Fünf Fragen an: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg

Fünf Freitagsfragen an Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, über eine garantierte öffentliche Religionsfreiheit, eine Welt ohne Krieg und die christliche Verpflichtung gegenüber Flüchtlingen.

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Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Winfried Kretschmann wurde 1948 in Spaichingen geboren. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er hat Biologie und Chemie für das Lehramt an Gymnasien studiert und war danach als Lehrer tätig. Er ist Gründungsmitglied der baden-württembergischen Grünen und ehrenamtlich in der römisch-katholischen Kirche engagiert. Mit einer kurzen Unterbrechung ist Kretschmann seit 1980 Mitglied im Landtag in Stuttgart. Seit 2011 ist er Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Rogate-Frage: Herr Ministerpräsident Kretschmann, wie privat oder wie öffentlich darf und muss der Glaube sein? Ist die Religion Privatsache? Warum?

Winfried Kretschmann: Religion ist Privatsache, wenn es darum geht, dass und wie der Einzelne den staatlich freigehaltenen „Leerraum“ (Jeanne Hersch) mit seiner Freiheit füllt. Die Glaubensfreiheit ist zuvorderst ein Individualrecht. Religion verlässt aber den Raum des Privaten, wo sie als Gemeinschaft Teil der Zivilgesellschaft ist und damit für ein demokratisches Gemeinwesen und für den Staat konstitutiv wird. Unsere Verfassung enthält sich einer Bewertung der Religionen und bleibt selbst religiös neutral. Aber sie erkennt und anerkennt neben dem persönlichen eben auch den gesellschaftlichen und gesellschaftsrelevanten Charakter der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Sie schützt also nicht nur die individuelle Religionsfreiheit, sondern auch eine öffentliche Religionsfreiheit, in der Religionsgemeinschaften gesellschaftlich sichtbar und wirksam werden. Denn unsere Gesellschaft braucht Gemeinschaften, in denen gemeinsame Werte zum Wohle aller gelebt und in die Gesellschaft eingebracht werden.

Rogate-Frage: In unseren Tagen brennt es durch kriegerische Auseinandersetzungen und Gewalt an vielen Enden der Welt. Welche Friedenspolitik würden Sie verfolgen? Frieden schaffen ohne Waffen?

Winfried Kretschmann: Ich glaube, es gibt niemanden, der sich nicht wünschen würde, dass die Forderung „Nie wieder Krieg“ endlich weltweite Wirklichkeit würde. Eine Welt ohne Krieg und Gewalt bleibt oberstes Ziel, das wir nicht aufgeben dürfen. Aber vom paradiesischen Zustand einer friedlichen Welt sind wir leider sehr weit weg.

Aus der Geschichte wissen wir auch, dass sich Terror, Diktatur, Völker- und Massenmord sowie Krieg nicht immer mit friedlichen Mitteln verhindern oder beseitigen lassen. Demokratie, Menschenrechte und Freiheit sind Werte, die wir im Zweifel auch wehrhaft verteidigen müssen. Gerade angesichts der Tatsache, dass sich in einer globalisierten Welt militärische Konflikte und die Folgen eines immer brutaleren Terrors räumlich kaum begrenzen lassen, muss eine an sich friedliche und zivile Gesellschaft auch in der Lage sein, sich zu schützen und im Verbund der europäischen und weltweiten Staatengemeinschaft auch militärisch zu agieren.

Rogate-Frage: Nach Uno-Angaben sind derzeit 57 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, so viele wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Der Berliner Senat geht davon aus, dass in diesem Jahr 15.000 davon in der Hauptstadt ankommen werden. In der Flüchtlingspolitik ist Ihr Name in den vergangenen Monaten häufig gefallen. Was muss passieren, um ein flüchtlingsfreundlicheres Land zu werden? Welche Politik würden Sie verfolgen?

Winfried Kretschmann: Asyl für politisch Verfolgte ist ein Grundrecht. Der humane Umgang mit Flüchtlingen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die der gemeinsamen Anstrengung aller politischen Ebenen und aller zivilgesellschaftlichen Kräfte bedarf. Hier darf niemand wegschauen. Ich bin deshalb sehr dankbar dafür, dass der gesellschaftliche Konsens darüber groß ist, dass uns die Not dieser Menschen etwas angeht und wir Ihnen gegenüber eine humanitäre und erst recht christliche Verpflichtung haben.

