Ausstellung: Grußwort von Harald Petzold, MdB, zu “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter…”

Harald Petzold, MdB, spricht im Eröffnungsgottesdienst der Ausstellung „Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind“ im Rogate-Kloster. (Bild: Rogate-Kloster)

Seit Anfang August zeigt das Rogate-Kloster in der Zwölf-Apostel-Kirche die Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”. Es handelt sich dabei um ein Foto- und Textprojekt-Engagement der Hamburger Fotografin Kathrin Stahl über und für transidente Menschen.

Die Ausstellung ist bis zum 13. September 2015 sonnabends, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr, während der „Offenen Kirche“ (Öffnungszeit in Verantwortung der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde) sowie vor und nach den Gottesdiensten zu sehen.

Zur Ausstellungseröffnung sprach der Bundestagsabgeordnete Harald Petzold (siehe Bild), Fraktion Die Linken. Wir dokumentieren hier sein Grußwort:

„Beginnen möchte ich mit zwei Danksagungen: Ich danke zum einen Bruder Franziskus für die heutige Veranstaltung, seine Einladung an mich und den damit verbundenen Mut, einen Politiker, Atheisten und auch noch LINKEN hier zu Wort kommen zu lassen. Und ich danke zum anderen allen, die bisher und heute dem Thema „Transidentität“ ein Gesicht gegeben haben. Sie waren und sind es, die damit die Trans*Thematik für alle Menschen greifbar, verständlich und sichtbar machten und machen, vor allem für solche, die sich vorher nicht damit beschäftigt haben.

Denn das ist gar nicht so `ohne´! Sicher haben die meisten von Ihnen vor kurzem den Film „Mein Sohn Helen“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesehen. Für mich war es wie ein déjà-vu: Ich erinnerte mich schlagartig sehr gut daran, wie mir selbst – ähnlich der Filmfigur Tobias – der Mund offen stehen blieb und ich kein Wort heraus brachte, als ich plötzlich und unvorbereitet einem langjährigen Freund gegenüberstand, von dem ich meinte, ihn eigentlich recht gut zu kennen. Der Mensch, dem ich in dem Moment wiederbegegnete, war nicht nur äußerlich und mit Namen inzwischen jemand anderes geworden. Und im ersten Moment war wohl eher ich es, der in dieser Situation Hilfe und Unterstützung brauchte, um meine Verunsicherung zu verarbeiten.

Im Film „Mein Sohn Helen“ geht die Geschichte am Ende gut aus. Wie so oft im Film. Und das ist auch gut so. Aber jede/r von uns hier heute Abend wird wissen, dass das eben `nur´ die Filmwirklichkeit ist. Viel zu häufig sind die tatsächlichen Szenen, die das Leben für transidente Menschen (und ihre Angehörigen und FreundInnen) bereithält, auch in der heutigen Zeit von Diskriminierung und Unverständnis für das sogenannte „Anderssein“, das doch so normal ist, geschrieben. Die Handlungen reichen über

  • ein jahrelanges „Sich-verstellen“ müssen, das `gefangen-sein im falschen Körper´ und das tägliche Schauspielern, um sich anzupassen, das unbeschreiblich viel Kraft kostet und auf Dauer unglücklich macht;
  • die oft peinlichen und mitunter entwürdigenden Begutachtungen;
  • der Weigerung von Krankenkassen, für Behandlungs- und Therapiekosten aufzukommen;
  • den Verlust von Sozialkontakten und sicher geglaubten Familien- oder Freundschaftsbindungen
  • bis hin zum dauerhaften Verlust des Arbeitsplatzes, der gesellschaftlichen Anerkennung und Inklusion.

Ein selbstbestimmtes Leben in Würde wird für transidente Menschen so zu einem schwierigen und kaum erreichbaren Unterfangen. Oft fehlt es an Wissen, dass transidente Menschen sich `ihren Weg´ nicht ausgesucht haben, weil sie das `schick´ oder `trendy´ oder `in´ finden oder etwas Besonderes sein wollen. Hier kann nur Aufklärung helfen,  um die gesellschaftliche Akzeptanz durch Verständnis zu erhöhen.

Die Aufgabe der Politik ist es, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Grundrechte von Transsexuellen, Transgendern und Intersexuellen gewahrt werden, anstatt ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu erschweren. Diese Rahmenbedingungen ist der Gesetzgeber, ist Politik in Deutschland bisher schuldig geblieben – und das, obwohl das Bundesverfassungsgericht inzwischen das Transsexuellengesetz mehrfach in wesentlichen Teilen für nicht verfassungskonform erklärt hat.

