Fünf Fragen an Pater Georg Maria Roers SJ, Künstlerseelsorger, Kunst- und Kulturbeauftragter

Fünf Freitagsfragen an Pater Georg Maria Roers SJ, Erzbistum Berlin, über die Rolle von Jesus in seinem Leben, die Aufgaben eines Künstlerseelsorgers und die Bedingungen für Kulturschaffende in der Hauptstadt. Ein Beitrag zum Jahr der Barmherzigkeit.

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Pater Georg Maria Roers SJ (Bild: Erzbistum Berlin)

Pater Georg Maria Roers SJ ist über 30 Jahren Jesuit und arbeitet seit drei Jahren im Erzbistum Berlin. Zunächst war er als Tourismusseelsorger ein halbes Jahr auf der Insel Rügen eingesetzt, seit Herbst 2013 ist er Kunst- und Kulturbeauftragter und seit 2015 auch Künstlerseelsorger im Bistum. Zuvor war er zehn Jahre in dieser Funktion im Erzbistum München und Freising tätig und Rektor der Asamkirche. Roers beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit bildender Kunst, Literatur und Theater. Den Film hat er dabei im Blick. Im Jahr 2014 und 2015 war er Mitglied der ökumenischen Jury beim Filmfestival achtung berlin. Er ist zudem ist Lyriker und Redakteur von theo, ein Magazin unter dem Motto: „So geht katholisch auch“.

Rogate-Frage: Welche Bedeutung spielt Jesus in Ihrem Leben?

Georg Maria Roers: Auf diese Frage möchte ich eine Antwort in drei Etappen versuchen, die ersten beiden sind mit bestimmten Orten verbunden.

Die erste Etappe beginnt in meinem Heimatort Rees am Niederrhein. Vor 372 Jahren ist unsere Gemeinde, als erste überhaupt, nach Kevelaer gepilgert. Im selben Jahr, nämlich 1643, baute man dort eine Wallfahrtskapelle. Der jährliche Pilgerweg zur Consolatrix Afflictorum (Trösterin der Betrübten) hat mich nachhaltig geprägt. Maria hält Jesus lächelnd in ihren Armen und aus ihrem ausgebreiteten Mantel wird uns Schirm und Schild: „worunter wir sicher stehn bis alle Stürm vorübergehn.“ So heißt es in einem Kirchenlied im Gotteslob (534).

Die zweite Etappe hat mit der Gesellschaft Jesu zu tun, in die ich 1985 eintrat. Es mag prosaisch klingen, aber meine Berufung zum Jesuiten fand vor dem Grab des Hl. Ignatius in Rom statt. Ich betete innig vor der Silberstatue des Hl. Ignatius in La Chiesa del Gesù (also in der Mutterkirche unseres Ordens). Es liegt Nahe, dass sie dem Heiligsten Namen Jesu gewidmet ist. Diese erste Barockkirche der Welt wurde über dem Kirchlein Maria della Strada errichtet. Deren Fassade schmückte einst das Fresco der Madonna della Strada, das dort in der linken Seitenkapelle Unserer Lieben Frau Vom Wege verehrt wird. Es wurde vor einigen Jahren restauriert und ist nun in alter Pracht zu erleben, vermutlich so, wie es einst die ersten Gefährten der Gesellschaft Jesu sahen.

Mittlerweile trage ich den Namen Jesu im kontemplativen Gebet wie eine kostbare Lichtflamme in meinem Herzen. Das Herz-Jesu-Gebet habe ich durch Pater Franz Jalics SJ im Haus Gries vor 30 Jahren kennengelernt. Im Allgemeinen Römischen Kalender wird der Namenstag Jesu am 3. Januar gefeiert. Wenn man aber davon ausgeht, dass er ein Freund ist, der einen immer begleitet, wird man auch andere Feste mit ihm feiern. Das kann ich seit fast zwanzig Jahren auch in Form der Eucharistie tun: zur Zeit immer am Sonntagabend in Berlin in der Kirche St. Thomas von Aquin in der Katholischen Akademie in der Hannoverschen Straße 5.

