Fünf Fragen an: Fernando Enns, Professor für Friedenstheologie an der Universität Hamburg

Fünf Freitagsfragen an Fernando Enns, Professor an der Freien Universität Amsterdam, über die Mennoniten, ihre Kirche, Theologie und die Frage, ob Christen töten dürfen.

Prof. Dr. Fernando Enns

Dr. Fernando Enns ist Professor für (Friedens-)Theologie und Ethik an der Freien Universität Amsterdam und Leiter der „Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen“ an der Universität Hamburg. Geboren ist er in Brasilien, studierte Evangelische Theologie in Heidelberg und Mennonitische Theologie in Elkhart/Indiana. F. Enns engagiert sich seit vielen Jahren vor allem im Weltkirchenrat für Frieden und Gerechtigkeit sowie für die Ökumene.

Rogate-Frage: Herr Prof. Dr. Enns, was macht die Mennoniten und Ihre Kirche aus? Woher kommt diese Konfession und wo findet man deren Gemeinden?

Fernando Enns: Mennoniten entstammen der Täuferbewegung der Reformation des 16. Jahrhunderts – manchmal auch als „linker Flügel“ der Reformation bezeichnet. Es ist die älteste Evangelische Freikirche in Deutschland. Mennonitengemeinden gibt es überall in Deutschland: im Norden eher die alten Stadtgemeinden, wie Hamburg oder Emden, im Süden eher in ländlichen Gebieten, der Pfalz oder in Bayern. Seit den 1970er Jahren sind viele Mennoniten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen und haben vor allem in Nordrhein-Westfalen große Gemeinden gegründet.

Rogate-Frage: Was glaubt ein Mennonit? Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten gibt es im Vergleich zu Lutheranern oder Katholiken?

Fernando Enns: Mit den anderen Kirchen der Reformation glauben die Mennoniten auch, dass der Mensch allein aus der Gnade Gottes zum Glauben an Christus kommt.

Im Unterschied zu anderen Traditionen taufen Mennoniten keine Babys, sondern Jugendliche und Erwachsene, die sich für den Glauben und die Mitgliedschaft in der Kirche aus freien Stücken entscheiden. Mennoniten stehen für eine klare Trennung von Kirche und Staat, zahlen daher keine Kirchensteuer, sondern überlassen dies der freiwilligen Einschätzung der Einzelnen.

Es gibt auch keine Kirchenhierarchien, das reformatorische „Priestertum aller Gläubigen“ wird tatsächlich gelebt. In der Ökumene engagieren wir uns seit vielen Jahrzehnten für ein förderliches Miteinander.

Rogate-Frage: Wie sind mennonitische Gottesdienste aufgebaut? Welche Rolle spielt der Kultus?

Fernando Enns: Der Gottesdienst am Sonntagmorgen ist der zentrale Treffpunkt der Gemeinde. In Liedern, Musik, Gebeten und Predigt findet die Gemeinde Stärkung, Tröstung und Orientierung.

Die Liturgie ist einfach gehalten. Wichtig ist der persönliche Austausch, die gegenseitige Anteilnahme und die gemeinsame Verantwortung für die Ortsgemeinde.

Rogate-Frage: Warum wissen sich mennonitische Christen in besonderer Form dem Frieden verpflichtet? Woher kommt der Begriff der Friedenskirche?

Fernando Enns: Wie bereits die Täufer des 16. Jahrhunderts, so meinen auch die Mennoniten heute, dass Christen nicht zuerst an ihren Worten, sondern vor allem an ihren Taten erkennbar sein sollten. Ein Leben in der Nachfolge Jesu bedeutet, den Lebensweg Jesu und seine Lehre (wie in der Bergpredigt) tatsächlich so ernst zu nehmen, dass man versucht, das eigene Leben entsprechend zu gestalten. Ein zentrales Element ist die Gewaltfreiheit. Sie meint nicht Passivität oder Rückzug aus der Gesellschaft, sondern aktive Suche und Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, im nahen Umfeld wie auch in der globalen Menschheitsfamilie, und einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Da Mennoniten in Europa vor allem durch ihre Kriegsdienstverweigerung und Nothilfe für Andere bekannt sind, nannte man sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts „historische Friedenskirche“ – neben den Quäkern und der Church of the Brethren.

