Predigt zur „Euthanasie“-Ausstellung: „Keiner gehört in eine besondere Ecke“

Pfarrerin Barbara Eschen im Gespräch mit dem Initiator der Ausstellung, Michael Gollnow

Schirmherrin Pfarrerin Barbara Eschen predigte zur Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ am 20. Juli 2014 im Rogate-Kloster St. Michael zu Berlin. Wir dokumentieren hier die Ansprache der Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz:

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Und Gott sah, dass es gut war“, lautete 1979 die Jahreslosung aus dem 1. Buch Mose. Dazu schrieb der Autor Fredi Saal seine Gedanken auf. Er frage sich, „wie viele Christen […] sich wohl in Verbindung mit der Existenz von Behinderten des Sprengstoffes in diesem Bibelwort bewusst“ seien. Denn noch immer gelte es „in weiten Kreisen als unumstößliche Ansicht, der behinderte Mensch verdiene wegen seines Schicksals in besonders hohem Maße das Mitgefühl seiner Umwelt […] Da ist vom ‚schrecklichen’, ja ‚grausamen’ Schicksal die Rede, von ‚schwerer Last’ – und natürlich von Krankheit und Leid. Ohne im Geringsten auf die begleitenden Umstände zu achten, gilt der Behinderte von vornherein als mitleidens- und bedauernswert.“ Dieser Umstand sei erstaunlich. Denn angesichts der Einschätzung, dass die Schöpfung des Menschen gut war, grenze die genannte Ansicht an eine Gotteslästerung. Die Auffassung jedenfalls, „Behinderung müsse a priori mit Leid verbunden sein“ sei „ausschließlich in der Phantasie der Unbetroffenen angesiedelt“. Er jedenfalls leide trotz seiner Bewegungseinschränkungen und seines gehemmten Sprachvermögens nicht mehr als andere Menschen. Erst recht sehe er keinen Anlass für die Sehnsucht, ein anderer zu sein. „Und wie sollte ich auch?! Um nicht behindert zu sein, müsste ich ja jemand anders ein wollen. Nicht dieser Fredi Saal. Eine reichlich absurde Idee! Zu meiner Existenz, die ich mit niemandem teile, gehört notwendigerweise meine Behinderung. Sonst wäre ich nicht dieser eine bestimmte Mensch, der ich bin, sondern ein x-beliebiger anderer.“ Das Leiden jedenfalls „liegt nicht an der Behinderung; es wird von dem verursacht, der mich wegen der Behinderung in die Leidensecke stellt und eifrig darüber wacht, dass ich sie nicht verlasse“. Die Pointe des ersten Schöpfungsberichts jedenfalls weise in eine ganz andere Richtung: Sie ermutigt Menschen mit Behinderung, sich nicht so sehr als leidgeprüft und genauso wenig als Schöpfungspanne zu verstehen. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde? – Ich jedenfalls fühle mich als Spastiker als eine Schöpfung Gottes – und zumindest die Christen sollten es auch tun!“

Ein beeindruckendes Bekenntnis! Wer kann das schon mitsprechen: „Ich fühle mich als Geschöpf Gottes, und das ist gut?! Die meisten von uns sind doch eher mit sich unzufrieden: Da stören Falten beim morgendlichen Blick in den Spiegel, die Pfunde auf der Waage, die geringe Frustrationstoleranz und … Wer mag schon von sich sagen: „Ich bin Geschöpf Gottes, ich bin gut wie ich bin.“ Und so empfinde ich die Worte des Fredi Saal als ein ermutigendes Glaubenszeugnis: Ich bin ein Geschöpf Gottes und Gottes Schöpfung ist gut.

Aber: Mit diesem starken Selbstverständnis, Geschöpf Gottes zu sein, verbindet Fredi Saal den Appell: Stellt mich als behinderten Menschen nicht in die Leidensecke!

Menschen mit Behinderungen sind nicht leidgeprüft, sind erst recht keine Schöpfungspanne, sind nicht zu bedauern.

