Fünf Fragen an: Prof. Jacob Joussen, Rat der Ev. Kirche in Deutschland

Fünf Freitagsfragen an Prof. Dr. Jacob Joussen, Mitglied im Rat der EKD, über das Engagement in der Kirche, Hoffnungen an das Reformationsjubiläum und die Zukunft des Protestantismus.

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Jacob Joussen (Bild: Norbert Neetz/epd)

Prof. Dr. Jacob Joussen, geboren 1971 in Duisburg, studierte zunächst Latein und katholische Theologie, bevor er in die evangelische Kirche konvertierte und Rechtswissenschaft in Münster studierte. Nach Promotion und Habilitation hatte er verschiedene Lehrstühle inne und lehrt jetzt an der Ruhr-Universität in Bochum, sein Schwerpunkt ist das Arbeitsrecht, besonders auch das kirchliche Arbeitsrecht. Er lebt mit seinem Lebenspartner in Düsseldorf, ist dort in der Lutherkirche zuhause und stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums. Seit 2015 ist er Mitglied im Rat der EKD.

Rogate-Frage: Herr Prof. Joussen, was hat Sie zu einer Kandidatur für den Rat der EKD bewogen? 

Jacob Joussen: Zunächst einmal ganz einfach: die Anfrage des Nominierungsausschusses. Bischof Hein rief mich im September 2015 an und hat gefragt, ob ich zu einer Kandidatur bereit sei. Ich habe dann zu Hause mit meinem Partner darüber gesprochen, eine Nacht über die Kandidatur geschlafen – und zugesagt. Ich bin in meiner Gemeinde stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums und kann mich dort seit Jahren für meine Kirche einbringen. Und mit der Kandidatur sah ich eine Möglichkeit, mich auch auf dieser Ebene, der EKD, einbringen und meine Talente zur Verfügung stellen zu können. Das wollte ich sehr gerne. Die Vorstellung, mich auf diese Weise für meinen Glauben engagieren zu können – das fand ich ungemein reizvoll.

Rogate-Frage: Welche Erfahrungen machen Sie als Ratsmitglied? Ist die Kirche für Sie aus dieser Position heraus bewegend und beweglich?

Jacob Joussen: Noch bin ich ja in einer Lern- und Kennenlernphase, die Ratswahl liegt erst acht Monate zurück – doch erste Erfahrungen habe ich natürlich schon sammeln können. Die Ratsarbeit ist sehr beeindruckend – und beanspruchend. Beeindruckend ist sie, weil man mit den Herausforderungen, die sich für die Kirche stellen, in sehr direkter Weise in Berührung kommt. Man spricht in dem Gremium darüber, wie etwa auf die sinkenden Mitgliederzahlen zu reagieren ist, wie man angemessen an die Reformation vor 500 Jahren zurückdenken kann oder wie man als Glaubensgemeinschaft auf Akte sinnlosen Terrors reagieren kann. Beanspruchend ist sie, weil die Arbeit im Rat zum Teil sehr zeitintensiv ist – und sie ist auch nicht mit den Ratssitzungen erledigt. Viele Themen begleiten mich weit darüber hinaus im Alltag und im Denken. Insofern bewegt mich Kirche ganz unmittelbar. Dabei ist es gut zu sehen, dass der jetzige Rat eine sehr gute Arbeits- und freundschaftliche Umgehensweise entwickelt hat. Zusammen mit den Menschen, die im Kirchenamt der EKD tätig sind und die Ratsarbeit begleiten und vorbereiten, erlebe ich den Rat als sehr vielfältig und sehr gut aufgestellt. Insofern sind meine Erfahrungen bislang ausschließlich positiv – es macht einfach Freude, dort mitwirken zu dürfen!

Rogate-Frage: Welche Schwerpunkte erwarten Sie in den kommenden Jahren im Rat und wie wollen Sie sich einbringen?

Jacob Joussen: Naheliegenderweise ist DER erste große Schwerpunkt der kommenden Jahre das Reformationsjubiläum. Hierauf konzentriert sich zunächst auch die Arbeit des Rats in ganz besonderer Weise, und hier werde ich mich nach meinen Möglichkeiten auch einbringen, besonders auch im Hinblick darauf, wie wir dieses Jubiläum auch ökumenisch feiern können. Dies ist mir persönlich auch ein besonderes Anliegen. Danach – und das wird zeitlich den ganz überwiegenden Teil dieser Ratsperiode ausmachen – wird es aus meiner Sicht darum gehen, nicht in eine „Post-Festum-Lethargie“ zu verfallen, sondern den Schwung des Jubiläums aufzugreifen und umzusetzen. Hier sehe ich eine ganz besondere Herausforderung für alle, die in unserer Kirche Verantwortung tragen, und zwar ganz besonders auch auf der Ebene der Gemeinden. Meinen Schwerpunkt, auch und gerade in der Ratsarbeit, sehe ich darin, diese Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren: Wie können wir Menschen in Düsseldorf, Bochum, Sellin oder Tingen dafür begeistern, evangelischer Christ und evangelische Christin zu sein? Darum muss es gehen. Hier bringe ich mich mit meiner langjährigen und nach wie vor sehr viel Raum bei mir beanspruchenden Arbeit in meiner Heimatgemeinde ein. Schließlich wird es in einem weiteren Schwerpunkt darum gehen, damit umgehen zu lernen, dass wir bei einer kleiner werdenden Mitgliederzahl gleichwohl noch unsere diakonischen Aufgaben wahrnehmen zu können. Wie kann das gelingen, wenn doch immer weniger christliche Menschen in unseren diakonischen Einrichtungen arbeiten? Das sind gewichtige theologische, aber auch schwierige juristische Fragen. Meine Aufgabe sehe ich darin, gerade hier meinen Sachverstand einzubringen, wie ich überhaupt meine Ausbildung und juristischen Kenntnisse dem Rat zur Verfügung stellen möchte.

