Fünf Fragen an: René Lammer, Pfarrer in Athen, Griechenland

Fünf Freitagsfragen an René Lammer, deutscher Pfarrer in Athen, über die Lage in Griechenland, Perspektiven aus der Krise und einen neuen Zugang zu biblischen Texten.

Pfarrer René Lammer (Bild: privat)

René Lammer stammt aus Berlin. Er studierte in Göttingen Theologie und war dann mit Unterbrechungen 15 Jahre lang Pfarrer in Lateinamerika. Zweieinhalb Jahre arbeitete er im Kirchenamt der EKD u.a. im Reformbüro und seit 2010 in der Evangelischen Kirche deutscher Sprache in Griechenland. Er engagiert sich für eine authentische Kirche, die die Botschaft von Jesus Christus in alle Bereiche des Lebens trägt.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Lammer, unsere Medien zeigen ein düsteres Bild von der Lage in Griechenland. Wie erleben Sie die Situation in Athen?

René Lammer: Die Situation ist auch unter dem gleißenden Licht der attischen Sonne zweifelsohne düster. Seit fünf Jahren hält die Wirtschaftskrise das Land fest im Griff. Durchschnittlich haben die Menschen 30 Prozent ihres Einkommens verloren. Dass dies noch nicht flächendeckend zu katastrophalen Ergebnissen geführt hat, liegt daran, dass ein gut Teil des Mittelstandes einen Teil der Verluste durch den Rückgriff auf Erspartes abdämpfen konnte. Aber bei vielen sind die nun aufgebraucht und ich fürchte, die soziale Krise wird erst in den kommenden Monaten und Jahren mit voller Wucht zu spüren sein.
Bisher hat die linke Regierung noch einen weiten Rückhalt in der Bevölkerung. Selbst eher konservative Kräfte begrüßen es, dass der jahrelangen Sparpolitik Widerstand entgegengebracht wird. Das hat auch durchaus etwas mit der Verteidigung der nationalen Würde zu tun. Aber wenn die Politik der Syriza Regierung auch nicht erfolgreich sein wird, dann kann die allgemeine Stimmung schnell umschlagen und zu einer extremen Polarisierung des Landes führen. Mit vollkommen ungewissen Ausgang. Deshalb: Das Land braucht jetzt einen von ganz Europa unterstützten Plan, der der Wirtschaft zu Wachstum verhilft. Griechenland ist ein Land mit großartigem Potential – im sanften Tourismus, in einer ökologisch verträglichen Landwirtschaft und in der alternativen Energieerzeugung. Allein die entschlossene Förderung der erneuerbaren Energiequellen würde sich auch ökonomisch rechnen und könnte schon mittelfristig zu enormen Einsparungen bei den Ölimporten führen.

Rogate-Frage: Hat die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf Ihre Gemeinde? Wenn ja, welche und wie geht die Gemeinde damit um?

René Lammer: Sicher. Viele Mitglieder unserer Gemeinde sind genauso wie die meisten Griechen von der Krise betroffen. Gestern sprach ich mit einer Frau, die einen Unfall hatte. Sie ist für einige Monate auf eine Haushaltshilfe angewiesen. Jetzt bleiben von den 1000.- Euro Rente noch 300.- für sie und ihren Mann zu Leben. Das geht nicht mehr.
Eine andere hat ihre Lebensversicherung gekündigt, um wenigstens so die monatlichen Löcher stopfen zu können. Der nächste zahlt seine Rentenbeiträge schon seit Jahren nicht mehr. Und eine ältere Dame, die ihr Leben lang als Ärztin gearbeitet hat, sagt, dass sie sich das tägliche Glas Saft nicht mehr leisten kann, sondern mehr und mehr mit Wasser verdünnt.
Andere, denen es noch schlechter ging, haben wir längst nach Deutschland schicken müssen. Sie bekommen hier keine Sozialhilfe und der deutsche Staat weigert sich bekanntlich, Leistungen für im Ausland lebende Deutsche zu erbringen. So werden Menschen, die jahrzehntelang hier gelebt haben, aus ihrem Umfeld gerissen, ja, regelrecht entwurzelt.
Oft ist es allein unsere Gemeinde, die schnell und unbürokratisch in konkreten Notsituationen helfen kann. Wir haben glücklicherweise einen florierenden Weihnachtsbasar. Aus seinen Einnahmen können die evangelische und katholische Kirchengemeinden zumindest ein wenig die härteste Not in ihrem unmittelbaren Umfeld mildern.

Rogate-Frage: Wie erleben Sie den Flüchtlingsstrom durch Griechenland? Wie ist die Situation der Flüchtlinge vor Ort?

