Fünf Fragen an: Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, EKBO

Fünf Freitagsfragen an Landesonlinepfarrer Andreas Erdmann, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), über einen Digitalisierungsschub in der Kirche, Innovationen ohne Beschlussvorlagenketten und neue Wege der Seelsorge in der Pandemie.

Landespnlinepfarrer Andreas Erdmann (Bild: privat)

Andreas Erdmann ist in Berlin geboren, hat seinen Zivildienst in einem evangelischen Kindergarten in Bergfelde geleistet und ist anschließend wieder in Berlin zunächst in die Lehre gegangen und hat danach studiert. Er hat abgeschlossene Berufsausbildungen in den Berufen Fachinformatiker/Systemintegration und Fachinformatiker/Anwendungsentwicklung sowie zunächst Theologie und dann Religions- und Gemeindepädagogik studiert und schließlich sein Vikariat in Glienicke/Nordbahn gestaltet. Die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen liegt ihm besonders am Herzen.

Rogate-Frage: Herr Pfarrer Erdmann, was macht ein „Landesonlinepfarrer“?

Andreas Erdmann: Als Landesonlinepfarrer unterstütze ich Gemeinden und Kirchenkreise bei der Digitalisierung von Gottesdiensten, Andachten, Jugendtreffs, Kirchentouren und anderen Angeboten, berate bei der Digitalisierung der Verwaltung und koordiniere Projekte. Das Ziel dabei ist es, die Präsenz der Landeskirche im Netz zu erhöhen und damit digitale Gemeinschaft zu ermöglichen. Außerdem arbeite ich sehr eng mit den anderen Bereichen des Medienhauses der EKBO zusammen wie der Öffentlichkeitsarbeit, dem Rundfunk und auch dem Homepage-Team, aber auch zum Beispiel der Pressearbeit und dem Wichernverlag, hier vor allem mit der Wochenzeitung „Die Kirche“. Außerdem habe ich natürlich auch eigene Projekte, wie die Gestaltung einer virtuellen Online-Kirche im Gameplay-Format.

Rogate-Frage: Wie ist es zur Einrichtung einer solchen Stelle gekommen und was soll damit erreicht werden?

Andreas Erdmann: Es gab in den vergangenen Jahren bereits ähnliche Stellen, mit denen bereits ein bisschen ausprobiert worden ist, was angenommen wird und was nicht und wo überhaupt der Bedarf liegt. Dass ich jetzt bereits schon seit März auf dieser Stelle mit 100 Prozent (Vollzeitstelle) arbeite, liegt aber sicherlich auch an der außergewöhnlichen Situation dieser Tage, die insgesamt zu einem Digitalisierungsschub in der Kirche beigetragen hat und die Notwendigkeit eines Landesonlinepfarrers als Ansprechpartner für die Menschen vor Ort deutlich hervorhob.

Rogate-Frage: Wie digital ist die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und wohin soll die Reise gehen?

Andreas Erdmann: Wer ist schon „die Landeskirche“? Die Verwaltung hat hier noch viel Luft nach oben. Andere sind bereits schon länger auf der Reise. Ich denke da vor allem an viele Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch Einzelpersonen, die bereits lange vor der Pandemie insbesondere in den Sozialen Medien sehr aktiv waren und es immer noch sind. Das wurde bei der ersten Online-Konferenz der EKBO am 2. Mai deutlich. Von solchen Treffen wird es zukünftig mehr geben: Das nächste Treffen findet am 2. Juni und fortan monatlich statt. Hier geht die Reise also vor allem hin: zu mehr Vernetzung und einem besseren Austausch untereinander. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass die einzelnen Aktiven auch entsprechende Wertschätzung und Unterstützung erfahren, indem zum Beispiel auch Stellenanteile für die Arbeit im Digitalen Raum bei der Besetzung von neuen Stellen gleich mitbedacht werden und Schulungen etwa für den Umgang mit Trollen und Hate-Speech angeboten werden.

Rogate-Frage: Was ist anders in der digitalen Verkündigung und was sollte man dort nicht tun?

Andreas Erdmann: Das Evangelium ist dasselbe, ob analog oder digital, aber die Teilhabenden sind mitunter andere und das sollte sich in der Ansprache und Auslegung entsprechend bemerkbar machen. Wenn ich einen Gottesdienst ins Netz stelle und mich über die überregionale Beteiligung freue, dann darf ich mich inhaltlich nicht auf lokale Besonderheiten und Gepflogenheiten konzentrieren. Zudem sind mir diejenigen gar nicht bekannt, die ich tatsächlich erreiche. Im Gottesdienst vor Ort sehe ich, wer da in den Bankreihen sitzt und kann meinen Gottesdienst, wenn ich so flexibel bin, entsprechend anpassen. Im Internet kann es sein, dass zum Beispiel ein Großteil Neugieriger mit Erstbegegnungscharakter zuschauen. Deshalb sollte man noch dringender auch auf niedrigschwellige Zugänge achten, insbesondere was die Liturgie betrifft.