Rogate-Frage: In den letzten Jahren hat sich die evangelische Kirche für LGBTIQ geöffnet. In manchen Landeskirchen sind nun Traugottesdienste für Lesben und Schwule möglich. Doch die meisten Landeskirchen und auch die EKD sind noch nicht so weit und zögern. Bis wann wird es eine Akzeptanz und völlige Gleichbehandlung und – Berechtigung in allen Landeskirchen geben?

Jacob Joussen: Auch als Ratsmitglied verfügt man natürlich nicht über seherische Fähigkeiten… Aber über eine Hoffnung, die stark ist und die auch auf einer guten Grundlage beruht. Die von Ihnen angesprochene Öffnung begrüße ich ohne Einschränkungen, und ich bin sehr froh, dass immer mehr Landeskirchen sich an diesem Punkt öffnen. Sicher ist dies biographisch bedingt, die Segnung meiner Partnerschaft in Düsseldorfs ältester Kirche – übrigens in einem sehr kleinen Rahmen – stellt für mich einen ganz besonderen Höhepunkt in meinem Leben dar. Doch begrüße ich das nicht nur aus diesem Grund heraus, sondern auch deshalb, weil ich diesen Schritt für theologisch richtig halte und auch für biblisch begründet. Gerade dies aber sehen nach wie vor viele Menschen anders – auch im Rat meinte ja mancher Beobachter zu Beginn, eine gewisse Spannung zwischen verschiedenen Mitgliedern sehen zu können. Es hat sich aber gezeigt, dass gerade Michael Diener und ich sehr gut und vertrauensvoll in tiefem Respekt voreinander zusammenarbeiten können, was mich außerordentlich freut. Und so hoffe ich unverändert sehr darauf, dass bis zum Ende dieser Ratsperiode noch weitere Landeskirchen erkennen, dass es keinen Grund gibt, homosexuelle Menschen zurückzuweisen. Der Zuspruch Gottes gilt ihnen und ihrer Liebe in gleicher Weise – davon bin ich fest überzeugt.

Rogate-Frage: Wie sieht für Sie die Kirche der Zukunft aus? Wie wird die Ökumene die evangelische Kirche verändern?

Jacob Joussen: In Deutschland sehe ich die Kirche der Zukunft als eine Kirche in vielfältiger Form, die nicht mehr der Vorstellung entspricht, dass sich alle am Sonntag versammeln – davon ist sie ja ohnehin schon lange weit entfernt. Das wird aber durch die Vielfältigkeit anderer religiöser Lebensweisen noch deutlicher sichtbar. Das führt dazu, dass die Kirchen sich auf neue Rollen und neue Formen einstellen müssen, möglicherweise auch in ihrem Verhältnis zum Staat und im öffentlichen Diskurs, sie wird sich auch auf ein „weniger“ einstellen müssen – gerade in meiner Gemeinde in Düsseldorf gehen wir diesen Weg und trennen uns derzeit von einer unserer Predigtstätten, die uns doch so am Herzen liegt. Dass darin auch eine Chance liegen kann, ist häufig gesagt worden – das macht es aber nicht weniger richtig. Gerade hier vertraue ich indes darauf, dass der Geist Gottes uns nicht verlässt. Er wird diese, er wird seine Kirche auch durch diese Zeiten führen. Mit welchen Ergebnissen und auf welche Weise? Seien wir doch neugierig! Sicher aber auch, da bin ich ganz sicher, ökumenisch. Ich habe etwa große Sympathien dafür, gemeinsam Bauten und Räume zu nutzen – was spricht denn dagegen? In Düsseldorf tun wir das schon jetzt. Das halte ich für einen möglichen Baustein, mit den neuen Gegebenheiten zurecht zu kommen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Prof. Joussen, für das Gespräch.

Weitere Informationen finden Sie hier: Jacob Joussen (EKD) und hier (RUB).

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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2 Antworten zu Fünf Fragen an: Prof. Jacob Joussen, Rat der Ev. Kirche in Deutschland

  1. Paul Haverkamp schreibt:

    Dank an Joussen für dieses Interview!

    Das Interview mit Joussen fand ich persönlich sehr gedankenanregend und konstruktiv zukunftsorientiert ausgerichtet. Drei Zitate aus dem Interview möchte ich mit eigenen Gedanken ergänzen:

    • Jacob Joussen: Naheliegenderweise ist DER erste große Schwerpunkt der kommenden Jahre das Reformationsjubiläum. Hierauf konzentriert sich zunächst auch die Arbeit des Rats in ganz besonderer Weise, und hier werde ich mich nach meinen Möglichkeiten auch einbringen, besonders auch im Hinblick darauf, wie wir dieses Jubiläum auch ökumenisch feiern können. Dies ist mir persönlich auch ein besonderes Anliegen.

