Fünf Fragen an: Dr. Jürgen Kaiser, Pfarrer der Französischen Kirche zu Berlin

Fünf Freitagsfragen an Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser, Französische Kirche zu Berlin, über die Freiheit der Kunst nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, Provokationen zum Bekenntnis und was wir Muslimen nicht sagen sollten.

Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser (Bild: Friedrichstadtkirche)

Jürgen Kaiser: 1963 geboren in Saarbrücken, aufgewachsen im saarländischen St. Ingbert. Studium der Ev. Theologie in Erlangen, Heidelberg und Bern. Promotion in Heidelberg mit einer Arbeit über die Deutungen des Sabbats in der Reformationszeit. Von 1996 bis 2003 Pfarrer in Germersheim am Rhein (Ev. Kirche der Pfalz), seit 2003 Pfarrer der Französischen Kirche zu Berlin (Hugenottengemeinde).

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Kaiser, nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris haben Sie in einer Predigt darüber nachgedacht, ob man sich über Religion lustig machen darf. Sie gaben eine positive Antwort. Warum?

Jürgen Kaiser: Die Formulierung, dass man sich über Religion lustig machen darf, habe ich so in der Predigt nicht gewählt und würde es auch so nicht ausdrücken, weil es ja fast wie eine Aufforderung klingt. Es gibt aber gute Gründe dafür, dass Christen auf Spott anders reagieren sollten als mit Abwehr. Zum einen war Christus selbst Hohn und Spott ausgesetzt und hat es erduldet. Dass Christen, wenn sie verhöhnt und bespottet werden, es ebenso erdulden, ist eine Dimension der Nachfolge. Ich meine, dass das auch den Fall einschließt, dass der verhöhnt wird, der uns heilig ist, nämlich Christus selbst. Etwas zu erdulden, heißt aber nicht, gar nicht zu reagieren und zu verstummen. Vielmehr sind Spott und Schmähungen ein Anlass zu fragen, warum einen eine bestimmt Äußerung oder Darstellung verletzt und sich damit bewusst zu machen, warum einem dies oder jenes heilig ist. Wir brauchen Anlässe, unsere Glauben zu verbalisieren, also Provokationen zum Bekenntnis. Außerdem kann man nicht leugnen, dass wir immer auch in der Gefahr stehen, komisch zu werden oder heuchlerisch. Spötter, Satiriker, Karikaturisten decken das auf.

Rogate-Frage: Darf die Kunst alles?

Jürgen Kaiser: Theoretisch ja, faktisch nein. Tatsächlich gibt es Tabuthemen auch für die Kunst. In Deutschland sind es die sensiblen Themen, die mit unserer besonderen Vergangenheit zu tun haben. So verbietet sich etwa jeder künstlerische Ausdruck, der als antisemitisch gedeutet werden könnte. Religiöse Tabus dagegen scheint es kaum mehr zu geben. Mir widerstrebt es, die künstlerische Freiheit einzuschränken. Allerdings müsste öfter mal die Frage gestellt werden, ob denn alles Kunst ist, was vorgibt, Kunst zu sein. Nicht jede Provokation, nicht jede Geschmacklosigkeit darf sich hinter dem Etikett Kunst verstecken.

Rogate-Frage: Brauchen gläubige Menschen den staatlichen Schutz vor vermuteter Gotteslästerung in der Kunst und Kultur? Warum?

Jürgen Kaiser: In Deutschland gibt es noch einen Blasphemieparagraphen. Gotteslästerung ist strafbar, wenn dadurch der öffentliche Friede bedroht wird. Das Pariser Attentat hat auch in der Kirche wieder eine ernsthafte Diskussion über diesen Paragraphen entfacht. Seine Befürworter sehen in ihm ein Symbol dafür, dass unser Staat ein grundsätzlich positives Verhältnis zur Religion hat und ihre Ausübung schützt. Allerdings geben auch die Befürworter zu, dass der Paragraph kaum mehr anwendbar ist. Außerdem wird die Kirche sich genau überlegen, mit Berufung auf diesen Paragraphen rechtlich gegen Äußerungen in Wort oder Bild vorzugehen. Sie könnte sich den Ruf der Humorlosigkeit, Intoleranz und Kleingeistigkeit einhandeln. Ich meine, wem eine Äußerung nicht passt, soll sich selbst kritisch und begründet damit auseinandersetzen, anstatt bei Verwaltungen und Gerichten Verbote zu erwirken. Nicht nur die Kritiker haben das Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern auch Gläubige. Sie sollten mehr Gebrauch davon machen.

Rogate-Frage: Hat Gott Humor? Was, vermuten Sie, lässt ihn lachen?

Jürgen Kaiser: „Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer und der Herr spottet ihrer.“ (Psalm 2,4) Er lacht über die Herren der Welt, über alle, die sich als Gott aufspielen. Humor ist ein Regulativ. Das Übergroße und Unerträgliche wird auf menschliches Maß reduziert und das allzu Kleine erhöht. Das Leben unter totalitären Regimen ist oft nur mit Humor auszuhalten. In der Nazizeit blühte der Witz ebenso wie in der DDR. Menschen, die sich übermäßig aufplustern und mit Angstmachen andere beherrschen, werden durch Witze klein gemacht und verlieren ihren Schrecken. Monotheistische Religionen sind in gewisser Weise auch totalitäre Regime, indem sie Anspruch auf den ganzen Menschen und sein ganzes Leben erheben. Deshalb ist Humor gerade für religiöse Menschen unabdingbar. Die Juden sind Meister des religiösen Witzes, er ist im Grunde Teil der jüdischen Spiritualität. Und natürlich ist Gott ihr Lehrmeister. Schon die Erzählung vom Turmbau zu Babel zeigt Humor, denn offenbar war der Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte, so mickrig, dass Gott runterkommen musste, um ihn zu sehen (1. Mose 11,5). Das Lachen über die, die sich selbst erhöhen, durchzieht die hebräische Bibel, als Beispiele sei an die Erzählung von David und Goliath, die Esthergeschichte, die Satire über die Götzenmacher (Jesaja 44) erinnert.

Das Neue Testament scheint humorloser. Tatsächlich aber ist die Idee Gottes, Mensch zu werden, eine Offenbarung seines Humors: ein Gott, der sich selbst klein, menschlich und sterblich macht. Die Leute fanden das damals allerdings nicht witzig. Sie reagierten todernst. Gott hat es am Ende gewendet und der Humorlosigkeit den Garaus gemacht. Das Osterlachen ist der Beginn des christlichen Glaubens.

Rogate-Frage: Was können wir Christen zur Versöhnung in den Konflikten unserer Tage beitragen?

Jürgen Kaiser: Wir können von den Juden den Humor lernen und das Gelernte an die Muslime weitergeben – ohne zu verraten, dass wir es von den Juden haben, denn da verstehen die keinen Spaß.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Kaiser, für das Gespräch!

Mehr über die Französische Kirche zu Berlin finden Sie hier: franzoesische-kirche.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenen Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg, Lageplan:

  • Dienstag, 27. Januar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 3. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 10. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Dienstag, 17. Februar 15 | 19:00 Uhr, Vesper, in der Kapelle der Kirche.
  • Donnerstag, 19. Februar 2015 | 20:30 Uhr, Komplet in der Kapelle der Kirche mit Austeilung des Aschekreuzes zu Beginn der Passionszeit.
  • Unseren Aushang mit den Gottesdienstterminen im Januar finden Sie hier.
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