Fünf Fragen an: Klaus Pfeffer, Bischöflicher Generalvikar im Bistum Essen

Fünf Freitagsfragen an Monsignore Klaus Pfeffer, Bischöflicher Generalvikar für das Bistum Essen, über seine Berufung ins Priesteramt, die Impulse durch Papst Franziskus und den Dissens zwischen kirchlicher Botschaft und der Ausgrenzung von Minderheiten.

Generalvikar Monsignore Klaus Pfeffer (Bild: Bistum Essen, Stabsabteilung Kommunikation)

Klaus Pfeffer, 51, ist seit 1992 katholischer Priester. Nach vielen Jahren in der Jugendpastoral ist er seit 2012 als Generalvikar des Bischofs von Essen. Er stammt aus dem sauerländischen Neuenrade, wo er zunächst als Journalist arbeitete und auch als Priester in der kirchlichen Medienarbeit aktiv ist. Im Bistum Essen macht er sich stark für eine Kirche, die mitten in der Gesellschaft lebt und sich den Herausforderungen der Zukunft aktiv stellt. „Du bewegst Kirche“ ist der Prozess überschrieben, der sich an einem 2013 breit entwickelten Zukunftsbild orientiert.

Rogate-Frage: Herr Generalvikar Pfeffer, warum sind Sie Priester geworden und welche Aufgabe erfüllen Sie heute?

Klaus Pfeffer: Das ist eine lange Geschichte, die ich nicht in wenigen Sätzen auf den Punkt bringen kann. Aufgewachsen bin ich in einer katholisch geprägten Familie im Sauerland. Daher lag es nahe, dass ich in das Gemeindeleben hineinwuchs. Gleichzeitig erinnere ich mich, dass ich von klein auf ein sehr persönliches Verhältnis zu Gott entwickelte – ganz unabhängig von allem, was mir anerzogen worden war. Ich redete im Stillen mit ihm über alles Mögliche – und ich hatte das Gefühl, vor ihm nichts verstecken zu müssen. Und so wundert es nicht, wenn ich mich auch oft fragte, was er eigentlich von mir möchte. Entscheidend aber wurde die Jugendarbeit bei den Pfadfindern: Hier vertieften sich meine persönlichen Auseinandersetzungen um den Glauben an Gott, verbunden mit ganz normalen Gemeinschaftserlebnissen. Ich machte berührende Erfahrungen in Gottesdiensten und unzähligen Gesprächen, die darum kreisten, wie Gott im Leben erfahrbar werden kann. Die Gemeinschaft von Taizé war mir damals auch sehr wichtig. Nach dem Abitur machte ich zunächst eine journalistische Ausbildung und entdeckte hier meinen Traumberuf. Nur: Die Arbeit bei der Zeitung ließ mir keine Zeit mehr für das kirchliche Engagement. So begann ich mich verstärkt mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, ob ich vielleicht Priester werden möchte. Schließlich hab‘ ich es einfach versucht und das Studium begonnen. Es gab bei mir kein isoliertes Berufungserlebnis, vielmehr erlebe ich das Priesterwerden und das Priestersein als einen dauernden Prozess, ein Unterwegssein und Geführtwerden über abenteuerliche und spannende Wege. Dabei hat mir die Spiritualität der Jesuiten, die auf Ignatius von Loyola zurückgeht, sehr geholfen: Das Gespür für das innere Leben und die Aufmerksamkeit für die Regungen der Seele sind wesentlich, um Gottes Impulse im Alltag zu entdecken. Inzwischen bin ich seit 23 Jahren Priester, die überwiegende Zeit davon war ich in der Jugendpastoral tätig. Seit 2012 bin ich als Generalvikar in Vertretung des Bischofs für die Leitung der Verwaltung des Bistums Essen verantwortlich. Was sehr trocken klingt, ist allerdings eine durchaus sehr geistliche Aufgabe: Es geht ja darum, mit dem Bischof und vielen anderen im Bistum danach zu suchen, wie wir unsere Kirche in den nächsten Jahren gestalten wollen.

Rogate-Frage: In Papst Franziskus werden starke Hoffnungen auf eine offenere und den Armen zugewandte Kirche gesetzt. Schon Fragmente seiner verschiedenen Aussagen schaffen es, Schlagzeilen zu machen. Kann ein Papst die römische Kirche wahrnehmbar und nachhaltig verändern? Welche Hoffnungen setzen Sie in ihn?

