Fünf Fragen an: Ansgar Dittmar, Bundesvorsitzender der Schwusos

Fünf Freitagsfragen an Ansgar Dittmar, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Lesben und Schwule in der SPD, über den Einsatz für Gleichstellung in seiner Partei, Unrechtsurteile und politische Machbarkeiten in der Großen Koalition. Ein Beitrag zum Tag der Menschenrechte.

Ansgar Dittmar (Bild: privat)

Ansgar Dittmar, Bundesvorsitzender der Schwusos (Bild: privat)

Ansgar Dittmar wurde am 9. Februar 1971 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Langen auf. Rechtswissenschaften studierte er an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Ehrenamtlich ist er Vorsitzender des Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Frankfurt und Fachanwalt für Arbeitsrecht & Wirtschaftsmediator in Frankfurt/Main. Er gehört beratend dem Parteivorstand der SPD an.

Rogate-Frage: Herr Bundesvorsitzender Dittmar, was genau sind die Schwusos und wofür steht die Organisation?

Ansgar Dittmar: Die Arbeitsgemeinschaft der Lesben und Schwulen in der SPD (Schwusos) ist fester Bestandteil der SPD. Als Arbeitsgemeinschaft arbeiten wir im Inneren und Äußeren an der Auseinandersetzung und Verankerung von LSBTI-Themen in der SPD.
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die auch ohne Verfassungsauftrag begreift, dass sie verarmt, wenn sie Menschen ausgrenzt und sie sich somit selbst ihrer Zukunftschancen beraubt. Die Akzeptanz und der Respekt der Vielfalt sind wesentlich für eine Gesellschaft. Und daran arbeiten wird.

Rogate-Frage: Am 10. März 1994 hat der Deutsche Bundestag den Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Warum ist es damit nicht erledigt?

Ansgar Dittmar: Der Paragraph ist gestrichen – aber die Urteile bestehen weiter. Der Umstand, dass die vor 1945 nach dem gleichen Gesetzestext Verurteilten problemlos rehabilitiert wurden, die danach verurteilt wurden, jedoch nicht sorgt für Unverständnis und ist nicht haltbar. Fadenscheinige Vorwände, eine Aufhebung der Unrechtsurteile nach den Paragrafen 175, 175a und in der DDR nach Paragraf 151 verurteilte Homosexuelle sei aus juristischen Gründen nicht möglich, können nicht mehr greifen.

Rogate-Frage: Warum ist die Rehabilitation der Verurteilten nach §175 für die Betroffenen wichtig und was tun Sie dafür?

Ansgar Dittmar: Wir sind es den Opfern unserer Unrechtsurteile schuldig, dass sie nicht als gebrandmarkte Verbrecher sterben. Eine Entschuldigung reicht nicht. Ich kämpfe hier in meiner Position für Klarheit und Gleichheit. Wir brauchen eine vollständige  Rehabilitation. Wer aktuell einer Rücknahme der Urteile verweigert, verurteilt die Betroffenen ein zweites Mal. Eine Entschädigung für das ergangene Unrecht ist aber ebenso wichtig im Rahmen dieser Rehabilitierung.

Rogate-Frage: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) wird künftig die Trauungen für homosexuelle Paare gleich den Gottesdiensten für Heterosexuelle gestalten. Die Bundesregierung zögert mit einer völligen Gleichstellung der registrierten Partnerschaften mit den Ehen. Ist die evangelische Kirche gesellschaftlich weiter im Vergleich zum Staat?

Ansgar Dittmar: In der Großen Koalition ist es äußerst schwierig, auf dem Gebiet Verbesserungen zu erreichen. Die rückwärtsgewandte Union sperrt sich gegen jede noch so kleine Veränderung. Dennoch konnte die SPD einiges auch gegen den Widerstand der CDU/CSU durchsetzen. Aber es gibt noch viel zu tun. Neben der gesetzlichen Gleichstellung ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Lesben und Schwulen immer noch eine wichtige Aufgabe. Ich bin der Überzeugung, dass Akzeptanz und Respekt in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich und fundamental sind. Homophobie ist kein Thema, dass „nur“ eine Randgruppe betrifft, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es geht hier um Artikel 3 unseres Grundgesetzes und damit um Gleichheit und Gerechtigkeit. Es wird Zeit, dass die Union dies erkennt und handelt.

Rogate-Frage: Was wird aus der „Ehe für alle“?

Ansgar Dittmar: Sie wird kommen, da bin ich mir sehr sicher. Das Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung hat unsere Auffassung bestätigt, dass eine einfachgesetzliche Regelung zur Öffnung der Ehe ausreicht. Wir brauchen nur den politischen Willen. CDU/CSU müssen diese gesellschaftliche Realität endlich akzeptieren – bevor sie erneut durch das Bundesverfassungsgericht gezwungen werden, diese Realität anzuerkennen. Das Grundgesetz ist keine Ausrede mehr für eine Blockade! Das sind maximal die ideologischen Scheuklappen – und die müssen endlich abgelegt werden.

Rogate: Vielen Dank, Herr Dittmar, für das Gespräch.

Weitere Informationen hier: schwusos.de

Zum Thema haben wir weitere Freitagsfragen veröffentlicht:

  • Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, über Unrecht an homosexuellen Männern, die Schuld des Staates und die Öffnung der Ehe für alle.
  • Volker Beck, Mitglied des Deutschen Bundestages, über eine Geste des Respekts, homosexuelle Menschen als Gottes Ebenbild und genug Ehe für alle.
  • Georg Härpfer, Vorstandsmitglied der Schwulenberatung Berlin, über eine für manche tödliche Rechtssprechung, Verurteilungen in der jungen Bundesrepublik und den Verdacht, ein ‚175er‘ zu sein.

Andere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren öffentlichen Gottesdiensten (Auswahl) in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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