Fünf Fragen an: Kevin Jessa, Freiwilliger in der EKBO

Fünf Fragen an Kevin Jessa, Freiwilliger in der evangelischen Kirche, über ein ehrenamtliches Engagement trotz Widrigkeiten, die Sicht eines hineinwachsenden  Jugendlichen und die Stärke des Christentums, sich auf Neues einzulassen. Ein Beitrag zur morgen beginnenden Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).

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Kevin Jessa (Bild: Jörn von Lutzau)

Kevin Jessa (26) war von 2009 bis 2015 ehrenamtlicher Vorsitzender der Evangelischen Jugend Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EJBO) und von 2012 bis 2015 Mitglied der Landessynode der EKBO. 2013 wurde er von der Kirchenleitung der EKBO für sein kirchliches Engagement gegen Homophobie und für den Interreligiösen Dialog mit der Paul-Gerhardt-Medaille ausgezeichnet.
2015 schloss Kevin Jessa an der Evangelischen Hochschule Berlin sein Studium ab. Der Religions- und Gemeindepädadoge arbeitet derzeit für den Deutschen Evangelischen Kirchentag und plant 2017 das Vikariat in der EKBO zu beginnen. Seit Anfang 2015 ist Jessa  Jugenddelegierter in der 12. Synode der EKD.

Rogate-Frage: Herr Jessa, was treibt Sie zu einem Engagement in der evangelischen Kirche?

Kevin Jessa: ​Ich bin in das ehrenamtliche Engagement in der evangelischen Kirche irgendwie hineingewachsen. ​Zunächst hatte meine Familie fast keinen Kontakt zur Kirche. Erst als wir umgezogen sind und ich in das Alter eines Konfirmanden gekommen bin, lernte ich das Christentum und damit die Kirche erst so richtig kennen. Alles begann schlichtweg mit einem einfachen Standart-Brief (den Ersten an mich adressierten Brief!), in dem ich zum Konfirmandenunterricht eingeladen wurde. Ich wollte wissen, was die Kirche macht, denn allein die Kirchengebäude fand ich schon beindruckend. Und ich wollte wissen, was diese Taufe eigentlich ist, die ich als Säugling empfangen hatte.

Der Pfarrer meiner Gemeinde hat mich für die Jugendarbeit der Kirchengemeinde begeistern können. Und so fing meine „ehrenamtliche Laufbahn“ in der Kirche an, insbesondere im Jugendverband unserer Kirche, der Evangelischen Jugend. Dass ich dabei geblieben bin, erstaunt mich selbst immer wieder. So einfach war das nicht in meiner Kirchengemeinde. Die Gottesdienste sind früh, der Gemeindekirchenrat wirkte auf mich starr und es gab Mitarbeitende, mit denen ich nicht gut klar kam. Gut, Probleme gibt es auf allen Ebenen in der evangelischen Kirche und viele kann man leicht lösen, ich scheitere nur leider immer wieder an Engstirnigkeit und Ignoranz. Ich fühle mich dann oftmals ohnmächtig.
Trotz aller Entmutigung habe ich es bisher immer wieder geschafft, neue Kraft zu schöpfen: Die Menschen in meinem Umfeld stärken mich in meinen Ansichten und ermöglichen mir auch häufig neue Perspektiven einzunehmen. Viele junge Menschen hadern mit der Kirche, möchten Sie aber nicht ganz aufgeben. Die Erfahrung habe ich in der Evangelischen Jugend machen können, und so geht es mir auch.

Kurz gesagt: Dass, was mich am Engagement in der Kirche reizt, überwiegt einfach das Nervige.

Rogate-Frage: Sie waren als Jugendvertreter Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Wie konnten Sie sich einbringen und welche Erfahrungen machten Sie in diesem Gremium?

Kevin Jessa: Als Jugendsynodaler hat man durch Berufung des Ältestenrates alle Rechte und Pflichten eines ordentlich gewählten Synodalen. Ich hatte also Sitz, Stimm-, Rede- und Antragsrecht und konnte wie jedes andere Mitglied an der Landessynode und ihren Arbeitsgremien teilhaben. Nach meinem Empfinden wurde ich weitestgehend als gleichberechtigt angesehen, ledig die vielbeschworene Erfahrung fehlte mir, dafür war aber mein Blick unverstellt.