    Ich möchte hier keinem „billigen“ Ökumenismus das Wort reden, der die Gefahr des Entstehens fundamentalistischer Strömungen mit entsprechenden Polarisierungen beinhaltet. Sowohl Katholiken als auch Protestanten müssen ihre eigene Identität bewahren können und der Versuchung widerstehen, den jeweils anderen „bekehren“ zu wollen. Ökumene kann nicht auf eine totale Einheit in allen Einzelfragen hinauslaufen; jedoch halte ich es für unabdingbar, dass keine Kirche das, was eine andere Kirche offiziell verbindlich lehrt, als Widerspruch zum Evangelium betrachtet.

    Ökumene will kein Verarmungsprozess sein, bei dem man sich auf den geringsten gemeinsamen Nenner einigt; Ökumene will und muss als ein Lern- und Mehrungsprozess verstanden werden, bei dem alle Beteiligten voneinander lernen. Keine Konfession darf und soll ihre Identität aufgeben müssen; zu der Vorstellung von einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ gibt es, wenn alle Beteiligten wahrhaftig und ernsthaft den Gedanken der Ökumene verwirklichen möchten, keine Alternative!

    Das Engagement vieler Christen, die sich um eine Überwindung der leider noch immer anhaltenden Kirchentrennung bemühen, darf nicht als „Wischiwaschi-Ökumene“ diskreditiert werden. Ökumene darf nicht missverstanden werden als „Gleichmacherei“ , sondern sie muss getragen sein von dem Bemühen, dass beide Kirchen mit ihren unterschiedlichen Traditionen sich gegenseitig bereichern können und dass beide sich in ihrer Verschiedenheit akzeptieren und schätzen und als „vollgültig“ anerkennen müssen; die Erklärung der Glaubenskongregation vom September 2000, dass die Kirche Jesu Christi im voll Sinne allein in der katholischen Kirche subsistiere und die Kirchen der Reformation nicht Kirchen im eigentlichen Sinne seien, ist von evangelischen Christen nicht zu Unrecht als Affront empfunden worden ; nach meiner tiefsten Überzeugung müssen beide Kirchen darauf verzichten , sich als Besitzer der alleinigen Wahrheit darzustellen.
    Ökumenische Theologie wird in Zukunft nur dann Akzeptanz und Berechtigung finden, wenn Kirchen sich als Kirchen „par cum pari“ also auf Augenhöhe, anerkennen.
    Wenn jedoch führende Vertreter der katholischen Kirche, wie z.B. Papst Johannes Paul II. in seinem Rundschreiben „Dominus Jesus“ aus dem Jahre 2000, glauben feststellen zu müssen, dass den Mitbrüdern und Mitschwestern z.B. in der evangelischen Kirche Entscheidendes fehle und dass die evangelischen Mitchristen nicht für sich das Recht beanspruchen könnten, in einer „Kirche“ organisiert zu sein – allenfalls könne man von einer „kirchlichen Gemeinschaft“ reden – so geraten diese Vertreter der katholischen Hierarchie zumindest in den Verdacht, an einem ernsthaften ökumenischen Dialog nicht interessiert zu sein.

    Wer den evangelischen Mitbrüdern und Mitschwestern mit einer solch ehrverletzenden Art begegnet, der muss sich fragen lassen, ob dieser katholische Kirche, die von ihrem Glaubensverständnis (extra ecclesiam nulla salus) den Anspruch erhebt, hinsichtlich der authentischen Verkündigung der Botschaft Jesu Alleinverkündungsberechtigte zu sein, nicht im Letzten auch etwas sehr Menschenverachtendes innewohnt, wenn sie beispielsweise den evangelischen Kirchen das Recht abspricht, sich als Kirche darstellen zu dürfen.

    Für mich bleibt der Monopolanspruch der katholischen Kirche in der rechtmäßigen Verkündigung unverständlich und gegenüber den evangelischen Kirchen diskriminierend, da diese doch zu Recht davon überzeugt sind, dass sie in der befreienden Verkündigung der Worte Jesu die ihnen nahe stehenden Mitchristen ebenfalls den Weg zum „Ewigen Heil“ weisen.

    Die Überzeugung in der katholischen Kirche, die „einzig wahre, katholische und apostolische Kirche“ zu sein, die geleitet wird vom „Stellvertreter Jesu Christi“ und ausschließlich repräsentiert wird von Amtsträgern, die „in persona Christi“ agieren, bilden eine ungeheuere Barriere für eine Ökumene, die Gleichwertigkeit der Partner zur Voraussetzung hat. Wenn auch viele Christen der reformierten Kirchen mittlerweile einen universalkirchlichen Petrusdienst als menschliche Einrichtung (iure humano) für durchaus nützlich ansehen („Communio mit Petrus“), so wird die katholische Kirche zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie Abschied nehmen muss von der Vorstellung einer „Communio unter Petrus“.

