Fünf Fragen an: Thomas Rachel, Ev. Arbeitskreis der CDU/CSU

2016 Thomas Rachel

Thomas Rachel (Bild: Büro Rachel)

Fünf Freitagsfragen an Thomas Rachel, Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU/CSU, über die historische Stärkung der Protestanten in seiner Partei, die Lehren aus der Nazi-Zeit und dem Ringen um die besten Lösungswege für die Allgemeinheit.

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel ist seit November 2005 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Seit 2012 hat er den Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Düren inne. Mitglied des Deutschen Bundestages ist er seit 1994. Seit 2015 ist er Mitglied des Rates der EKD.

Rogate-Frage: Herr Staatssekretär Rachel, wie kam es zur Gründung des „Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU“ (EAK) und welche Bedeutung hat er heute?

Thomas Rachel: Der EAK wurde 1952 in Siegen gegründet, nachdem der damalige Bundestagspräsident, Oberkirchenrat Dr. Hermann Ehlers, und andere der Ansicht waren, dass die Union evangelischer und katholischer Christen einer wesentlichen Stärkung der evangelischen Seite bedurfte. Um die evangelische Stimme in der Partei zu einen und zu stärken, die sich nach den menschenverachtenden Gräueln und Schrecken der Nazi-Zeit ganz bewusst die Orientierung am „C“ als selbstverpflichtende Aufgabe gestellt hatte, kam es zur Gründung des EAK. Damit war auch zugleich ein zentraler Appell verbunden: Nämlich der konkrete Aufruf an die evangelischen Christinnen und Christen in Deutschland zum eigenen, verantwortlichen politischen Engagement und zur Mitgestaltung. Nach dem weitest gehenden politischen Versagen des deutschen Protestantismus in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus wurde dies nach 1945 geradezu als das dringlichste Gebot der Stunde empfunden.

Rogate-Frage: Welches Selbstverständnis steht hinter dem EAK und wie arbeitet er?

Thomas Rachel: Der Gründungsimpuls des EAK von damals ist im Grunde genommen bis heute hochaktuell: Als evangelische Christinnen und Christen in beiden Unionsparteien setzen wir uns für das politische Mitmachen ein. Eine freiheitliche, parlamentarische Demokratie ist keine „Zuschauer-Demokratie“, sondern lebt vom politischen Meinungswettstreit, dem persönlichen Sich-Einbringen und vom Ringen um die besten Lösungswege für die Allgemeinheit. Als evangelische Christinnen und Christen sind wir hier gefordert, uns selbst einzubringen. Hermann Ehlers sagte einmal sehr treffend: „Wir haben im deutschen Protestantismus viel zu lange die Vorstellung gehabt, dass man zwar sehr leicht Bürgermeister und Oberbürgermeister, Ratsherren und Landtagsabgeordnete, Staatssekretäre, Minister, Bundesminister und Bundestagsabgeordnete kritisieren könne, dass man aber das Vorrecht habe, sich von der Mitarbeit und dem Hineingehen in die gleiche Verantwortung peinlich fern zu halten, um in Neutralität und Objektivität um so gründlicher darüber urteilen zu können.

Der EAK ist der Zusammenschluss aller evangelischen Unionsmitglieder, die wegen ihres Glaubens und seiner Grundlagen in den Unionsparteien einen Beitrag zu einer vor Gott und den Menschen verantworteten Politik leisten wollen. Bei uns arbeiten aber genauso Menschen mit, die keine Mitglieder der Unionsparteien sind, er übernimmt insofern eine wichtige Brückenfunktion zwischen Partei sowie Kirche und Gesellschaft. Als Grundsatzforum der Union und als „Denkfabrik“ (Angela Merkel) ermöglicht der EAK Raum für offene Diskussionen und schafft Orientierung in Bezug auf alle politischen Themen, die insbesondere auch für Christinnen und Christen relevant sind. Insofern genießt er heute auch weit über die eigene Konfessionsgrenze hinaus Beachtung und Wertschätzung.

Rogate-Frage: Wie nah oder fern stehen Ihnen aktuelle kirchliche Positionen, beispielsweise in der Friedensethik oder in der Frage des Umgangs mit den Flüchtlingen an den Grenzen?

Thomas Rachel: Die Frage nach Nähe und Ferne zu kirchlichen Verlautbarungen kann man so nicht pauschal beantworten. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Und man muss auch sehen: Es gibt ja schon in der Evangelischen Kirche und Theologie die unterschiedlichsten Stimmen und Positionen zu den verschiedensten Themen. Da der EAK im gesamten Bundesgebiet vertreten ist und in allen Bundesländern arbeitet, bildet sich hier zunächst natürlich auch in durchaus vergleichbarer Weise das ganze, bunte Meinungsspektrum des Protestantismus ab, sozusagen von Schleswig bis Stuttgart. Dazu kommt, dass politische Entscheidungen und politisches Handeln nicht einfach nur aus der geradlinigen Umsetzung von ethisch-theologischen Prämissen oder Grundsätzen bestehen: Hier geht es vielmehr um die konkrete Verantwortung in ganz oft unübersichtlichen, hochkomplexen und schwierigen Gemengelagen.