Konkret habe ich als Jugendsynodaler die Reform des Kirchengesetzes zur Ordnung der Arbeit mit Kindern und Jugendarbeit mitverantwortet. Dort sind alle Rechte und Pflichten der Kinder und Jugendlichen unserer Landeskirche festgeschrieben. Hier trat ich für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein, zum Beispiel das Recht auf Selbstbestimmung. Mit einigen anderen Synodalen habe ich zudem daran gearbeitet, die Lebenspartnerschaft und die Ehe kirchenrechtlich gleichzustellen. Der erste Versuch scheiterte, weil die angestrebte Änderung eines Kirchengesetzes zur Führung von Kirchenbüchern nicht wirklich der richtige Ort für eine Gleichstellung war. Dieses erste Aufbäumen nach langer Untätigkeit in Sachen Gleichstellung wurde allerdings zu einem Auftrag an die Kirchenleitung und den Theologischen Ausschuss, etwaige Änderungsmöglichkeiten zu prüfen. Da nichts passierte, haben die beteiligten Synodalen schließlich über die formalen Wege den zweiten Anlauf gewagt und einen Antrag an die Landessynode verfasst, den drei Kirchenkreise und die EJBO, der Jugendverband der Landeskirche, eingebracht haben. Dass ich zuvor in der EJBO angesichts der sehr erfolgreichen Kampagne „Bunt wie Gottes Schöpfung: Liebe hat viele Farben“ keine Widerstände bei Einbringung des Antragsentwurfs zu erwarten hatte, ist nicht verwunderlich. Leider konnte ich den begonnen Prozess nicht weiterführen, da ich aus der Landessynode ausscheiden musste.

Ein überwältigender Anteil der Synodalen hat großes Interesse an einer konstruktiven und kollegialen Zusammenarbeit. Ich bin sehr glücklich über das parlamentarische System der Evangelischen Kirche. Die durch die Grundordnung gesicherten Plätze der Jugendsynodalen sind unglaublich hilfreich für die Partizipation Jugendlicher. Die gemeinsame Arbeit an der Gestalt und der Zukunft der Kirche ist nicht nur persönlich für mich bereichernd gewesen. Ich würde mir nur wünschen, dass auch in den Kirchengemeinden mehr auf eine generationengerechte Besetzung der Gemeindekirchenräte geachtet wird.

Rogate-Frage: Wie erleben Sie die Diskussion um die Gleichstellung homosexueller Christen in der Kirche und den historischen Beschluss, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen?

Kevin Jessa: ​Ich bin sehr glücklich über den Beschluss, die Lebenspartnerschaft kirchenrechtlich und liturgisch mit der Ehe gleichzustellen. Es zeigt mir, dass es Kirche doch noch vermag – wie in allen Zeiten – sich neuen Fragestellungen zu öffnen und eine Antwort mithilfe der Bibel zu finden. Das ist so richtig evangelisch!

Die Debatte, die überall geführt wurde und vielerorts noch geführt wird, macht mich allerdings nicht sonderlich glücklich. Ich habe mich in meiner Bachelorarbeit damit wissenschaftlich beschäftigt, weil mich die Frage umtrieb, wie ein evangelisches Verständnis von Ehe aussieht. Da ich dadurch viele Fragen längst klären konnte, ist die Diskussion für mich unnötig geworden. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit anderen Argumenten auseinandersetzen würde, wenn es welche gäbe. In vielen Diskussionen merke ich, dass eine rein emotionale Ablehnung der Öffnung der Ehe besteht. Argumente höre ich sehr selten. Auch die Lesart der Bibel ist ein für mich schlechtes Argument. Wer behautet, aus dem reinen Lesen der Worte erschließt sich der Sinn, verkennt die Inhaltstiefe der Bibel und wird ihr nicht gerecht. Besonders wenn auch einer oberflächlichen Betrachtung die Überzeugung entsteht, man kenne den Willen Gottes. Das würde ich mir auch nicht anmaßen, wenngleich ich versuche die Texte in ihrem Kontext zu deuten.

