Fünf Fragen an: Sabine Hark, Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung

Fünf Fragen an Prof. Dr. Sabine Hark über das Geschlecht als wirkmächtiges Klassifikationskriterium und der Notwendigkeit der Auseinandersetzung der Kirchen mit der eigenen Homophobie.

Sabine Hark, Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und GeschlechterforschungDie Berliner Soziologin Sabine Hark ist eine der profiliertesten Geschlechterforscherinnen in Deutschland, die sich selbst als „notorische (In-)Fragesteller_in“ beschreibt. Sie schrieb früh über „Grenzen lesbischer Identitäten“; aktuell beschäftigt sie sich u.a. mit europaweit stärker werdenden homophoben und antifeministischen Bewegungen. Seit 2009 leitet Hark das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. In Mainz und Frankfurt am Main studierte sie Politikwissenschaft und Soziologie. 1995 wurde sie an der Freien Universität Berlin promoviert.

Rogate-Frage: Täglich werden in Deutschland Lesben, Schwule, Bi- und Trans*-Personen beleidigt oder auch körperlich angegriffen und verletzt. Die Opferhilfeorganisation Maneo hat 290 Fälle im Jahr 2013 allein in Berlin registriert. Was erforschen Sie in diesem Kontext? 

Sabine Hark: Ich beschäftige mich in diesem Zusammenhang zum einen mit der Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingungen von Homophobie. Dabei verstehe ich Homophobie nicht als eine Phobie im psychiatrischen Sinne; es ist keine pathologische Angst, sondern eher eine Art kulturelle Paranoia, eine gesellschaftliche Verteidigungsstrategie. Verteidigt wird damit die heteronormative Ordnung von Gesellschaft, also kurz gesagt die Vorstellung, dass es zwei und nur zwei Geschlechter gibt, die natürlicherweise zusammengehören. Zum zweiten beschäftige ich mich mit der Frage, wie diese heternormative Ordnung von Gesellschaft die Lebenswirklichkeit von Lesben, Schwulen, Bi- und Trans*-Personen beeinflusst. Hier geht es beispielsweise um die Frage, welche Chance es überhaupt gibt, sich für eine solche Lebensweise zu entscheiden.

Rogate-Frage: Sie haben einmal die Angst vor „irreversiblen Eingriffen in die patriarchalen Tiefenstrukturen“ als die Wurzel von Feministinnen-Hassern und Homophobikern beschrieben – weil beide Bewegungen die scheinbare Natürlichkeit der Geschlechterordnung infrage stellen. Wieso führen Infragestellungen und Verunsicherungen zu Aggression und Gewalt?

Sabine Hark: Infragestellungen und Verunsicherungen müssen nicht notwendig zu Aggression und Gewalt führen. Oft genug tun sie das ja auch nicht. Sonst müssten ja gerade Lesben, Schwule, Bi- und Trans*-Personen, die diese Erfahrung, in ihrem geschlechtlichen Status in Frage gestellt zu werden, oft machen, besonders aggressiv sein.

Geschlecht ist allerdings offensichtlich ein so zentrales Element auch unserer Identität, weshalb Verunsicherungen des geschlechtlichen Status oft sehr fundamental empfunden werden. „Du wirst Mann sein oder du wirst nicht sein“, könnte man sagen. Wenn es also die Wahrnehmung gibt, existentiell in Frage gestellt zu werden in seinem/ihren eigenen Identitätsentwurf oder Weltbild, kann es zu gewaltförmigen Antworten auf eine solche Infragestellung kommen. Soziologisch gesehen ist Gewalt mithin eine Handlungsressource.

Rogate-Frage: Durch die Annäherung an neue Erkenntnisse im Bereich der Intersexualität bewegt sich innerkirchlich manches, bis hin zum – von Intersexuellen-Organisationen begrüßten – Aufbau eigener Forschungsinstitute. Die Auseinandersetzung mit dem Thema führt dennoch bei manchen zur Verunsicherung. Sie schreiben an einer Stelle: „Irritiert sind die Heterosexuellen also deshalb von den Homosexuellen, weil „Mann“ und „Frau“ recht instabile Konzepte sind.“ Hat das Geschlecht als Kategorie (bald) ausgedient?

Sabine Hark: Davon gehe ich nicht aus. Geschlecht ist wohl noch immer ein sehr wirkmächtiges Klassifikationskriterium; vielleicht die gewichtigste Kategorie, die wir kennen. Was wir soziologisch aber sehr wohl beobachten können – und das ist ja ein Grund, warum es zur gesellschaftlichen Verteidigung von Heteronormativität, zu Homo- und Transphobie kommt – ist, dass Geschlecht als Sinnressource, als Begründung für Ungleichheit nicht mehr so umstandslos zur Verfügung steht. Dass Frauen beispielsweise weniger wert sind, weil sie Frauen sind, ist heute jedenfalls – zumindest rhetorisch – nicht mehr argumentierbar.

Rogate-Frage: Die Kirchen haben nicht unbedingt engagiert zum Abbau von Homophobie beigetragen. Fundamentalistische Strömungen pflegen diese Tradition bis heute. Welchen Rat würden Sie den Kirchen auf dem Weg geben? Wie kann die Kirche insgesamt zur Akzeptanz von Vielfalt nachhaltig beitragen?

Sabine Hark: Die Kirchen haben ja nicht nur nicht engagiert zum Abbau von Homophobie beigetragen, sondern im Gegenteil zu deren Ausbau. Hier wäre es sicher notwendig, wenn sich die Kirchen aktiv sowohl mit Homophobie in der Geschichte der Kirchen auseinander setzen als auch sich entschieden gegenüber jeder homophoben Diskriminierung positionieren würden. Darüber hinaus geht es nicht einfach nur um Akzeptanz von Vielfalt, sondern um ein aktives Eintreten dafür, dass Vielfalt überhaupt möglich ist. Von der Möglichkeit, „zugleich Nein zur einen und Ja zur anderen Lebensweise“ sagen zu können, wie die Philosophin Judith Butler es formuliert hat, sind wir jedenfalls weit entfernt.

Rogate-Frage: Wie beurteilen Sie die Veränderungen von schulischen Lehrplänen und Programmen zur Akzeptanz von sexueller Vielfalt? Ist unsere Gesellschaft auf dem richtigen Weg?

Sabine Hark: Über richtige und falsche Wege kann die Soziolog_in wenig sagen. Wichtig ist in jedem Fall, dass wir für eine Gesellschaft eintreten, die die Freiheit, das eigene Lieben und Begehren leben zu können und nicht verheimlichen zu müssen, höher Wert schätzt als dies bisher der Fall ist.

Rogate: Vielen Dank, Frau Professorin Hark, für das Gespräch!

Mehr über das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung finden Sie hier: zifg.tu-berlin.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Donnerstag, 14. August 14 |19:30 Uhr, Konventsamt. Orgel: Felicitas Eickelberg.
  • Dienstag, 19. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 26. August 14 |19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. August 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet

 

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