Fünf Fragen an: Volker Faigle, Beauftragter des Rates der EKD für den Südsudan und Sudan

Fünf Freitagsfragen an Dr. Volker Faigle, Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Südsudan und Sudan, über einen fast verborgenen tödlichen Konflikt, sich nicht erfüllende Friedenshoffnungen und die Wichtigkeit pastoraler Visiten in Afrika.

Volker FaigleOberkirchenrat i.R. Dr. h.c. Volker Faigle stammt aus Baden-Württemberg, lebt aber seit vielen Jahren in Berlin. Er studierte evangelische Theologie in Deutschland und den USA, war Pfarrer in Bayern und Kenia und als Oberkirchenrat für die Beziehungen der EKD zu Afrika zuständig. Zuletzt war er in Berlin als Kirchendiplomat im politischen Bereich tätig. Im Ruhestand engagiert er sich weiterhin als Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Südsudan und Sudan. Zudem ist er Vorsitzender des Domkirchenkollegiums am Berliner Dom.

Rogate-Frage: Herr Dr. Faigle, Sie sind Beauftragter des Rates der EKD für den Südsudan und Sudan. Welche Aufgaben sind damit verbunden?

Volker Faigle: Meine Aufgabe besteht zum einen darin, die Gremien der Evangelischen Kirche in Deutschland, aber auch Einrichtungen wie das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung, kontinuierlich über die Lage der Christen und die politischen Entwicklungen in beiden Ländern zu unterrichten. Darüber hinaus nehme ich durch Presseveröffentlichungen und Veranstaltungen öffentlich Stellung zu aktuellen Ereignissen in beiden Ländern. Dazu gehören uunter anderem auch Kontakte zum Auswärtigen Amt und zu anderen, sich mit der politischen Lage und mit Fragen der Menschenrechte befassenden Einrichtungen.

Der zweite Schwerpunkt betrifft die Kirchen im Sudan und Südsudan vor Ort. Dort begleite ich als ökumenischer Partner durch Pastoralbesuche die Kirchen, nehme an Konferenzen der Kirchenräte teil und führe Gespräche mit Kirchenleitungen und Gemeindegliedern. Die persönliche Präsenz von Partnern aus Übersee, die Gespräche und gemeinsamen Gottesdienste bedeuten den dortigen Kirchen in ihrer verzweifelten und scheinbar oft aussichtlosen Lage sehr viel. Neben kirchlichen Kontakten spielen auch die zu Regierungsstellen im Sudan und Südsudan sowie auch zu den Botschaften der beiden Länder in Deutschland eine Rolle.

Rogate-Frage: Sie sind mehrfach im Südsudan gewesen. Wie ist die Lage dort?

Volker Faigle: Im Jahre 2011 hat der Südsudan mit der Unabhängigkeit die lange ersehnte Befreiung von einem islamistisch geprägten und nicht gerade christenfreundlichen Regime erlangt. Die Hoffnung auf ein friedliches und auf eine bessere Zukunft ausgerichtetes Leben hat sich aber nicht erfüllt. Im Gegenteil, seit Dezember 2013 ist ein durch parteiinterne Rivalitäten ausgelöster Machtkampf, der sich mehr und mehr auch zu einem Kampf zwischen den verschiedenen Ethnien ausbreitete, ein Bürgerkrieg ungeahnten Ausmaßes entstanden. Mehr als hunderttausend Menschen haben in wenigen Monaten ihr Leben verloren, eine Million Menschen sind intern oder außerhalb des Landes auf der Flucht. Ein immer wieder angestrebter Waffenstillstand scheiterte bis zum heutigen Tage und die nötige Versöhnung ist in weite Ferne gerückt. Schon gibt es Stimmen, die den Südsudan als unregierbar bezeichnen. Dazu kommt noch die sich anbahnende Hungersnot, da aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen eine ordentliche Bewirtschaftung der Felder nicht möglich ist. Die Enttäuschung unter der Bevölkerung über die jetzt herrschenden Zustände ist unbeschreiblich groß.

Rogate-Frage: Der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, konstatierte im Sommer: „Der Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien ist mehr als zerbrechlich.“ Was kann die Kirche vor Ort beitragen, damit ein Frieden möglicher erscheint?

