Fünf Fragen an: Prof. Alexander Deeg, Universität Leipzig

Fünf Freitagsfragen an Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie in Leipzig, über gute Gottesdienste, überzeugende Feierformen und die Wertschätzung der Eucharistie.

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Prof. Dr. Alexander Deeg (Bild: privat)

Alexander Deeg, Prof. Dr., wurde 1972 im Nordosten Oberfrankens geboren – und wuchs nahe an der deutsch-deutschen Grenze auf. Nach dem Abitur 1991 in Hof studierte er Theologie und Judaistik in Erlangen und Jerusalem. Sein Vikariat verbrachte er in Reichenschwand im Nürnberger Land und wurde 2001 zum Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern ordiniert. Von 2000 bis 2009 arbeitete er als Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie bei Martin Nicol in Erlangen und entwickelte mit ihm vor allem die „Dramaturgische Homiletik“ weiter. 2009 übernahm er die Leitung des neugegründeten „Zentrums für evangelische Predigtkultur“ der EKD in Wittenberg. Seit 2011 ist er Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Er beschäftigt sich vor allem mit Predigtlehre, Grundfragen zum evangelischen Gottesdienst, christlich-jüdischem Dialog und biblischer Hermeneutik.

Rogate- Frage: Herr Professor Doktor Deeg, was macht einen guten Gottesdienst aus?

Alexander Deeg: Wenn ich es ganz kurz sage: Leidenschaft und Bescheidenheit. Ein Gottesdienst ist einerseits ein ganz selbstverständliches Tun, andererseits ein großes Wagnis: Menschen erwarten, dass – wie Martin Luther sagte –, „Gott selbst mit uns spricht durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang“. Sie erwarten, mitten in ihrem Alltag, in ihren Freuden und Sorgen einzutreten in einen Wort-Wechsel mit dem lebendigen Gott, erwarten und erhoffen, von ihm berührt, bewegt und verändert zu werden. Ein guter Gottesdienst ist durch diese leidenschaftliche Erwartung gekennzeichnet – und durch die Bescheidenheit derer, die ihn feiern: Wir können noch so qualitätvoll Liturgie gestalten, noch so gute Musik und anregende Redeteile gestalten – machen können wir die Gott-menschliche Begegnung nicht. Sie bleibt das, wofür die Gemeinde und vor allem die aktiv Gestaltenden die Bühne frei machen müssen. Wenn es gut geht, erfahren Menschen dann, wie ihr Leben im Gottesdienst und durch den Gottesdienst heilsam unterbrochen wird.

Rogate- Frage: Und wie ist Ihr Eindruck von der gegenwärtigen Praxis in Deutschland?

Alexander Deeg: Es gibt sehr viele schöne Gottesdienste, die sich landauf landab erleben lassen. Oftmals übrigens gerade in kleinen oder ganz durchschnittlichen Gemeinden, in denen zu spüren ist, dass mit Ernst und Freude, mit Selbstverständlichkeit und Erwartung Gottesdienst gefeiert wird. Es ist schön, so viel Liebe zum Gottesdienst und Freude an ihm zu erleben.

Manchmal freilich begegnet mir auch etwas, was ich die „Wut des Gestaltens“ nenne und gerade bei Pfarrerinnen und Pfarrern, Liturginnen und Liturgen erlebe, die besonders engagiert sind. Sie wollen viel und nehmen den Gottesdienst in die Hand, gestalten die Liturgie um, erfinden neue Worte, suchen nach neuen Ritualen et cetera. Dabei freilich kommt die schlichte Erwartung, die auf dem Gottesdienst liegt, manchmal zu kurz. Am Ende bin ich als Mitfeiernder gepackt von der Gestaltung des Liturgen – oder abgestoßen von ihr. Aber in jedem Fall weit weg von dem Geschehen, das das Geheimnis des Gottesdienstes ausmacht. Das Vertrauen in die geprägten Formen erweist sich oft als stärker als der Eigenkreativwahn gestaltender Liturgen/Liturginnen.

In den vergangenen Jahren haben viele evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer allerdings die gottesdienstliche Eigensprache von Symbol und Ritual neu gelernt. Das ist wohltuend zu bemerken. Evangelische Gottesdienste sind heute – so mein Eindruck – weniger wortlastig als noch vor Jahren. Der Leib hat Bedeutung. Es gibt nicht nur etwas zu hören, sondern auch zu sehen und zu schmecken. Und es wird neu entdeckt, dass die Gemeinde nicht der Adressat von Botschaften ist, sondern das Subjekt der gemeinsamen Feier.

Rogate- Frage: Sind verbindliche Liturgien sinnvoll oder sollte jede Gemeinde zur Vielfalt der Rituale beitragen?

Alexander Deeg: Eine strenge Verbindlichkeit ist im evangelischen Bereich schon lange Illusion – und gab es wohl noch nie. Schon für Luther selbst war wichtig, dass seine eigenen Gottesdienstformulare zunächst für die Wittenberger Gemeinde gelten sollten. Andernorts könne durchaus anders gefeiert werden, so der Reformator. Damit stehen die Zeichen schon seit der Reformation auf liturgische Vielfalt. Diese freilich hat ihre Probleme. Die Wiedererkennbarkeit droht verloren zu gehen, wie auch der Anschluss an die Tradition der Kirche und an die Ökumene. Von daher lebt evangelischer Gottesdienst in der Spannung zwischen überzeugenden Vorgaben für die Gestaltung von Feiern und freien Adaptionen vor Ort. Schön ist es, wenn Gemeinden dann nicht nur selbst etwas Neues entwickeln, sondern dieses auch an andere weitergeben, so dass sich überzeugende Feierformen verbreiten.

