Fünf Fragen an: Manfred Gailus, Zentrum für Antisemtismusforschung an der TU Berlin

Fünf Freitagsfragen an Manfred Gailus, außerplanmäßiger Professor im Zentrum für Antisemtismusforschung an der TU Berlin, über die Anfälligkeit der Protestanten für den Nationalsozialismus, eine „Synagoge am Nollendorfplatz“ und ihre gespaltene Gemeinde.

MANFRED GAILUSManfred Gailus, geboren in Winsen/Luhe (Niedersachsen), studierte Geschichtswissenschaft und Politischen Wissenschaften an der FU Berlin. 1988 Promotion zum Dr. phil. an der TU Berlin. 1999 ebenda Habilitation. Seine Forschungsschwerpunkte sind:  Sozialer Protest und soziale Bewegungen, Politik- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Geschichte des Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert, Protestantismus und Nationalsozialismus, Antijudaismus und Antisemitismus sowie Religionsgeschichte im 20. Jahrhundert.

Rogate-Frage: Herr Professor Gailus, was machte die Protestanten so anfällig für die Ideologie der Nationalsozialisten und warum haben bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 in fast allen Kirchengemeinden die „Deutschen Christen“ (DC) die Mehrheit gewonnen?

Manfred Gailus: Die große Anfälligkeit der Protestanten resultierte vor allem aus ihrer starken Neigung zum Nationalismus; spätestens im Ersten Weltkrieg war ein großdeutscher Nationalismus zur zweiten, politischen Religion der deutschen Protestanten geworden. Das Völkische empfanden sie als sehr attraktiv, dort schlossen sie sich an. Gegen Ende der Weimarer Republik gingen dann die protestantischen Optionen von der stark schrumpfenden DNVP zur NSDAP über. Das Jahr 1933 empfanden sie als eine religiös-politische Erweckung und fügten sich vielfach freudig ein in den „nationalen Aufbruch“.

Rogate-Frage: Große Teile der Berliner Pfarrerschaft wollten eine völkische Umwandlung. Was hat die Mehrheit der evangelischen Pfarrer der Berliner Kirche dazu getrieben? Und warum waren römisch-katholische Priester weniger anfällig für diese Ideologie?

Manfred Gailus: Was generell für die Protestanten zutraf, das lässt sich allemal für die evangelischen Theologen, die Pfarrer, sagen. Als Deutsche Christen waren sie auf doppelte Weise gläubig – Christen waren sie und wollten sie bleiben, zugleich glaubten sie an Hitler und den Nationalsozialismus als wahre Erlösung der leidgeprüften Deutschen. Katholiken, insbesondere Priester, waren Bestandteil der von Rom aus geleiteten, übernationalen Weltkirche. Politischer Nationalismus hatte hier wenig Geltung. In der streng hierarchisch aufgebauten katholischen Kirche konnte sich eine Massenbewegung wie die Deutschen Christen nicht ausbreiten. Es gab zwar auch einige „braune Priester“, aber im Vergleich mit den Protestanten blieb ihr Anteil verschwindend gering. Das schloss nicht aus, dass in rein katholischen Regionen wie Süd- und Südwestdeutschland die katholische Bevölkerung ebenfalls weitgehend am NS teilnahm und mitmachte, siehe München!

Rogate-Frage: Die Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche wurde in Nazi-Kreisen auch „Synagoge am Nollendorfplatz“ genannt. Warum?

Manfred Gailus: Dieser Name resultierte aus dem Wirken von Pfarrer Adolf Kurtz und seiner „nichtarischen“ Ehefrau; sie zeigten viel Zuwendung gegenüber den Verfolgten, so dass das Pfarrhaus Kurtz für ganz Berlin den Ruf erhielt: hier erhalten Juden und andere „Nichtarische“ Hilfe. Es lassen sich eine Reihe von Beispielen für diese Hilfe aufzählen, das wird Hartmut Ludwig in seinem Vortrag sicher berichtet haben. „Synagoge am Nollendorfplatz“ war für die Nazis ein herabwürdigender Spottbegriff, um diese – in ihren Augen unerwünschten – Tätigkeiten zu denunzieren.

Rogate-Frage: Sie sagten in einem Vortrag, dass es sich bei Zwölf-Apostel um eine „gespaltene Gemeinde“ handelte. Wie war es möglich, dass überhaupt Widerstand deutlich wurde. Wie konnte man im Nationalsozialismus in dieser Kirchengemeinde offen streiten, wo doch der Staat auf der Seite der Deutschen Christen stand?

Manfred Gailus: „Gespaltene Gemeinde“ war die Gemeinde, weil die zwei Richtungen – Deutsche Christen und Bekennende Kirche (BK) – hier präsent waren und gegeneinander um Geltung und Vorherrschaft stritten. Die Haltung der BK bedeutete nicht Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern Opposition in der Kirche gegen den Machtanspruch der Deutschen Christen, die man als Häretiker, als Irrlehrer, ansah. Gespalten war auch das evangelische Berlin insgesamt durch diesen Kirchenstreit, so dass die Verhältnisse der Zwölf-Apostel-Gemeinde das Geschehen in der Reichshauptstadt insgesamt widerspiegeln.

Rogate-Frage: Sie beschreiben die Sicht der meisten Protestanten kurz vor dem Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 so: „Verbreitete Ängste vor Überfremdung, vor den Folgen angeblich schrankenloser Freiheit und Verweltlichung, vor dem Verfall von Glaube, Moral und Sitte, eine drohende Vorherrschaft der so genannten „Gottlosen“ – alles dies gehörte zu den Grundmustern konservativ-kirchlicher Wahrnehmung in einer dynamischen Metropole wie Berlin um 1930.“ Inwiefern ist diese Sicht nicht auch ähnlich mit dem Weltbild von christlichen Fundamentalisten, Populisten und Protestwählern unserer Tage?

Manfred Gailus: Ja, manche Ähnlichkeiten könnte man wohl sehen, aber heute sind es doch Minoritäten, kleinere Gruppen, die sich so stark von Überfremdung, Säkularisierung et cetera bedroht fühlen. Um 1930 dachte die gesamte Kirche – von wenigen Ausnahmen abgesehen – so oder ähnlich. Heute haben wir – Gott sei Dank – eine ganz andere Kirche. Sie macht nicht bei Pegida mit, sondern stellt sich mit anderen gegen Pegida und gegen die gefährlichen Ressentiments, die durch solche aktuellen Bewegungen bedient werden.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Gailus, für das Gespräch!

Weitere Informationen: Zentrum für Antisemtismusforschung an der TU Berlin sowie über Manfred Gailus hier: manfred-gailus.de.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 24. März 15 | 19:00 Uhr, Vesper. Wir beten für die Opfer des Absturzes von 4U9525‬ und ihre Angehörigen. Später dann unser Bibelgespräch.
  • Donnerstag, 26. März 15 | 20:30 Uhr, Meditative Passionsandacht, in der Kapelle
  • Sonnabend, 28. März 2015 | 18:00 Uhr, ökumenische Vesper in der Kirche, mit der Alt-katholischen Gemeinde
  • Sonntag Palmarum, 29. März 15 | 10:00 Uhr, Gottesdienst in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße)
  • Unseren März-Plan finden Sie hier. Den April-Plan hier.
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