Barbara Hendricks: „Wir sind noch nicht am Ziel!“

Das Lesbisch-schwule Stadtfest findet zum 25. Mal statt. Das ist an sich schon ein Grund zum Feiern. Aber in diesem Jahr haben wir noch einen bedeutenden Grund mehr. Wir haben die „Ehe für alle“ erreicht – ein Recht, das von vielen erstritten wurde und auf das wir alle lange gehofft haben.

Und obwohl es die Forderung danach und die gesellschaftlichen Mehrheiten dafür schon lange gab, war es doch eine zum jetzigen Zeitpunkt unerwartete und überraschende Wendung, die die Entscheidung noch in dieser Wahlperiode möglich gemacht hat.

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Barbara Hendricks im Rogate-Kloster

In der Politik sprechen wir nicht gern von Wundern. Hier in einer Kirche fällt das wesentlich leichter. Vielleicht war das, was wir da gerade erlebt haben, und wofür so viele Menschen lange gekämpft haben, tatsächlich ein kleines Wunder –
der Heilige Geist weht ja bekanntlich, wo und bei wem er will!

Jedenfalls macht uns diese unerwartete Wendung sehr glücklich und bestärkt uns in der Hoffnung, dass Gleichberechtigung und Akzeptanz in unserer Gesellschaft weiter wachsen können. Die Entwicklung macht natürlich vor allem diejenigen glücklich, die jetzt eine Ehe schließen können und die sich jetzt um eine Adoption bemühen können.

Das war ein langer Weg. Wir denken deshalb auch an diejenigen, die für diese Gleichberechtigung gekämpft haben – ihre Durchsetzung aber nicht mehr miterleben konnten.

Der mit der Ehe für alle verbundene gesellschaftspolitische Fortschritt reicht weit über die individuelle und partnerschaftliche Ebene hinaus: Eine Gesellschaft kann nur dann das Beste aus ihren Fähigkeiten und Talenten machen, wenn jede und jeder die Freiheit hat, sein Glück, ihr Glück, zu suchen. Auch in diesen Tagen des Glücks bleibt unser Motto: Erst, wenn wir alle die gleichen Rechte haben, sind wir alle frei. Wir sind jetzt dieser Vision wieder ein Stück näher gekommen!

Aber wir sind noch nicht am Ziel. Wir wissen und erleben es, dass es bei uns Diskriminierungen gibt – gegenüber Homosexuellen, Transsexuellen und Transgender, aber auch gegen Menschen mit Migrationshintergrund, gegen Geflüchtete und Menschen mit Behinderungen. Das nehmen wir nicht hin! Aber dafür brauchen wir immer auch Mut und Zivilcourage.

19959189_10155698138275815_8956122530963984521_nWir leben in einer Zeit, in der in vielen Teilen Europas und der Welt Respekt und Akzeptanz eher auf dem Rückzug sind. Dieser Trend ist alarmierend, weil er zu neuer Diskriminierung führen kann. Deshalb ist die Ehe für alle ein so wichtiger Fortschritt – und ein Hoffnungszeichen.

Vor anderthalb Jahren hat die Weltgemeinschaft in Paris ein Klimaabkommen geschlossen, weil sie sich einig war, dass der Klimawandel große Ungerechtigkeiten und neue große Unsicherheiten mit sich bringen wird. Auch das ist eine große Ermutigung. Gerade jetzt, wo der amerikanische Präsident aus dem Abkommen aussteigen will, steht die Staatengemeinschaft zusammen, damit das Abkommen umgesetzt werden kann.

Und wir können daraus die Hoffnung schöpfen, dass die Staatengemeinschaft auch bei den anderen großen globalen Themen zu einem gemeinsamen Handeln finden wird – bei Hunger, Armut, Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheit.

Persönliche und nationale Egoismen, wie wir sie verstärkt beobachten, dürfen nicht der Maßstab für die Welt von morgen sein. Es muss wieder viel mehr um das Verbindende gehen, nicht das Trennende. Alle sind auf Frieden, Gerechtigkeit und eine intakte Schöpfung angewiesen.

Im Großen kann nur gelingen, was auch im Kleinen versucht wird. Hier im Rogate-Kloster Sankt Michael sind heute die Angehörigen verschiedener Kirchen versammelt. Gemeinsam suchen sie auch hier nach dem Verbindenden und nicht nach dem, was sie möglicherweise trennt. Ich finde das beeindruckend und ermutigend und möchte allen Beteiligten für ihr Engagement danken. Engagement ist kein Wunder – aber etwas Wunderbares!

Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks im Eröffnungsgottesdienst zum 25. Lesbisch-schwulen Stadtfest 2017 am 14. Juli 2017 im Rogate-Kloster Sankt Michael in Berlin-Schöneberg.

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