Rogate-Frage: Dürfen Christen töten?

Fernando Enns: Nein. Die biblischen Zeugnisse im Alten wie Neuen Testaments sind hier eindeutig. Nicht nur darf der Mensch nicht andere Menschen töten, sondern er soll – so die Weisungen Jesu – sogar die Feinde lieben. Es ist der Respekt und die Anerkennung, dass das Leben Gott, dem Schöpfer, allein gehört und der Mensch, als Teil der Schöpfung, sich nicht zum „Herrn über Leben und Tod“ machen sollte.

Daher wird militärische Gewalt – auch als sogenannte „ultima ratio“ – im Allgemeinen abgelehnt. Stattdessen sollen Christen sich für einen aktiven Friedensdienst einsetzen, so weit es in ihrer Macht steht.

Aber: es gibt in Mennonitengemeinden keine bindende Vorschrift, dies so zu vertreten. Das freie Gewissen der Einzelnen wird stets geachtet.

Rogate-Frage: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ (Brief an die Römer 15.7). Was sagt Ihnen dieses Bibelwort?

Fernando Enns: In Jesus Christus hat Gott gezeigt, wie er alle Menschen annimmt: in Liebe, die durch Vergebung befreit von aller Schuld, aber auch vor aller Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Wie Jesus die Menschen annahm – meistens Menschen am Rande der Gesellschaft, Verpönte, Selbstgerechte, Arme, Hungrige, Ausländer, Männer und Frauen, ja sogar Feinde, so können auch wir uns gegenseitig annehmen – weil uns die Gewissheit der Liebe Gottes zu solch einem Leben befreit, die den Blick auf die Ängste und Nöte der Nächsten, auch der weit Entfernten, richten lässt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Enns, für das Gespräch!

Weitere Information: Mehr zur Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 5. Mai 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink.

    Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink.

    Donnerstag, 7. Mai 15 | 20:30 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands. Ansprache: Militärbischof Dr. Sigurd Rink. Mit Pastorin Ann-Katrin Bosbach, Victoria-Gemeinde. Orgel: Malte Mevissen.

  • Freitag, 8. Mai 15 | 18:15 Uhr, Andacht mit Gedenken des Kriegsendes vor 70. Jahren und der Befreiung Deutschlands, Dorfkirche, Alt-Schöneberg.
  • Sonntag, 10. Mai 15 | 10:00 Uhr, Eucharistie am Sonntag Rogate, Thema des Gottesdienstes “Spiritualität in der Pflege“, Predigt: Pastorin Dr. Astrid Giebel, Diakonie Deutschland. Anschließend Eröffnung der Fotoausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ des Paritätischen Berlin in den Seitenschiffen der Kirche. Sie läuft bis zum 2. Juni 2015. Öffnungszeiten: Offene Kirche, Sonnabends, 11:00 bis 15.00 Uhr und vor und nach den Gottesdiensten.
  • Unseren Mai-Plan finden Sie hier.
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Eine Antwort zu Fünf Fragen an: Fernando Enns, Professor für Friedenstheologie an der Universität Hamburg

  1. Gerd Nixdorf schreibt:

    Es ist erstaunlich, wie die Mennoniten es schaffen, die ganze Bandbreite (von evangelikal-fundamentalistisch über halb-liberal bis zu den niederländischen Doopsgezinden, die die Gottheit Jesus eher ablehnen), zusammen zu halten. Es ist wohl nur noch die Geschichte und evtl. das Friedenszeugnis, was sie verbindet.

    Ich habe einige Male Gemeinden in NRW, in Leer und in den Niederlanden besucht, u.a. so traditionsreiche, aber liberale Gemeinden wie Amsterdam und Krefeld.

    Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berl

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