Fünf Fragen an: Nikodemus Schnabel, Pater der Dormitio-Abtei Jerusalem

Fünf Freitagsfragen an Pater Dr. Nikodemus Schnabel, Dormitio-Abtei Jerusalem, über eine intime Liebesbeziehung, das Ringen um Gott und eine vitale Ökumene in der Diaspora.

Pater Nikodemus (Bild: Dormitio Abtei)

Pater Nikodemus (Bild: Dormitio Abtei)

Pater Nikodemus wurde 1978 in Stuttgart geboren und wuchs im süddeutschen Raum auf.
Nach seinem Theologiestudium trat er in die Dormitio-Abtei in Jerusalem ein. Seine Profess legte er 2004 ab und wurde 2013 zum Priester geweiht. Der Theologie ist der promovierte Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler auf vielen Ebenen verbunden: Er ist der Leiter der gemeinsamen theologischen Bibliothek der Abtei und des Studienjahres, publiziert in seinen Fachgebieten und ist seit 2007 als freier Mitarbeiter der Stiftung „Pro Oriente“ (Wien) tätig. Zudem ist er einer der Schriftleiter des „Jerusalemer Theologischen Forums“, das vom Forum Studienjahr herausgegeben wird. Als Zeremoniar und Rector ecclesiae sind ihm mit Kirche und Liturgie zwei wesentliche Lebensbereiche anvertraut. Seit dem 1. Mai 2011 ist Pater Nikodemus der Direktor des „Jerusalemer Institutes der Görres-Gesellschaft”, das seither an der Dormitio-Abtei angesiedelt ist. Ferner ist Pater Nikodemus Pressesprecher seines Klosters und deutschsprachiger Auslandsseelsorger in Israel.

Rogate-Frage: Pater Nikodemus, wie kommt ein Stuttgarter wie Sie dauerhaft nach Jerusalem?

Nikodemus Schnabel: Zuerst braucht es wohl eine Grundsehnsucht nach einem radikalen und intensiven Lebensstil. Dann muss dieser Lebenshunger mit Gott in Berührung kommen, so dass ein Leben der Gottsuche eine unwiderstehliche Faszination ausübt. Daraufhin muss dieser Gottsucher auf die herrlich-chaotische Diva von Stadt mit Namen „Jerusalem“ treffen und sich in sie unsterblich verlieben. So komme ich dauerhaft nach Jerusalem, ohne hier alles vorschnell zu verraten, da es ja um eine intime Liebesbeziehung geht.

Rogate-Frage: Warum sind Sie in ein Kloster eingetreten? Was bedeutet für Sie das Leben als Ordensmann?

Nikodemus Schnabel: Das war eine Frage der Sehnsucht und einer Verliebt- oder Verrücktheit, je nachdem wie man will. Es ist so, als wenn man einen in Partnerschaft Lebenden fragen würde, warum er diesen oder jenen Menschen liebt. Das viel Spannendere ist, eine Basis zu finden, warum man im Kloster bleibt; die Eintrittsgründe tragen da oft nicht weit. Es ist wie in einer Partnerschaft: Es gibt das Phänomen der Verliebtheit, das früher oder später vor der Herausforderung einer tragfähigen reifen Liebesbeziehung steht. Gott täglich neu zu suchen, mit ihm zu ringen, um ihn kämpfen: Das macht ein Leben als Mönch so unglaublich intensiv und erfüllt. Ähnliches wünsche ich übrigens jedem in einer Partnerschaft Lebenden!

Rogate-Frage: Die Geschichte der Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion in Jerusalem hat dramatische Phasen gehabt. So 1967, während des Sechstagekrieges, lag Ihr Kloster im Feuer der Kriegsparteien. Wie gestaltet sich das monastische Leben an einem solchen Ort im Alltag?

Nikodemus Schnabel: Erst einmal nicht viel anders als in anderen Klöstern. Wir suchen hier gemeinsam Gott, deswegen sind wir als Mönche vor allem hier. Unser Leben ist stark rhythmisiert: Gebet, Arbeit, Studium, Essen, Muße und Schlaf wechseln sich in einem festen Rhythmus ab. Gerade in dieser chaotisch-unruhigen Stadt ist dieser Lebensstil sehr heilsam und für uns alle eine Stütze. Da zu einem monastischen Leben aber auch ganz wesentlich die Gastfreundschaft und eine Liebe zu dem Ort gehören, für den man sich ein Leben lang entschieden hat, bekommen wir natürlich alle Regungen dieser Stadt sehr genau mit. Wir tragen sie im Gebet vor Gott, helfen aber auch ganz praktisch und sehr konkret, soweit uns das möglich ist.

