Fünf Fragen an: Dr. Rainer Hagencord, Institut für Theologische Zoologie Münster

Dr. Rainer Hagencord I Foto: © Tatjana Jentsch

Fünf Freitagsfragen an Dr. Rainer Hagencord, Mitgründer und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster, über schöpfungsgemäße Spiritualität, die Massentierhaltung als Sünde und die Frage, ob Tiere in den Himmel kommen.

Dr. Rainer Hagencord, geboren 1961 in Ahlen (Westfalen), hat von 1980 bis 1985 Theologie in Münster und Fribourg (Schweiz) studiert, wurde 1987 zum Priester geweiht und hat nach vierjähriger seelsorglicher Arbeit Biologie und Philosophie in Münster studiert und mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Schwerpunkt seines Studiums war die Verhaltensbiologie.

Von 1996 bis 2000 hat er als Hochschulpfarrer in Münster schwerpunktmäßig das interdisziplinäre Gespräch zwischen Theologie und Biologie in der Gemeinde etabliert.

Rogate-Frage: Herr Dr. Hagencord, was erforschen und erarbeiten Sie in Ihrem Institut?

Rainer Hagencord: Der Begriff „Theologische Zoologie“ ist  Programm: In diesem interdisziplinären Projekt geht es darum, das Verhältnis des Menschen zur „Mehr-als-menschlichen-Welt“ als Brennpunkt der Theologie zu erarbeiten. Zugleich darum, eine schöpfungsgemäße Spiritualität in das kirchliche und öffentliche Bewusstsein zu transportieren.
Die geschieht in drei Arbeitsfeldern: Wissenschaft und Forschung / Pädagogik und Katechese / Projekte und Kooperationen.

Rogate-Frage: Wie kam es zu dieser Einrichtung und wie wird Ihre Arbeit von der Kirche angenommen?

Rainer Hagencord: Es war die Erkenntnis, das es neben einer theologischen Anthropologie bislang kein ähnliches Projekt gibt, dass die Mitgeschöpfe des Menschen und die Erfahrungen mit ihnen theologisch würdigt.
Es ist doch erstaunlich, dass sich die Tiere in der Bibel fast auf jeder Seite tummeln, die Theologie sich aber mehr oder weniger ausschweigt. Und dass obwohl sie unter anderem die Zuerst-Gesegneten der Schöpfung sind, beseeltes Gegenüber des Adam, bevor Eva ins Spiel kommt, Bündnispartner Gottes nach der Flut, Lehrerinnen und Lehrer für Hiob, Bileam und Jesus selbst. Was bedeutet das für die Theologie und Spiritualität? Das ist die Frage, die an Brisanz zunimmt.
Der Ansatz wird immer stärker gewürdigt und angefragt, auch die Medienpräsenz ist groß. Und immerhin hat der Bischof von Münster mich für diese Arbeit freigestellt.

Rogate-Frage: Kommen Tiere in den Himmel? Und welche Folgen sollte diese Erkenntnis für uns haben?

Rainer Hagencord: Wohin denn sonst, wenn nicht in den Himmel? Es ist doch eine merkwürdige Vorstellung, an einen Gott zu glauben, den die Bibel den Liebhaber des Lebens nennt, der nur ein Geschöpf aus der unendlichen Fülle der Geschöpfe am Ende zu sich zieht. Es ist die Friedensvision des Jesaja, die mich ermutigt: In Jesaja 11,1-9 macht der Prophet deutlich, dass Gott eine Welt ohne Gewalt – den Himmel also – will, und dort freunden Kuh und Bärin sich an, ebenso wie Wolf und Lamm.
Also undenkbar: Das Heil OHNE Tiere!
Und es ist die fast vergessene Zusage des Bundes vonseiten Gottes mit Mensch und Tier. Wenn sie die Dritten im Bunde sind, können wir nicht mehr daran festhalten, die Erde sei für uns da.
Diese Erkenntnis kann alles verändern: Vom Gebetsleben über die Würdigung des Tierisch-Tierlichen in uns bis in die Einkaufs- und Ernährungspraxis.

Rogate-Frage: Darf man für Tiere beten? Und was erbittet man? Beten Sie für sie?

Rainer Hagencord: Ich komme immer mehr dahin, von ihnen zu lernen, was meine Spiritualität bedeutet: Mehr im Augenblick und in der Wahrnehmung sein; die schweren Fragen, wie ich gemeint bin und was ich tun soll, immer wieder loslassen. Ganz wie die „Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Felde“. Für mich ist Beten das Üben der Sehnsucht nach Gott und Ausdruck einer Solidarität vor allem mit denen „am Rande“. Jedes mal wenn mir auf einer Straße ein Schweinetransporter begegnet und ich einen Blick der Tiere erhasche, kann ich nicht anders als beten: In der Hoffnung, dass dieses Elend eines Tages aufhört.

Rogate-Frage: Ist Massentierhaltung Sünde? Warum?

Rainer Hagencord: Kennzeichnend für dieses System ist es, dass es fast nur Verlierer gibt: Die Tiere selbst, unsere Landschaften, das Klima und das Grundwasser, Ökosysteme in Lateinamerika, woher die Futtermittel kommen, die Berufe des Landwirts und des Metzgers. Es gewinnen: die Fleisch- und die Pharmaindustrie. Da liegt es nahe, von „struktureller Sünde“ zu sprechen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dr. Hagencord, für das Gespräch!

Mehr über das Institut für Theologische Zoologie finden Sie hier: theologische-zoologie.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • 10402807_1063246967025504_1821165481048264438_nFreitag, 2. Oktober 2015 | 20:00 – 20:15 Uhr, Totenläuten zum Gebet für auf der Flucht gestorbene Flüchtlinge. Hier ein Schaukastenaushang für sich beteiligende Kirchengemeinden.
  • Freitag, 2. Oktober 2015 | 20:15 Uhr, Ökumenischer Gedenkgottesdienst für auf der Flucht gestorbene Menschen. Mit Bischof Anba Damian, Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Propst Dr. Christian Stäblein, EKBO, Pfarrer Burkhard Bornemann, amtierender Superintendent im Kirchenkreis Schöneberg, Pfarrerin Beate Dirschauer, Flüchtlingskirche Kreuzberg, und Br. Franziskus, Rogate-Kloster. Orgel: Manuel Rösler.
  • Samstag, 3. Oktober 2015 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt: Pater Engelbert Petsch. Orgel: Dr. Julian Heigel.
  • Dienstag, 6. Oktober 15 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Dienstag, 13. Oktober 15 | 19:00 Uhr, Vesper
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Eine Antwort zu Fünf Fragen an: Dr. Rainer Hagencord, Institut für Theologische Zoologie Münster

  1. Anja Hallermann schreibt:

    Schade, dass Dr. Hagencord nicht nach Braunschweig kommen konnte letzten Montag.
    Ich hoffe aber er kommt noch, möglichst dienstags oder donnerstags.

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