    Jesus hat keinen Menschen aus seiner Mahlgemeinschaft ausgeschlossen, zu der er insbesondere diejenigen einlud, die am Rande der Gesellschaft lebten. Diese Mahlgemeinschaft, Anzeichen des himmlischen Hochzeitsmahls, symbolisiert die Gleichheit aller vor Gott ; denn Gott akzeptiert alle ohne Ansehen der Person, erwartet aber auch von denen, die sich zum Mahle einladen lassen, eine brüderliche und schwesterliche Nähe und den Glauben an die liebende und verzeihende Kraft seiner frohmachenden und den Menschen befreienden Botschaft. Ernst Lange hat vor ca. 30 Jahren diese Aussage zusammengefasst in dem Satz : „Jesu Tisch kannte keine Zulassungsprobleme – außer der Frage, ob einer sich treffen ließ von der Liebe Jesu.“

    Kardinal Kasper hat darauf hingewiesen, dass es auch in der Urkirche keine zentralistische Einheitskirche gegeben hat: „…denn historisch gesehen gab es vermutlich von Anfang mehrere Gemeinden , neben der Jerusalemer Gemeinde auch Gemeinden in Galiläa. Die eine Kirche bestand als von Anfang an ´in und aus´ Ortskirchen.“ Kasper redet nicht einer zentralistischen Einheitskirche das Wort, sondern setzt sich ein für eine Balance von Universal- und Partikularkirchen. Folgerichtig beschreibt er dann auch die Zielvorstellung einer zukunftsweisenden Oekumene mit den Worten: „Die oekumenische Zielvorstellung ist ja nicht die uniformistische Einheitskirche, sondern eine Kirche in versöhnter Verschiedenheit.“
    Dieser letzten Formulierung möchte ich ausdrücklich zustimmen. Wenn man auf dem Weg der Ökumene wirklich Fortschritte erzielen will, gibt es zu diesem Konzept keine Alternative!

    • Jacob Joussen: ….Schließlich wird es in einem weiteren Schwerpunkt darum gehen, damit umgehen zu lernen, dass wir bei einer kleiner werdenden Mitgliederzahl gleichwohl noch unsere diakonischen Aufgaben wahrnehmen zu können.

    Die „Diakonie ist Prüfstein für den Mut der Kirche, von sich selbst abzusehen, sich als eine Kommunikationsgemeinschaft zu verstehen, der es in ihren kommunikativen Grundvollzügen nicht um sich selbst, sondern um jene größere Wirklichkeit geht, die sie darstellen und auf die hin sie die Menschen ermutigen darf: Gottes heilende Herrschaft. …

    Für die Glaubwürdigkeit der Kirche, dafür also, dass sie mit ihren kommunikativen Initiativen intentionsgemäß verstanden werden kann, hängt Entscheidendes davon ab, ob die Kirche und die Gemeinden insgesamt den Mut zu ekklesialer Selbstlosigkeit aufbringen; ob insbesondere die kirchlichen Amtsträger und Amtsträgerinnen ihre kircheninteressenfixierte Binnenperspektive soweit öffnen können, dass sie als Anwalt derer wahrgenommen werden, für die Gottes Herrschaft – auch wenn sie sie dem Namen nach nicht kennen – noch eine Verheißung ist, als Anwalt derer, die in den Seligpreisungen als bevorzugte Empfänger göttlichen Heils genannt werden….Diakonie liebt in der Diakonie Christi, die schon für das Neue Testament der Inbegriff und die Unwirklichkeit des Christus-Sakramentes war…Das macht ihre kirchliche Identität aus…

    Kirchliche Identität entäußert und realisiert sich in Diakonie. Diakonie aber hat ihr Eigenstes in dem, woraus, woraufhin und wofür Kirche lebt und was sie prophetisch zur Sprache bringt, damit den Menschen geholfen ist – was deshalb die kirchliche Identität ausmacht….Das Zeugnis für Gottes zutiefst und unabsehbar hilfreiches, das Menschenleben erfüllende Gottsein und die liturgische Feier, die dafür dankt, dass Gott das Menschsein so befreiend erfüllt – im Gottmenschen Jesus Christus, aber auch in den Menschen, die ihm nachfolgen -, ist ihr ‚Kerngeschäft’, ist ihr Ein und Alles.

    Es macht die die Identität von Kirche unverwechselbar aus – und die Identität jeder einzelnen Gemeinde und den Dienst der priesterlichen Amtsträger an den Gemeinden. Daneben gibt es nichts, was ein selbständige und nicht diesem identitätsverbürgenden ‚Kerngeschäft’ her abgeleitete Bedeutung hätte.“ (Jürgen Werbick)

    • Jacob Joussen: In Deutschland sehe ich die Kirche der Zukunft als eine Kirche in vielfältiger Form, die nicht mehr der Vorstellung entspricht, dass sich alle am Sonntag versammeln – davon ist sie ja ohnehin schon lange weit entfernt.

    Ein Ankommen der evang. bzw. kath. Kirche in der Gegenwart ist nur möglich, wenn beide Kirchen wieder zu den jesuanischen Quellen zurückfinden.

    Was heißt nun „Rückkehr zu den jesuanischen Quellen“?

    • Jesus hat nie einfach nur das äußerliche Einhalten von Geboten gefordert, sondern ihre Erfüllung im Engagement für den Nächsten gepredigt und praktiziert. Dieses Engagement für den Nächsten hat Jesus als Gottes-Dienst verstanden. Sein Petitum lautete : Menschendienst ist Gottesdienst und Gottesdienst ist Menschendienst. Dieser Dienst kennt keine Rangordnung – er ist gekennzeichnet durch den Verzicht einer Gegenleistung bzw. durch ein Vergeben ohne Grenzen.