Was heißt: Leidensecke? – Bis Jahresende habe ich in der Hephata Diakonie in Hessen mit Menschen mit einer geistigen Behinderung, mit Lernschwierigkeiten oder mit chronischen psychischen Erkrankungen gearbeitet. Mehrfach habe ich von Gästen dabei die Reaktion geerntet: „Eure Arbeit ist toll. Aber ich könnte das niemals. Das viele Leid, mit dem ihr zu tun habt. Das könnte ich nicht aushalten.“

Fredi Saal sagt: Ich leide nicht mehr als andere Menschen auch. Diese Haltung habe ich auch bei den Menschen der Hephata Diakonie wahrgenommen. Sie widersprechen dem Gedanken, „arm dran zu sein“. Warum? Weil sie ernst und für voll genommen werden wollen. Weil sie nicht klein gemacht werden wollen, als angewiesen, hilfebedürftig, Opfer, an den Rand der Gesellschaft, in die Leidensecke geschoben. So auch der Appell von Fredi Saal: Stellt mich nicht in die Leidensecke!

Die Leidensecke ist ein ganz gefährlicher Ort! Das wird uns die Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ vor Augen führen.

Die Ermordungen des NS-Regimes bauten dabei auf zwei wesentlichen Zeitströmungen auf: Euthanasie und Eugenik.

Euthanasie, die Tötung auf Verlangen

Ende des 19. Jahrhunderts bereits dachte man zunehmend: Behinderung ist Leid, Behinderung ist Last, Behinderung muss vermieden werden, Menschen mit Behinderung müssen von der Last ihres Lebens befreit werden, wenn sie das wollen. Sie müssen das Recht auf einen guten Tod, auf Selbstmord haben. Damit waren behinderte Menschen in die Leid-Ecke gestellt.

Aber schon im ersten Weltkrieg mischten sich in das Mitleid bald andere Motive: Man wollte und musste Geld sparen. Die Versorgungsprobleme der Zivilbevölkerung wuchsen und man wollte das Geld lieber für die Starken ausgeben als für Menschen, die als nicht leistungsfähig galten.

Eugenik und die Forderung von Sterilisation und Abtreibung

Und dann kam mit der Eugenik, der Pflege des Erbgutes, ein neuer Gedanke aus dem Wissenschaftsbereich auf: Behinderung und soziale Unangepasstheit wurden als vererbte Belastung für die anderen, für die Volksgemeinschaft gesehen. Im Interesse der Volksgesundheit, einer starken Gesellschaft sollte verhindert werden, dass chronische Erkrankungen, Behinderungen und sozial unangepasstes Verhalten weitervererbt werden.

Diesem Gedanken war auch die Innere Mission aufgeschlossen. 1931 sprachen sich führende Vertreter der Inneren Mission für umfassende Sterilisationen – auf freiwilliger Basis – aus. Dabei waren sie durchaus von einem völkischen Denken bewegt. D.h. es ging nicht um die Betroffenen, sondern um die Interessen der Mehrheitsgesellschaft – „Volkskörper, Volksgesundheit“.

An beide Strömungen konnte Hitler 1933 leicht sein Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses anknüpfen, das die Zwangssterilisation von 400 000 Menschen veranlasste, und auch viele Schwangerschaftsabbrüche (ab 1933/35).

Mit Euthanasie, der Tötung auf Verlangen, und Eugenik, der Unterbindung der Fortpflanzung, war der Weg für die Massenmorde des Naziregimes geebnet. Hitler und sein Regime haben das eugenische Denken für ihren Rassewahn genutzt. Nicht mehr nur Pflege des Erbgutes, sondern Reinhaltung der Rasse!

Die Ausstellung zeigt, dass Krankenmorde, die Ermordung von Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen, sozial unangepasstem Verhalten, auf verschiedene Weise geschehen ist. Vielfach verdeckt, vor allem den Angehörigen verborgen. Auf fünf Wegen wurden die Krankenmorde durchgeführt:

In Kinderfachabteilungen und psychiatrischen Krankenhäusern durch Giftspritzen. Durch Sonderkommandos in den Ostprovinzen durch Erschießungen und Nahrungsverweigerung.

Später als Ermordung von arbeitsunfähigen Häftlingen in KZs und als wilde Euthanasie in Anstalten ebenfalls durch Nahrungsverweigerung.

In der T4 Aktion als systematisches Mordprogramm. In sechs Gasmordanstalten wurden Menschen systematisch, quasi automatisiert ermordet. 70 000 Menschen. Mit grauen Bussen transportiert, mehrfach verlegt, um Spuren zu verwischen, mit gefälschten Todesnachrichten an die Angehörigen.