René Lammer: Einzelne der Flüchtlinge landen auch immer wieder direkt vor unserer Haustür. Meist, wenn sie irgendeinen Bezug zu Deutschland haben. So hatten wir einen schwarzen Jugendlichen, der von seinen Eltern in Deutschland verstoßen worden war. Man schickte ihn zurück in das Heimatland, das er nicht einmal kannte. Dort schlug er sich mit der Hilfe von Verwandten durch. Als auch die an AIDS verstarben, machte er sich wieder auf den Weg nach Europa. Er kam zu uns und wir kümmerten uns mehr als drei Jahre intensiv um ihn. Jetzt ist er glücklicherweise wieder in Deutschland und bekommt dort seine Chance.
Aber es gibt auch ganz andere Erfahrungen: Vor einem dreiviertel Jahr haben wir eine internationale Gemeinde in unserer Kirche aufgenommen. Menschen aus 22 Nationen treffen sich jeden Sonntag zum Gottesdienst. Den feiern sie so mitreißend und lebendig, dass wir diejenigen sind, die sich schlicht beschenkt fühlen. Ich bin davon überzeugt: Den christlichen Migrantengemeinden kommt nicht nur eine zentrale Rolle bei der Frage der Integration von Flüchtlingen zu. Sie können auch auf unsere eigene Spiritualität ausgesprochen befruchtend wirken.

Rogate-Frage: Die Gemeinde unterhält einen Sozialdienst. Welche Dienste leistet er?

René Lammer: Neben der oben genannten Hilfe, unterstützen wir einmal in der Woche Notleidende, die bei uns an der Tür anklopfen, mit Lebensmitteln und Kleidung. Dann haben wir eine ehrenamtliche Gruppe, die nennt sich „GebenGibt“ und sie hilft Bedürftigen aller Art. Sei es bei Gefängnisbesuchen oder im Krankenhaus, bei Behördengängen oder auch schlicht, indem sie ältere Menschen zu ihren Geburtstagen besucht. Daneben bauen wir mit unserer Sozialpädagogin gerade eine Hospizgruppe auf.
Ein zentrales Projekt unserer diakonischen Arbeit ist ein Austauschprogramm für Freiwillige – ElanDe. Der Plan: Zehn Jugendliche aus Deutschland kommen nach Griechenland, um in sozialen Einrichtungen der orthodoxen Kirche zu arbeiten. Zehn griechische Jugendliche gehen nach Deutschland, um dort eine vergleichbare Tätigkeit durchzuführen. Zwischendurch findet Begegnung und Austausch zwischen ihnen statt. So wollen wir einen Beitrag zur Überwindung von gegenseitigen Vorurteilen schaffen. Eine deutsche Freiwillige, die alt gewordenen Griechen das Essen reicht – das ist gelebte Versöhnung in einem Land, das die Deutschen auch ganz anders kennengelernt hat.
Das Projekt ist jetzt im zweiten Jahr und wir hoffen, dass wir es in Zukunft in das neu entstehende Deutsch-Griechische Jugendwerk integrieren können. Denn ohne finanzielle Unterstützung von außen ist das zurzeit nicht zu machen.

Rogate-Frage: Haben sich Ihre Verkündigung und Ihre eigene Spiritualität in Griechenland verändert? Wie?

René Lammer: Wir haben in unserer Gemeinde – nicht zuletzt indirekt auch bedingt durch die Krise – heftige Auseinandersetzungen erleben müssen. Ich habe dabei einen völlig neuen Zugang zu biblischen Texten gewonnen, vor allem zu den Briefen des Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth. Ich fand verblüffend, wie sehr sich die Situationen damals und heute ähneln. Und wie wichtig es ist, dass wir als Kirchen wieder eine gesunde und faire Streitkultur entwickeln. Wir haben es uns in den Volkskirchen angewöhnt, um des lieben Friedens willen, die meisten Konflikte zuzudecken. Das hat dann nicht selten zu einer Betulichkeit geführt, die Menschen, die ernsthaft nach der Wahrheit fragen, wenig attraktiv finden. Die junge Christenheit ist dagegen alle offenen Fragen mutig angegangen, und sie hat, bei allem Pluralismus und aller Versöhnungsbereitschaft, auch gewagt, Grenzen zu ziehen. Mit diesem Programm ist sie gewachsen, ist sie Salz und Licht in einer beschädigten und düsteren Welt geworden.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Lammer, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: Evangelische Kirche deutscher Sprache in Griechenland

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de _________________________________________________

Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

 

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