Fünf Fragen an: Wolfgang Kessler, Chefredakteur „Publik-Forum“

Fünf Freitagsfragen an Wolfgang Kessler, Chefredakteur „Publik-Forum“, über Barmherzigkeit in der Kirche, das mediale Streiten für eine bessere Welt und den Zustand kirchlicher Publizistik.

2016 Wolfgang Kessler Bild Publik Forum

Wolfgang Kessler (Bild: Publik Forum)

Wolfgang Kessler, geboren 1953, ist Publizist, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Er studierte in Konstanz, Bristol und an der London School of Economics. Die Promotion erfolgte 1982 an der Universität Konstanz. Nach einer kurzen wissenschaftlichen Tätigkeit im Rahmen des Internationalen Währungsfonds (1982/83) ist Kessler seit 1983 als Journalist tätig. Er betrieb zunächst ein eigenes Pressebüro für verschiedene Tageszeitungen und Rundfunkanstalten. Im Jahre 1991 wechselte er zu „Publik-Forum“ als Ressortleiter für Politik und Gesellschaft. Seit 1999 ist er Chefredakteur. Kessler beschäftigt sich in zahlreichen Büchern mit Wegen zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft auf ethischer Grundlage.

Rogate-Frage: Herr Dr. Kessler, was ist „Publik-Forum“ und wie ist Ihr Magazin entstanden?

Wolfgang Kessler: Es ist das Produkt einer Revolte. Von 1968 bis Anfang 1972 gaben die Bischöfe eine liberale katholische Wochenzeitung namens „Publik“ heraus. Sie wurde Ende 1971 von den Bischöfen eingestellt, weil sie ihnen zu liberal, zu kritisch geworden war. Darauf wandten sich aktive Leserinnen und Leser zusammen mit dem Redakteur Harald Pawlowski an die Abonnenten mit der Frage, ob sie eine Zeitung ohne die Bischöfe machen wollten, eine christliche Zeitung von unten. 6.500 Leser abonnierten das neue Blatt. Im Januar 1972 erschien die erste Ausgabe mit zwölf Seiten. Von der Öffentlichkeit schnell totgesagt, erscheinen wir inzwischen seit 44 Jahren alle zwei Wochen mit 64 Seiten. Publik-Forum ist eine der wenigen Zeitschriften, die in erster Linie von ihren Lesern und nicht von Banken, Großverlagen, Bischöfen oder der Werbeindustrie finanziert wird. Auf dieser Basis können wir über alle politischen, sozialen, religiösen, kirchlichen und kulturellen Entwicklungen völlig unabhängig von finanziellen und politischen Einflüssen mächtiger Interessen berichten. Und das tun wir auf christlichem Hintergrund.

Rogate-Frage: Unter „kritisch, christlich, unabhängig“ können viele Themen Eingang finden, doch welche Schwerpunkte setzen Sie redaktionell?

Wolfgang Kessler: Wir scheuen uns nicht zu sagen, dass unsere Zeitschrift für eine bessere Welt streitet. Deshalb berichten wir über Themen, die unter engagierten und diskussionsbereiten Christen besonders wichtig sind: Im politischen Bereich gruppieren sich diese Fragen um die Themen Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und Menschenrechte. Im Bereich von Religion und Kirchen diskutieren wir über die Verhältnisse in den Kirchen, in Religionsgemeinschaften und befassen uns und mit der gesamten Debatte in den Religionen, auch theologische Grundfragen diskutieren wir kritisch. Dazu kommen spirituelle Fragen und vor allem Erzählungen von Aufbrüchen, Hoffnungen und vom Leben mutiger Menschen.

Rogate-Frage: Wer liest Publik Forum und woraus setzt sich die Leserschaft zusammen?

Wolfgang Kessler: Knapp 60 Prozent unserer Leserinnen und Leser sind Katholiken, knapp 40 Prozent Protestanten, die übrigen gehören anderen Religionen an oder sind konfessionslos. In der Mehrzahl sind es Leute, die aus dem christlichen Glauben die Kraft schöpfen, um sich für eine bessere Welt zu engagieren. Die meisten Leser bewegen sich im kirchlichen Umfeld, manche im engeren Kreis, manche in einem weiteren Kreis. Einige haben auch ein kritisches Verhältnis zu den Kirchen, leben aber weiterhin ihre christlichen Ideale.

Rogate-Frage: Wie stellt sich die christliche, kirchliche Publizistik im deutschsprachigen Raum aktuell dar und wie wird sie sich verändern?

