Fünf Fragen an: Enno Ehlers zum Welthospiztag 2014

Fünf Freitagsfragen an Pastor i.R. Enno Ehlers, ehrenamtlicher Hospizseelsorger, über Lernbereitschaft in der Seelsorge, Erlebnisse mit Sterbenden und letzte Fragen. Zum Welthospiztag am 11. Oktober 2014.

Pastor i.R. Enno EhlersEnno Ehlers wurde in Vorpommmern geboren. Er lebt in Niedersachsen, genauer: im ehemaligen Großherzogtum Oldenburg, dort im Jeverland. Er ist gelernter Industriekaufman, Diakon, studierte Psychologie (Dipl.-Psych.) in Hamburg, nebenbei Theologie, machte das 2. theologische Examen. Tätig war er im Pfarrdienst der Oldenburgischen Kirche. Er ist dem Friedel-Orth-Hospiz in Jever weiterhin verbunden durch Seelsorge, Gottesdienste und Vorträge. Er arbeitet derzeit an der Herausgabe von Briefen eines Vorfahren, der Arzt bei einem russischen Fürsten war.

Rogate-Frage: Herr Pastor Ehlers, Sie haben lange als Seelsorger in einem Hospiz gearbeitet. Konnten Sie diesen besonderen Dienst sofort leisten oder sind Sie erst Lernender gewesen?

Enno Ehlers: Ein Gemeinplatz vorweg: Seelsorge ohne Lernbereitschaft und Selbstprüfung ist nicht gut vorstellbar.
Nach 30 Jahren Tätigkeit als Pastor war ich mit den Problemen im Zusammenhang mit dem Sterben und dem Tod vertraut. Das betrifft das Gespräch mit Sterbenden wie auch den Umgang mit den Angehörigen. Lernender in einem engeren Sinne war ich nicht.

Rogate-Frage: Was ist das Besondere an der Seelsorge im Hospiz?

Enno Ehlers: Im Hospiz arbeiten Schwestern und wenige Pfleger, die ausschließlich mit Gästen zu tun haben, deren naher Tod mit großer Wahrscheinlichkeit feststeht. Darin unterscheidet sich das Hospiz grundlegend von einem Krankenhaus. Hinzu kommt, daß sich erstaunlich viele Ehrenamtliche engagieren. Zum einen sind es solche, die für den guten Geist im Hause sorgen: Gäste wie auch Angehörige in einer großen Wohnküche begrüßen und bewirten und bei Veranstaltungen sich mit Ideen und Begabungen beteiligen. Zum anderen gibt es etliche Ehrenamtliche, die als ausgebildete Sterbebegleiter Gäste besuchen. Das hatte zur Folge, daß meine seelsorgerliche Tätigkeit sich sowohl in den Krankenzimmern wie auch im Gespräch mit Ehren- und Hauptamtlichen entfaltete und es noch in eingeschränktem Maße tut. Mir war es im Gespräch mit den Mitarbeitern wichtig zu betonen, daß sie in gleichem Maße Seelsorger sind, wie ich es auch bin. Besonders gilt das für die Schwestern, bei denen sich das Haptische mit dem Verbalen verbindet. Die Art und Weise, wie ein Gast berührt und bewegt wird und das begleitende Wort ist in höchstem Maße auch eine Ansprache an die Seele. Der Theologe als Seelsorger hat dieses Geschehen zu deuten und den Gehalt dieses Tuns in einen das Alltägliche überwölbenden Rahmen zu stellen. Analog zu den Gleichnissen Jesu: Das Himmelreich ist gleich…!
Es scheint mir von größter Wichtigkeit für die Pflegenden, sich als in einem solchen Rahmen tätig zu sein zu begreifen. Denn sie sind es, die die Rede von der Liebe Gottes handgreiflich erfahrbar machen.

Rogate-Frage: Haben Sie auch junges Sterben begleitet? Was antworten Sie auf die Frage, warum Gott nach unseren Kriterien und Vorstellungen so früh Menschen zu sich ruft?

Enno Ehlers: Junges Sterben habe ich selten begleitet. In aller Regel sind die Gäste im Hospiz reifere Erwachsene oder ältere Menschen. Zu einem Jungen, der noch keine 20 Jahre alt war und der über ein Jahr im Hospiz lebte, ist es mir nicht gelungen, ein intensiveres Verhältnis zu erlangen. Aus meiner Zeit als Gemeindepfarrer erinnere ich, daß ein Junge eher mich getröstet hat als ich ihn. Auf eine eigentümliche Weise schien er des Trostes nicht bedürftig.

Ich kann nicht mehr davon sprechen, dass Menschen durch eine unheilbare Krankheit von Gott gerufen werden. Das Schlimme, Schmerzhafte, Unheilbare kann ich nicht mit dem Willen Gottes in Verbindung bringen. Sollte es Gottes Wille sein, den Einen zu heilen, den Anderen aber sterben zu lassen? Die Einen in Unfälle zu verwickeln, die Anderen aber nicht?  Welchen Sinn hätte es dann, von Gott zu reden? Archaisches Denken, das alles Geschehen in Gott begründet sah, das nach meiner Einsicht von Jesus überwunden wurde, bringt uns heute in heillose Widersprüche.
Wohl aber kann ich, wenn es denn angezeigt ist, vom Licht, von der Wärme und von der Geborgenheit reden, von denen ich meine, dass sie göttliche Eigenschaften sind, denen wir alle entgegensehen werden. Ich versuche es anschaulich werden zu lassen in Erlebnissen, die mir Sterbende gegönnt haben.

Rogate-Frage: Welche Fragen werden in den letzten Wochen Sterbenden wichtig? Bleiben diese unbeantwortet oder haben Sie gemeinsam Antwortmöglichkeiten gefunden?

Enno Ehlers: Das ist sehr unterschiedlich und kann nur in Bezug auf jeden Einzelnen beantwortet werden.

Erstaunlich ist, daß sehr viel eher bei Menschen ohne kirchliche Bindung die Frage nach der Schuld auftaucht. Womit habe ich das verdient? Den alttestamentarischen Schuld-Ergehens-Zusammenhang gerade bei Menschen dezidiert atheistischer oder agnostischer Grundhaltung vermehrt anzutreffen, hat mich im Anfang meiner beruflichen Tätigkeit verblüfft und verblüfft mich noch immer. Es scheint sich wohl um ein archaisches Empfindungsmuster zu handeln, das dann in verschiedenen religiösen Zusammenhängen seine jeweilige Begründung erfuhr.  Es fiel den Betreffenden schwer, von dieser sie so sehr bedrängenden Frage Abschied zu nehmen. Der jesuanische Geist scheint in gewissen Ausmaß davor zu bewahren.
Manchen Menschen ist es ein Bedürfnis, eine Art Lebensbeichte abzulegen. Sie möchten von ihrem ganzen Leben erzählen, sodaß dafür mehrere Gespräche notwendig sind. Die Aufgabe des Seelsorgers besteht dann im anteilnehmenden Zuhören. Einige Männer haben ausführlich von ihren teils fürchterlichen Kriegserlebnissen erzählt. Auf die Frage, ob dieses schon einmal zur Sprache gekommen sei, wurde mit „Nein!“ geantwortet. Der Trost lag im Zuhören, ein Kommentar verbot sich. Der Tod kam dann bald.

Erstaunlich ist ebenfalls, daß sog. letzte Fragen häufig nicht gestellt werden. Der Kampf im Widerstreit der Gefühle vor dem näherrückenden Ende nimmt sehr viel Energie. Da ist die Begleitung und vorsichtige, dezente Zurückhaltung wichtiger als der Wunsch der Theologen, Antworten zu geben, von denen sie nicht selten meinen, daß sie für alle gültig seien.

Rogate-Frage: Was kommt nach dem Tode? Himmel? Ruhen in Frieden? Himmelfahrt?

Enno Ehlers: Wie soll diese Frage gültig oder nur plausibel beantwortet werden, wenn das Reich des Todes doch unbekannt ist? Das Wort Paradies, das Jesus gegenüber seinem ebenfalls gekreuzigten Nachbarn verwendet, nimmt eine gängige Metapher aus seiner Zeit auf. Er entfaltet nicht inhaltlich, was er damit gemeint hat. Seiner Predigt und seinem Leben gemäß wird die Gottesnähe gemeint sein, die in der irdischen Existenz wie auch jenseits dieser erfahrbar ist und dann ungebrochen sein wird.

Wie jemand gelebt und geglaubt hat, so wird er sterben. Eine Behauptung, deren tendentielle Richtigkeit ich unterstreichen möchte, die sich im Einzelfall aber bewähren wird. Der Glaube, welcher die Liebe ist, versetzt nicht nur Berge sondern öffnet auch den Himmel. „Requiesquat in pace“ ist ein Wunsch! „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt“ ist es ebenfalls. Die Musik öffnet hier gültigere Horizonte, als es Worte vermöchten. Vor einigen Tagen hörte ich wieder die Baß-Arie aus dem Messias „I know that my redeemer liveth.“ Darin: „We shall be changed!“ Wer diese Arie und darin die aufrüttelnde Trompete hört, wird verstehen, dass ich dazu nichts weiter sagen möchte und kann.

Ein Erlebnis doch: Ein Gast, der nicht mehr sprechen konnte, schrieb auf einen Zettel: Ich möchte getauft werden. Auf die Frage, warum er getauft werden möchte, schrieb er: „Ich muß sterben. Heimat.“ In seiner von den Angehörigen erzählten Biographie war vom Kontakt zur Kirche oder anderen Gemeinschaften nicht die Rede. Sein Wunsch war von daher nicht erklärlich. Seine Taufe ging uns sehr nahe. Auch sein Sterben, das ihm schwer wurde.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pastor Ehlers, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Gedenken an die Toten des 1. Weltkrieges.Sonnabend, 11. Oktober 2014 | 12:00 Uhr, Mittagsgebet und Andacht für Trauernde, Neuer-Zwölf-Apostel-Kirchhof, Werdauer Weg 5, S Schöneberg. Mit Gedenken an die Toten des 1. Weltkrieges. Mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Tempelhof-Schöneberg.
  • Dienstag, 14. Oktober 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 16. Oktober 14 | 19:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet, anschließend Mitgliederversammlung des Fördervereins

 

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