    Zwei Zitate zur Untermauerung:
    • „Mich stört viel mehr, dass die Kirche nicht stärker Partei ergreift für die Ausgestoßenen, die Ausländer, die Hilflosen. Gott steht immer auf der Seite der Verlierer. Wenn die Kirche die Entscheidung für die Armen an die erste Stelle setzt, werden auch die Bischöfe davon verwandelt…“ (Bischof Gaillot)

    • Ähnlich wie Gaillot hat es Dietrich Bonhoeffer in seinen Aufzeichnungen aus der Haft formuliert; die evangelische Kirche möge eine Erneuerung aus dem Geist des Dienens anstreben: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

    Rückkehr zu den jesuanischen Quellen bedeutet auch Folgendes: Jesus hat die Mächtigen dieser Welt (also auch unsere heutigen machtbewussten kirchlichen Amtsträger) daran gemessen hat und messen wird, ob sie ihre Macht als Dienst- und Solidaritätsverpflichtung allen Menschen gegenüber (mit der Priorität gegenüber Unterdrückten, Versklavten und Entrechteten) verstehen oder ob sie ihre Macht dadurch missbrauchen, dass sie Querdenker durch Repressalien unterdrücken, sie durch Bußschweigen und Schreibverbote demütigen oder durch Amtsenthebungen und Exkommunikation aus der Gemeinschaft ausschließen.

    Jesus hat keine Dogmen verkündet, sondern eine Lebensweise vorgelebt. Diese Lebensweise hatte einen klaren Kompass: Solidarität mit den Ärmsten der Armen und Dienst am Menschen. Für ihn war Menschendienst zugleich Gottesdienst“.

    Wem in Stein gehauene Dogmen wichtiger sind als Menschen, die von z.B. von der kath. Kirche bevormundet (Thema Sexualität), diskriminiert (Verbot der Frauenordination) und entmündigt wird (z.B. bei Fragen des Arbeitsrechts in kirchl. Einrichtungen), der macht aus der von Jesus ursprünglich auf Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe angelegten relig. Gemeinschaft eine nicht den Menschen dienende, sondern den Menschen beherrschen wollende Ideologie. Nie war der Abstand zwischen dem Kirchenvolk und der Amtskirche größer als in der heutigen Zeit. Das wird u.a. auch dadurch deutlich, dass immer mehr Kirchengebäude zum Verkauf angeboten werden und die Gottesdienste immer mehr zu Seniorenveranstaltungen mutieren.

    Ohne Paradigmenwechsel – sprich einer Rückkehr zu den jesuanischen Quellen – gibt es keine Überlebenschance!

    • Die evang. u. die kath. Kirche werden zu realisieren haben, dass die Erwartungshaltung, nur die Kirchentüren öffnen zu müssen, um die Gottesdienstbesucher hineinzulassen, keinerlei Zukunftsperspektive bietet.

    • Die evang. und die kath. Kirche werden realisieren müssen, dass ein grundlegender Paradigmenwechsel notwendig ist, nämlich dahingehend, dass Kirchen davon auszugehen haben, dass nicht mehr die Gläubigen zur Kirche, sondern die Kirche zu den Gläubigen kommen muss!

    • Die Zukunft und Akzeptanz der evang. und kath. Kirche werden entscheidend davon abhängen, ob ihre Vertreter den Mut haben, auf das raue Meer der Wirklichkeit zu fahren oder ob sie in einer patholog.-obsessiven Reformverweigerungsattitüde verbleiben möchten und durch das tägliche Besteigen des Dachbodens den Verfall des Hauses zur Kenntnis nehmen.

    Paul Haverkamp, Lingen

  2. Paul Haverkamp schreibt:

    Mein Anliegen

    Mein Grund, weshalb ich mich mit einem zweiten Beitrag melde, ist meinem Anliegen geschuldet, dass dieses Jahr 2017 nicht nur zum Anlass intensiver ökumenischer Gespräche zwischen den Kirchen der Reformation und der kath. Kirche genutzt werden sollte, sondern es ware dringend erforderlich, dass beide Kirche ihre schuldhaften Verstrickungen gegenüber dem jüdischen Volk ungeschminkt und einschränkungslos thematisieren und dass beide Kirchen eine Brücke zu den “älteren Brüdern und Schwestern” bauen, deren Brückenstabilitätsbedeutung weit über den kirchlichen Bereich hinaus geht und zugleich eine Chance zur Befriedung des auch gegenwärtig sich immer wieder virulent austobenden und Menschen verachtenden Antisemitismus sein könnte.

    1. Evangelische und katholische Christen sitzen bezüglich ihrer Schuldbehaftung gegenüber den Juden in einem Boot

    Es geht nicht darum, das Luther-Denkmal zu beschädigen und die Verdienste Luthers zu schmälern. Wir schauen heute auf Luther mit den Augen des 21. Jahrhunderts und stellen fest, dass auch Luther sehr wohl auch ein Mann des Mittelalters war – bei allen von ihm geforderten Reformanstrengungen, die er gegenüber der kath. Kirche formulierte und die sehr wohl auch viele neuzeitliche Aspekte zum Vorschein gebracht haben.

    Dass Luther in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543 sehr wohl und dezidiert Vorurteile gegenüber den Juden – basierend auf der kath. Tradition – formulierte, weist darauf hin, wie weit auch Luther von einer eigenen „aufklärerischen“ Position in dieser Frage entfernt gewesen ist. Er war eben und blieb es in diesem Punkt: „ein Kind seiner Zeit“.

    Sowohl auf katholischer wie auch auf evangelischer Seite hat es in den vergangenen Jahrhunderten zahllose schuldhafte Verstrickungen gegenüber den Juden als den „älteren Brüdern und Schwestern“ gegeben, die ihren bestialischen Höhepunkt in der Shoa gefunden haben.