Klaus Pfeffer: Der Papst hat natürlich einen sehr starken Einfluss darauf, wie sich die römisch-katholische Kirche entwickelt. Die Kirche ist aber kein monolithischer Block, der sich von einer einzelnen Person so einfach steuern und verändern lässt. Für die Teil- und Ortskirchen in den einzelnen Kontinenten, Ländern, Bistümern und Pfarreien ist der Papst in Rom zuweilen auch weit entfernt – und es dauert, bis seine Impulse dort Wirkung zeigen. Aber: Der Papst setzt Akzente, gibt Richtungen vor, beeinflusst grundsätzliche Linien. Franziskus schlägt dabei Töne an, die in den vergangenen Jahrzehnten zu kurz gekommen sind. Deshalb stößt er auf viel Zustimmung und Begeisterung, aber auch auf Ängste und Widerstände. Was mich beeindruckt: Franziskus nimmt sein Amt sehr unkompliziert, menschlich und geerdet wahr. Er stellt den Menschen in den Mittelpunkt, versucht ihn zu verstehen und mahnt Barmherzigkeit an. Er erinnert daran, dass die Kirche nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern ein Werkzeug Gottes für die Menschen ist, ganz besonders für die ärmeren Menschen. Franziskus ermutigt dazu, unsere Kirche weniger als Bollwerk gegen eine bedrohliche und gefährliche moderne Welt zu begreifen, sondern mitten in dieser Welt Gott und seinen Ruf an uns zu entdecken.

Rogate-Frage: Wie kann die biblische Aufforderung „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ gelingen? Welche Haltung braucht es dazu?

Klaus Pfeffer: Es braucht dazu an erster Stelle den Glauben an die Zusage, die mit der Aufforderung verbunden ist: Christus hat uns, hat mich angenommen – und zwar bedingungslos! Das ist gar nicht so einfach, wie es scheint: In jedem von uns stecken doch viele Selbstzweifel, ob ich wirklich geliebt und angenommen bin. Denn unter uns Menschen erfahren wir, dass Liebe und Anerkennung meist an Gegenleistungen gebunden sind. Wehe, ich bin nicht so, wie mich andere gerne hätten – dann kommt die Liebe schnell an Grenzen. Vor Gott ist das nicht so: Seine Liebe hört nicht auf, egal was geschieht. Wer das wirklich glaubt, der kann auch anders auf andere Menschen zugehen! Wer sich wirklich geliebt weiß, der kann auch andere lieben! Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Offenheit und Weite hängen entscheidend vom eigenen Glauben ab – und von einer intensiven Erfahrung des liebenden, verzeihenden und weitherzigen Gottes.

Rogate-Frage: Sie sagten einmal: „Jede und jeder, der an den christlichen Gott glaubt, soll bei uns ihren und seinen Platz finden“. Warum nehmen viele Menschen es der Kirche nicht mehr ab oder plädieren eher für eine Begrenzung kirchlicher Einflussnahmen?

Klaus Pfeffer: Die Erfahrungen vieler Menschen decken sich einfach nicht mit dem, was wir als Kirche behaupten. Das beginnt schon im kirchlichen Alltag einzelner Gemeinden: Wer nicht zum inneren Zirkel dazu gehört, hat es ungemein schwer, Zugang zu finden. Wir leben – oft ohne es zu merken – in einer binnenkirchlichen, geschlossenen Welt, die keinen Raum lässt für Menschen, die anders „ticken“. Soziologen nennen dieses Symptom „Milieuverengung“. Oft schließen auch schon unsere Sprache, unsere Umgangsweisen, unsere Riten und Traditionen Menschen geradezu „automatisch“ aus, weil ein so breiter Graben zwischen unserer kirchlichen Welt und der Lebenswelt weiter Teile unserer Gesellschaft klafft. Wir beklagen zwar, dass immer mehr Menschen uns den Rücken zuwenden und reden gerne missionarischen Kampagnen das Wort – aber ich bin mir nicht sicher, wie ernst das wirklich gemeint ist. Jedenfalls wundere ich mich darüber, wie viele Menschen bei uns abgewiesen werden, wenn sie beispielsweise mit besonderen Wünschen zu Taufen, Trauungen oder zum Begräbnis ihrer Angehörigen zu uns kommen und wie abfällig zuweilen über die „distanzierten Weihnachtschristen“ geredet wird.

Rogate-Frage: Die Kirche spricht in ihren Botschaften viel von Liebe und Barmherzigkeit. Doch schauen wir uns den Umgang mit Geschiedenen oder lesbischen oder schwulen Menschen an, wundert man sich über andere Maßstäbe und Ausgrenzungen durch kirchliche Repräsentanten. Warum kann die römische Kirche sich manchen Menschen so schlecht öffnen und sie als gleichberechtigten Teil verstehen beziehungsweise ihre Identität und Lebensgeschichte akzeptieren?

