Fünf Fragen an: Kerstin Täubner-Benicke, BAG ChristInnen Bündnis90/Die Grünen

Fünf Fragen an Kerstin Täubner-Benicke, Sprecherin Bundesarbeitsgemeinschaft ChristInnen bei den Grünen, über Frieden als lokale und globale Aufgabe, die diesseitige Menschenfreundlichkeit Gottes und das Magnificat.

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Kerstin Täubner-Benicke (Foto: Hans-Jürgen Staudt)

Kerstin Täubner-Benicke lebt in Starnberg und arbeitet bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie studierte Germanistik und Psycholinguistik in München, ist verheiratet und hat vier Kinder und zwei Enkelkinder. Sie engagiert sich bei den Grünen auf Landes- und Bundesebene für Politik aus christlicher Verantwortung.

Rogate-Frage: Frau Täubner, warum engagieren Sie sich politisch und warum bei den Grünen?

Kerstin Täubner-Benicke: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Als politisch denkender Mensch möchte ich dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft gerechter wird, dass wir unsere Lebensgrundlagen erhalten, dass wir uns aussöhnen mit unseren Mitgeschöpfen, dass wir unseren einzigartigen Planeten für unsere Nachkommen pfleglich behandeln, dass wir nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen, dass wir Konflikte in den Familien, in unseren Zusammenhängen lokal und global befrieden. Dies glaube ich, am besten bei den Grünen zu erreichen.

Rogate-Frage: Warum gibt es eine BAG Christinnen und Christen bei den Grünen und was passiert dort?

Kerstin Täubner-Benicke: Bundesarbeitsgemeinschaften bei den Grünen verstehen sich als Thinktanks und geben wichtige Impulse für die politische Arbeit und die Verankerung ihrer spezifischen Fachrichtung in Wahlprogrammatik und politischem Tagesgeschäft. Die BAG Christinnen ist bereits 1984 als erste BAG gegründet worden von kritischen Christinnen und Christen mit dem Ziel, das christliche Potential unserer Partei herauszustellen. Wir haben gesellschaftliche Diskussionen zu uns wichtigen Themen vorangetrieben: Friedenspolitik, Asylpolitik, Interreligiöser Dialog, zur Sozial- und Wirtschaftsethik, zur Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Kirche und zur medizinischen Ethik (zum Beispiel zur Organspende, Sterbehilfe, PID) und zur Digitalisierung. Innerhalb der Partei wollen wir Steine des Anstoßes sein, in der Hoffnung das Nachdenken über die ethischen Grundlagen politischen Handelns anzustoßen.

Rogate-Frage: Welche Rolle spielt die Kirchen- und Religionspolitik in Ihrer Partei? Welche Erwartungen gibt es an die Kirchen?

Kerstin Täubner-Benicke: Die Grundsäulen bündnisgrüner Politik sind Bewahrung der Schöpfung, soziale Gerechtigkeit und Frieden. In diesen Fragen sind die Kirchen wichtige und geschätzte Bündnispartner. Viele Christinnen und Christen engagieren sich in den Kirchengemeinden und im bürgerschaftlichem Engagement für Geflüchtete, für Naturschutz, für Inklusion und bei den Grünen.
In den letzten zwei Jahren tagte eine eigens eingesetzte Kommission „Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat“ mit der Frage, welcher Veränderungsbedarf im Verhältnis von Staat, Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften angesichts einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft besteht. Der Abschlussbericht wurde im März 2016 vorgelegt. Beim nächsten Bundesparteitag in Münster wird es einen Leitantrag zu den dort getroffenen Grundsätzen und Veränderungsvorschlägen geben. Bei den Verhandlungen  war es wichtig, festzustellen, dass grüne Religionspolitik als Ziel hat, die Glaubensfreiheit in allen ihren drei Dimensionen (individuell, kollektiv, negativ) zu sichern. Die Grünen erkennen dabei die Neutralität des Staates gegenüber Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften unter Anerkennung ihres Selbstordnungsrechtes  an und entwickeln das kooperative Modell weiter. In den Feldern Arbeitsrecht und Kirchenfinanzen, hier insbesondere Transparenz, und dem verfassungsmäßig gebotenen Ablöseauftrag von Staatsleistungen stellen die Grünen Vorschläge vor. Dabei erhoffen wir von den Kirchen Dialogbereitschaft.

Rogate-Frage: Wie öffentlich, wie politisch ist Ihr Christsein? Kann Religion Privatsache sein?