Weil dies nicht geheim blieb, regte sich hier Widerstand. Auch von evangelischen Vertretern der Inneren Mission vor allem auf sogenanntem diplomatischen Weg in direkter Auseinandersetzung mit NS-Vertretern (z.B. Pfarrer Paul Gerhard Braune, Lobetal, der Material über die Tötungsaktionen gesammelt hatte und eine Denkschrift erstellte, die er 1940 in der Reichskanzlei vorlegte, vermutlich ohne große Wirkung.)

Wirkung hatten eher die Predigten von Bischof Clemens Graf von Galen in Münster, der 1941 eine Brandpredigt hielt, in der er die Krankenmorde geißelte: „Die kranken Menschen, die im Sinne des Regimes zu nichts mehr nütze seien, würden wie Maschinen behandelt. Und was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet. So dürfe man Menschen, die doch Mitmenschen seien, nicht behandeln.“

Bischof von Galen holt mit seiner Predigt die Menschen aus der Ecke, in die sie vom NS-Staat geschoben wurden, die Leidensecke, die zur Todeszelle wurde. Und er macht deutlich: Jeder Mensch mit Behinderung, jeder Kranke ist einer von uns. Bischof Galen nimmt die Gottebenbildlichkeit ernst. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes. Provokativ weist Galen darauf hin, dass die kriegsversehrten Soldaten auch zu den „Unproduktiven“ zählen, und deutet damit an, dass sie Euthanasieopfer werden können.

Die T4 Aktionen wurden auch aufgrund von Druck aus dem Ausland offiziell eingestellt. Tatsächlich ging das Morden weiter. Mindestens 200 000 Menschen wurden durch Krankenmorde ums Leben gebracht.

Es ist eine unfassbare Zahl. Unvorstellbar die Not der Betroffenen, das Unrecht ihrer nicht gelebten Leben. Wie viele Menschen haben als Angehörige gelitten! Es gibt hier keinen Trost und keine Erklärung, keine Entschuldigung, nur Entsetzen!

Unfasslich auch, dass die Krankenmorde bis in die 1980er Jahre verschwiegen wurden. Auch in diakonischen Einrichtungen. Weil die Menschen meist mehrfach verlegt wurden und über staatliche Einrichtungen in die Gaskammern kamen, fühlte man sich nicht beteiligt. In der Hephata Diakonie wurde seit 1981 geforscht und Ende der 90er Jahre ein Mahnmal errichtet, das an 388 Opfer erinnert, die von dort verlegt wurden. Es war schwierig und mühsam, die Wege der Einzelnen aufzufinden und nachzuweisen. Das Mahnmal steht im Zentrum des Hephata-Geländes, neben der Kirche. Eingefügt sind Holzbohlen, Stufen des Wohnhaushauses, aus dem die meisten frühmorgens abgeholt und in die grauen Busse gezwungen wurden. Jedes Jahr wird in einem Gottesdienst dort am Mahnmahl an die Ermordeten gedacht. Gemeinsam beten dort Menschen mit Behinderungen, Schüler, Mitarbeiter, Gäste. Halten Stille, wie nie im ganzen Jahr sonst.

Was wir Heutigen tun können, ist gedenken, unseren Respekt zeigen, beten und uns darauf besinnen: Jeder Mensch ist, wie er ist, Geschöpf Gottes. Fredi Saal zeigt uns, dass wir gut bedenken müssen was das heißt: Gottes Ebenbild. Wir sind nicht Gottes Ebenbilder, weil wir vollkommen wären, begabt, intelligent. Wir sind nicht Gottes Ebenbilder, weil wir seine Liebe und Güte abbilden könnten. Wir sind seine Ebenbilder, weil er uns nimmt, wie wir sind, unvollkommen, zerbrechlich, jeder von uns. Gott bleibt mit uns in Beziehung auch in den dunkelsten Stunden.