Wir sehen das aktuell zum Beispiel an der Flüchtlingsfrage, die eine gewaltige historische Herausforderung darstellt, aber auch an der Notwendigkeit einer vernünftigen Friedenspolitik und Friedensarbeit in einer zunehmend zerrissenen und unfriedlicher werdenden Welt. Grundsätzlich kann man für den EAK sagen: Wir bejahen kirchliche Positionen, die hilfreiche Orientierungen für die politische Gewissensbildung und das entsprechende Handeln bereitstellen. Wir sind als bewusste „Verantwortungethiker“ (Max Weber) aber zugleich skeptisch gegenüber bloßen Schlagworten, Moralpredigten oder Gesinnungsparolen. Es reicht also mit anderen Worten nicht aus, das politisch Gute nur zu wollen (denn in diesem Wollen dürften sich grundsätzlich alle einig sein), sondern man muss über die Mittel, Wege und Konsequenzen des konkreten, politischen Handelns nachdenken, die dieses Ziel tatsächlich befördern helfen oder womöglich behindern. Darum geht der konstruktive, politische Streit.

Rogate-Frage: Wie sehr werden Sie selbst in Ihren politischen Entscheidungsprozessen von ihren christlichen Überzeugungen geleitet? Haben Sie ein Beispiel?

Thomas Rachel: Für mich ist mein Glaube ein unerlässlicher Kompass für die tagtäglich immer wieder neu begegnenden politischen Herausforderungen und Probleme. Der Kompass – um im Bilde zu bleiben – ersetzt keineswegs, dass man sich zuallererst selbst auf machen und sich einen Weg durch zum Teil unwirtliches und unübersichtliches Gelände bahnen muss. Aber ohne ihn wäre man doch verloren und hätte keine hinreichende Orientierung. Als wir zum Beispiel kürzlich im Deutschen Bundestag über das Gesetz zur Sterbebegleitung entschieden haben, war es sehr hilfreich, dass meine Evangelische Kirche hier eine zwar differenzierte, aber auch klare Position bezogen hat. Legalisierte Beihilfe zur Selbsttötung oder gar Tötung auf Verlangen sind auch nach meiner festen Glaubensüberzeugung die falschen Antworten auf die Nöte, Ängste und Sorgen Schwerstkranker und Sterbender.

Rogate-Frage: Die CDU wehrt sich – anders als beispielsweise die britischen Konservativen, die die Eheöffnung in Großbritannien durchgesetzt haben – gegen eine Gleichstellung der Lebenspartnerschaften homosexueller Paare mit der Ehe. Die Kanzlerin argumentierte mit einem „Bauchgefühl“. Warum tut sich die Union so schwer mit dem Abbau von Diskriminierungen gegen Lesben und Schwulen?

Thomas Rachel: In dieser Frage steckt leider bereits eine Unterstellung, die wir als CDU und CSU klar zurückweisen: Als Union kämpfen wir nämlich gegen jede Form von Diskriminierung Homosexueller. Wir achten und respektieren es, wenn Menschen – egal welchen Geschlechtes oder welcher sexuellen Orientierung auch immer – Verantwortung füreinander übernehmen. Wir sind aber ebenso klar dagegen, Unterschiedliches gleich zu behandeln. Deshalb sind wir auch gegen eine „Ehe für alle“, weil die Ehe von Mann und Frau in unseren Augen etwas Besonderes und Einzigartiges ist. Nur die Ehe schafft es aus eigener Kraft, aus einer Zweierbeziehung eine Familie werden zu lassen. Dieser generative Aspekt fehlt – aus sich selbst heraus – bei homosexuellen Lebenspartnerschaften.

Rogate: Vielen Dank, Herr Staatssekretär Rachel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

  • Rogate Kl_Aushang_Eucharistie 11 Sonntag n Trinitatis_160616 KopieSonntag, 7. August 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 11. Sonntag nach Trinitatis
  • Sonntag, 4. September 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie zum Diakonie-Sonntag „Barmherzigkeit: Größer als unser Herz“, am 16. Sonntag nach Trinitatis, mit einer Ausstellungseröffnung
  • Montag, 3. Oktober 2016 | 15:00 Uhr, Gottesdienst für Mensch und Tier. Predigt: Pfarrerin Andrea Richter.
  • Sonntag, 23. Oktober 2016 | 10:00 Uhr, Eucharistie am 22. Sonntag nach Trinitatis, mit dem Botkyrka Kammarkör der Tumba Kirche, Schweden
  • Allerheiligen, Dienstag, 1. November 2016 | 19:00 Uhr, Gottesdienst mit Bischof Dr. Matthias Ring, Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland, Bezirksbürgermeisterin  Angelika Schöttler, Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, EKBO, Pfarrerin Andrea Richter, Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-Katholische Gemeinde Berlin, Pastorin Dagmar Wegener, Baptistische Gemeinde Schöneberg, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde.
  • Sonntag, 3. Advent, 11. Dezember 2016 | 17:00 Uhr, Sternenkinder-Gottesdienst für verwaiste Eltern und ihre Angehörigen zum Worldwide Candle Lighting Day, mit Pastor Engelbert Petsch, Aktion “Die Flamme der Hoffnung”, und Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Kirche.
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