Rogate-Frage: Im Jahr 2014 hat sich die Lage in Israel und in Gaza wieder einmal zugespitzt. Wochenlang kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Wie ist die Situation der Menschen in Ihrer Region derzeit und welche Rolle kann die Abteil übernehmen, um zu einer Stabilisierung beizutragen?

Nikodemus Schnabel: Hierbleiben und bei den Menschen sein. Wir versuchen ein „Anders-Ort“ zu sein, in dem wir jedem Menschen mit offenen Armen und offenen Herzen begegnen, gleich welcher Religion, Ethnie oder Sprache. Ganz bewusst haben wir jüdische, christliche und muslimische Angestellte, die sogar noch jeweils unterschiedliche Strömungen ihrer Religion repräsentieren. Wichtig ist auch unsere Arbeit in unserem Priorat Tabgha am See Genezareth, das ja ebenfalls zu uns gehört, auf der Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte „Beit Noah„, aber auch unsere Weihnachtsaktion oder unser Ökumenisches Theologisches Studienjahr in Jerusalem. Dies sind nur einige Beispiele, wo wir tagtäglich Brücken bauen. Hinzu kommt das ausdrückliche Gebet für Frieden im Heiligen Land in jeder unserer Mittagshoren, das für viele angesichts der anscheinend völlig verfahrenen Situation vielleicht naiv anmuten mag, aber in kindlichem Gottvertrauen werden wir hierin nicht nachlassen.

Rogate-Frage: Welche Rolle hat die Ökumene in Jerusalem? Wie arbeiten die Konfessionen, auch die evangelische Kirche, mit Ihnen zusammen?

Nikodemus Schnabel: Die Ökumene in Jerusalem ist vitaler als man denkt. Da die Christen hier im Land ja nur zwei Prozent ausmachen, kann man sich innerchristliche Streitigkeiten immer weniger leisten. Die gerne genüsslich geschilderten Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen in der Grabes- und Auferstehungskirche (Stichwort: prügelnde Mönche) gehören schon länger der Vergangenheit an. Gerade als Mönch schätze ich sehr die Mönch-zu-Mönch-Ökumene: Unser Way-of-life ist nämlich viel älter als jede Kirchenspaltung! So sehen koptische, äthiopische, syrische oder armenische Mönche in mir nicht zuerst den Christen einer fremden Konfession, sondern den Mit-Mönch und Mitbruder – und ich sehe sie mit denselben Augen!
Die Ökumene mit den evangelischen Christen ist völlig unproblematisch und vertrauensvoll, da es sich zu einer überwältigenden Mehrheit um deutschsprachige Gläubige handelt. Die gemeinsame Sprache und Kultur schafft automatisch Brücken. Im Gesamtkonzert der christlichen Konfessionen in Jerusalem spielen aber natürlich die verschiedenen Ostkirchen eine allein schon zahlenmäßig weit gewichtigere Rolle. Mit ihnen beschäftige ich mich auch wissenschaftlich als Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft.

Wer übrigens mehr über mein Leben im Kloster in Jerusalem erfahren will, dem möchte ich mein aktuelles Buch ans Herz legen, das im Herbst 2015 erschienen ist, und wo nicht nur die hier gestellten Fragen ausführlich und mit viel Herzblut und Humor beantwortet werden: „Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina“ (München: Herbig 2015). Das Buch kostet 20 Euro und ist überall im Buchhandel erhältlich. Der Erlös kommt dem Wiederaufbau unseres Klosters in Tabgha zugute, das am 18. Juni 2015 Ziel eines Brandanschlags wurde, und unseren Aktivitäten zum Wohle der Menschen im Heiligen Land.

Rogate: Vielen Dank, Pater Nikodemus, für das Gespräch!

Mehr über die Dormitio-Abtei hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 23. Februar 16 | 19:00 Uhr, Vesper „Liebe – alles was zählt“, Abendgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 25. Februar 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 1. März 16 | 19:00 Uhr, Eucharistie „Brot und Liebe“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 3. März 16 | 19:30 Uhr, Andacht “Die sieben Worte Jesu am Kreuz”, in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 8. März 16 | 19:00 Uhr, PassionsvesperGroßes Herz. Sieben Wochen ohne Enge” mit Vikarin Tanja Pilger-Janßen, Zwölf-Apostel-Gemeinde
  • Donnerstag, 10. März 16 | 19:30 Uhr, Komplet in der Passionszeit, Nachtgebet in der Kapelle (Sakristei)
  • Dienstag, 15. März 16 | 19:00 Uhr, PassionsvesperGroßes Herz. Sieben Wochen ohne Enge” mit Superintendent Uwe Simon, Kirchenkreis Oberes Havelland.
  • Unseren Fördervereinsflyer finden Sie hier. Hier unser Monatsplan Februar. Hier unser Monatsplan März.
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