Fünf Fragen an: Prälatin Gabriele Arnold Ev. Landeskirche in Württemberg

Fünf Fragen an Prälatin Gabriele Arnold, Prälatur Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, über die Rolle als CSD-Schirmfrau, die Ehe für alle und den schmerzhaften Auszug von LSBTTIQ aus der Kirche.
2017 Prälatin Gabriele Arnold

Prälatin Gabriele Arnold (Bild: Landeskirche)

Gabriele Arnold ist 1961 in Stuttgart geboren. Sie hat in Tübingen, Mainz und Berlin evangelische Theologie studiert und in Laichingen (Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen) und Berlin ihr Ausbildungsvikariat gemacht. Nach Pfarrstellen in Hengstfeld (Kirchenbezirk Blaufelden) und Stuttgart war sie seit 2009 geschäftsführende Pfarrerin in Bad Mergentheim (Kirchenbezirk Weikersheim). Gabriele Arnold engagierte sich auch über ihre Kirchengemeinde hinaus. So war sie vier Jahre stellvertretende Dekanin und ist seit 2007 Vorsitzende der Evangelischen Mütterkurheime. Außerdem gehört sie dem Präsidium der Evangelischen Frauen in Württemberg (efw) an. In ihrer Freizeit sind ihr die Familie und der Freundeskreis wichtig. Zu ihren Hobbys zählt sie Lesen – „aber keine Krimis!“ –, Gartenarbeit, Reisen im Mittelmeerraum auf den Spuren der Antike, Kochen sowie Shoppen mit Schwiegertochter und Freundinnen.

Rogate-Frage: Frau Prälatin Arnold, der Stuttgarter CSD hat Sie angefragt, ob Sie Schirmherrschaft des diesjährigen CSD übernehmen. Wie ist es dazu gekommen und welche Gedanken haben Sie dabei bewegt?

Gabriele Arnold: Diese Anfrage kam im Jahr des Reformationsjubiläums; der CSD Stuttgart hat mit dem Leitwort des Perspektivwechsel einen Perspektivwechsel innerhalb der Kirche anregen wollen aber auch einen Perspektivwechsel innerhalb der Community auf die Kirche hin initiieren wollen.

Da ich in der Community einige Freunde und Bekannte habe und schwule Kollegen, die im CSD engagiert sind, wussten die Organisatoren des CSD sicher von meiner Einstellung zu LSBTTIQ.

Meine Zusage habe ich gerne gegeben, denn der CSD als bürgerschaftliche Bewegung hilft Menschenrechtsverletzungen aufzuzeigen und ermutigt alle, die sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzen, in welcher Gruppe, in welcher Partei in welchem Verein auch immer und eben auch in der Kirche. Die CSD-Bewegung hat schon viel erreicht und das gesellschaftliche Klima nachhaltig verändert.

Rogate-Frage: Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrer Schirmherrschaft an Kirche, Gesellschaft und LGBTIQ-Community senden?

Gabriele Arnold: Vor 500 Jahren begann mit der Reformation ein ganz entscheidender Perspektivwechsel, der die Kirche aber auch die mittelalterliche Gesellschaft zutiefst verändert hat. Daran erinnern wir uns in diesem Jahr und feiern die Reformation.“… da ist Freiheit“ – so lautet das Motto des Reformationsjubiläums in der württembergischen Landeskirche. Damit dieser Satz aus dem Neuen Testament aber nicht nur ein frommer Wunsch ist, sind wir alle immer neu gefordert. Der Geist der Freiheit gibt Vorurteilen und Ausgrenzung keinen Raum. Er ermutigt uns, vorgefasste Denkmuster und Einstellungen in Frage zu stellen. So wie Martin Luther das in Bezug auf den Glauben und die Beziehung der Menschen zu Gott und damit immer auch zu den anderen gedacht und gelebt hat. Der CSD passt hervorragend zu diesem Motto der Landeskirche. Denn auch in der Kirche wurden Lesben, Schwule und LSBTTIQ ausgeschlossen oder verachtet und viele lesbische und schwule Christen mussten sich verstecken und ihre Sexualität verleugnen. Nicht wenige haben deshalb die Kirche verlassen. Das tut mir sehr leid. Aber es tut sich etwas.  Für den Perspektivwechsel und den Geist der Freiheit gegen Vorurteile und Verschweigen, Weggucken und Doppelmoral fanden und finden sich viele Unterstützerinnen und Unterstützer in vielen Teilen der Gesellschaft und damit auch der Kirche.