Rogate-Frage: Die Landeskirche hat sich einen Reformprozess verordnet. Welche Erwartungen setzen Sie in diese Neuorientierung und Umstrukturierung?

Kevin Jessa: Es klingt vielleicht utopisch für einen zeitlich begrenzten Prozess, ich würde mir aber wünschen, dass einige „verkrustete“ Strukturen aufbrechen. Unsere Landeskirche ist an vielen Stellen viel zu hierarchisch für eine synodal verfasste Kirche. Unsere Landeskirche würde es gut vertragen, professionell, wenn nötig mit Hilfe von außen, an interne Schwierigkeiten heranzugehen und dennoch das menschliche Gesicht dabei nicht zu verlieren. Besonders wichtig ist mir dabei, eine offene Haltung Menschen gegenüber zu behalten.

Rogate-Frage: Wie stellen Sie sich die Kirche und ihre Gemeinden in 50 Jahren vor? Welche Zukunftshoffnungen haben Sie?

Kevin Jessa: Ich hoffe, wir haben auch in 50 Jahren noch Mut. In der Bibel gibt es nicht nur viele tröstliche Worte, sondern auch die Aufforderung mutig etwas zu wagen und ganz anders zu denken als gewohnt. Christus selbst hat unkonventionell gehandelt und gab seinen Jüngern immer wieder neue Perspektiven mit auf dem Weg. Und natürlich zeigen auch Erfolge und Reaktionen auf verschiedene Kampagnen und Anliegen der Evangelischen Jugend, dass es sich lohnt.

Veränderung ist möglich, dass habe ich in den letzten zehn Jahren meines Engagements gelernt. Und Veränderung ist bitter nötig. Ich finde es spannend, eine Balance aus Modernität und Tradition zu herzustellen. Besonders die Digitalisierung unserer Gesellschaft und unseres Leben ermöglicht und erfordert neue Wege der Kommunikation des Evangeliums. Das ist herausfordernd und verlangt auch Abschiede von gewohnten Dingen.

Zudem wünsche ich mir sehr, dass die Offenheit für alle Menschen nicht als Profillosigkeit verkannt, sondern als ureigene evangelische Art des Glaubens erkannt wird. Es ist doch gerade die Stärke des Christentums, sich auf Neues einzulassen und mit der Bibel in der Hand zu prüfen, welcher Weg gangbar ist.

Der Mitgliederschwund der Kirchen wird anhalten, wir werden kleiner. Aber ich glaube nicht daran, dass wir uns auflösen. Solange wir noch die Botschaft Christi weitertragen sollen, so wird das auch passieren. Wir werden in Zukunft aufpassen müssen, dass wir uns beim Kleiner werden nicht radikalisieren und zu einer versprengten Gruppe werden, die durch fehlende Offenheit nicht mehr ihrer Aufgabe nachkommen kann.

Rogate: Vielen Dank, Herr Jessa, für das Gespräch.

Weitere Informationen finden Sie hier: Positionspapier der Evangelischen Jugend Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zur Ehe für alle. Sowie hier zur EJBO-Kampagne „Bunt wie Gottes Schöpfung: Liebe hat viele Farben“

Zum Thema siehe auch:

  • Fünf Freitagsfragen an Sigrun Neuwerth, Präses der Synode der EKBO, über Wege zum Ziel in der Sitzungsleitung, die Frage um die kirchenrechtliche Gleichstellung homosexueller Paare und das Interesse am Zusammenwirken von ehrenamtlichen und beruflichen Kräften. Das Interview finden Sie hier.
  • Fünf Freitagsfragen an Prof. Traugott Roser, Universität Münster, über das Segnen im Lebenslauf, eine neue kirchliche Sensibilität für das Thema “Lebensformen” und warum das Nichtsegnen Fluch ist. Das Interview finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Heute, Donnerstag, 7. April 16|19:30 Uhr, ANDACHT in der Osterzeit
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDienstag, 12. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Nächstenliebe“, in der Kapelle (Sakristei)
  • Donnerstag, 14. April 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, mit Prozessionsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche
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