Fünf Fragen an: Bischof Burgert Brand, Ev.-luth. Kirche in Namibia

Fünf Freitagsfragen an Burgert Brand, Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, über die Chancen seiner Kirche vor Ort, Weihnachten bei 40 Grad und das Gedenken an die Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama.

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Bischof Burgert Brand (Bild: privat)

Burgert Brand wurde 1959 im namibischen Swakopmund geboren, ist in Namibia aufgewachsen und hat seine theologische Ausbildung in Südafrika absolviert. Während der Unabhängigkeitswerdung Namibias – 1989 bis 1995 – war er Pastor in Windhoek und einigen Landgemeinden, dann zuständig für den Aufbau einer multikulturellen Gemeinde in Südafrika nach der politischen Wende dort. Anschließend fünf Jahre Schulpastor im südafrikanischen Hermannsburg und seit Beginn 2015 Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia (DELK).

Rogate-Frage: Herr Bischof Brand, wie können wir uns im fernen Europa die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia und gemeindliches Leben vorstellen?

Burgert Brand: Lebendig. Divers. Kompliziert. Schließlich gibt es drei lutherische Kirchen in Namibia, die jeweils eine andere Geschichte und damit auch eine jeweils andere Identität haben. In dem mehr deutschsprachigen Teil der lutherischen Familie, in der ich meinen Dienst tue, sind Pfarrer meist auch Fahrer. Viele Kilometer sind die Kollegen und Kolleginnen unterwegs zu den verschiedenen Gottesdienstorten. Diese werden nicht durch Gebäude definiert, sondern eher durch Menschen. Gottesdienste finden auf Farmen statt, also dort, wo die Menschen leben und arbeiten. Da kommt Gemeinde dazu, aber eben auch Besucher und Farmer aus der Umgebung, egal wo sie sonst geistlich hingehören. Es wird gesungen, gebetet, gepredigt; besonders wichtig ist jedoch der Gemeinschaftsaspekt. Die Gemeinde bleibt zusammen zum Kaffeetrinken und Abendbrot. In diesem Rahmen finden seelsorgerliche Gespräche statt, wird der Gottesdienst reflektiert, kommt es zu Diskussionen über Farmerei, Politik und Kirche.

Aber abgesehen von den ländlichen Gemeinden, die bei uns die Mehrheit bilden, gibt es auch Kirche in der Stadt. Swakopmund ist eine Schulstadt, dazu der Ort, an dem sich viele alte Menschen zur Ruhe setzen. Das Gemeindeangebot muss also gezielt die Jugendlichen und die Senioren ansprechen – und tut das auch mit viel Phantasie. Windhoek ist Landeshauptstadt. Hier konzentriert sich die Gemeinde sehr darauf, ein buntes Gottesdienstangebot zu gestalten. Durch die Demographie der Stadt bieten sich ihr viele missionarische und kulturelle Möglichkeiten, die sie wiederum in Partnerschaft mit anderen in Angriff nimmt.

Rogate-Frage: Wie kann die evangelische Kirche wirken und sich in Ihrem Land einbringen?

Burgert Brand: Die evangelische Kirche ist bei weitem die größte Kirchfamilie in Namibia. Etwa 68 Prozent der Bevölkerung sind Lutheraner, dazu kommen noch Anglikaner, Methodisten, verschiedene Kirchen der reformierten Familie – und je nach ökumenischer Perspektive kann diese Aufzählung erweitert werden.

Wir Christen – und besonders wir Evangelischen – sind gefragt. Wir feiern Gottesdienste und müssen fragen, wie Lehre und Verkündigung das Bild unseres Landes beeinflussen und prägen. Wir konfirmieren junge Menschen und müssen sie an ihre Verantwortung in Staat und Gesellschaft erinnern.

Wenn ich ganz ehrlich bin, tun wir uns schwer, unseren Glauben in politisches Handeln umzusetzen. Viele Jahre wurde den Reformierten vorgeworfen, sich mit den Machthabern der Apartheid solidarisiert zu haben. Heute muss sich die lutherische Familie fragen, inwiefern es ihr gelingt, eine kritische Distanz zur regierenden Partei zu gewinnen, mit der sie sich im Befreiungskampf solidarisiert hatte.

Dabei gibt es viel zu tun. Mit der Bildung liegt vieles im Argen – und Bildungsfragen sind ein genuin evangelisches Anliegen; es reicht nicht, Kindergärten zu betreiben, wenn die Erzieher nicht entsprechend ausgebildet werden und so weiter.

Die evangelische Kirche müsste sich meiner Ansicht nach öfter, klarer und kritischer zu Wort melden. Solch eine kritisch-solidarische Stimme könnte das Gespräch im Land bereichern und würde auch die Regierenden mit einbeziehen; schließlich gehören ganz viele von ihnen bewusst zur Kirche und nehmen an den Angeboten der Kirche teil.

Rogate-Frage: Wie feiert man bei Ihnen Advent und wie Weihnachten? Wie werden Sie die Tage begehen?