Klaus Pfeffer: Das ist ja nicht nur ein Problem kirchlicher Repräsentanten. Die eigene Kulturgeschichte kann niemand so einfach abschütteln. Wir alle sind von dem geprägt, was den Generationen vor uns wichtig war – manchmal viel stärker, als wir das zugeben wollen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war das traditionelle Familienbild von Mutter-Vater-Kindern ein gesellschaftlicher Konsens. Scheidung war sozial geächtet und Homosexualität galt als therapiebedürftige Krankheit. Hier zeigt sich, wie rasant der gesellschaftliche Wandel in den letzten Jahrzehnten verlaufen ist, der binnen kurzer Zeit vieles über den Haufen wirft, was Jahrhunderte galt. So ist das in einer pluralen, freiheitlichen und säkularen Gesellschaft – aber in einer Kirche, die stets um die Frage ringt, was Gott von uns Menschen will, ist ein so rasend schneller Wandel nicht ganz einfach. In der katholischen Kirche ist zudem die Ehe von Mann und Frau ein Sakrament und hat damit einen religiösen Stellenwert, der mit der bürgerlichen Ehe überhaupt nicht vergleichbar ist. Darum sind die Auseinandersetzungen in unserer Kirche zu den Fragen von Sexualität, Familien- und Beziehungsleben so schwierig und emotional aufgeladen. Hinzu kommt, dass die römisch-katholische Kirche eine weltweite Gemeinschaft ist, in der sehr unterschiedliche Kulturen beheimatet sind. Was wir in Deutschland und Europa als Fortschritt betrachten, sehen andere Kulturen auf dieser Welt deutlich anders. Es braucht also viel Geduld, viele Gespräche, viel Nachdenken, um die Diskrepanz zwischen der traditionellen Lehre der Kirche mit der Wirklichkeit der Moderne in eine gute Balance zu bringen. Aber eines ist klar: Wir dürfen die Augen nicht verschließen vor den humanwissenschaftlichen Erkenntnissen und den gesellschaftlichen Veränderungen, die ihre guten Gründe haben. Leben ist Entwicklung und Veränderung, niemals Stillstand. Grundsätzlich ist es aber völlig inakzeptabel, wenn Menschen aufgrund ihrer Lebensgeschichten, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Lebensformen ausgegrenzt, abgelehnt oder gar diskriminiert werden. Das verlangt von unserer Kirche eine extrem hohe Sensibilität überall dort, wo die Lehre nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit vieler Menschen zusammenpasst. Unsere Kirche steht insoweit vor großen Herausforderungen und Auseinandersetzungen, die hier und da auch sehr schmerzhaft und konfliktreich sein werden.

Rogate: Vielen Dank, Herr Generalvikar Monsignore Pfeffer, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: Bistum-Essen.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 18. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet, anschließend Mitgliederversammlung des Trägervereins
  • Donnerstag, 20. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 25. August 15 | 19:00 Uhr, VESPER, das Abendgebet
  • Donnerstag, 27. August 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet
  • Dienstag, 1. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, anschließend Rogate-Abend zum Monat der Diakonie “Geschlechtsanpassung, wie? Schritte in ein neues Leben” zum Thema der Behandlung transidenter Menschen, mit Dr. Sascha Bull, leitender Oberarzt der Abteilung Plastische und Handchirurgie in der Evangelischen Elisabeth Klinik der Paul-Gerhardt-Diakonie.
  • Donnerstag, 3. September 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (jeden Donnerstag im Sept.)
  • S
    Unbenannt

    Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”

    onnabend, 5. September 15 | 14:00 Uhr, Führung mit der Hamburger Fotografin Kathrin Stahl durch die Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Eine Veranstaltung zum Monat der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz​. Die Ausstellung ist bis zum 13. September sonnabends, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr, während der “Offenen Kirche” sowie vor und nach den Gottesdiensten zu sehen.

  • Dienstag, 8. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, anschließend (ca. 19:45 Uhr) Rogate-Abend zum Monat der Diakonie: “Alkohol– und Medikamentenabhängigkeit erkennen und Angehörigen helfen“. Mit Dipl.-Sozialpädagogin Anja Wenzel-Otto, Notdienst Berlin e.V.
  • Den Fördervereinsflyer finden Sie hier. Unseren August-Plan finden Sie hier. Unseren September-Flyer finden Sie hier.
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