    Die Linie der Diskriminierungen der Juden zieht sich vom 4. Laterankonzil (1215) über Luthers unselige Verbalattacken bis hin zu den nicht entschuldbaren Äußerungen hoher Kirchenamtsvertreter beider Konfessionen in der Zeit von 1933-45.

    2. Luther spiegelt mit seinen Ausfällen gegenüber den Juden auch die Einstellungen der kath. Kirche seiner Zeit wider

    Luther nimmt eben alle Stereotype gegen die Juden, die im Laufe der Kirchengeschichte von der kath. Kirche formuliert worden sind, in seine Schrift auf: Juden sind Jesusmörder, Brunnenvergifter, Hostienschänder, u.v.a.m. ; für ihre Vergehen müssen die Juden stigmatisiert werden, wie bereits auf dem IV. Laterankonzil von 1215 beschlossen:

    IV. Laterankonzil von 1215

    • Der 67. Canon verbietet Juden „schweren und unmäßigen Wucher, […] mit dem sie das Vermögen von Christen in kurzer Zeit erschöpfen“.

    • Der 68. Canon gebietet Juden (und Muslimen), sich abweichend zu kleiden, damit christliche und jüdische (und muslimische) Männer und Frauen „sich nicht irrtümlich miteinander einlassen“. An Gründonnerstag und Karfreitag dürfen sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen.

    • Der 69. Canon verbietet die Übertragung öffentlicher Ämter an Juden (und Heiden), wodurch diesen Machtbefugnisse über Christen gegeben würden.

    • Der 70. Canon untersagt getauften Juden das Verharren in ihren religiösen Bräuchen.
    Missale Romanum von 1570

    Auszug aus dem tridentinischen Missale Romanum von 1570 in der geänderten Fassung von 1962 als außerordentliche Form des Römischen Ritus. Hier findet sich die entsetzliche antijüdische Karfreitagsfürbitte, aus der Johannes XXIII. im Jahre 1962 lediglich das Wort von der Gottlosigkeit bzw. Treulosigkeit der Juden ersatzlos gestrichen hatte. Dieses Gebet hatte folgenden Wortlaut:

    • „Lasst uns auch beten für die (1570: treulosen, perfidis) Juden: Gott, unser Herr möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen (…). Allmächtiger, ewiger Gott, der du auch die Juden (1570 anstatt ‚die Juden’: die jüdische Untreue, judaicam perfidiam) nicht von deiner Erbarmung ausschließt, erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen. Mögen sie das Licht deiner Wahrheit, das Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden, durch ihn, unseren Herrn …“. Die Gottesdienstreform von 1970 hat dieses Gebet zu Recht aus dem Verkehr gezogen.

    3. Luther war kein Vorläufer Hitlers

    Luthers Position in seiner Schrift von 1543 rechtfertigt es aus meiner Sicht jedoch nicht, ihn zu einem Vorläufer Hitlers abzustempeln. Luther spiegelt nur die Position der kath. Kirche wider, wie sie bis zum 16. Jahrhundert (und darüber hinaus) in der kath. Kirche sichtbar wurde:

    • Je mehr die Kirche sich gegen das Judentum abgrenzte als das neue, wahre Israel, je mehr sie Israel triumphalistisch überwunden und ersetzt zu haben glaubte, desto schonungsloser begann sie, Juden auszugrenzen und zu diskriminieren : Judenverfolgung im Namen des Juden Jesus!

    • Je mehr sich die Kirche als Institution mit exklusivem Anspruch auf Wahrheit vervollkommnete, desto unbarmherziger verfolgte sie Dissidenten aller Art und es kam zu Ketzerjagden im Namen gerade desjenigen, der als Häretiker verurteilt worden war.

    • Je mehr sich Kirche als allein selig machende Heilsgemeinde selbst verabsolutierte, desto gnadenloser verurteilte man Massen von Nichtchristen und desto rigoroser verfeinerte man Missionsanstrengungen, um aus „armen Heiden“ „richtige Christen“

    Festzuhalten bleibt das, was ein Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken unter der Leitung von Werner Trutwin im Jahre 2002 zusammenfassend feststellte:

    „Der kirchlicherseits oft gehörten Behauptung, der Antisemitismus habe seine Wurzeln nur außerhalb des Christentums, ist zu widersprechen : Zwar hat der Antisemitismus des Nazi-Regimes mit seiner Rassenlehre und seinem Vernichtungswillen gegenüber dem kirchlichen Antijudaismus eine neue Dimension erreicht, doch wäre der heidnische Antisemitismus ohne die Grundlegung des christlichen Antijudaismus nicht möglich gewesen. Die unheilige Allianz beider Überzeugungen führte zu Auschwitz.“

    4. Der Zeitgeist darf keine totale Absolution bewirken

    Sicherlich muss man Luthers Äußerungen über Juden aus ihrem geschichtlichen Kontext heraus betrachten. Denn genau genommen hat sich der Reformator mit seiner Judenfeindschaft durchaus in Gesellschaft mit dem Geist seiner Zeit befunden, allerdings in keiner guten. Aber es kann und darf uns nicht trösten, dass Bevölkerung und Obrigkeit damals oft noch intoleranter über Juden dachten und noch grausamer mit ihnen verfuhren als Luther. Die volle Übereinstimmung mit dem Zeitgeist entschuldigt ihn jedoch keineswegs. Mit christlicher Ethik wären schon damals seine „wutgeborenen“ Ratschläge, wie Juden zu behandeln seien, nicht zu begründen gewesen.

