Fünf Fragen an: Dr. Konrad Merzyn, Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD

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Oberkirchenrat Dr. Konrad Merzyn (Bild: privat)

Fünf Freitagsfragen an Dr. Konrad Merzyn, Oberkirchenrat im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), über vielfältige Zugänge zur evangelischen Kirche und die Reformbereitschaft als Markenzeichen der Kirchen der Reformation.

Oberkirchenrat Dr. Konrad Merzyn leitet im Kirchenamt der EKD das Referat Studien- und Reformfragen und das Projektbüro Reformprozess. Zuvor war er Gemeindepfarrer und wissenschaftlicher Assistent im Bereich der Praktischen Theologie. Ihm liegt der gelungene Austausch zwischen Kirchenleitung und wissenschaftlicher Theologie am Herzen.

Rogate-Frage: Herr Oberkirchenrat Dr. Merzyn, mit welchen Ziel untersucht die EKD ihre Mitgliedschaft, wie und was wird erfragt? 

Konrad Merzyn: Die EKD führt die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen (KMU) seit 1972 alle zehn Jahre durch. Das übergreifende Anliegen der Erhebungen besteht darin, die Lebens- und Glaubenswirklichkeit von Kirchenmitgliedern und Konfessionslosen aufmerksam wahrzunehmen. Es geht also um einen Perspektivenwechsel, der den Kirchenleitungen ein tieferes Verständnis ermöglicht. Auf dieser Basis lässt sich das eigene kirchliche Handeln hinterfragen, um so empirische Sorgfalt und kirchenleitende Verantwortung miteinander zu verbinden.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hatten die Ergebnisse in der Vergangenheit auf kirchliches Handeln?

Konrad Merzyn: Das Überdenken der Positionen und auch der Strukturen kirchlicher Arbeit gehört zur evangelischen Kirche stets dazu, Reformfähigkeit und Reformbereitschaft ist ein Markenzeichen der Kirchen der Reformation. Die Kirche ändert sich stets und sucht nach Antworten des Evangeliums für die Herausforderungen der Zeit. Zu diesen Herausforderungen zählt es auch, die Entwicklung der Mitgliedszahlen und die demographische Entwicklung im Blick zu haben.

Die Auswirkungen auf das kirchliche Handeln sind immer Ergebnisse von Interpretationsbemühungen. Die Daten an sich liefern ja noch keine Handlungsempfehlungen mit. In dieser Weise haben die KMUs in den vergangenen Jahren beigetragen zum Verständnis und zur Würdigung der „treuen Kirchenfernen“ ebenso wie zur breiten Etablierung unterschiedlichster Glaubenskurse. Denn deutlich ist, dass Glaubensinhalte und Glaubenspraxis nicht (mehr) selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben werden.

Rogate-Frage: Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sagte über die aktuelle Untersuchung: „Unübersehbar ist jedoch, dass wir unterschiedliche Zugänge und Mitgliedschaftspraxen künftig nicht nur zulassen, sondern bewusst fördern müssen.“ Welche Zugänge könnten gemeint sein und wie kann eine Förderung aussehen?

Konrad Merzyn: Die Einladung zum Glauben gilt Menschen, die in unterschiedlichen Lebenswelten und unterschiedlicher Distanz und Nähe zur Kirche leben. Wenn man nun die Kirche insgesamt versteht als Hybrid aus Institution, Organisation und Bewegung, dann sind die kirchlichen Aufgaben der Gegenwart im Blick auf die Förderung von Zugängen und Mitgliedschaftspraxen entsprechend vielfältig:

  • Vergewisserung angesichts interner Verunsicherung mit dem Ziel der geistlichen Bildung und Stärkung der kirchlich Engagierten und Hochverbundenen
  • Stabilisierung der mittleren Verbundenheit der Mehrheit der Kirchenmitglieder mit dem Ziel der Stärkung der Verbundenheit durch Qualifizierung und Professionalisierung von Kontaktflächen und durch die dezidierte Würdigung distanzierter Kirchenmitgliedschaft
  • Begeisterung von Fernstehenden mit dem Ziel der bewussten Profilierung von kirchlichen Angeboten

Deutlich ist dabei: Alle kirchenleitende Förderung richtet nichts aus ohne Menschen, die überzeugt und überzeugend das Evangelium verkünden, ob durch Worte oder Taten, ob öffentlich oder im privaten Umkreis, ob beruflich oder ehrenamtlich.

Rogate-Frage: Wie kann es sein, dass Erwartungen und Ansprüche an die Kirche vor Ort trotz sinkender Mitgliedszahlen wachsen?

Konrad Merzyn: Die Erwartungen sind natürlich sehr vielfältige, je nach dem, wen und in welchem Kontext man fragt. In ländlich-peripheren Gebieten ist die Erwartung an die kirchliche Präsenz (nachdem Post, Arztpraxis und Lebensmittelgeschäft geschlossen wurden) eine andere als in urbanen Ballungsräumen. Unterschiedliche Erwartungen korrelieren zudem auch oft mit der unterschiedlichen Verbundenheit zur Kirche. In der Regel gilt: Je weniger sich jemand der Kirche verbunden fühlt, desto weniger erwartet er oder sie auch kirchliches Engagement. Ausgenommen davon ist nur ein Feld, nämlich das diakonische Handeln der Kirche. Darin sind sich hochverbundene Kirchenmitglieder, Distanzierte und Konfessionslose einig: Die Kirche soll sich um Arme, Kranke und Bedürftige kümmern.

Rogate-Frage: Welche Rolle kommt dabei den geistlichen Gemeinschaften und Klöstern unter dem Dach der EKD zu? 

Konrad Merzyn: Das sind in der Regel Orte mit einer besonderen Strahlkraft. Häufig bilden sie eigene Anziehungspunkte, an denen Menschen den Geist Gottes neu erfahren und entdecken können. Als Orte der spirituellen Konzentration sind die geistlichen Gemeinschaften und Klöster eine gute Ergänzung volkskirchlicher Strukturen und bilden eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Kirche zukünftig weiter eine Kirche für andere und mit anderen bleibt.

Rogate: Vielen Dank, Herr Oberkirchenrat Dr. Konrad Merzyn, für das Gespräch!

Weitere Informationen zur aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung finden Sie hier.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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