Fünf Fragen an: Christian Deker, NDR-Journalist und Autor „Die Schwulenheiler“ (Das Erste)

Fünf Freitagsfragen an Christian Deker über den Versuch, Homosexualität zu „heilen“ und den berechtigten Wunsch, in der Kirche gleich behandelt zu werden.

Christian Deker (Bild: privat)Christian Deker (33) arbeitet als Journalist beim NDR in Hamburg. Er ist studierter Jurist und hat in den letzten beiden Jahren für die „Panorama„-Redaktion gearbeitet. Dort hat er zusammen mit Oda Lambrecht zu Umpolungsversuchen von Lesben und Schwulen in Deutschland recherchiert und entsprechende Angebote selbst ausprobiert. Seit letztem Jahr arbeitet er für den Rechercherverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.

Rogate-Frage: Herr Deker, Sie haben sich intensiv mit sogenannten „Homoheilern“ beschäftigt. Warum?

Christian Deker: Obwohl es sich bei den „Homoheilern“ um eine kleine Minderheit handelt, finde ich das Thema sehr relevant. Denn sie reden nicht-heterosexuellen Menschen ein, dass ihre Gefühle nicht in Ordnung seien und sie ihre sexuelle Orientierung ändern könnten. Das ist aber nach ganz einhelliger Überzeugung von Ärzten und Wissenschaftlern nicht möglich und kann sogar gravierende Folgen für die Gesundheit haben, wie Depressionen oder Suizidgedanken. Man stelle sich als Heterosexueller mal vor, plötzlich homosexuell werden zu sollen!

Rogate-Frage: In Ihren Reportagen tauchen auch Kirchenvertreter und fundamentalistische Gruppen auf. Was haben diese mit dem Thema zu tun?

Christian Deker: Meine Kollegin Oda Lambrecht und ich haben lange zu dem Thema recherchiert und dabei festgestellt, dass nahezu alle dieser dubiosen Angebote von strenggläubigen Christen kommen – und dort vor allem aus dem evangelikalen Spektrum. Die Überzeugung, dass Homosexualität Sünde sei, stürzt dort Homosexuelle in tiefe Glauben- und Identitätskrisen. Die Geschichten dieser Menschen sind erschütternd, ein aussichtsloser und manchmal jahrzehntelang anhaltender Kampf gegen die eigenen Gefühle. Häufig versuchen sie verzweifelt, durch Glaube und Gebet, aber auch mit Psychotherapien oder sogar Dämonenaustreibungen heterosexuell zu werden. Ich habe während der Recherche im Selbstversuch Ärzte aufgesucht, die solche vermeintlichen Behandlungen in Deutschland anbieten. Und leider existieren solche Angebote und Ansichten auch unter dem Dach der EKD.

Rogate-Frage: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Filme erfahren?

Christian Deker: Wir haben enorm viele Anrufe, Nachrichten und Briefe bekommen. Die allermeisten sehen Homosexualität als eine ganz natürliche Sache an, an der es nichts zu verändern gibt. Aber es gibt auch Stimmen aus dem evangelikalen Bereich, die uns Intoleranz gegenüber dem Christentum vorwerfen. Da wird irgendwie die Perspektive verwechselt. Auch Tipps für mich sind dabei, wie ich auf den „wahren Weg zur Heterosexualität“ kommen könnte. Und leider waren auch persönliche Beschimpfungen dabei.

Rogate-Frage: Welche Rolle sollten, aus Ihrer Sicht, die Kirchen und Kirchengemeinden einnehmen?

Christian Deker: Sie sollten Lesben und Schwule genau gleich wie alle anderen Menschen behandeln. Nicht mehr und nicht weniger. Das geschieht ja auch vielerorts in der Evangelischen Kirche, zuletzt zum Beispiel als sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm für die „Ehe für alle“ ausgesprochen hat. Ich verstehe aber nicht, warum es ausgerechnet innerhalb der Evangelischen Kirche auch eine solch offene Ablehnung von Menschen gibt, wo doch die Nächstenliebe eigentlich so zentral ist. Und ich verstehe auch nicht, warum die EKD in ihren eigenen Reihen Gemeinden und Gruppen toleriert, die solch gefährliche Ansichten vertreten und zur Umpolung aufrufen.

Rogate-Frage: Wie könnte Glaube, Spiritualität und Religion helfen, Menschen mit LGBTI-Identitäten anzunehmen und zu akzeptieren?

Christian Deker: Indem wir unsere Mitmenschen einfach so leben lassen, wie sie sind. Den TheologInnen sollte die Gesundheit ihrer Gemeindemitglieder wichtiger sein als der Streit um die richtige Bibelauslegung.

Rogate: Vielen Dank, Herr Deker, für das Gespräch! Mehr Infos finden Sie hier: christian-deker.de.

Christian Deker besuchte Ärzte, die offenbar seine sexuelle Orientierung ändern wollen. Eine Reise in die homophoben Winkel der Republik. Hier sehen Sie die Reportage „Die Schwulenheiler | Panorama – die Reporter | NDR„:

Und hier der zweite Teil:

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de _________________________________________________

Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Postkarte_Messe Stadtfest 2014_060315 KopieDienstag, 9. Juni 15 | 19:00 Uhr , VESPER, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Donnerstag, 11. Juni 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Dienstag, 16. Juni 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Donnerstag, 18. Juni 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Freitag, 19. Juni 15 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst des 23. lesbisch-schwulen Stadtfestes des Regenbogenfonds e.V., Predigt: Pfarrer Burkhard Bornemann, amtierender Superintendent im Kirchenkreis Schöneberg. Mit dem Friedenauer Posaunenchor,  Bezirksbürgermeisterin Angelika SchöttlerDekan Ulf-Martin Schmidt und Vikarin Anna Trapp. Orgel: Malte Mevissen.
  • Sonnabend & Sonntag, 20. und 21. Juni 15, Teilnahme mit einem Info-Stand auf dem “23. Stadtfest des Regenbogenfonds“, Schöneberg
  • Dienstag, 23. Juni 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, Zwölf-Apostel-Kirche
  • Unseren Juni-Plan finden Sie hier.
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Eine Antwort zu Fünf Fragen an: Christian Deker, NDR-Journalist und Autor „Die Schwulenheiler“ (Das Erste)

  1. edmund.mangelsdorf@t-online.de schreibt:

    Wunderbar, wie solche Arbeiter im Weinberg wie Christian Deker für die Liebe eintreten, die den Menschen ja vom Himmel gegeben ist. Denn Liebe kommt von dort, und Hass und eifernder Fanatismus kommen von unten. Also Dank an Christian Deker und das Rogate-Kloster, das dieses Interview geführt und die Links zu weiterer Vertiefung eingefügt hat. Edmund Mangelsdorf

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