Rogate-Frage: Sie sind Künstlerseelsorger im Erzbistum Berlin. Was für Aufgaben und Herausforderungen sind damit verbunden?

Georg Maria Roers: Der Künstlerseelsorger tut nichts anderes als der Seelsorger einer Gemeinde: er nimmt sich der Sorgen und Nöte der Menschen an, die sich an ihn wenden. Für mich heißt das, Freud und Leid der Künstlerinnen der Künstler, die hier in der Bundeshauptstadt und im Bistum leben, zu teilen.

Nicht alle Probleme lassen sich allerdings so einfach aus der Welt schaffen. Mir scheint die Wertschätzung der Arbeit der Kulturschaffenden in unserem sehr reichen Land in den letzten Jahren vernachlässigt worden zu sein. Hier bleibt einiges zu Wünschen übrig. Bildende Künstler verdienen in Deutschland durchschnittlich etwa 14.000.- Euro. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, es geht hier nicht um einen Tagessatz oder einen Monatsverdienst, sondern um die Einkünfte in einem Jahr. Damit gehören die Künstler wie einige Akademiker zu den Ärmsten in unserer Gesellschaft. Das betrifft die materielle Seite des Lebens. Die ideelle Seite zum Beispiel im Leben einer Malerin oder eines Malers sieht dagegen ganz anders aus. Es gibt durchaus eine hohe Zufriedenheit, wenn es um die Arbeit an einem konkreten Werk geht. Das Schlimmste für einen Künstler ist, seiner Arbeit nicht nachgehen zu können. Das wäre die Hölle auf Erden. Das Auf und Ab des Künstlerdaseins konnte man in Big Eyes im Kino sehen. In Wahrheit enden aber nicht alle Geschichten im Happy End. Und nicht nur da ist der Künstlerseelsorger gefragt, der ganz generell am Dialog der Kulturen in dieser Stadt interessiert ist.

Die Kontakte zu den sogenannten Kreativen werden von Jahr zu Jahr intensiver. Es gibt erstaunliche Phänomene in Berlin. Die meist besuchte Kirche war beim Gallery Weekend 2015 zum Beispiel die (ehemals katholische) St. Agnes Kirche, die heute die Galerie König beherbergt. Bei der Eröffnung waren circa 4000 Menschen dort: Die Sucht nach digitalen Bildern ist im Netz eher ein Problem, wenn es sich aber um Originale in einem Museum, einer Galerie oder einer Kirche handelt, sind sie eine Wohltat, vorausgesetzt, man glaubt unter anderem an die pastorale Kraft der Kunst.

Rogate-Frage: Was darf Kunst? Wo sehen Sie Grenzen künstlerischer Freiheit?

Georg Maria Roers: Die Kunst bzw. die künstlerische Freiheit ist durch das Grundgesetz geschützt. Das kann man bei Wikipedia nachschlagen. Allerdings sind damit andere Rechte nicht einfach außer Kraft gesetzt. Zwar wird zum Beispiel die Aktivistin Witt noch freundlich interviewt, nachdem sie bei einer Pressekonferenz in Frankfurt im neuen Gebäude der Europäischen Zentralbank auf den Tisch des Herrn Mario Draghi gestiegen ist: Die Freundlichkeit endete allerdings ganz schnell, als Frau Witt Weihnachten 2013 halbnackt auf dem Altar des Kölner Doms stand und zwar während der Liturgie. Da hat sie eindeutig eine Grenze überschritten. Es wurde ihr der Prozess gemacht und sie wurde für ihre Tat – im Namen des Volkes – verurteilt. Angeblich sei ein Messdiener durch ihren bloßen Busen mit der Aufschrift „I am God!“ traumatisiert worden, so wußte die Bild-Zeitung zu berichten: Auch Kardinal Meißner wird ziemlich geschockt gewesen sein, wie wohl die meisten frommen Gottesdienstbesucher. Es handelte sich eindeutig um einen Fall von Blasphemie. Die meisten Fälle sind aber komplizierter und werden oft gar nicht vor Gericht verhandelt. Den Weg einer gütlichen Einigung halte ich auf für effektiver, da man ja nicht noch zusätzlich für irgendetwas Geschmackloses Reklame machen möchte. Wenn es Teil des Kunstwerkes ist, eine bestimmte Grenze zu überschreiten, dann wird es schwieriger mit eindeutigen Urteilen. Heute würde sich niemand mehr über den Dreck unter den Fingernägeln der Apostel auf einem Gemälde von Caravaggio (1571-1610) aufregen. Seine Zeitgenossen aber waren damals entsetzt, denn der vorgegebene Stil war der Manierismus, wo alle Realität negiert wurde. Dieser schöne Schein wurde von Caravaggio zu Recht durchbrochen.