Schon im Jahr 2000 wurde eine Studie („Gesichtspunkte im Blick auf die Situation homosexueller kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“) der württembergischen Landeskirche veröffentlicht in der es unter anderem heißt:

  • Die Kirche muss deutlich machen, dass entgegen früheren Verhaltensweisen und Vorbehalten auch homosexuelle Menschen fraglos zu unserer Kirche gehören und dieselbe Liebe und Zuwendung Gottes empfangen wie alle anderen Mitglieder der Kirche auch“.
  • „Unsere württembergische Landeskirche anerkennt, dass sie an der Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte homosexueller Menschen einen Schuldanteil zu übernehmen hat. Sie ist sich bewusst, dass manche Schwule und Lesben durch belastende Erfahrungen in der Kirche in schwere Lebens- und Glaubenskrisen geraten sind. Sie bittet alle Schwulen und Lesben, an denen sie schuldig geworden ist, um Vergebung“.
  • „Die Landeskirche bringt zum Ausdruck, dass die gemeinsame Zugehörigkeit von Homo- und Heterosexuellen zur Kirche keine Bedrohung, sondern Bereicherung ist.“

Rogate-Frage: Ungewöhnlich scharf haben manche Kreise auf Ihre positive Haltung und Akzeptanz sexueller Minderheiten reagiert. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Gabriele Arnold: Gerade Menschen, die dem CSD kritisch gegenüber stehen, will ich ermutigen sich, auf einen Perspektivwechsel einzulassen. Wir müssen den Perspektivwechsel miteinander einüben. Miteinander werden wir überlegen: Wie kann es gelingen, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen miteinander reden statt übereinander? Wie können wir lernen, den anderen, die andere mit ihren eigene Erfahrungen ernst zu nehmen und wert zu schätzen? Wie schaffen wir ein Klima der Akzeptanz und nicht der Intoleranz? Diese Fragen bewegen uns im Hinblick auf viele gesellschaftliche Themen. Ich bin froh, dass der CSD hier seinen Beitrag leistet.
Rogate-Frage: Am Freitag stimmt der Deutsche Bundestag über die Ehe für alle ab. Welche Bedeutung hat diese Entscheidung für Kirche und Gesellschaft?
Gabriele Arnold: Die Entscheidung für die Ehe für alle ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Akzeptanz. Aber zunächst einmal handelt es sich dabei ja um eine staatliche Angelegenheit. Aber diese Entscheidung wird das Bewusstsein der Menschen in unserem Land verändern. In den Kirchenleitungen und Synoden muss auf diesem Hintergrund sicher nachgedacht werden, ob und was das für die kirchliche Trauung bedeutet. Im ökumenischen Kontext wird das viele Fragen aufwerfen.
Rogate-Frage: Wann und wie kann eine Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg folgen?
Gabriele Arnold: Lesben und Schwule können in unseren kirchlichen Ämtern – Haupt und Ehrenämtern arbeiten. Es gibt Gemeinden, in denen lesbische und schwule Pfarrer/innen mit ihren Partner/innen im Pfarrhaus leben. An der Frage der Segnung arbeiten unsere synodalen und kirchenleitenden Gremien. Auch in vielen Gemeinden finden Gespräche darüber statt.
 Rogate: Vielen Dank, Frau Prälatin Arnold, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Willkommen zu unseren nächsten Gottesdiensten:

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aktuell., Fünf Fragen. abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s