Rogate-Frage: Was hat sich durch die Corona-Pandemie in der digitalen Kirche verändert und gibt es für Sie positive Beispiele?

Andreas Erdmann: Es haben sich seither deutlich mehr Menschen auf den Weg gemacht, sich in den Digitalen Medien auszuprobieren. Leider haben einige auch schon kundgetan, dass von ihnen ganz klar erwartet wird, dies einzustellen, wenn die analogen Veranstaltungen wieder stattfinden können oder dass sie die digitalen Angebote irgendwie zusätzlich in ihrer Freizeit stemmen müssten. Schön wäre es hier, wenn die guten Erfahrungen genutzt werden würden, um insgesamt in Zukunft beide Arbeitsbereiche mit im Blick zu haben. Ebenfalls aufgefallen ist mir ein Abbau von Bürokratie in den ersten Wochen der Pandemie. Viele Innovationen wurden ohne lange Beschlussvorlagenketten neu ausprobiert und rasch umgesetzt. Gute Beispiele sind hier Telefongottesdienste, ein Autogottesdienst und natürlich viele Veranstaltungen, die gar nicht Gottesdienste betreffen, wie vor allem auch solidarisch-fürsorgliche Projekte von zum Beispiel „Jungen Gemeinden“, die sich digital vernetzt absprechen, um für ältere einzukaufen. Ebenfalls erwähnen möchte ich auch die stärkeren Angebote von Chat- und E-Mail-Seelsorge sowie Seelsorgegespräche, die in den Sozialen Medien stattgefunden haben. Diese unkomplizierte Art, Kirche voranzubringen, würde ich mir auch für die Zukunft wünschen.

Rogate-Frage: Wenn die Digitalisierung gerade einen so großen Aufschwung erlebt, gibt es dann andere Felder, die an Beachtung verlieren?

Andreas Erdmann: Solche Themenfelder gibt es sicherlich, wobei diese freilich nicht an Relevanz verlieren, sondern gegenwärtig schlicht weniger stark im Fokus bleiben. Ich nehme wahr, dass vor der Pandemie deutlich häufiger auch in den Medien Krisen wie der Klimawandel oder die Migrationspolitik thematisiert worden sind. Die Menschen, die in großer Not in Flüchtlingslagern unter miserablen Bedingungen überdauern, ist nicht weniger geworden und der Klimaschutz nicht minder wichtig. Die EKBO bringt sich in diesen Fragen deshalb nach wie vor ein, wie viele andere Aktive ebenfalls. Es fehlt hier allerdings häufig an der Unterstützung durch die Diskussion in der Öffentlichkeit. Denn die Pandemie nimmt, selbst wenn gar nichts wirklich Neues zu berichten ist, in der „Tagesschau“ und anderen Nachrichtensendungen den deutlich größten Teil ein und veranlasst sogar zu Sondersendungen. Das gilt für andere Medien in der Regel ebenso. Die Ursache für dieses „Weniger an Beachtung“ ist also weniger der Digitalisierung anzulasten als vielmehr der Informationspolitik in den öffentlichen Medien.

Rogate: Vielen Dank, Herr Pfarrer Erdmann, für das Gespräch!

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Die nächsten (geplanten) Rogate-Termine finden Sie hier:

  • Sonntag, 17. Mai 2020 | 10:00 Uhr, Gottesdienst zum Sonntag Rogate. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.
  • Donnerstag, 18. Juni 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Hohenkirchen/Friesland.
  • Fällt wegen der Corona-Pandemie aus: Freitag, 17. Juli 2020 | 19:30 Uhr, Eröffnungsgottesdienst zum Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin 2020.
  • Donnerstag, 27. August 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Donnerstag, 24. September 2020| 19:00 Uhr, „Wangerlandsofa? Hör mal zu!“. Ort: Walter-Spitta-Haus, Lange Straße 60, 26434 Hooksiel.
  • Sonntag, 27. September 2020 | 10:00 Uhr, Ökumenische Eucharistie zum St. Michaelisfest und zum Monat der Diakonie. Liturgie: Dekan Ulf-Martin Schmidt, Alt-katholische Gemeinde Berlin u.a.. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche.