Fünf Fragen an: Martin Bindemann, Aktionsgruppe Stolpersteine Kleinmachnow

Fünf Freitagsfragen zum Volkstrauertag 2014 an Martin Bindemann, Diakon der Auferstehungs-Kirchengemeinde Kleinmachnow, über Recherchen in der jüngeren deutschen Geschichte, eine Mut machende Stele und überraschende Entdeckungen in der Ortschronik.

Martin BindemannMartin Bindemann wurde in Jena geboren und wuchs in Greifswald, Stralsund, Rostock, Eberswalde-Finow und Teltow auf. Er ist seit 1997 für den Bereich Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Auferstehungs-Gemeinde tätig. Er engagiert sich für Flüchtlinge und Migranten, für Arbeitslose, für den Erhalt der Natur und die Gemeinde. Die Aktionsgruppe Stolpersteine in Kleinmachnow leitet er.

Rogate-Frage: Herr Bindemann, Sie haben in der evangelischen Kirchengemeinde Kleinmachnow eine Projektgruppe Stolpersteine ins Leben gerufen. Wie ist es dazu gekommen?

Martin Bindemann: Es begann 1995. In einem Jugendgremium, dem Kreisjugendkonvent, hörten die Vertreterinnen und Vertreter unserer Gemeinde von dem Projekt. Damals wurde überlegt, ob es ein denkbares Projekt für Berlin-Zehlendorf sei. In unserer Jugendarbeit war die Überzeugung sofort da, dass dieses auch, oder gerade unser Thema sei. So erklärten sich fünf Jugendliche bereit, die ersten Schritte mit mir zu unternehmen. Wir berieten mit der Kirchengemeinde, gewannen den Heimatverein Kleinmachnow e.V. zur Kooperation und fanden mit dem damaligen Bürgermeister und heutigen Landrat Wolfgang Blasig einen Schirmherren.

Rogate-Frage: Bei Stolpersteinen und der Recherche von Adressen haben sie es nicht belassen, sondern sich auf die Suche nach „Stillen Helden“ begeben. Wie kam es zu der Ausweiterung Ihrer Arbeit?

Martin Bindemann: Während der Recherchen zu den Opfern und dem damit verbunden Recherchieren in den Geschichten des Ortes erfuhren wir nach und nach vom Überleben in Kleinmachnow, vom Versteckern und Verstecken. Drei Leute unserer Gruppe begannen, sehr akribisch zu suchen. Es zeigte sich, dass es einige hörenswerte Berichte aus unserem Ort gibt. Wir begannen, zu sammeln und zu analysieren. Gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und anderen Partnern, wie unter anderem dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv, fanden wir Dokumente, Zeugnisse und Zeugen und konnten beginnen aufzuarbeiten.

Rogate-Frage: Die Erinnerung und Erkenntnis wuchs und wurde zur Stele für Dr. Margarete Sommer. Wer war sie und was haben Sie über sie herausgefunden?

Martin Bindemann: Frau Dr. Margarete Sommer ist nur eine Person auf der Stele. Die Stele ist für allen Mut und alles Überleben. Unter dem Titel: „JA! Ich will eine Stele für den Mut und das Überleben!“ warben und informierten wir etwa 18 Monate lang. Frau Sommer, in der Tat eine Berühmtheit der Stillen Helden, lebte in Kleinmachnow. Sie war angestellt beim Bischöflichen Ordinariat Berlin. Ihr Auftrag, den Schutz und Hilfe für katholisch getaufte Juden, weitete sie aus. Sie organisierte Netzwerke der Hilfe. Sie sorgte für Verstecke, Lebensmittel, (falsche) Papiere und mehr. Sie erhielt mehrere Ehrungen, davon ist die Ehrung in Yad Vashem die wohl international bedeutendste. Darum war es für uns naheliegend, diesen Platz, an dem die Stele aufgestellt werden würde, nach ihr zu benennen. Aber gegen alle Missverständnisse: Die Stele steht für allen Mut und für alles Überleben.

Rogate-Frage: Im Mai 2014 gab es sogar einen großen Festakt für Dr. Sommer. Was war Ihnen wichtig im Gedenken an diese herausragende Persönlichkeit?

Martin Bindemann: Wir sind auf der Suche nach Vorbildern. Mit Frau Sommer haben wir ein solches Vorbild. Aber noch einmal: Es ging uns um alles Tun! Natürlich stand Frau Sommer auch während der Stelen-Übergabe in etwas besonderer Weise im Mittelpunkt. Schon weil die Platzbenennung eine eigene Würdigung darstellt. Dennoch, jede Hilfe, jedes gute Wort, jede Gabe über den Gartenzaun, jedes Begleiten auf Spaziergängen, jede Unterstützung aus Amtsstuben, jedes Vertuschen von zwangsweise geführten Zusatznamen bedeutete Mut und eigenes Risiko. Wer nachhaltig und dauerhaft half, stellte sich auf die Seite der Ausgegrenzten. Jeder Mut bedeutete auch sich selbst und seine Familie in Mitleidenschaft und persönliche Lebensgefahr zu ziehen. Das immer wieder zu sagen ist unserer Gruppe ein Herzensanliegen.

Rogate-Frage:  Warum ist es wichtig, dass christlich-kirchliche Gruppen die Erinnerung an Krieg, Terror und Unterdrückung wachhalten?

Martin Bindemann: Ich denke, gerade die Kirchen stehen in religiöser und gesellschaftlicher Verantwortung. Wir Gemeinden sind Wertevermittler. Zum Wert einer Gesellschaft gehört der Umgang mit Geschichte und Verantwortung. Die Generationen nach 1945 stehen nicht in der Verantwortung der Schuld, aber in der Verantwortung der Erinnerung. Darum, denke ich ist es wichtig, dass sich Kirche(n) dieser Zeit und diesem Thema stellen. Die Rolle der Kirche(n) ist zudem nur ungenügend aufgearbeitet. Bekenntnissynoden und deren Erklärungen, wie zum Beispiel in Barmen, waren sehr wichtig und zukunftweisend. Die Frage ist allerdings, werden diese Bekenntnisse heute noch mit Bedacht gesprochen, beherzigt und behandelt? Auch wenn es Landeskirchen gibt, die Pfarrerinnen und Pfarrer auf die theologischen Erklärung von Barmen ordinieren, steht Kirche auch in der Verantwortung der Erinnerung. Ein nächstes Vorhaben der Aktionsgruppe Stolpersteine wird sich auch damit befassen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Bindemann, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Einladung LichtvesperDienstag, 18. November 2014 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, in der Kapelle der Kirche
  • Donnerstag, 20. November 2014 | 19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet, in der Kapelle der Kirche
  • Dienstag, 25. November 14 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, in der Kapelle der Kirche
  • Donnerstag, 27. November | 19:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet, in der Kapelle der Kirche
  • Sonnabend, 29. November 2014 | 18:00 Uhr, Lichtvesper, Kapelle Zwölf-Apostel-Kirche (mit der Alt-katholischen Gemeinde)
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