Andererseits darf man aber auch nicht die Augen vor den praktischen Herausforderungen, zum Beispiel bei der Unterbringung, verschließen. Auch ist das Asylrecht der falsche Weg, wenn Menschen bei uns arbeiten wollen. Wenn wir das Asylrecht nicht überfordern wollen, brauchen wir humane Bleiberechtsregelungen und ein Einwanderungsrecht. Und nicht zuletzt müssen wir natürlich auch die Fluchtursachen bekämpfen.

Rogate-Frage: Sie sagen in einem Beitrag: „… wir uns jederzeit von Gott geliebt wissen dürfen. Es beschreibt die drei wichtigen Grundhaltungen vor Gott: Danken, Bitten und Loben.“ Wann kommen Sie als Politiker dazu? Wann haben Sie Zeit für Ihre Frömmigkeit, Gottesdienstbesuche und das Leben mit Gott?

Winfried Kretschmann: Ein politisches Amt bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten, aber es fordert einen auch sehr. In der Politik sind täglich viele, auch unangenehme Entscheidungen unter großem Zeitdruck zu treffen. Umso wichtiger sind mir Zeiten, in denen ich Abstand gewinnen und innehalten kann, um mein Tun zu reflektieren und in größeren Dimensionen zu denken. Ich achte deshalb darauf, dass ich in meinem angefüllten und oft hektischen Alltag Freiräume habe, in denen ich Zeit für Anderes finde. Etwa das Hören geistlicher Musik ist für mich eine gute Brücke, den Kopf frei für das Wort Gottes zu bekommen. Und wenn immer es geht, gehe ich an den Sonn- und Feiertagen in die Kirche, um mit der Gemeinde Eucharistie zu feiern.

Rogate-Frage: Kritische Christen waren eine der Quellen der Grünen. Welches Ansehen haben Gläubige, Glaube und die Kirche heute in Ihrer Partei? Und warum?

Winfried Kretschmann: Ich denke, viele Menschen sehen, dass grün und Christ sein gut zusammenpasst. Bei der Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg wurde erhoben, dass von den Grünen-Wählern 30 Prozent der katholischen, 39 Prozent der evangelischen und 24 Prozent keiner Konfession angehören. Das entspricht in etwa auch der Verteilung der Gesamtwählerschaft. Das Ergebnis zeigt, dass die grüne Partei als aufgeschlossen gegenüber allen Bekenntnissen oder auch Nicht-Bekenntnissen wahrgenommen wird.

Die Grünen verstehen sich aber nicht als christliche, sondern als eine werteorientierte Partei. Und hinsichtlich ihrer Werteorientierung gibt es tatsächlich viele Berührungspunkte und gemeinsame Themen mit den Christen: Bewahrung der Schöpfung, Gentechnik, Inklusion, Solidarität, Entwicklungshilfe, Friedenspolitik, Flüchtlingspolitik, Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit… Hier befruchten sich grüne und christliche Wertvorstellungen gegenseitig. Es gab und gibt deshalb bei den Grünen ganz selbstverständlich kirchennahe Strömungen, aber eben auch distanzierte beziehungsweise kritische. So gibt es bei den Grünen natürlich auch Stimmen, die das bisherige Staat-Kirche-Verhältnis anfragen und sich hier Weiterentwicklungen wünschen – bis hin zu manchen, die eine stärkere Trennung fordern.

Rogate: Vielen Dank, Herr Ministerpräsident, für das Gespräch!

Weitere Informationen über Ministerpräsident Kretschmann finden Sie hier: stm.baden-wuerttemberg.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten:

  • Sonnabend, 28. März 2015 | 18:00 Uhr, ökumenische Vesper in der Kirche, mit der Alt-katholischen Gemeinde, Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg
  • Sonntag Palmarum, 29. März 15 | 10:00 Uhr, Gottesdienst in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße)
  • Findet trotz Sturmes statt: Dienstag, 31. März 15 | 19:00 Uhr, Vesper in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße). Orgel: Manuel Rösler.
  • Gründonnerstag, 2. April | 19:00 Uhr, Eucharistie in der Michaelskirche, Bessemer Straße 97/101, 12103 Berlin-Schöneberg, Bus 106 (Richtung Lindenhof, Haltestelle Bessemer Straße). Orgel: Shin-Hyang Yun.
  • Karfreitag, 3. April 15 | 15:00 Uhr, KREUZWEG-ANDACHT, Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg
  • Ostermontag, 6. April 15 | 10:00 Uhr, ökumenische Eucharistie, mit der Alt-katholischen Gemeinde, Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg
  • Dienstag, 7. April 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Donnerstag, 9. April 15 | 20:30 Uhr, Komplet, das Nachtgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Unseren März-Plan finden Sie hier. Den April-Plan hier.
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