Volker Faigle: Der Südsudan ist, im Gegensatz zum Sudan, überwiegend christlich geprägt. Auch die Kontrahenten gehören der einen oder anderen christlichen Konfession an. Die Kirche ist die einzige gesellschaftspolitische Kraft, die sowohl im ganzen Land verbreitet ist als auch großes Vertrauen sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den Konfliktparteien genießt. Sie hat sich schon vor Dezember 2013 auf regionaler Ebene um Versöhnung zwischen rivalisierenden Gruppen und Ethnien bemüht und auch erstaunliche und nachhaltige Erfolge erzielt. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs hat sie sich auch in die im äthiopischen Addis Abeba stattfindenden Friedensverhandlungen eingeschaltet. Allerdings ist auch den Kirchen bei den Friedensverhandlungen in Addis Abeba, im Gegensatz zum Jahre 1972, noch kein entscheidender Durchbruch auf nationaler Ebene gelungen. Wichtig ist, dass die Kirchen sich weiterhin politisch neutral verhalten und sie sich nicht von der einen oder anderen Seite vereinnahmen lassen.

Rogate-Frage: Im Juni reiste eine EKD-Delegation in die Krisenregion. Die EKD ließ anschließend verlauten: „Wir wollen die Christen im Südsudan und im Sudan mit unserem Pastoralbesuch wissen lassen, dass sie nicht vergessen sind“. Inwieweit helfen solche Besuche den Menschen dort?

Volker Faigle: Leider sind die übrigen Konfliktherde im Sudan (Darfur, Südkordufan und Blue Nile) wegen des Bürgerkriegs im Südsudan weithin wieder in Vergessenheit geraten. Dazu kommt noch die für die christliche Minderheit im Sudan drohende Marginalisierung durch islamistische Kräfte. Christen im Sudan haben den Eindruck, von der Weltöffentlichkeit vergessen worden zu sein. Ihre Lage wird immer bedrohlicher: Die Ausübung ihres Glaubens in der Öffentlichkeit wird mehr und mehr eingeschränkt und die Anwendung der strengen Scharia-Gesetze droht auch ihnen. Pastoralbesuche sind in dieser Lage notwendige Zeichen der Verbundenheit, der Solidarität und ein klares Signal an die politische Elite, dass die weltweite Ökumene ihre christlichen Schwestern und Brüder, aber auch andere religiöse Minderheiten, nicht vergessen hat. Dies wird neben der EKD u.a. auch beim Erzbischof von Canterbury und im Vatikan so gesehen. Darüber hinaus sind solche Besuche auch immer wieder wichtige Impulse für unsere Kirchen im Norden. Zum einen bezüglich der Fürbitte in unseren Gottesdiensten und zum anderen wegen der notwendigen Unterstützung, sei es durch die Katastrophenhilfe oder durch Projekte im entwicklungspolitischen Bereich. In dem Zusammenhang haben wir sowohl im Südsudan als auch im Sudan festgestellt, welche enorme Bedeutung unsere Unterstützung für die Bereiche der Frauenarbeit und der Bildung hat, insbesondere auch der theologischen Aus- und Fortbildung.

Rogate-Frage: Wie würden Sie eine Fürbitte, also ein Gebet im Gemeindegottesdienst für den Südsudan und die Menschen formulieren?

Volker Faigle: Ich würde in einer Fürbitte für den Südsudan nicht den Sudan mit seinen übrigen Konfliktherden vergessen. Dabei ist mir insbesondere die Lage der bedrängten Christen im Sudan wichtig. Im Südsudan ist vor allem der vielen Leidtragenden, die einen lieben und wichtigen Menschen verloren haben und deren Hoffnung auf ein besseres Leben völlig zerstört ist, zu gedenken. Darüber hinaus sind mir die vielen hunderttausend Menschen, die vertriebenen wurden und innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht sind, ein Gebetsanliegen.

Für die Regierenden und Rivalen ist zu beten. Dass sie zur Einsicht kommen und persönliche Machtinteressen endlich zurückstellen und der Geist der Versöhnung und des Friedens endlich siegt.

Für die Kirchen, dass es ihnen gelingt, der Botschaft der Versöhnung und des Friedens zum Durchbruch zu verhelfen und für uns alle, dass wir in der Fürbitte und tätigen Nächstenliebe nicht nur durch Finanzen, sondern auch durch engagiertes Begleiten unserer eigenen politischen Kräfte Wege für eine bessere Zukunft des Südsudan und Sudan suchen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Faigle, für das Gespräch!

Weitere Informationen: ekd.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • 1975214_857746527575550_8870122910474125824_nHeute, Freitag, 3. Oktober 2014 |15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier.  Predigt: Thomas Schimmel. Hier der Flyer 2014. Mit  dem Kummelby Kirchenchor aus Sollentuna-Stockholm. Orgel: Uwe Schamburek.
  • Dienstag, 7. Oktober 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 9. Oktober 14 | 19:30 Uhr, Komplet, das Nachgebet
  • Sonnabend, 11. Oktober 2014 | 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Mit Gedenken an die Toten des 1. Weltkrieges. Mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Tempelhof-Schöneberg.
  • Unseren Gottesdienst-Plan für den Oktober finden Sie hier. Unseren November-Plan finden Sie hier.
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