Burgert Brand: Damit es nicht zu kompliziert und bunt wird, beschränke ich mich bei meiner Antwort wieder auf den deutschsprachigen Teil der Familie. Wer noch einen Draht zur Kirche hat, geht am Heiligen Abend in die Kirche. In Windhoek allein gibt es ein Familienangebot am Nachmittag, eine Vesper, die meist im Rundfunk gesendet wird und in der Nacht noch eine Mette. Alle diese Gottesdienste werden gut besucht. Am Weihnachtstag kommen meist nur die Treuen.

Vieles mag sehr “Deutsch” anmuten: Strohsterne, Lametta, bunte Kugeln, in vielen Familien noch richtige Kerzen. Bei der Auswahl des Weihnachstbaums wird es schon viel differenzierter; bei uns im Haus steht in der Regel ein Dornenbusch, andere nutzen die trockenen Blütenstämme der Agaven oder Aloen. Es wird viel gesungen, aber erst in letzter Zeit wandern auch namibische Texte und Kompositionen in den Gottesdienst ein.

Sie können davon ausgehen, dass es am Heiligen Abend und Weihnachtstag heiß ist. Zwischen 35 – 40 Grad sind keine Seltenheit. Gesprächsthema ist und bleibt: Regen. Für Farmersleute und Stadtmenschen ist Regen in gleicher Weise das Weihnachstgeschenk schlechthin. Es kommt auch gezielt in den Kirchengebeten vor.

Und ich? Meine Frau und ich freuen uns darauf, dass wir mit zweien unserer drei Kinder die Festtage verbringen dürfen, dazu ein erstes Mal mit unserem Enkelkind. Weihnachten und Familie gehören bei uns ganz eng zusammen.

Rogate-Frage: Am 9. November 2016 haben Sie die Christus- und Garnisonkirche in Wilhelmshaven (Niedersachsen) besucht, um eine Tafel zu sehen, die an den Krieg gegen die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert. Wie kam es zu dieser Visite und wie hat das Denkmal auf Sie gewirkt?

Burgert Brand: Chefredakteur Reinhard Mawick von den “Zeitzeichen” hatte mich eingeladen, mit ihm Wilhelmshaven und dort die Kirche zu besuchen. Zusammen mit anderen Journalisten hatte er im Mai Namibia bereist, und da kamen wir auf die große Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche zu sprechen und die Überlegung in Windhoek, sich das Modell der Wilhelmshaven Gemeinde einmal anzusehen.

Zunächst fielen mir bei dem Besuch die ganz anderen äußeren Bedingungen auf: Die namibische Tafel in Wilhemshaven ist eine von vielen; sie ist sehr klein im Verhältnis zu dem, was in Windhoek an der Wand hängt; das Kirchgebäude hat eine militärische Vergangenheit, mit der sich die “Zivilgemeinde” nun zu befassen hat, während in Windhoek in einer “Zivilgemeinde” ein militärisches Denkmal angebracht wurde. Hinzukommt, dass zwischen Kolonial- und Militärgeschichte unterschieden werden muss, wenngleich es bestimmte Parallelen gibt.

Allein diese Differenzen geben mir viel zu denken. Unser Projekt in Windhoek wird nicht so einfach sein, wie wir uns das vorgestellt hatten. Für diesen Schritt zurück bin ich dankbar. Die Kollegen in Wilhemshaven haben sich sehr bemüht, die Hintergründe und Ziele ihrer Aktion darzustellen, den größeren Kontext aufzuweisen und die Notwendigkeit, sich gerade in ihrer Kirche den verschiedenen politischen und geschichtlichen Herausforderungen zu stellen, die durch die vielen Tafeln einfach da sind. Ich bin ihnen sehr dankbar und habe viel gelernt!

Rogate-Frage: Am 10. Juli 2015 wurden die Ereignisse vom deutschen Auswärtigen Amt erstmals als Völkermord bezeichnet. Welche Bedeutung hat die Anerkennung des Genozids für die Menschen in Namibia heute?

Burgert Brand: Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil das Spektrum der Meinungen, Erwartungen und Befürchtungen sehr breit ist. In Deutschland hat man eine politische Entscheidung gefällt, indem man den Begriff “Genozid” auf den Weg der Anerkennung brachte. Dieses Kapitel ist ja noch nicht abgeschlossen. Aber es gibt seriöse Historiker, die sich mit der Anerkennung dieses Begriffs schwertun. Ihre Einwände werden jedoch vielerorts nicht gern gehört. Oft redet man aneinander vorbei, weil die einen historisch und die anderen juristisch argumentieren. In Namibia haben sich Vertreter der Nama und Herero zu Wort gemeldet und fordern die deutsche Regierung auf, den Sonderbeauftragten und derzeitigen deutschen Botschafter abzuberufen; diese seien unglaubwürdig. Warum? Weil Herr Polenz sich nicht auf eine Parallele zwischen Judenpogrom und Hererogenozid einlassen wollte. Diese beiden Dinge seien für ihn nicht gleichwertig. Das hat man als eine Beleidigung verstanden. Die namibische Regierung ist politisch gesehen der einzige Partner, der mit der deutschen Regierung verhandeln kann. Das sehen die Vertreter der Betroffenen ganz anders.

Sie merken schon – es gibt keine einfache Antwort auf ihre einfache Frage.

Rogate: Vielen Dank, Bischof Brand, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten in der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin-Schöneberg:

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