Fünf Fragen an: Wolfgang Seibert, Jüdische Gemeinde Pinneberg

Fünf Freitagsfragen an Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, über die Motive, Fremden Schutz zu gewähren, die Zusammenarbeit mit den Kirchen und das Gemeindeleben in Schleswig-Holstein.

Wolfgang Seibert stammt aus Frankfurt am Main, wo er auch studierte. Er engagiert sich für Flüchtlinge, interreligiösen Dialog und gegen Rechts. Als erste und bislang einzige jüdische Gemeinde in Deutschland hat seine Gemeinde in den vergangenen Jahren bereits mehreren Schutzbedürftigen ungeachtet ihrer Religion in ihren Räumen Asyl geboten. Im Mai erhielt er den Menschenrechtspreis 2017 der Stiftung PRO ASYL.

Rogate-Frage: Herr Gemeindevorsitzender Seiber, Ihre Gemeinde hat in den vergangenen Jahren bereits mehreren Schutzbedürftigen, ungeachtet ihrer Religion, in ihren Räumen Asyl geboten. Wie kam es dazu?
Wolfgang Seibert: Wir wurden vor einigen Jahren gefragt, ob wir bereit seien Flüchtlinge in das Synagogenasyl zu nehmen. Wir haben das circa fünf Minuten im Vorstand disikutiert und Ja gesagt. Als gläubige Juden war die Leitlinie aus dem 2. Buch Mose 22,20: „Du sollst den Fremdling nicht bedrücken“  und aus dem 3. Buch Mose 19,34 „Du sollst den Fremden lieben wie Dich selbst“.
Rogate-Frage: Gibt es Unterschiede zwischen dem Synagogen- und Kirchenasyl?
Wolfgang Seibert: Es gibt wohl keine Unterschiede zwischen Synagogen- und Kirchenasyl. Wir haben uns auch bei kirchlichen Organisationen darüber informiert wie so etwas gemacht werden muss. In der Zeit des Synagogenasyls gabe es auch eine enge Zusammenarbeit mit den beiden christlichen Kirchen und auch der muslimischen Gemeinde. Diese Zusammenarbeit hat uns gestärkt.
Rogate-Frage: Wie läuft ein Synagogenasyl ab und was passiert da?
Wolfgang Seibert: Es gibt eine Menge behördlicher Dinge zu tun: Mitteilung an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Mitteilung an die zuständige Ausländerbehörde uund so weiter. Das ist wichtig, da der Flüchtling auch während der Zeit des Asyls in unserer Gemeinde eine „ladungsfähige Anschrift“ haben muss, wenn er die nicht hat, gilt er als „untergetaucht“ und das verändert Fristen und verlängert sie. Es muss die Verpflegung organisiert werden, ein Besuchsdienst muss organisiert werden, damit sich Leute um den Flüchtling kümmern, während er bei uns ist.
Rogate-Frage: Wie reagiert Ihre Gemeinde darauf?
Wolfgang Seibert: Die Gemeinde hat sehr positiv reagiert. Der schon erwähnte Besuchsdienst stand innerhalb weniger Stunden. Menschen gingen in die Gemeinde, redeten mit den Flüchtlingen, spielten Gesellschaftspiele mit ihnen, brachten Lebensmittel und sehr viele Süssigkeiten.
Rogate-Frage: Wie sieht jüdisches Leben in Schleswig-Holstein und in Pinneberg aus?
Wolfgang Seibert: Nach 1945 gab es in Schleswig-Holstein nur zwei Jüdische Gemeinden, in Kiel und Lübeck. Nach 1989 wurden dann, wegen der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, neue Gemeinde gegründet. Mittlerweile gibt es neun Jüdische Gemeinden bei uns. Die Gemeinden veranstalten natürlich Gottesdienste am Schabbat und den jüdischen Feiertagen. Wir machen Religionsunterricht, veranstalten Deutschkurse, machen Seniorenbetreuung, besuchen Kranke und machen Sterbebegleitung. Also nicht anders als auch bei den christlichen Kirchen.
Rogate: Vielen Dank, Herr Seibert, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Willkommen zu unseren nächsten öffentlichen Gottesdiensten und Terminen:

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Eine Antwort zu Fünf Fragen an: Wolfgang Seibert, Jüdische Gemeinde Pinneberg

  1. Michael Fridetzky schreibt:

    Lieber Manfred , es ist schön mal wieder von dir zu hören. Erinnerst du dich an unsere Pinneberger Zeit.? Ich bin jetzt Pastor in Athen/ Griechenland. Melde dich mal. Hier gibt es auch eine jüdische Gemeinde. Du bist herzlich eingeladen bei zu uns ins Pastorat. Michael

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