Fünf Fragen an: Gulya Sultanova, russische Menschenrechtlerin und Filmfestival-Organisatorin

Fünf Freitagsfragen an Gulya Sultanova, russische Menschenrechtlerin und Organisatorin von Filmfestivals, über die aktuelle Lage der Zivilgesellschaft unter Präsident Wladimir Putin, ein religionsoffenes, demokratieförderndes Filmfestival und die bedrohliche Situation für LGBT im Land.

Gulya Sultanova (Foto: Luba Kozorezova)

Gulya Sultanova studierte in St. Petersburg Germanistik und arbeitete lange Zeit als Übersetzerin und Dolmetscherin, dann als Organisatorin von interkulturellen Schüleraustauschprogrammen zwischen Russland und Deutschland.
Sie setzt sich für die Rechte der Lesben und Schwulen in Russland ein, nimmt an Demonstrationen teil, veranstaltet Aufklärungsseminare und Kultur-Events. Seit Oktober 2008 unterstützt sie das erste russische lesbisch-schwule Filmfestival Side by Side (in russischer Sprache: bok-o-bok.ru).

Rogate-Frage: Frau Sultanova, Sie organisieren in St. Petersburg und anderen russischen Städten das Filmfestival Bok o Bok (Side by Side). Wie kam es dazu und welche Schwerpunkte setzen Sie?

Gulya Sultanova: Das LGBT-Filmfestival „Side by Side“, russisch „Bok o Bok“, wurde 2008 von Manny de Guerre gegründet. Das Ziel des Filmfestivals ist es, einen kulturellen Raum zu schaffen, in dem LGBT-Themen diskutiert werden kӧnnen. Das Filmfestival schafft einen Dialog mit der breiten Öffentlichkeit und unterstützt die russische LGBT-Community in ihrem Kampf für die kulturelle, soziale und rechtliche Akzeptanz in der Gesellschaft.

Im Jahre 2008, als Side by Side gegründet wurde, gab es in Russland kaum andere LGBT-Initiativen oder Organisationen: Homosexuelle und Transmenschen trafen sich in Gay Clubs, und das war es. Außer des Versuches, die Gay-Pride-Demo in Moskau zu organisieren, die jedes Jahr verboten und sehr negativ beladen worden war, gab es keine öffentlichen Events, die LGBT-Menschen und ihre Lage in Russland thematisiert hätten.

Gerade in einer solchen Situation war und bleibt bis jetzt ein Filmfestival von enorm grosser Bedeutung als Anlaufstelle, Informationsquelle, Kultur-Event und politischer Akt zugleich.

Rogate-Frage: Im Programm des Festivals fällt auf, dass Sie jeweils auch einen religiösen Film zeigen. Warum? Und welche Erfahrung machen Sie damit?

Gulya Sultanova: Side by Side zeigt LGBT-Filme über unterschiedliche Themen: erste Liebe, Coming Out, Geschlechtsidentität, Akzeptanz im Familien- und Freundeskreis, Familien mit Kindern, Gewalt, Diskriminierung, Migration und viele andere. Das Thema der Religion ist natürlich sehr wichtig für uns: unter LGBTs gibt es nicht weniger gläubige Menschen als in der heterosexuellen Welt, nur wird unsere Community oft auch im Gotteshaus diskriminiert, beschimpft, erniedrigt und ausgestossen, was Millionen Menschen starke seelische Schmerzen bereitet.

Mit der Vorführung des grossartigen Animationsfilmes “Fish out of Water” und des wunderbaren Spielfilmes “In the Name of…” wollten wir der Minderheit in der Minderheit – den Gläubigen – den Freiraum zur Diskussion und Stärkung geben. Die beiden Filme sind sehr gut wahrgenommen worden und die Diskussionen danach zählen zu den Höhenpunkten unseres Filmfestivals – so tief, lebhaft und inspirierend waren sie.