Rogate-Frage: Wo und wie hilft uns Kunst in der Übersetzung biblischer Botschaften? Kennen Sie ein Beispiel?

Georg Maria Roers: Es geht heutzutage nicht mehr darum eine Bibel zu illustrieren. Dennoch stellen sich bei mir bestimmte Bilder ein, wenn ich zum Beispiel an Engel denke. Ohne die Zeichnungen der Engelsgestalten von Paul Klee (1879-1940) hätte ich vermutlich gar keine Vorstellung davon, was diese Wesen eigentlich sind: nämlich freundliche Begleiter im Leben eines Menschen. Oder denken wir an den Film von Wim WendersHimmel über Berlin (1987) mit Otto Sander als Engel Cassiel, nach einem Drehbuch unter anderem von Peter Handke. Es gibt kaum einen Künstler von Rang, der sich nicht irgendwie mit der Bibel, der Thora, dem Koran oder allgemeinen religiösen oder spirituellen Fragen auseinandergesetzt hat.

Rogate-Frage: Wo und wie hilft uns Kunst in der Übersetzung biblischer Botschaften? Kennen Sie ein Beispiel?

Georg Maria Roers: Im Berliner Dom konnte man dazu eine hervorragende Ausstellung besuchen. Sie trug den Titel „Du sollst dir (k)ein Bildnis machen„.

Jede Woche wurden die Bilder gewechselt. Mit einem Dauerticket konnte man also jede Woche neue Erfahrungen machen. Und darum geht es: Gotteserfahrungen können nur ganz konkret gemacht werden. Die klassischen Felder sind: Liturgie, Diakonie beziehungsweise Caritas, Martyrium und die Koinonia, also die Gemeinschaft. Auch das Feld der Kunst und Kultur gehört dazu. Wer sich mit der Kultur eines bestimmtes Landes beschäftigt, wird fast automatisch auf diese Fragen stoßen und zwar nicht nur in Europa. In anderen Kulturen sind es dann eben nicht christliche Mönche, sondern zum Beispiel buddhistische Mönche, die zu einem Leben in Askese und Bescheidenheit aufrufen. Papst Franziskus hat nicht umsonst für 2016 ein Jubiläum der Barmherzigkeit ausgerufen. Das gilt für die ganze Menschheit.

Rogate: Vielen Dank, Pater Roers, für das Gespräch!

Mehr Infos finden Sie hier: Erzbistumberlin.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 9. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper „Vertrauen – so tun als ob“, Abendgebet in der Kapelle (Sakristei, linke Seite der Kirche, Außeneingang)
  • Donnerstag, 11. Februar 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 16. Februar 16 | 19:00 Uhr, Passionsvesper „Lust – leben wollen“, Abendgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 18. Februar 16 | 19:30 Uhr, Kreuzweg, Gebetsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 23. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper „Liebe – alles was zählt“, Abendgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 25. Februar 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 1. März 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie „Brot und Liebe“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 3. März 16 | 19:30 Uhr, Andacht „Die sieben Worte Jesu am Kreuz“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 8. März 16 | 19:00 Uhr, PassionsvesperGroßes Herz. Sieben Wochen ohne Enge“ mit Vikarin Tanja Pilger-Janßen, Zwölf-Apostel-Gemeinde
  • Donnerstag, 10. März 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)

 

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