Wolfgang Kessler: Man kann durchaus sagen, dass die offizielle kirchliche Publizistik am Boden liegt. Dabei arbeiten dort oft gute Journalisten. Allerdings scheuen immer mehr Menschen Zeitungen und Zeitschriften, die im Geruch der Verkündigung einer offiziellen Meinung stehen. Und das tun Kirchenzeitungen, auch wenn die Bischöfe nicht immer Einfluss nehmen. Bedenkt man noch, dass jüngere Leute sich von den Kirchen und von Printzeitungen gleichermaßen abwenden, dann wird die offizielle kirchliche Publizistik weiter schrumpfen. Überleben und gedeihen werden allenfalls Blätter für bestimmte Szenen oder für bestimmte Themenbereiche, die mit geringen Kosten gemacht werden können.

Rogate-Frage: Wie greifen Sie das von Papst Franziskus aufgerufene „Jahr der Barmherzigkeit“ auf?

Wolfgang Kessler: Wir begrüßen das Jahr der Barmherzigkeit, obwohl wir zum päpstlichen Begriff von Barmherzigkeit auch ein kritisches Verhältnis haben. Wenn es zum Beispiel eine Frage der Barmherzigkeit ist, ob Homosexuelle oder geschiedene Mitarbeiter im kirchlichen Dienst akzeptiert werden, dann setzt man die betroffenen Menschen der Willkür der Verantwortlichen aus. Für die Betroffenen ist ein Rechtsanspruch wichtiger als Barmherzigkeit. Dennoch ist der Begriff Barmherzigkeit in einer Welt wichtig, die immer unbarmherziger mit Flüchtlingen, mit Armen, mit Hungernden, mit sogenannten Außenseitern oder auch mit Tieren, überhaupt mit der Natur umgeht. Wir geben dem Begriff Barmherzigkeit deshalb eine politische Note. Wir fragen, wie politische und soziale Strukturen organisiert werden müssen, damit die Menschen Barmherzigkeit leben können. Denn wenn sie können, dann werden es viele auch tun.

Rogate: Vielen Dank, Herr Kessler, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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Eine Antwort zu Fünf Fragen an: Wolfgang Kessler, Chefredakteur „Publik-Forum“

  1. Willi Löhr schreibt:

    Sehr geehrtes Team,
    in der Zeit der demografischen Veränderungen,pardon Gesellschaftsveränderungen sind 3 jahrzehnt (Veränderungen?!) sind die heutigen christlichen Veränderung mehr als die Angst in mir, der Fust in mir und der Konflikt in mir geworden und zu sehen-bewusst oder unbewusst-
    Wir sind Papierchristen geworden und stehen dem lebendigen Glauben weit entfernt.
    Wir stellen uns unbewusst die Frage:
    Kann man vor Gott fliehen.
    Ich habe nichts gegen Gott,
    sollange Gott nicht stört.
    Angst , sich zu stellen.
    Unsere christliche Lebensbiografie ist auf Wahrheiten der Welten focussiert, statt auf das Wort in „Jesus christus“, wir sind im 21. Jahrhundert in Jesus Christus und heiliger Geist überfordert.
    Warum?
    Wir stellen uns den Lebensfragen nciht mehr! Der Tod wird ausgeklammert, das Leid verdrängt und die innere Seele existier nicht mehr.
    Es wurde vergessen, die ausgebreiteten Arme sind immer noch da, das Kreuz existiert und „Jesus Christus und der heilige Geist sind in Joh. 14,6 manifestiert, seit dem Tod und der Auferstehung.
    Als Papierchsiten, Traditionschristen oder angepaßer Christ sind wir übersatte, gesättigte Menshcen. Man bewegt sich Im Geist nicht mehr. Diese biopsychosoziale Symptome in unseren Quartieren sind nicht mehr für Mitgefühl-Barmherzigkeit- und mitgehen entwickelt.
    Sozial ::Ja Mitgefühl::Nein siehe 1.Korinther 13, 1 -13
    Bewusstsein und Wahrnehmung sind mit Medienüberschüttung, man hört sich jeden Mist an und kann nicht mehr trennen zwischen wichtig und unwichtig und die ansteigenden psychosomatischen symptome weiter ansteigend. Es macht angst und läßt den spielraum, die Potentiale und die Ressourcen für gelebten Glauben verschwinden. Der „widersacher“ ist ein märchen und steht aktuell im Kasperl -Theater, was für fatale Folgen und Konsequenzen
    Wir haben die Spur zum Glauben verloren und ängstigen uns, noch einmal anzufangen, was Urchristen schon immer wussten!
    Wir können Gott weiter vertrauen. „Wir vertrauen auf den HERRN, denn nur er allein kann uns helfen, und uns wie ein Schild beschützen.“
    (Psalm 33, Vers 20)
    Diese Rückbesinnung ist eine gestörte Synapse Mensch/Gott und führt zum verlorenen Platz im Himmel! Wir sind zu reich, um glücklich zu sein und zu fühlen, was ist vom Grundpfeiler der Liebe „Gottes“ noch übrig geblieben. Der Eckstein“Jesus Christus“ ist zum Glasstein geworden!
    Willi Löhr, Gemeindepräventologe

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