Rogate-Frage: In den vergangenen Jahren wurden Sie und das Festival bedrängt und bedroht. Manche Veranstaltung musste abgesagt werden. Side by Side wurde verklagt. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Behörden gemacht? 

Gulya Sultanova: Wir hatten ja von Anfang an Schwierigkeiten mit Behörden: im Jahre 2008 wurde auf drei Veranstaltungsorte politischer Druck ausgeübt, um Side by Side zu stoppen. Zuerst auf das staatliche Kino („Dom Kino“ im Zentrum der Stadt), dann auf das private Kino „Pik“ und dann auf kleinere alternative Räumlichkeiten – Musikklubs, die das Festival für Veranstaltungen in ihre Räume aufnehmen wollten. So, kann man sagen, sind wir gewohnt an Schwierigkeiten solcher Art mit Behörden. Trotzdem konnten wir in der kommenden Zeit von 2008 bis 2011 das Festival in St. Petersburg und anderen Städten Russlands etablieren.

Hauptprobleme kamen dann im Jahre 2011 mit dem Start des Hass-Kampagne gegen die LGBT-Community zuerst in St. Petersburg, dann in ganz Russland. Die Organisation wurde angeklagt als “ausländischer Agent”, während der Filmveranstaltungen 2013 gab es fünf Bombendrohungen, es kamen Provokationen der verschiedener Politiker, die Minderjährige und den Jugendschutz nutzen wollten, um das Filmfestival wegen der “Propaganda” anzuklagen. Zu diesem Zeitpunkt waren aber viele Journalisten völlig auf unserer Seite, beleuchteten all die Ereignisse sehr gut und führten sogar journalistische Recherchen über die Situation durch, so dass diese Politiker uns nicht mehr angreifen konnten.

Rogate-Frage: Wie hat sich die Lage in den vergangenen Monaten verändert? Wie geht es den russischen Nichtregierungsorganisationen (NGO) und den Aktivisten, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen? Wie diskutiert die russische Gesellschaft die Entwicklung?

Gulya Sultanova: Die Zivilgesellschaft in Russland wird mit jedem Monat schwächer: 70 Nichtregierungsorganisationen wurden mittlerweile in die Liste der “ausländischen Agenten” eingetragen. Wir, Side by Side, haben den gemeinnützigen Verein 2013 zugemacht und arbeiten weiter als GmbH, deshalb konnten wir diese Schicksal vermeiden. Die meisten von diesen 70 NGOs sind im Prozess der Liquidierung, die anderen kämpfen in Gerichten. Einzelne Aktivistinnen und Aktivisten sowie Initiativen der Zivilgesellschaft werden bedroht und oft verhaftet, wenn sie Kritik am Staat wagen. Hier steht das Thema der Ukraine auf dem ersten Platz: jede Art kritischer Äußerungen an der Invasion in die Ukraine werden vermieden, bestraft, weggelassen. All diese Massnahmen des Staates werden dann offiziell als “Patriotismus” und “Putintreue” verpackt. Und in der Sprache der staatlichen Propaganda ist das das Gleiche.

Die Frage der öffentlichen Diskussion ist in diesem Kontext bedeutend: der freie Raum wird stets eingeschränkt, unabhängige Medien wurden zugemacht, neue Gesetze zur Einschränkung der Presse verabschiedet, private Fernseh- oder Radiosender von staatlichen Konzernen oder regimetreuen Geschäftsleuten übernommen.

Aber auch im Internet wird es steriler: diese Sphäre wird stärker kontrolliert und von der staatlichen Propaganda immer mehr beeinflusst.

In dieser Situation verdrängt sich die einigermassen freie Diskussion auf private Pages im Facebook oder auf Internetportale der russischen Medien, die im Ausland platztiert sind. Und die meisten Menschen in Russland werden dem staatlichen Informationseinfluss mehr und mehr ausgeliefert – durch Fernsehen, Radio, Mainstream-Internet.