Die Leidensecke ist für Menschen mit einer Behinderung gefährlich. Zum Glück hat sich inzwischen viel geändert. Wir sind viel aufmerksamer. Ja, sicher. Aber auch heute werden Menschen mit einer geistigen oder seelischen Behinderung manchmal gesondert behandelt. Beispielsweise werden sie häufig als „Neutren“ betrachtet oder als „ewige Kinder“. Sexuelle Bedürfnisse werden ihnen nicht zugestanden. Ihre Sexualität wird tabuisiert. Dass wir in der Hephata Diakonie Sexualseminare für Menschen mit Behinderungen angeboten haben, dass wir eine Partnervermittlung organisiert haben, wurde von der Bevölkerung und auch von den Eltern teilweise skeptisch beäugt. “Muss das sein?“ Auch dass Menschen mit Behinderungen als Paare zusammenleben. Und dass Frauen nicht ungefragt und gegen ihren Willen einfach Verhütungsmittel gegeben werden dürfen. „Muss das sein?“ Ja, unbedingt, ja. Denn jeder Mensch ist Geschöpf Gottes mit allen seinen Seiten, und seine und ihre Persönlichkeitsrechte sind uneingeschränkt zu schützen.

Keiner gehört in eine besondere Ecke, auch nicht in gut gemeinte Ecken. Deshalb ist Inklusion unaufgebbares Ziel. Das bedeutet: Jeder gehört dazu. Von Anfang an und bis zuletzt ist Leben unantastbar! Jeder muss dabei sein können. Jeder für sich selbst sprechen können. Nichts ohne uns, über uns – fordern Menschen mit Behinderung. Recht haben sie. Auch deshalb finde ich es gut, mir von Fredi Saal sagen zu lassen, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes ist.“

—————————————————————————————————-

Hinweise zur Ausstellung:

Die Ausstellung ist bis zum 30. August im Rogate-Kloster St. Michael in der Zwölf-Apostel-Kirche zu sehen: Mittwochs und donnerstags, von 10:00 bis 12:00 Uhr, sonnabends von 11:00 bis 15:00 Uhr sowie zeitlich eingeschränkt vor und nach den Gottesdiensten.

Erreichbar ist die Zwölf-Apostel-Kirche mit öffentlichen Verkehrsmitteln und über die U-Bahnhöfe: Kurfürstenstraße (U1) Nollendorfplatz (U1, U2, U3, U4). Oder per Bus: Kurfürstenstraße (M85, M48), Nollendorfplatz (M19, 187) und Gedenkstätte Dt. Widerstand (M29). PKW-Stellplätze sind vorhanden vor dem Gemeindezentrum und in der Genthiner Straße.

Weitere Informationen: Das Plakat zur Ausstellung finden Sie hier. Hier der Einladungsflyer zur Ausstellung “Töten aus Überzeugung”. Ein Interview mit dem Initiator Michael Gollnow finden Sie hier.

Information zur Ausstellung in polnischer Sprache:

W niedzielę, 20 lipca, zostanie otwarta wystawa objazdowa pod tytułem „Zabijanie z przekonania“, która informuje w trzech językach (polskim, niemieckim oraz angielskim) o morderstwach narodowych socjalistów w ramach akcji „eutanazja“ na 300 000 osobach umysłowo upośledzonych lub psychicznie chorych w Niemczech i w Europie. Wstęp na wystawę jest bezpłatny.

Nabożeństwo otwierające wystawę odbędzie się w niedzielę, 20 lipca, o 10 godz. w Kościele Dwunastu Apostołów (Zwölf-Apostel-Kirche) przy ulicy An der Apostelkirche 1 (10783 Berlin), niedaleko stacji metra Nollendorfplatz. Wystawę będzie można zwiedzać w Kościele Dwunastu Apostołów do 30 sierpnia br., w środy i czwartki od 10 do 12 godz., a w soboty od 11 do 15 godz. oraz przed i po nabożeństwach.

Wystawa „Zabijanie z przekonania“ została przygotowana przez Pinel gemeinnützige Gesellschaft mbH z Berlina, która razem z Klasztorem Rogate Św. Michała w Berlinie organizuje ww. wystawę w Kościele Dwunastu Apostołów. Wystawa została umożliwiona przez finansowe wsparcie Der Paritätische Berlin, berlińskiej organizacji obejmującej ponad 700 niezależnych organizacji pożytku publicznego.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aktuell., Hintergrund., Rückblick. abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Predigt zur „Euthanasie“-Ausstellung: „Keiner gehört in eine besondere Ecke“

  1. drachensheriff schreibt:

    Ich habe mich durch den Gottesdienst sehr angesprochen gefühlt. Ich danke sehr Pfarrerin Barbara Eschen, Bruder Franziskus und den Andren Beteiligten. Danke René Fricke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s