Fünf Fragen an: Dagmar Wegener, Pastorin der Baptistischen Gemeinde Schöneberg

Fünf Freitagsfragen an Gemeindepastorin Dagmar Wegener, Baptisten Schöneberg, über die Identität ihrer Freikirche, Alltagsspiritualität und das freie Gebet.

Pastorin Dagmar WegenerDagmar Wegener kommt ursprünglich aus dem hohen Norden. Sie studierte Pädagogik und Theologie. Sie engagiert sich für die Frage, wie Kirche im 21. Jahrhundert sein sollte, damit sie relevant für die Menschen ist.

Rogate-Frage: Frau Pastorin Wegener, was macht eine baptistische Identität aus?

Dagmar Wegener: Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, die sich der Freiheit verpflichtet fühlen. Wir als Freikirche haben uns einige Grundsätze gegeben, die wir immer wieder neu buchstabieren lernen müssen. Diese Grundsätze waren von Anfang an davon geprägt, dass alle Menschen frei sein sollen, selbst zu entscheiden. Darum taufen wir zum Beispiel keine Babys. Für uns war außerdem wichtig, dass Kirche und Staat getrennt sind. Darum bezahlen unsere Mitglieder keine Kirchensteuer. Wir finanzieren uns also ausschließlich von Spenden. Auch hier spielt die Freiheit eine große Rolle. Alle können entscheiden, ob und wie viel sie geben wollen oder können. Es gibt sogenannte baptistische Prinzipien, auf die sich die meisten baptistischen Gemeinden beziehen würden. Diese aber werden jedoch unterschiedlich interpretiert und ausgelegt.  Auch hier gibt es kein Dogma, wie etwas zu handhaben ist. Das führt dazu, dass unsere Gemeinden sehr unterschiedlich sind. Es gibt sehr konservative Gemeinden und sehr offene.

Ich persönlich würde mich den folgenden Prinzipien zuordnen. Diese haben wir mit einer Gruppe von Menschen entwickelt, die sich „Kirche 21“ nennt. Diese Gruppe beschäftigt sich damit, wie wir Kirche im 21. Jahrhundert sein können.

– Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, die als an Jesus Christus Gläubige – das schließt alle ein, die sich als Glaubende verstehen – unmittelbar mit Gott verbunden sind und untereinander gleichwertig sind. In ihrer Gemeinschaft sind alle Ämter und Funktionen gleichwertig und stehen allen offen.
– Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, sich in selbstständigen Gemeinschaften lokal organisieren und sich regional und weltweit vernetzen.
– Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, die Zuwendung Gottes zum Menschen, die Versöhnung mit Gott feiern und Menschen taufen, die ihren Glauben an Jesus Christus aus freiem Willen bekennen.
– Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, die Bibel als Gottes Wort in Menschenwort verstehen und ihren Glauben und ihr Leben allein an ihr orientieren.
– Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, als Gemeinschaft der Glaubenden am Wirken Gottes in der Welt teilhaben, indem sie durch ihr Leben die Güte Gottes vermitteln und sich für Gerechtigkeit einsetzen.
– Baptistinnen und Baptisten sind Menschen, sich für die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und der Religionsausübung einsetzen und für die Trennung von Kirche und Staat eintreten.  … von Gott zur Freiheit berufen sind und in Verantwortung vor Gott und ihrem eigenen Gewissen Jesus nachfolgen!
Nicht alle Baptistinnen und Baptisten würden diese Prinzipien mit mir teilen. Auch das ist Teil der Freiheit.

Rogate-Frage: Wie würden Sie einem Lutheraner oder Katholiken die Spiritualität Ihrer Kirche und Ihres Glaubens erklären?