    Luther in all seinen Denk- und Handlungsweisen zu verstehen und freizusprechen, fällt schwer. Gerade ein Mann wie er sollte an seiner individuellen Intelligenz, Einsichtsfähigkeit und seinen eigenen moralischen Ansprüchen gemessen werden. So bleibt Trauer, dass ein großer Mensch nicht weiser war, weil er nicht erkannt hat, dass der Absolutheitsanspruch seiner Religionsauffassung mit der Freiheit des Menschen, die er so gerne für Christen in Anspruch nahm, nicht zu vereinbaren ist. Luther war eben nicht nur genial und ein großer Erneuerer auf kirchlichem Gebiet. Er war auch rechthaberisch und fand selten Zwischentöne, wenn er über andere urteilte.

    Heinz Zahrnt befasst sich in seinem 1983 erschienenen Buch „Martin Luther in seiner Zeit – für unsere Zeit“ auf immerhin drei Seiten mit Luthers Sinneswandel, von dem er meint, dass er sich mit „rationalen Gründen überhaupt nicht erklären“ lasse. Dieses traurige Kapitel fasst Zahrnt folgendermaßen zusammen: „Die volle Übereinstimmung mit seiner Zeit….entschuldigt ihn nicht. Er hat in jedem Fall zur Erhöhung des Schuldkontos der Christen gegenüber den Juden beigetragen.“ Luther war in seiner Grundeinstellung der Verkörperer der religiösen Intoleranz. Er konnte es nicht verkraften, dass jemand die Messianität Jesu ablehnte.

    5. Dokumente, die den Blick für die Zukunft öffnen

    a) Erklärung der EKD-Synode zur „Schuld an Israel“, Berlin-Weißensee 1950

    Heinrich Vogel formuliert während dieser Sitzung das „Wort zur Judenfrage“ in acht Punkten, das am 27. April beraten und mit einigen Änderungen angenommen wurde:

    „Gott hat alle beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme. Röm. 11,32“

    Wir glauben an den Herrn und Heiland, der als Mensch aus dem Volk Israel stammt.

    Wir bekennen uns zu der Kirche, die aus Judenchristen und Heidenchristen zu einem Leib zusammengefügt ist und deren Friede Jesus Christus ist.

    Wir glauben, dass Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.

    Wir sprechen es aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist.

    Wir warnen alle Christen, das, was über uns Deutsche als Gericht Gottes gekommen ist, aufrechnen zu wollen gegen das, was wir an den Juden getan haben; denn im Gericht sucht Gottes Gnade den Bußfertigen.

    Wir bitten alle Christen, sich von jedem Antisemitismus loszusagen und ihm, wo er sich neu regt, mit Ernst zu widerstehen und den Juden und Judenchristen in brüderlichem Geist zu begegnen.

    Wir bitten die christlichen Gemeinden, jüdische Friedhöfe innerhalb ihres Bereiches, sofern sie unbetreut sind, in ihren Schutz zu nehmen.

    Wir bitten den Gott der Barmherzigkeit, dass er den Tag der Vollendung heraufführe, an dem wir mit dem geretteten Israel den Sieg Jesu Christi rühmen werden.

    (Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1950, Gütersloh 1951, 5f.)

    Damit war die EKD nunmehr abgerückt von der „Verwerfung“ und „Verfluchung“ des Volkes Israel. Sie bekannte erstmals – wenn auch noch leicht verklausuliert – ihre Mitschuld am Holocaust, lehnte das Aufrechnen ab und verpflichtete alle Christen zum Widerstand gegen jeden Antisemitismus.

    b) Kurz vor seinem Tod formulierte Johannes XXIII. ein Bußgebet, das um Sinnesänderung der Christen in ihrem Verhältnis zu den Juden bittet:

    „ Wir erkennen heute, dass viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen verhüllt haben, so dass wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erstgeborenen Bruders wiedererkennen. Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir Deine Liebe vergaßen. Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, dass wir Dich in ihrem Fleische zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen. Denn wir wussten nicht, was wir taten.“

    c) Nostra aetate – Basisdokument für die Neuorientierung der kath. Kirche

    Die Konzilserklärung „Nostra aetate“ vom 28. Oktober 1965 muss als Meilenstein der Veränderung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen im 20. Jahrhundert bewertet werden, da der Text erstmalig die pauschale Schuldzuweisung für Jesu Tod an das jüdische Volk zurückgewiesen hat.

    „Nostra Aetate“ stellte fest, dass die Kirche – sobald sie über sich nachdenkt – auf ihr untrennbares Band zum Judentum stößt. Damit war ein Weg beschritten, auf dem die Kirche in den vergangenen 40 Jahren entschieden weiterging. In der Praxis wurde bewusst, wie groß die Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden waren, wie gering dagegen die Kenntnis ihrer Tradition und die Zahl direkter Begegnungen. Zahlreiche Initiativen suchten hier erfolgreich nach Abhilfe. In der christlichen Theologie entdeckte man, wie viele der althergebrachten Begriffe und Argumente ausdrücklich oder implizit Judenfeindschaft nahe legen konnten oder den Vorwand dafür abgegeben haben. Die Suche nach einem Christusbekenntnis, das nach Möglichkeit von solchen Vorstellungen frei ist, hält an. Sie ist getragen von einer Grundeinsicht des Paulus, auf die auch „Nostra Aetate“ zurückgreift: Wenn Christen die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk bestreiten, zerstören sie die Grundlage ihres eigenen Glaubens, der auf die Treue des Vaters Jesu Christi, des Gottes Israels baut (vgl. die Rolle von Röm 11 in Art. 4).

