Fünf Fragen an: Prof. Traugott Roser, Universität Münster

Fünf Freitagsfragen an Prof. Traugott Roser, Universität Münster, über das Segnen im Lebenslauf, eine neue kirchliche Sensibilität für das Thema „Lebensformen“ und warum das Nichtsegnen Fluch ist. Ein Beitrag zur heute begonnenen Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).

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Prof. Traugott Roser (Bild: privat)

Traugott Roser studierte Theologie in Erlangen, München sowie in Gettysburg (USA). Er promovierte bei Trutz Rendtorff in München, bei ihm arbeitete er auch als Assistent. Er war Gemeindepfarrer in München und teilzeitlich als Leiter der Koordinationsstelle Medizinethik der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bis ins Jahr 2004. Seit 1. März 2013 ist er Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein besonderes Interesse gilt der Palliative Care und Hospiz-Arbeit, ihrer Einführung in Pflegeeinrichtungen, sowie der Entwicklung einer Kultur von Spiritual Care im Gesundheitswesen. Zu seinen Schwerpunktthemen gehört auch Religion im Film.

Rogate-Frage: Herr Professor Roser, was ist Segen und was segnet die Kirche?

Traugott Roser: Wörtlich meint segnen – benedicere – „Gutes sagen“, im Zwischenmenschlichen immer dann, wenn es Not-wendig ist, weil das Gute im Leben gefährdet oder doch zumindest in Frage gestellt ist. Entsprechend sind Segen und Segnen an Übergängen im Leben angebracht, vom Aufbruch in einen neuen Tag am Morgen (Beispiel: Luthers Morgensegen) über den Aufbruch in eine neue Lebensphase, wie bei der Einschulung, und zu Beginn einer Lebenspartnerschaft bis hin zum Übergang vom Leben in das Leben nach dem irdischen Leben durch die „Aussegnung“. Jeder Mensch kann segnen, genauso wie jeder Mensch auch fluchen kann!

Wer segnet, stellt das Gegenüber und sich selbst in eine Beziehung, die unter der Verheißung Gottes steht; darum kann segnen auch immer nur Gutes meinen: Shalom in der ganzen Vielfalt der Bedeutungen. Nicht nur in den alten Geschichten, sondern auch in der konkreten Lebenswelt von heute, geben Menschen den Segen weiter, den sie selbst empfangen und aus dem sie gelebt haben. In diesem Sinn macht segnen auch immer deutlich, dass wir nicht aus uns selbst und für uns selbst leben, sondern Bittende und Empfangende sind. Kirche segnet im Übrigen nicht anders als Menschen segnen. Auch Kirche ist Empfangende und Bittende. Aber Kirche erinnert darüber hinaus, dass kirchlicher Segen immer zurück erinnert an die Verheißung der Taufe. Dort ist vielleicht so etwas wie der Ur-Segen, an den wir mit jedem weiteren Segen erinnern. Die unverbrüchliche Zusage Gottes, der bei uns ist und will, dass alles, was wir tun, Gutes wirkt.

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit der Frage zur Segnungen gleichgeschlechtlich liebender Menschen beschäftigen?

Traugott Roser: Offen gesagt, aus Eigeninteresse. Ich habe das Glück, zweimal um den Segen für eine Lebenspartnerschaft bitten zu dürfen und dabei nicht abgelehnt worden zu sein. Beim ersten Mal habe ich durch den Tod meines Mannes erlebt, wie wichtig der Segen gerade dann war, als es um Leben und Tod ging und der irdische Tod unser beider gemeinsames Leben beendete. Die Verheißung, dass dennoch Gutes auf uns wartet, hat uns der Segen gezeigt. Und auch in meiner jetzigen Lebenspartnerschaft zehren mein Mann und ich immer wieder von dem Segen, der uns geschenkt wurde. Am besten aber ist, dass der Segen bei unserer Segungsfeier nicht auf uns beschränkt war, sondern alle Gäste Segen zugesprochen bekamen, an dem Punkt, wo sie in ihrem Leben waren. Mein dritter Bruder wurde auch gesegnet, als Single. Es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Wie tröstlich, dass er nicht ungesegnet starb, egal ob in oder nicht in einer Partnerschaft!

Rogate-Frage: Was bedeutet es, wenn der Segen Menschen und Paaren verwehrt wurde und wird?

Traugott Roser: Wer anderen Menschen nicht „Gutes sagt“, sagt ihnen damit Nichts. Da halte ich es mit Michael Ende („Die unendliche Geschichte„): „Das Nichts verzehrt das, was ist.“ Oder mit Paul Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren„) – wer nicht segnet, sagt nicht einfach nichts, sondern spricht einen Nichtsegen – und das ist für mich ein Fluch.