Dagmar Wegener: Bei uns gibt es eine starke Alltagsspiritualität. Die Menschen bemühen sich um ein intensives eigenes Bibelstudium und ein intensives Gebetsleben. Der Glaube soll jeden Tag gelebt werden, nicht nur am Sonntag. Er soll das prägendes Element des Handelns und Denkens sein. So sieht zumindest das Idealbild einer persönlichen Spiritualität bei uns aus. In unserer Kirche gesamt gibt es auch in der Frage nach der Spiritualität keine einheitliche Antwort. Eine einheitliche Liturgie gibt es nicht. Jede Gemeinde ist frei, ihren Gottesdienst so zu gestalten, wie sie will.
In unserer Gemeinde hier in Berlin-Schöneberg gibt es in den Gottesdiensten Textlesungen, Gemeindegesang, Vortragslieder, eine Predigt, einen Segen, das Vaterunser und alles, was es in den meisten anderen Kirchen auch gibt. Der Grundton ist aber bei den meisten Elementen lockerer und flexibler als in den meisten anderen Kirchen.
Als baptistische Gemeinden kennen wir keine Sakramente und keine Ämterhierarchie. Darum dürfen alle das  Abendmahl ausgeben, alle taufen und alle predigen. Auch das ist wichtig für unsere Spiritualität. Es gibt bei uns auch Menschen, die besonders als Pastorinnen und Pastoren ausgebildet werden, diese haben aber nicht mehr Rechte oder Pflichten als andere. Sie haben eine theologische Ausbildung und nutzen diese auch. So werden Predigten in unseren Gemeinde oft von den Pastorinnen oder Pastoren gehalten, aber vom Grundsatz her haben sie keine besondere klerikale Rolle.

Rogate-Frage: Die Taufe hat eine besondere Ausprägung bei Ihnen. Wie verhält es sich mit dem Gebet im Gottesdienst und im Alltag?

Dagmar Wegener: Wie schon gesagt: Das Gebet im Alltag ist sehr wichtig bei uns. Viele Baptistinnen und Baptisten beten frei, ohne vorgefasste Gebete. Wir formulieren selbst, was wir Gott sagen wollen. Das ist auch im Gottesdienst so. Es ist eher selten bei uns, dass ein Gebet vorformuliert ist. In manchen Gemeinden gibt es einen Punkt im Gottesdienst, an dem die Menschen, die zum Gottesdienst kommen, gebeten werden, ihre Gebete laut für alle zu formulieren. Gebetsgemeinschaften im Gottesdienst sind also oft bei uns üblich.

Rogate-Frage: Welche Verhältnis hat Ihre Kirche zu geistlichen Gemeinschaften, Klöstern und Kommunitäten?

Dagmar Wegener: In unserer Tradition gibt es keine ausgeprägte klösterliche Ausrichtung. Es gibt bei uns Menschen, die sich zu geistlichen Gemeinschaften zusammen schließen. Auch besuchen viele von uns Klöster, um zur Ruhe zu kommen und Stille zu erleben.

Rogate-Frage: Was ist das Besondere an Ihrer Schöneberger Gemeinde?

Dagmar Wegener: Die Schöneberger Gemeinde ist eine Gemeinschaft, die für alle Menschen offen ist. Wir haben einen Claim und ein Logo, die das deutlich machen. Der Claim lautet „Bei Gott sind alle willkommen. Alle.“ und unser Logo zeigt einen Menschen mit ausgebreiteten Armen. Diese Figur symbolisiert erstmal Jesus Christus, der mit ausgebreiteten Armen alle willkommen heißt. Und diese Figur sind wir alle, die wir Jesus Christus hinterher gehen.
Wenn man genau hinschaut, sieht man bei unserem Logo, dass es immer andere Personen sind, die da mit ausgebreiteten Armen stehen. Die ganze Vielfalt unserer Gemeinde wird hier deutlich. Wir alle zeigen Jesus Christus in dieser Welt und heißen alle willkommen. Das Besondere an unserer Gemeinde ist die Vielfalt, würde ich sagen.

Rogate: Vielen Dank, Frau Pastorin Wegener, für das Gespräch!

Mehr über die Baptisten in Schöneberg finden Sie hier: baptisten-schoeneberg.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 17. März 15 | 19:00 Uhr, VESPER in der Kirche, anschließend Rogate-Abend zur Lage und Leben der Christen im Orient, Kleiner Saal. Referent: Matthias Disch.
  • Donnerstag, 19. März 15 | 20:30 Uhr, Meditative Passionsandacht, in der Kapelle
  • Dienstag, 24. März 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, danach Bibelgespräch
  • Donnerstag, 26. März 15 | 20:30 Uhr, Meditative Passionsandacht, in der Kapelle
  • Sonnabend, 28. März 2015 | 18:00 Uhr, ökumenische Vesper in der Kirche, mit der Alt-katholischen Gemeinde
  • Sonntag Palmarum, 29. März 15 | 10:00 Uhr, Gottesdienst in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße)
  • Dienstag, 31. März 15 | 19:00 Uhr, Vesper in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße)
  • Gründonnerstag, 2. April | 19:00 Uhr, Eucharistie in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße)
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