeliar gibt, auf dessen Einband eine Elfenbeinschnitzerei angebracht war, in der er sich selbst hat darstellen lassen: als außerhalb eines (ebenfalls dargestellten) Kirchengebäudes kniender, mit seiner Schuld belasteter Sünder vertraut er sich, so sagt die Umschrift um das Bild, dem richtenden Christus an, der über ihm thront. Was für ein Bischof! Das ist Glaube – und daran orientiere ich mich durchaus auch in meinem Leben.

Rogate-Frage: Vor einiger Zeit hat ein Kirchenamt entschieden: Wer den Rosenkranz betet, ist nicht evangelisch. Wie viel Freiheit lässt der protestantische Glaube und welche Grenzen gibt es für die Gestaltung der Frömmigkeit? 

Notger Slenczka: Ich kann mir nicht vorstellen, daß „ein Kirchenamt“ solchen Unfug entschieden hat. Zu derartigen Exkommunikationen ist es auch gar nicht befugt. Mit dieser Antwort sehen Sie, dass der christliche Glaube gegebenenfalls große Freiheit auch in der Kritik einer „kirchenamtlichen“ Entscheidung lässt, denn dies Votum würde ich nicht zurücknehmen, sondern mit großem Nachdruck wiederholen, wenn sich herausstellen sollte, daß tatsächlich ein ‚Kirchenamt‘ so etwas behauptet hat. Und niemand würde von mir erwarten, dass ich es zurücknehme – kein Kirchenamt würde mich für diese Kritik irgendwie zur Rechenschaft ziehen wollen, sondern würde möglicherweise sein Votum überdenken.

Der Glaube nicht nur der Protestanten, sondern aller Christen hat seinen Grund und damit seine Grenze in der Autorität Gottes, der in Jesus Christus erschienen ist und von dem die biblischen Schriften Zeugnis ablegen. „Autorität Gottes“ ist keine ‚autoritäre‘ Fremdbestimmung, sondern die Autorität der Liebe, nach der Gott sich als Grund und Halt aller Wirklichkeit zeigt und Grund und Halt auch unseres Lebens sein will. Glaube ist Vertrauen auf Jesus Christus als Grund und Halt unseres Lebens, und dieses Vertrauen will in allen Situationen des Lebens immer wieder neu ‚durchbuchstabiert‘ werden.

An die Grenzen der Frömmigkeit kommt man, wo dieses Lebensvertrauen auf Gott in Frage gestellt wird: Wenn wir beispielsweise unser Herz an Größen und Instanzen neben dem in Christus offenbaren Gott hängen und auf sie vertrauen – ob wir das nun selbst sind, die ihr Leben in die Hand nehmen und meistern wollen; ob das politische Heilsbringer sind, an die wir unser Herz hängen; oder ob das Heilige sind, die uns unvermerkt von Vorbildern der Lebensgestaltung zum Halt und Grund unseres Lebensvertrauens werden und so an die Stelle Gottes treten. Darum, diese Autorität der Liebe Gottes in den Herzen zu wahren, ging es der Reformation.

Wo wir aber ernsthaft und ungebrochen unser Leben von Gott empfangen, es seiner Liebe anvertrauen und ihn in allen Notlagen und Gefahren anrufen – da ist der Mensch frei von aller Kreaturvergötterung und auch einem Kirchenamt oder einem Theologen gegenüber völlig entspannt und frei. Und wenn ein Christenmensch aus dieser Haltung heraus eine besondere Verehrung für Maria der sonstige Heilige entwickelt, dann wird er die Grenze zwischen der verehrungsvollen Achtung für ein Vorbild im Glauben und der Kreaturvergötterung mühelos einhalten und bedarf dafür keines Kirchenamtes oder Theologen, die ihn zurechtweisen. Und wo dieses Vertrauen allein auf Jesus Christus in Gefahr gerät, da werden vermutlich nicht Kirchenämter und Theologen, sondern Brüder und Schwestern den Mitchristen warnen – eben in der Weise, dass sie ihn auf das biblische Zeugnis hinweisen, dabei aber auch selbst hören, wie er seine Frömmigkeitspraxis begründet: Denn die Wahrheit setzt sich im Gespräch durch.

Warum sollte, unter dieser Voraussetzung, ein Christ nicht auch die Freiheit haben, den Rosenkranz und damit als Ausdruck der Verehrung das Ave Maria zu sprechen? Und wenn es denn sein muss, soll er meinethalben Maria um Fürbitte bitten, wie er das gegenüber einer anderen Mitchristin auch tun würde. Ich selbst würde Maria nicht anrufen – aber irren können wir alle, auch und gerade dann, wenn wir das nicht für möglich halten …

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Slenczka!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 5. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 7. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 9. August 2014, 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuen-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg.
  • Unseren kompletten August-Plan finden Sie hier.
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