    Deshalb hat die Kirche auch über ihre lange vertretene Überzeugung selbstkritisch nachgedacht, Juden müssten, um das Heil erlangen zu können, getauft werden. Es wurde zunehmend bewusst, dass Mission als Ruf zur Umkehr vom Götzendienst zum lebendigen und wahren Gott (1 Thess 1,9) nicht auf Juden angewandt werden kann. Hierin gründet das Faktum, dass es heute keine judenmissionarischen Aktivitäten der katholischen Kirche mehr gibt. Zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk geht es um die Begegnung „auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität“ (Papst Johannes Paul II. am 12. März 1979). Einzelne Konversionen, die auf Grund einer sehr persönlichen Entscheidung erfolgen, sind darum nicht ausgeschlossen.

    Die in diesem Konzilstext vollzogene theologische Kehrtwende gipfelt in dem Satz: „Gottes Bund mit Israel ist ungekündigt“ ; „Gottes Treue zu Israel ist unwiderruflich“: Diese Sätze sind Bestandteil des christlichen Glaubens. Sie sind verbunden mit der entschiedenen Verwerfung und Verurteilung jedweder Form des Antisemitismus sowie des theologischen Antijudaismus. Die christliche Lehre von der Verwerfung Israels wurde in „Nostra aetate“ in ihr Gegenteil verwandelt; fallen gelassen wurde die Lehre von der Zerstreuung des Judentums über die ganze Welt als Beweis dafür, dass nun die Erwählung auf die Kirche übergegangen sei; die Juden dürfen nicht länger als Gottesmörder gebrandmarkt werden. Betont hervorgehoben werden die jüdischen Wurzeln des Christentums.

    d) Notwendige Zukunftsperspektiven – Dabru Emet (Redet Wahrheit“)

    Am 10. September 2000 wurde Dabru Emet, eine „jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum“ in der New York Times und der Baltimore Sun als einseitige Anzeige veröffentlicht. Dabru Emet, „Redet Wahrheit“, stellt in acht Thesen und erklärenden Paragraphen eine jüdische Interpretation von Christen und Christentum vor und möchte den Weg für eine jüdisch-theologische Würdigung christlich-jüdischer Zusammenarbeit weisen. Der Anspruch ist nicht nur eine vorläufige Bestandsaufnahme des gegenwärtigen jüdischen Verständnisses des Christentums, sondern setzt sich das Ziel, jüdisch-theologische Wahrheit über das Verhältnis des Judentums zum Christentum zu verkünden. Diese Stellungnahme und ihr Anspruch wurden unter jüdischen Gelehrten vielfältig diskutiert. Beiträge kamen aus allen religiösen Lagern und oft war Dabru Emet der Anstoß, grundsätzliche Kommentare zum christlich-jüdischen Religionsgespräch und jüdischer Beteiligung daran zu geben.

    Die Autoren von “Dabru Emet” sind davon überzeugt, dass der theologische Unterschied zwischen Juden und Christen nicht durch Menschen aufgehoben werden kann. Die Weisheit von „Dabru Emet“ liegt in der Anerkenntnis, dass es frühere Generationen nicht geschafft haben, die „Konversion“ der anderen Seite zu bewerkstelligen. Die Autoren sehen in den neuen Zugängen von christlichen Gemeinschaften zum Judentum ein mögliches Zeichen des Respekts für die Stärke und Macht der jüdischen Treue zu ihrer Geschichte und als ein gültiges Zeugnis für den Gott, dessen Offenbarung in den Hebräischen Schriften bezeugt wird.

    Hinsichtlich des Konflikts zwischen Juden und Christen und vorhandenen Möglichkeiten einer Überwindung desselben, schreiben die jüdischen Autoren u.a. :

    „Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden und Christen wird nicht eher aufgehoben werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen wird, wie es die Schriften prophezeien. Christen kennen und dienen Gott durch Jesus Christus und die christliche Tradition. Juden kennen und dienen Gott durch die Tora und die jüdische Tradition. Dieser Unterschied wird weder dadurch aufgelöst, dass eine der Gemeinschaften darauf besteht, die Schrift zutreffender auszulegen als die andere, noch dadurch, dass eine Gemeinschaft politische Macht über die andere ausübt. Wie Juden die Treue der Christen gegenüber ihrer Offenbarung anerkennen, so erwarten wir von Christen, dass sie unsere Treue unserer Offenbarung gegenüber respektieren. Weder Jude noch Christ sollten dazu genötigt werden, die Lehre der jeweils anderen Gemeinschaft anzunehmen.“

    6. Schlussfolgerung

    Das Jubiläumsjahr 1517 sollte somit u.a. auch Anlass dafür sein, dass beide (!!!) Kirchen ihre schuldhaften Verstrickungen in ihren Einstellungen gegenüber den Juden noch einmal deutlich dokumentieren und zugleich versuchen, gemeinsam nach vorn zu schauen und gemeinsame Lösungsvorschläge zu erarbeiten, wie man den immer wieder auftretenden Einstellungen der Ausländerfeindlichkeit, religiösen und ethnischen Ausgrenzungen, Xenophobie, Chauvinismus und Rassismus ein mutiges und nachhaltiges Nein entgegenzusetzen.

    Paul Haverkamp, Lingen

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