Aber der Kreis derjenigen, die sich für Änderungen einsetzen, wird größer. So ist beispielsweise die Zahl der Menschen vor allen Dingen in den letzten Wochen erfreulich gestiegen, die die „Stuttgarter Erklärung: Geschlecht. Selbst. Bestimmt. Menschenrechtskonforme Behandlung Trans-/Intersexualität“ inzwischen unterschrieben haben. Als ich sie unterschrieben habe, war ich erst der dritte Bundestagsabgeordnete und mit meinen LINKEN KollegInnen Ulla Jelpke und Andrej Hunko politisch `allein´. Inzwischen gehören Abgeordnete aller politischen Ebenen (von Kommunal bis Europa) und aller demokratischen politischen Parteien zu den UnterzeichnerInnen und verstehen sind damit als PartnerInnen transidenter, transsexueller und intersexueller sowie aller von der geschlechtlichen Norm abweichenden Menschen und ihrer Organisationen. Wir unterstützen die Forderung,

  • dass Namenwahl, Personenstand und geschlechtsangleichende Maßnahmen zum Gegenstand selbstbestimmter Entscheidungen der Einzelnen gemacht werden;
  • das Transsexuellengesetz aufzuheben ist;
  • dass rechtliche Anerkennung nicht mehr von medizinischen Bedingungen abhängig gemacht wird und
  • für eine medizinische Behandlung, die ohne geschlechtliche Deutung auskommt und in der alle Menschen in ihrem eigenen Geschlecht von Anfang an respektiert werden;

Nur so ist ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Vielfalt und respektvoller Umgang miteinander möglich.

Die Ausstellung „Max ist Marie – mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind“, die heute Abend hier eröffnet wird, zeigt beeindruckende, aber auch nachdenklich machende schwarz-weiß-Portraits transidenter Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Der Fotografin Kathrin Stahl ist mit dem Projekt eine bewegende Dokumentation über die Situation transidenter Menschen in Deutschland gelungen. Auch ihr ein herzliches Dankeschön!

Ich bin sicher, dass die heute hier gezeigte Ausstellung dazu beitragen wird,

  • sowohl weiter über Transidentität aufzuklären, um mehr Akzeptanz gegenüber transidenten Menschen zu erreichen
  • als auch transidente, transsexuelle und alle von der geschlechtlichen Norm abweichende Menschen dazu ermutigt, ihren eigenen Lebensweg zu gehen und ihren Familien, Angehörigen und FreundInnen zu signalisieren: Ihr seid nicht allein! Haltet zueinander! Kommt in´s Offene!

Im Film „Mein Sohn Helen“ feiert Helen am Ende nicht nur ihren 18. Geburtstag, sondern vor allem ihren ersten als Helen. Ein wunderbares Fest mit einer berührenden und bezaubernden Bildlösung: Helen läuft auf einer slack-line – freihändig und sicher, und als sie am Zielpunkt ankommt und herunterspringt, wird sie von ihrem Vater Tobias inmitten ihrer Familie und FreundInnen aufgefangen. Mögen solche Bilder, solche Szenen schnell zur Lebenswirklichkeit für uns alle werden. Ich wünsche Ihnen allen in diesem Sinne einen anregenden Ausstellungsrundgang und weiterhin persönlich alles Gute und bedanke mich für die Ausstellung, Ihre Einladung und Ihre Aufmerksamkeit. Vielen Dank.“

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Heute, Dienstag, 1. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, das Abendgebet, anschließend Rogate-Abend zum Monat der Diakonie “Geschlechtsanpassung, wie? Schritte in ein neues Leben” zum Thema der Behandlung transidenter Menschen, mit Dr. Sascha Bull, leitender Oberarzt der Abteilung Plastische und Handchirurgie in der Evangelischen Elisabeth Klinik der Paul-Gerhardt-Diakonie.
  • Donnerstag, 3. September 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (jeden Donnerstag im Sept.)
  • Sonnabend, 5. September 15 | 14:00 Uhr, Führung mit der Hamburger Fotografin Kathrin Stahl durch die Ausstellung “Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind”, ein Foto- und Textprojekt-Engagement über und für transidente Menschen. Eine Veranstaltung zum Monat der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz​. Die Ausstellung ist bis zum 13. September sonnabends, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr, während der “Offenen Kirche” sowie vor und nach den Gottesdiensten zu sehen.
  • Dienstag, 8. September 15 | 19:00 Uhr, Vesper, anschließend (ca. 19:45 Uhr) Rogate-Abend zum Monat der Diakonie: “Alkohol– und Medikamentenabhängigkeit erkennen und Angehörigen helfen“. Mit Dipl.-Sozialpädagogin Anja Wenzel-Otto, Notdienst Berlin e.V.
  • Donnerstag, 10. September 15 | 20:30 Uhr, KOMPLET, das Nachtgebet (jeden Donnerstag im Sept.)
  • Den Fördervereinsflyer finden Sie hier. Unseren September-Flyer finden Sie hier.
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