Fünf Fragen an: Beate Besser, Landeskirchenmusikdirektorin in Oldenburg

Fünf Freitagsfragen an Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, über Lieder in und nach der Pandemie, neu zu lernende Dinge und Gesang auf Abstand.

Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser (Bild: ELKiO/Dirk-Michael Grötzsch)

Beate Besser, 56, wuchs in Merseburg auf. Der Ausbildung als Finanzkauffrau folgte das Studium der evangelischen Kirchenmusik in Halle/Saale (A-Prüfung 1988). Nachdem sie zunächst an einem Predigerseminar der Evangelischen Kirche der Union (EKU) als Dozentin und Kantorin tätig war, folgte der Wechsel als Kantorin nach Schönebeck/Elbe und die Berufung als Propsteikantorin der Propstei Stendal-Magdeburg. Über zwölf Jahre war Beate Besser Dozentin für Hymnologie, Liturgisches Singen und Gregorianik in Halle und später noch in Bremen. Seit Dezember 2012 ist sie Landeskirchenmusikdirektorin der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Ihr Interesse an liturgischen und hymnologischen Themen spiegelt sich in zahlreichen Mitgliedschaften entsprechender Gremien und Vereine. Gleichzeitig engagiert sie sich für neue Musik, Pop, Jazz, Cross-over. Beate Besser ist begeisterte Joggern.

Rogate-Frage: Frau Landeskirchenmusikdirektorin Besser, wie hat die Corona-Pandemie Ihr eigenes Leben verändert und was vermissen Sie?

Beate Besser: Wie so viele Menschen arbeite auch ich seit zwei Monaten im sogenannten Homeoffice. Einer meiner Lieblingssprüche dabei ist der geworden: „Ich lerne jetzt lauter Dinge, die ich nie lernen wollte“, die aber jetzt nützlich sind, vor allem im digitalen Bereich. Ich habe ein wunderbares berufliches wie soziales Netz, das auch jetzt durch Telefonate und Mails hält. Dafür bin ich dankbar. Aber ich vermisse doch die persönlichen Kontakte, das Lächeln (das man unter der Maske beiderseits nicht sieht) und auch die Umarmungen. Und klar, ich vermisse schmerzlich die Chorproben und die ganz normalen Gottesdienste!

Rogate-Frage: Nach und nach werden in diesen Tagen wieder analoge Gottesdienste gefeiert. Welche Einschränkungen wird es für das Singen und die Musik in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg geben?

Beate Besser: Derzeit – es geht auf Pfingsten – kann in den Gottesdiensten (in Kirchen) noch nicht gesungen und geblasen werden. Nur Einzelne können mit Abstand singen, so auch ich an der Orgel. Daher praktiziere ich im Moment das Für-Singen, so wie es eben auch die Für-Bitte gibt, wo jemand stellvertretend agiert. Ich hoffe darauf, dass mit mehr Erkenntnissen über die mögliche oder doch weniger mögliche Ansteckungsgefahr beim Singen mehr Lockerungen möglich werden für das Singen in den großen Kirchenräumen. Im Freien kann mit Abstand wieder gesungen und musiziert werden.

Rogate-Frage: Gibt es Lieder im Evangelischen Gesangbuch, die für Sie in der aktuellen Situation besonders passen?

Beate Besser: Tatsächlich haben wir in der Gemeinde, in der ich den kantoralen Dienst versehe (Oldenburg-Ohmstede) in den digitalen und Live-Gottesdiensten eher das kirchenjahreszeitliche Liedrepertoire genutzt. Als mögliche thematische Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG) kommen mir diese nahe: „Von guten Mächten“ (EG-Nr. 65, mit der Abel-Melodie!), „Bewahre uns Gott“ (EG-Nr. 171), „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG-Nr. 369, 5!) oder auch „Hilf, Herr, meines Lebens“ (EG-Nr. 419). Ich merke, dass mit eher neuere Lieder nahe sind. Daher schaue ich auch in das Gesangbuch „freiTöne„: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (25), „Nada te turbe“ (44), „Stimme, die Stein zerbricht“ (45) oder auch „Klüger“ (93).

Rogate-Frage: Epidemien und die Pest haben in früheren Zeiten sicher bereits erheblichen Einfluss auf die Gottesdienste gehabt. Sind aus diesen Zeiten geistliche Lieddichtungen bekannt und mögliche Einflüsse auf die Kirchenmusik?

Beate Besser: In den Anfechtungszeiten früherer Jahrhunderte mögen Lieder gesungen worden sein, die wir vielleicht gar nicht mehr kennen. Aber auch die Trostlieder etwa eines Paul Gerhardt haben sicher eine Rolle gespielt. Darüber hinaus sehe ich diese Lieder des Evangelischen Gesangbuchs als möglich an: „Aus tiefer Not“ (EG-Nr. 299), „Auf meinen lieben Gott“ (345), „Jesu, meine Freude“ (396), „Ach wie flüchtig“ (528) oder auch „Ich bin ein Gast auf Erden“ (529) – allesamt Lieder, die auch auf die Endlichkeit des menschlichen Lebens schauen.

Ein Lied aber ist dezidiert für solche Situationen geschaffen: „Mitten wir im Leben sind“ (518). Das Lied geht auf eine lateinische Antiphon mit diesem Text aus dem 11. Jahrhundert zurück. Der Gedanke, dass der Tod ständig und mitten im Leben präsent ist, mag fremd und ungemütlich klingen, aber es zeigt sich immer wieder, dass das Thema durchaus aktuell ist. Durch die Erweiterung der Antiphon um die Strophen von Luther und das jeweils abschließende „Heilig“ wird das Lied jedoch schwer zu singen und auch theologisch stark auf die reformatorische Theologie ausgerichtet. Beides war ursprünglich nicht intendiert.

Zu Pestzeiten wurden auch immer wieder entsprechende Motetten und Kantaten komponiert.

Rogate-Frage: Wenn die Menschheit das Corona-Virus in den Griff bekommt und keine Gefahr mehr zu befürchten ist, was würden Sie dann gerne mit anderen zusammen – zum Beispiel im Gottesdienst – singen?

Beate Besser: Ziemlich sicher weiß ich, dass ich nach dem Ende der Pandemie (wie wird dieses wohl definiert?) nicht einfach ein strahlendes Danklied singen möchte. Diese Lieder will ich nicht dafür instrumentalisieren, zumal dem Dank ja auch eine ambivalente Zeit vorausgegangen sein wird, über die es weiter nachzudenken gilt. Daher kämen eher diese Lieder aus dem EG in Frage: „Der Himmel, der ist“ (153), „Kommt mit Gaben und Lobgesang“ (229 – wenn wieder Abendmahl gefeiert werden kann!). „Lobe den Herren“ (316) und „Nun danket alle Gott“ (321) sind es also eher nicht;  vielleicht „Vertraut den neuen Wegen“ (395) oder „Es wird sein in den letzten Tagen“ (426). Und wieder merke ich, dass ich zu neueren Liedern greife, so dass wieder die freiTöne in den Blick kommen mit „Atme in uns“ (7), „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“ (71), „Mit dir, Maria, singen wir“ (94, mit starker politischer Dimension) und „Vorbei sind die Tränen“ (191).

Rogate: Vielen Dank, Frau Besser, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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