Das Gesagte gilt in besonderer Weise für die Sonntagsgottesdienste in traditionskontinuierlicher Gestalt. Daneben hat sich in den vergangenen Jahren ein erfreulich buntes Programm weiterer Gottesdienste entwickelt, die zu Experimentierfeldern liturgischer Innovation werden.

Rogate- Frage: Wie sieht der Gottesdienst der Zukunft aus? Wohin entwickelt sich die liturgische Praxis?

Alexander Deeg: Es wird auch weiterhin eine Vielfalt gefeierter Gottesdienste geben. Dabei hoffe ich, dass der Gottesdienst am Sonntag in seiner an der Tradition orientierten Gestalt durch lustvolle Feier zwischen Leidenschaft und Bescheidenheit, durch engagierte Predigten und kirchenmusikalische Gestaltung ein überzeugendes Angebot für viele bleiben wird (oder sogar noch mehr Freunde gewinnen kann). Wir werden diesen Gottesdienst künftig, davon bin ich überzeugt, in vielen verschiedenen Klanggestalten und Klangfarben feiern, woran es gegenwärtig zu arbeiten gilt.

Daneben wird es ein buntes weiteres gottesdienstliches Leben geben, wobei hier schon jetzt regionale Kooperationen begegnen, die zukünftig noch verstärkt werden können. Nicht jede Gemeinde muss jeden Gottesdiensttyp feiern. In manchen Kirchen ist schon aus Raumgründen ein bestimmter Gottesdienst besonders geeignet, in anderen eher nicht.

Schön wäre es, wenn wir zunehmend Gottesdienste auch an anderen Orten und mit Menschen feiern würden, die eher nicht in die Kirchen kommen: mit Obdachlosen, mit Flüchtlingen…

Rogate- Frage: Was kann die evangelische Kirche aus der Ökumene lernen? 

Alexander Deeg: Unendlich viel! Sie hat das – Gott sei Dank – schon in den vergangenen rund 100 Jahren getan. Die Liturgischen Bewegungen in den evangelischen und in der katholischen Kirche haben die Chance eines gemeinsamen Nachdenkens über Liturgie entdeckt. Es gibt einen Strom des Miteinanders, der seither nicht abgerissen ist. So haben Evangelische die Eucharistie neu wertschätzen gelernt – und Katholiken vielleicht die Bedeutung des Wortes neu entdeckt.

Gegenwärtig gewinnt der liturgische Dialog mit der Anglikanischen Kirche neue Bedeutung. So spielen Evensongs eine zunehmende Rolle im deutschsprachigen Bereich. Sicherlich wird der Dialog mit den orthodoxen Kirchen nicht nur angesichts der zahlreichen Flüchtlinge und neuen Bundesbürger aus orthodoxen Kontexten eine neue Rolle spielen müssen und können. Gestärkt werden müsste aber auch der Dialog mit den sogenannten „Freikirchen“. Liturgisch und vor allem auch liturgiewissenschaftlich steckt er erst in den Kinderschuhen.

Nicht unerwähnt will ich aber auch lassen, dass wir in den vergangenen Jahren auch mit Jüdinnen und Juden in einen intensiven liturgischen Kontakt getreten sind. Und nicht zuletzt gilt es, sich auch im interreligiösen Kontext über die Bedeutung von Ritualen und Gottesdiensten in unserer Gesellschaft zu verständigen.

Bei alledem können alle Beteiligten nur gewinnen – zur Ehre Gottes und zum Dienst an den Menschen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Professor Dr. Deeg, für das Gespräch!

Mehr über Alexander Deeg finden Sie hier: Deeg.

Zum Thema Gottesdienst siehe auch:

  • Landesbischof Gerhard Ulrich, Nordkirche und Leitender Bischof der VELKD, über die Definition eines lutherischen Gottesdienstes, situationsgemäße Liturgie und die Relevanz der Tradition.
  • Pastorin Anita Christians-Albrecht, Plattdeutschbeauftragte der Landeskirche Hannovers, über ‘Gott up Platt – Wat sall dat?’, ‘Gott sien Lüüd’ und “Gott deep mitföhlen deit”.
  • Kirchenrat Klaus Rieth, Evangelische Landeskirche in Württemberg, über die Reaktion der Gemeinden im Ländle auf den Zustrom geflüchteter Menschen und eine bundesweit gefragte mehrsprachige Gottesdienst-Hilfe.
  • Prof. Traugott Roser, Universität Münster, über das Segnen im Lebenslauf, eine neue kirchliche Sensibilität für das Thema “Lebensformen” und warum das Nichtsegnen Fluch ist.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der gastgebenden Ev. Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Dienstag, 19. April 16|19:00 Uhr, VESPER “Liebeskummer“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 21. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET „Vergeben“
  • Rogate Kl_Aushang_Rogate Sonntag_090316-2 KopieDienstag, 26. April 16|19:00 Uhr, VESPER „Hochzeit“, das Abendgebet
  • Donnerstag, 28. April 16|19:30 Uhr, KOMPLET, Nachtgebet
  • Hier unser Aushang April 2016.
  • Sonntag Rogate, 1. Mai 16 | 10:00 Uhr, Eucharistie, Predigt: Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Theologische Fakultät an der Humboldt-Universität
  • Dienstag, 3. Mai 16|19:00 Uhr, VESPER am Tag der Apostel Philippus und Jakobus das Abendgebet, in der Kirche
  • Donnerstag, 5. Mai 16|19:30 Uhr, EUCHARISTIE an Christi Himmelfahrt
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