Kerstin Täubner-Benicke: Religion zur Privatsache zu erklären, hieße eine wichtige Dimension des Menschseins, auch meiner persönlichen Individualität, zu verneinen. Meine Zugehörigkeit zu meiner Kirche, aber noch mehr zu meiner ganz persönlichen Gottesbeziehung ist ein Teil von mir, genauso wie meine politische Überzeugung ein wichtiger Teil meiner selbst ist. Dabei distanziere ich mich aber von einem wortwörtlichen Bibelverständnis, sondern sehe, dass Gottes Wort, das uns in unserem Alten und Neuen Testament überliefert ist, immer wieder neu interpretiert und Aussagen im damaligen Kontext gesehen und in unsere heutige Zeit übersetzt werden müssen. Zum Beispiel bedeutet das vierte Gebot heute, dass Familien auch in allen ihren jetzt üblichen Formen gefördert werden müssen.

Rogate-Frage: Und was ist Ihre Spiritualität?

Kerstin Täubner-Benicke: Unter der ersten Antwort auf Frage 1 klingt es schon an: Ich will, dass wir es schaffen, dass Gottes grundsätzliches Ja zu jedem einzelnen Menschen spürbar wird. Im Magnificat der Maria ertönt, dass die Mächtigen vom Thron gestoßen, die Niedrigen erhoben, die Hungrigen gesättigt werden. Das ist Utopie und Auftrag in einem. Als Christin kann ich nicht anders, als die Menschenfreundlichkeit Gottes schon im Diesseits zu suchen, zu befördern, dafür einzutreten. Dafür braucht es auch eine Heilung und Befriedung der Welt, der Natur mit all ihren Geschöpfen, der Beziehungen. Allein können wir das nicht bewerkstelligen, dazu braucht es das Wirken Gottes, Gebet und Gemeinschaft.

Rogate: Vielen Dank, Frau Kerstin Täubner-Benicke, für das Gespräch.

Weitere Informationen finden Sie hier: BAG ChristInnen.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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2 Antworten zu Fünf Fragen an: Kerstin Täubner-Benicke, BAG ChristInnen Bündnis90/Die Grünen

  1. edmund.mangelsdorf@t-online.de schreibt:

    Vielen Dank! Im Anhang Korrektur. Lieben Gruß E.

  2. Dr. Konrad Yona Riggenmann schreibt:

    Das katholische „Vierte Gebot“ (Ehre Vater und Mutter) ist biblisch klar das fünfte. Nur lässt man katholisch halt gern das zweite Gebot aus, denn dieses (Ex 20, Dt 5, Lev 26, Isaias 44, Jeremias 10 …) verbietet alle Gottesbilder, und wo kämen wir hin, wenn in Bayerns Grundschulen Gott nicht mehr händ- und füßlings angenagelt wäre?
    Zwar ist in Kerstin Täuber-Benickes Stellungnahme „die Neutralität des Staates gegenüber Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften“ als grüner Grundsatz erwähnt, aber dann kommt der für mich völlig unbegreifliche Satz „Religion zur Privatsache zu erklären, hieße eine wichtige Dimension des Menschseins, auch meiner persönlichen Individualität, zu verneinen“. Die logische politische Alternative zu Privatsache ist Staatssache, und Staatssache ist in Bayern das furchtbare religiöse Symbol, das Kierkegaard schon 1850 sehr deutlich als Lerngerät zum Judenhass erkannte. Wie dieses Bild des von Gott Vater grausamst geopferten Sohnes Schulkindern die „Menschenfreundlichkeit Gottes schon im Diesseits“ aufzeigen soll, gehört wohl zu den Geheimnissen des katholischen Glaubens.
    Und als Veganer muss ich noch etwas anmerken. Zwar äußert sich Papst Franziskus in erfreulich deutlicher Weise zum Schutz der Umwelt, aber sein heiliger Namenspatron hat den Tieren gepredigt und sie weiter gegessen – ganz im Einklang mit dem Neuen Testament, dessen Schweigen zum Leiden der Tiere Peter Singer so darstellt: “While … the Old Testament did at least show flickers of concern for their sufferings, the New Testament is completely lacking in any injunction against cruelty to animals, or any recommendation to consider their interests” (Animal Liberation, 2002, p.191). In einer Zeit, wo Fleischkonsum global viel stärker zur Klimaveränderung beiträgt als der gesamte Verkehrssektor, müsste Kritik am Fleischkonsum ein urgrünes Thema sein. Vielleicht auch ein christliches Thema, immerhin war Jesus nach Expertenansicht von Hans-Joachim Schoeps (Jewish Christianity, 1964) und Robert Eisenman (Jakobus, der Bruder von Jesus, München 2000) Vegetarier und Gegner von Tieropfern.
    Gut, dass die Christen bei den Grünen für „Befriedung der Welt, der Natur mit all ihren Geschöpfen“ eintreten. Aber angesichts 70 Milliarden Schlachttieren jährlich (ohne Meerestiere!) zum Fleischkonsum zu schweigen und stattdessen auf „das Wirken Gottes, Gebet …“ zu hoffen, lässt mich mit Goethe seufzen: „Die Botschaft hör ich wohl …“

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