Fünf Fragen an: Gunther Wenz, Professor für Systematische Theologie in München

Professor Gunther WenzFünf Freitagsfragen an Professor Gunther Wenz über das Verhältnis der Reformatoren zu den Klöstern, den evangelischen Dienst der Kommunitäten und die Wahrnehmung von Taizé.

Geboren wurde Gunther Wenz 1949 im mittelfränkischen Weißenburg. Er ist ordinierter Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Seit 1995 hat er den Lehrstuhl für Systematische Theologie I an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München inne und ist Direktor des Instituts für Fundamentaltheologie und Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Professor Wenz, Mitgliedern evangelischer geistlichen Gemeinschaften wird nicht selten gesagt: „Klöster sind unevangelisch“ und „Luther war ein Gegner aller Klöster“. Ist da was dran?

Gunther Wenz: Luther und die anderen Reformatoren haben sich bei aller Kritik niemals grundsätzlich gegen ein klösterliches Leben ausgesprochen, sondern dessen Wert stets zu schätzen gewusst. Dies belegt unter anderem der 27. Artikel der Confessio Augustana, der von den Klostergelübden handelt. Kritisiert wird, dass viele und namentlich junge Leute nicht aus eigenem Antrieb und Willensentschluss, sondern etwa aus Versorgungsgründen ins Kloster gelangten. Kritisiert wird ferner der Anspruch, das Klosterleben stehe höher als andere von Gott eingesetzte Stände, wie etwa der Ehestand. Von diesen und vergleichbaren Einwänden bleibt aber die prinzipielle reformatorische Hochschätzung des Klosters als einer spezifischen Lehr- und Lernanstalt christlichen Glaubens unbetroffen.

Rogate-Frage: Keine evangelische Kirchenzeitung kommt heute ohne Texte von Pater Anselm Grün oder anderen katholischen Ordensleuten aus. Fehlt der evangelischen Kirche die Spiritualität eigener Klöster? Und welchen Platz haben Kommunitäten und Klöster in heutigen Protestantismus?

Gunther Wenz: Es ist auch für einen Protestanten sehr gut und nützlich zu wissen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben primär dem gemeinschaftlichen Gottesdienst und dem Gebet widmen. Wie keine sinnvolle Tätigkeit ohne Muße und Ruhe auskommt, so bedarf die christliche Kirche bestimmter Horte der Abkehr von aller äußeren Geschäftigkeit und der inneren Konzentration. Wenn zu solch gesammelter Konzentration auf den fundierenden Grund unserer selbst und unserer Welt katholische oder orthodoxe Klöster und Ordensleute beitragen, dann tun sie an uns und an der Welt einen evangelischen Dienst.

Rogate-Frage: Manche sagen, dass die ökumenische Gemeinschaft von Taizé nur in Frankreich groß werden konnte. In Deutschland hätten die verfassten Kirchen die Entwicklung einer solchen Institution verhindert. Ist diese These abwegig?

Gunther Wenz: Ich habe mit der ökumenischen Gemeinschaft von Taize keine persönlichen Erfahrungen und kann auch nicht sagen, ob und gegebenenfalls warum sie nur in Frankreich groß werden konnte. Deshalb nur folgende Anmerkung: In diesen Tagen ist meiner Fakultät eine empirische Studie zum Einfluss von Taize auf die Spiritualität Jugendlicher als Dissertation vorgelegt worden. Als besonders bedeutsam wird von allen Befragten das Leben in Einfachheit, die geistliche Strukturierung des Alltags, der gemeinsame Gesang als dichte Ausdrucksform des Glaubens (Luther sagt: „Zweimal betet, wer singt!“), der Zusammenhang von Schweigen und Existenzwahrnehmung, die Zuwendung zu den Armen und Benachteiligten sowie die Offenheit für andere Konfessionen und religiöse Bekenntnisse hervorgehoben. Auch dem gemeinsamen Theologisieren wird von den Jugendlichen ein überraschend hoher Stellenwert zuerkannt. Als besonders eindrucksvoll wird in der Regel die Gestaltung der Abendmahlsfeiern empfunden. Inwieweit die ökumenische Gemeinschaft von Taize ein Vorbild für die ökumenischen Beziehungen der christlichen Kirchen insgesamt sein kann, lasse ich dahingestellt; eine spirituelle Bereicherung des Kirchenlebens stellt sie auf jeden Fall dar.

Rogate-Frage: Was ist die Besonderheit von Klöstern und Kommunitäten und welche inneren und äußeren Freiheiten brauchen sie – auch von der Amtskirche – zur eigenen Entwicklung?

Gunther Wenz: Die Kirche ist insgesamt eine Kommunität, nämlich die Gemeinschaft derjenigen, die im Glauben an Wort und Sakrament und mittels der Heilsmedien an dem in Jesus Christus in der Kraft seines Heiligen Geistes offenbaren Gott teilhaben. Klösterliche Kommunitäten stehen innerhalb dieser Gemeinschaft und haben entsprechend die institutionellen Grundregeln zu achten, die für die ganze Kirche gelten. Unter dieser Voraussetzung ist ihnen jede Freiheit zu gewähren, die Christenmenschen zukommt, um je an ihrem Ort die spezifischen Aufgaben zu erfüllen, die ihnen von Gott gestellt sind.

Rogate-Frage: Was schätzen Sie persönlich an Ihnen bekannten Kommunitäten und Klöstern?

Gunther Wenz: Ich war als Mitherausgeber der Zeitschrift „Una sancta“ häufig in Kloster Niederaltaich an der Donau. Jeder Besuch war für mich ein Erlebnis: die Lage des Ortes, die historische Dimension, die er zu erkennen gibt, die geschwisterliche Atmosphäre, die ökumenische Offenheit, die Bedeutung, die jedem Einzelnen in der Gemeinschaft beigemessen wird. In der Kirche Jesu Christi stehen Individualität und Sozialität paritätisch in Geltung. Um dies einzusehen, muss man nichts ins Kloster gehen; aber man kann es dort, wie ich denke, in besonderer Weise erfahren.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Wenz, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 2. September 14 |19:00 Uhr, VESPERGamle Oslo kro og kirkekor
  • Donnerstag, 4. Sept. 14 |19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Sonnabend, 6. September |18:00 Uhr, musikalische Vesper mit dem «Gamle Oslo kro og kirkekor». Gemeinsam veranstaltet mit der Norwegischen Kirche in Berlin (Sjømannskirken).
  • Unseren Gottesdienstplan für den September finden Sie hier.

 

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