Rogate-Frage: Wie ist die Situation für lesbische, schwule und trans* Menschen derzeit in Russland? Hat sich die Lage verschlechtert? Wie können LGBTI-Organisationen arbeiten?

Gulya Sultanova: Die Lage der LGBT-Community ist in dieser allgemein schlechten Situation alles andere als rosig. LGBTs werden öffentlich als “innere Feinde”, “Sünder”, “Perverse”, “amoralische” oder “kranke” Menschen gebrandmarkt, je nach dem Geschmack des jeweiligen Fernseh-Moderators oder Staatsduma-Abgeordneten. Momentan erleben wir einen Strom der LGBT-Emigration in den Westen. Besonders dramatisch ist die Lage der Minderjährigen und der Lehrerenden – in Familien, Schulen, Hochschulen, anderen Institutionen für Kinder. Das Propaganda-Gesetz macht es unmöglich, mit Kindern über die Homosexualität oder Transthemen zu sprechen, sich gegen  Hetze, Hass und Ressentiments – wir sagen Bulling – in Schulen einzusetzen, LGBT-Kindern zu unterstützen.

Es gibt bei uns das Projekt “Kinder 404” für LGBT-Kinder. Die Zahl 404 kommt aus dem Internet, wenn es “den entsprechenden Link nicht gibt”, so wie es offiziell die LGBT-Kinder “nicht gibt” in Russland. Das ist fast das einzige Projekt, dass sich ausschliesslich mit der Hilfe für Minderjährige beschäftigt – es gibt psychologische Hilfe für die Kinder, ihre Eltern, sogar Lehrer. Alles läuft über das Internet. Und seit der Gründung des Projektes gibt es immer Attacken: die Gründerin Elena Klimova wird ständig wegen “Propaganda” angeklagt, es gibt immer mehr Versuche, die Web-Site und andere Internet-Resourcen des Projektes zu schließen. Bis jetzt aber lebt diese Initiative immer noch und vergrössert soger die Anzahl ihrer Teilnehmenden.

Ähnlich geht es anderen LGBT-Organisationen und Initiativen: je mehr Druck und Attacken, desto stärker Widerstand, Kampf, Ausdauer und ja Optimismus.

Es ist nicht alles verloren, wir kämpfen weiter!

Rogate: Vielen Dank, Frau Sultanova, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: Side by Side (in russischer Sprache: bok-o-bok.ru). Das Festival ist auf Unterstützung und Spenden angewiesen. Mehr dazu hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 11. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Andacht “Der Mond ist aufgegangen. Musik – Wort – Sommerabendsegen”

    Donnerstag, 13. August | 20:30 Uhr, Andacht “Der Mond ist aufgegangen. Musik – Wort – Sommerabendsegen”. Impuls: Renate Künast, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, zu „Und lass uns ruhig schlafen“.

  • Dienstag, 18. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, anschließend Mitgliederversammlung des Trägervereins
  • Donnerstag, 20. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 25. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 27. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 1. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, anschließend Rogate-Abend zum Monat der Diakonie “Geschlechtsanpassung, wie? Schritte in ein neues Leben” zum Thema der Behandlung transidenter Menschen, mit Dr. Sascha Bull, leitender Oberarzt der Abteilung Plastische und Handchirurgie in der Elisabeth Klinik der Paul-Gerhardt-Diakonie.
  • Donnerstag, 3. September 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (jeden Donnerstag im Sept.)
  • Sonnabend, 5. September 15 | 14:00 Uhr, Führung mit der Hamburger Fotografin

    “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”

    Kathrin Stahl durch die Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Eine Veranstaltung zum Monat der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz​. Die Ausstellung ist bis zum 13. September sonnabends, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr, während der “Offenen Kirche” sowie vor und nach den Gottesdiensten zu sehen.

  • Den Fördervereinsflyer finden Sie hier. Unseren August-Plan finden Sie hier. Unseren September-Flyer finden Sie hier.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Fünf Fragen. abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s