Grußwort von Senator Dr. Klaus Lederer zum Eröffnungsgottesdienst des 27. Stadtfestes Berlin

Grußwort zum Eröffnungsgottesdienst des 27. Lesbisch-schwulen Stadtfests am Freitag, 19. Juli 2019, 19.30 Uhr, Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin

Dr. Klaus Lederer (Foto: DiG/Trialon)

Wenn wir an diesem Wochenende das lesbisch-schwule Stadtfest feiern, wird hier in Schöneberg wieder die ganze Vielfalt der queeren Community unserer wunderbaren Metropole Berlin, dieser Hochburg des von der Hetero-Norm Abweichenden, zusammenkommen.

So mannigfaltig wie die sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten innerhalb der queeren Community sind auch die von uns gehegten und gelebten religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und Zugehörigkeiten.

In der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und inter* Community wissen wir darum, dass diese Vielfalt eine Stärke ist, dass sie unser Zusammenleben bereichert und spannend macht. Für die religiöse und weltanschauliche Vielfalt Berlins gilt das genauso.

Deshalb müssen wir, wenn wir gegen gesellschaftliche Spaltungen, Diskriminierung und Intoleranz ankämpfen wollen, den interreligiösen, religionsübergreifenden Dialog stärken, aber natürlich auch den intra-religiösen Dialog und Austausch über die Diversität innerhalb der jeweiligen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Der heutige Gottesdienst, der inzwischen selbst schon eine kleine Tradition ist, ist ein tolles Zeichen für mehr

Sichtbarkeit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der christlichen Ökumene und ein wichtiger Beitrag zur Selbstverständigung einer Kirche über ihre Werte und Normen in der heutigen Zeit.

Aus all diesen Gründen und weil ich weiß, mit wie viel Herzblut und Hingabe das Rogate-Kloster diesen Gottesdienst jedes Mal aufs Neue gestaltet, freue ich mich sehr, heute wieder bei Ihnen und euch sein zu dürfen und im Namen des Regierenden Bürgermeisters und des Senats von Berlin die besten Grüße zu überbringen.

Wir alle wissen, dass viele Religionsgemeinschaften sich auch heute noch extrem schwer tun mit der Akzeptanz von Homo-, Bi-, Trans- oder Intersexualität.

Und wenngleich ich als für Religions- und Weltanschauungsfragen zuständiges Senatsmitglied die staatliche Neutralität in Bezug auf die Konfessionen zu wahren habe, will ich mir zumindest die eine Anmerkung erlauben, dass ich es durchaus bemerkenswert finde, dass die EKBO gleichgeschlechtlichen Paare in Berlin und Brandenburg seit Juli 2016 die kirchliche Trauung ermöglicht – und damit dem deutschen Bundestag ein gutes Stück voraus war. Auch die Präsenz mit eigenem Stand auf dem Motzstraßenfest unterstreicht, dass diese Hinwendung zur queeren Community ernst gemeint ist.

Das nötigt mir Respekt ab – und ich gebe zu, dass es mich durchaus freuen würde, wenn dieses Klima der Akzeptanz auch bei anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften inzwischen so eine Selbstverständlichkeit geworden wäre.

Apropos Selbstverständlichkeit: Auch wenn ich mich als schwuler Mann hier bei Ihnen und Euch unter Freundinnen und Freunden weiß, so besorgt mich doch das gesamtgesellschaftliche Klima der letzten Jahre, wenn hier und in nicht wenigen unserer Nachbarländer Gegnerinnen und (mehrheitlich männliche) Gegner der Gleichstellung großen Zuspruch erfahren, wenn völlig abstruse Attacken auf die Gender Studies und auf alles Nicht-Heteronormative medial eine erschreckend hohe Aufmerksamkeit erhalten.

Wenn man mir dann allenthalben erzählt, man müsse doch deren „Ängste“ vor zu rascher Modernisierung der Lebensweisen ernstnehmen, dann will ich zumindest, dass meine Angst davor, mich als schwuler Mann in diesem Land (wieder) vor Übergriffen und homophoben Hassverbrechen fürchten zu müssen, genauso ernst genommen wird wie deren Angst vor gleichen Rechten (die im Übrigen niemandem etwas wegnehmen außer einem symbolischen Privileg).

Hier gilt es, uns als queere Community nicht auseinanderdividieren zu lassen, denn auch ein halbes Jahrhundert nach Stonewall ist die Akzeptanz unserer gleichen Rechte leider keine Selbstverständlichkeit.

Noch immer werden HIV-positive Menschen stigmatisiert, noch immer leiden Transmenschen an einem hoffnungslos überkommenen, entmündigenden Transsexuellengesetz – der vorliegende Gesetzentwxurf der Bundesregierung bedeutet statt Selbstbestimmung für die Betroffenen nach wie vor eine einzige Schikane –, und noch immer sind lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* Menschen in vielen Ländern staatlicher Repression und Verfolgung bis hin zur Todesstrafe – Brunei hat die Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Sex sogar 2019 extra eingeführt.

Für alle, die aus unterschiedlichsten Regionen vor solcher Verfolgung fliehen und bei uns Zuflucht suchen, müssen unsere Städte sichere Häfen sein. Berlin hat seine Bereitschaft dazu erklärt und wird sich gegenüber dem Bund weiter dafür einsetzen. Ich freue mich, die Kirchen in dieser humanitären Frage klar an unserer Seite zu wissen!

Uns allen wünsche ich jetzt noch einen schönen Gottesdienst, ein buntes und friedliches Stadtfest in Schöneberg und nächste Woche einen kämpferischen und lauten Christopher Street Day. Happy Pride!

Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa