Fünf Fragen an: Josef Annen, Generalvikar Kantone Zürich und Glarus (Schweiz)

Generalvikar Josef Annen (Bild: Christoph Wider)

Generalvikar Josef Annen (Bild: Christoph Wider)

Fünf Freitagsfragen an Josef Annen, Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus (Bistum Chur/Schweiz), über die Notwendigkeit von eigenen Entschuldigungsbitten, die Schicksalsgemeinschaft der Kirchen und die Suche des Glaubens nach der Vernunft.

Geboren wurde Josef Annen 1945 in Küssnacht am Rigi. Nach dem Studium in Theologie und Philosophie in Chur und Tübingen erfolgte 1973 die Priesterweihe. Es folgte ein Promotionsstudium in Münster. Danach war er Vikar und Jugendseelsorger in Winterthur und Zürich, 1987 – 2000 Pfarrer in St. Peter und Paul in Winterthur, 2000 – 2009 Regens am Priesterseminar in Chur. Seit 2009 ist Josef Annen als Generalvikar der Stellvertreter des Bischofs von Chur für die Kantone Zürich und Glarus. Josef Annen wandert gern und liest viel.

Rogate-Frage: Herr Generalvikar Annen, im August 2015 haben Sie sich – zusammen mit dem Synodalrat – öffentlich für Ihre Kirche und diskriminierende Äußerungen von Bischöfen entschuldigt. Was hat Sie dazu bewogen?

Josef Annen: Ich habe mich für die Äusserung des Churer Bischofs Dr. Vitus Huonder, die er in Fulda gemacht hat, entschuldigt. Kritiker haben mir daraufhin entgegnet: Wie kann man sich für etwas entschuldigen, das man selber nicht getan hat? Die Frage ist berechtigt. Diese habe ich mir selber auch gestellt. Aber ich weiss mich mit meiner Kirche und meinem Bistum und auch mit dem Bischof verbunden. Ich sitze im selben Boot, wenn mein Bischof sich öffentlich äussert. Sein Wort betrifft mich und die ganze Öffentlichkeit. Homosexuelle Menschen, Seelsorger und engagierte Gläubige aus Pfarreien haben sich bei mir gemeldet. Sie waren verletzt. Als Repräsentant des Bischofs im Generalvikariat Zürich-Glarus konnte ich nicht anders, als diesen Menschen sagen: Es tut mir leid, ich entschuldige mich.

Rogate-Frage: Will die katholische Kirche in Ihrem Bistum mit homosexuellen Menschen Frieden schließen?

Josef Annen: Ich kann nur für mich sprechen, nicht für die katholische Kirche in meinem Bistum. Persönlich will ich den homosexuellen Menschen begegnen wie allen anderen Menschen: mit Respekt und Hochachtung. Gott selber gibt ihnen Würde und Ansehen. Wo immer Menschen ihr Leben in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen gestalten, habe ich ihren Lebensentwurf zu respektieren, selbst wenn mir dieser persönlich fremd bleiben mag. Homosexuelle Menschen sind wertvolle Glieder unserer Kirche und bringen nicht selten besondere Charismen in die kirchliche Gemeinschaft ein.

Rogate-Frage: Wie kann vor dem Hintergrund der katholischen Tradition ein Glaube gelebt werden, der das Gespräch mit der Vernunft sucht und vor ihr bestehen kann?

Josef Annen: „Fides quarens intellectum“ – Der Glaube sucht die Vernunft – hat Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert formuliert. Diese Aussage bleibt bis heute aktuell. Ein Glaube, der nur auf Erfahrung gründet und nicht nach Begründung für die Glaubenserfahrung sucht, gleitet leicht in Fideismus ab. Umgekehrt wirkt ein Glaube, der sich nur auf die Lehrsätze stützt, intellektualistisch und nicht überzeugend. Es ist gute Tradition der katholischen Kirche, Glaube und Vernunft stets miteinander ins Gespräch zu bringen. Nach 1 Petrus 3,15 sollen wir stets „bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt“, die uns erfüllt. Heutige Zeitgenossen finden kaum Zugang zum Glauben, wenn ihnen dieser Glaube nicht einleuchtet und vor der Vernunft nicht bestehen kann. Nur ein Glaube, der überzeugt, hat Zukunft.

Rogate-Frage: Sie haben geschrieben: „Mit Sorge stellen wir fest, dass das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Kirche grossen Schaden nehmen.“ Wie kann verlorenes Vertrauen wiedergewonnen werden?

Josef Annen: Vertrauen gewinnt, wer Vertrauen schenkt.

Rogate-Frage: In Ihre Entschuldigungsbitte haben Sie zudem die Mitglieder der evangelisch-reformierten Kirche genannt. Warum?

Josef Annen: Wir sind im Kanton Zürich als Christen in säkularer Gesellschaft eine einzige Schicksalsgemeinschaft. Als katholische, evangelisch-reformierte und christkatholische Christen bilden wir miteinander (zusammen mit den orthodoxen Kirchen und den vielen freien christlichen Gemeinschaften) den einen Leib der Kirche Jesu Christi, der leider gespalten ist. Dennoch leiden alle Glieder, wenn ein Glied leidet. Unsere säkulare Welt unterscheidet nicht mehr zwischen katholisch und reformiert. Wenn ein Bischof sich in der Öffentlichkeit äussert, dann äussert sich für viele einfach die Kirche. So verzeichnet beispielsweise die reformierte Kirche auch Kirchenaustritte, wenn sich die katholische Kirche in nicht überzeugender Weise zu einer umstrittenen Frage verlautbaren lässt. Es gehört darum zu einem guten ökumenischen Miteinander, dass ich mich bei der Schwesterkirche entschuldige, wenn sie wegen Äusserungen der katholischen Kirche Schaden nimmt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Tatsache, dass sich auch die jüdische Religionsgemeinschaft in Zürich über die Äusserungen des Bischofs beklagt hat.

Rogate: Vielen Dank, Herr Generalvikar Annen, für das Gespräch!

Mehr über römisch-katholische Kirche im Kanton Zürich finden Sie hier: zh.kath.ch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Gottesdienstliche Winterpause bis zum 12. Januar. Wir besuchen in unseren Heinatgemeinden die Andachten und Feiern.
  • Dienstag, 12. Januar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, ohne Gesang/Musik
  • Dienstag, 19. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Dienstag, 26. Januar 16 | 19:00 Uhr, Vesper
  • Sonntag, 31. Januar 16 | 10:00 Uhr, Predigtgottesdienst. Liturgie: Bruder Willehad Kaleb RGSM
  • Dienstag, 2. Februar 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie, in der Kapelle, mit Posaunenchor.
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier.
  • Hier unser Monatsplan Dezember 15/Januar 16.
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