Rogate-Frage: Die Evangelische Kirche im Rheinland traut nun lesbische und schwule Paare. Die Landessynode der EKBO will morgen eine revidierte und erweiterte Trauagende verabschieden, die gleichgeschlechtliche Paar gleich behandelt und Tauungen ermöglich… Welche neuen Initiativen nehmen Sie in der evangelischen Kirche wahr, um Diskriminierungen zu beenden?

Traugott Roser: Ich erlebe in der Kirche bei vielen Gesprächen eine neue Sensibilität für das Thema „Lebensformen“ allgemein. Die Wahrnehmung dessen, dass es viele Weisen des Lebens als Christin und als Christ gibt, dass der Glaube auch Menschen wichtig ist, die nicht in das Raster der bürgerlichen Familie und bürgerlichen Existenz passen, gehört für mich dazu. Transgender beispielsweise ist ein Thema, dem Kirchen sich öffnen und das sie nicht länger ausschließen. Zur Beendigung von Diskriminierung gehört meines Erachtens aber auch, dass die Kirchen und Kirchenleitungen sich nicht nur helfend und diakonisch anderen Lebensformen zuwenden, sondern von deren Erfahrungen lernen, was Glaube in der Gegenwart ist und welche Konsequenzen Glaubenserfahrungen für Glaubenslehre haben kann. Kommunikation des Evangeliums ist eine Zweibahnstraße, ein Inklusions-Diskurs. Wir haben noch viel zu lernen, auch wenn Diskriminierung längst hinter uns liegt!

Rogate-Frage: Wie sollte ein Segnungs- beziehungsweise Traugottesdienst für homosexuelle Paare aussehen? Was ist dabei wichtig?

Traugott Roser: Nicht anders als ein normaler Traugottesdienst. Es kommt auf die Verbindung von Zeichen, Symbolen und Worten und Deutung an; es braucht immer einen engen Anknüpfungspunkt an die Biografie der beteiligten Menschen, denn der Segen und Zuspruch ereignet sich im Leben, in konkreten Lebenssituationen. Deshalb ist mir ganz wichtig, dass ein Gottesdienst durch gute Gespräche (Kasualgespräche) vorbereitet ist, in denen es nicht nur um Deko und Zeremonie geht, sondern darum, warum genau diese beiden Menschen segensbedürftig sind. Im Traugottesdienst ist es immer auch wichtig, neben all dem Schönen auch das zu sehen, was gefährdet ist. Da braucht es Segen. Dafür beten wir als Gemeinde. Alles Weitere wie Licht, Freude, Helligkeit, Musik und Schönheit ergeben sich von selbst.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Roser, für das Gespräch!

Weitere Informationen über Prof. Roser finden Sie hier.

Mehr zum Thema Synodentagung der EKBO hier:

  • Fünf Freitagsfragen an Sigrun Neuwerth, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über Wege zum Ziel in der Sitzungsleitung, die Frage um die kirchenrechtliche Gleichstellung homosexueller Paare und das Interesse am Zusammenwirken von ehrenamtlichen und beruflichen Kräften.
  • Fünf Freitagsfragen an Kevin Jessa, Freiwilliger in der evangelischen Kirche, über ein ehrenamtliches Engagement trotz Widrigkeiten, die Sicht eines hineinwachsenden  Jugendlichen und die Stärke des Christentums, sich auf Neues einzulassen.

Zum Thema Gottesdienst siehe auch:

  • Landesbischof Gerhard Ulrich, Nordkirche und Leitender Bischof der VELKD, über die Definition eines lutherischen Gottesdienstes, situationsgemäße Liturgie und die Relevanz der Tradition.
  • Prof. Dr. Alexander Deeg, Universität Leipzig, über gute Gottesdienste, überzeugende Feierformen und die Wertschätzung der Eucharistie.
  • Pastorin Anita Christians-Albrecht, Plattdeutschbeauftragte der Landeskirche Hannovers, über ‘Gott up Platt – Wat sall dat?’, ‘Gott sien Lüüd’ und “Gott deep mitföhlen deit”.
  • Kirchenrat Klaus Rieth, Evangelische Landeskirche in Württemberg, über die Reaktion der Gemeinden im Ländle auf den Zustrom geflüchteter Menschen und eine bundesweit gefragte mehrsprachige Gottesdienst-Hilfe.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 12. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Nächstenliebe“
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDonnerstag, 14. April 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE, mit Prozessionsgang durch die Kirche
  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Dienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche
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