Gottesdienst für Mensch und Tier: Predigt von Prof. Julia Enxing

Zum Franziskusfest feierten wir am 3. Oktober unseren ökumenischen „Gottesdienst für Mensch und Tier“ in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche.

Diese Segensfeier ist bei uns Tradition geworden, seit zehn Jahren ist er fester Bestandteil unseres Gottesdienstjahres. Mindestens einmal im Jahr wird zu dieser besonderen Segnungsfeier eingeladen, zumeist am 3. Oktober.

Auch im Coronajahr 2020 wollten wir nicht darauf verzichten. Wir konnten Prof. Dr. Julia Enxing, Dresden, als Predigerin gewinnen. Wir dokumentieren ihre Ansprache hier:

Willkommen im Anthropozän. Anthropozän, so nennen Wissenschaftler:innen unser Zeitalter, ein Zeitalter, in dem Menschen den natürlichen Lebensraum in kürzester Zeit mehr verändert haben als je zuvor. Anthropozän benannt nach dem Anthropos, dem Menschen. Wir haben es also geschafft: ein ganzes Zeitalter wird nach uns benannt. Herzlichen Glückwunsch.

Doch… wer kann schon ernsthaft stolz darauf sein? Die Veränderungen die die Menschheit, die wir, bewirkt haben und bewirken, führen nicht nur zu innovativen Technologien, Pflege-Robotern und E-Autos, sie führen auch zu nuklearen Waffen, Bergen von Plastik an den Stränden der Welt und zu einem massiven Artensterben.




Prof. Dr. Julia Enxing mit Lucy in der Mitte des Tier-Gottesdienstteams (Bild: Markus Beckmann)

Erst kürzlich bekamen wir es schwarz auf weiß: Mit unserem Lebensstil haben wir zwei Drittel der Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten ausgelöscht. Ausgelöscht. Weg. Unwiederbringlich. Zwei Drittel. Das muss man sich mal vorstellen. 68 Prozent der Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien sind zwischen 1970 und 2016 zerstört worden.

Neulich habe ich Folgendes gelesen: Wenn wir Menschen einander im selben Ausmaß und in derselben Geschwindigkeit töten würden wie wir Tiere töten, wären wir innerhalb von 17 Tagen ausgestorben.

All das macht mich sehr traurig. Es macht nicht nur oft genug traurig, wie wir Menschen miteinander umgehen, es macht mich auch traurig, wie wir mit den Tieren umgehen.

Es macht mich nicht nur traurig, wie sehr wir auf Kosten von anderen Menschen leben, sondern auch, wie sehr wir auf Kosten der Tiere leben.

Als könnten sie etwas dafür.

Als könnten sie etwas dafür, dass wir es waren, die einst entschieden haben, dass wir, die Menschen, die Krone der Schöpfung seien, uns anderen überlegen fühlen und sie zu unseren Dienern und Sklaven machten.

Apropos Krone der Schöpfung – steht davon eigentlich etwas in der Bibel? Ich suche dieses Missverständnis dort schon lange und bin bisher nicht fündig geworden. Ich lese die Schöpfungserzählung und lese dort, dass Gott sich – natürlich nur symbolische, nicht wörtliche – fünfeinhalb Tage für die Erschaffung von Licht und Finsternis, Wasser, Erde und Himmel, Bäumen und Sträuchern, Sternen, Wasser-, Flug- und Landtiere Zeit genommen hat und … einen Nachmittag für den Menschen. Und dass der krönende Abschluss dieses wunderbaren Werkes, die Krönung der gesamten Schöpfung (nicht nur dieses einen nachmittags) der Sabbat war, der siebte Tag. Der Sabbat ist geheiligt, er ist die Krone der Schöpfung, nicht der Mensch. Und der Sabbat gilt selbst den Tieren. Auch sie sollen am Sabbat ruhen von ihrer Arbeit. Sie sind ebenfalls geheiligt. Es ist das Miteinander allen Lebens, das geschaffen wurde, damit es lebt, damit es nur so wuselt und wimmelt, summt und brummt und quietscht, blubbert, bellt, grunzt und miaut.

Das Konzert des Lebens wurde von Gott am Sabbat gekrönt – und da heißt es, dass das gut war. Gott fand das gut, diese Fülle an Leben, diese Lebensfülle. Ich frage mich: Wie muss das nun für Gott sein, dass wir dieses Lebenswerk sukzessive zerstören. Sind wir nicht aufgetragen, den Willen Gottes zu erfüllen?

Sie alle, die sie hier sind und auch die, die nicht physisch, sondern nur in Gedanken hier sein können oder wollen, haben sich hier versammelt, weil sie zu den Menschen gehören, die den paradiesischen Zustand des Miteinanders von Lebendigem kennen, schon erlebt haben und wertzuschätzen gelernt haben. Sie alle haben vermutlich einen Zugang zu dem, was es heißt, die Schöpfung zu lieben. Vielleicht haben Sie einen Garten oder einen Balkon, auf dem sich regelmäßig die Bienen zum Tanz versammeln. Oder sie haben einen Rasen auf dem sich die Grashüpfer tummeln, einen Teich, in dem die Kaulquappen umhersausen oder sie gehen durch einen Park, in dem die Eichhörnchen um die Wette klettern. Vielleicht haben sie auch ein Meerschweinchen, dessen freudiges Quieken ihnen Geschichten aus einer anderen Perspektive erzählt oder sie haben eine Katze, mit der sie eine WG bilden, oder oder oder … oder Sie wissen davon zu berichten, wie bereichernd es ist, mit einem Hund an ihrer Seite leben zu dürfen. Wie schön und manchmal auch wie traurig und sorgenvoll ein Leben mit Tieren ist.

Menschen die ihr Leben mit Tieren teilen dürfen, erfahren häufig das, was manche Bibelschulen, manche Katechese und manche Predigt mühevoll zu vermitteln suchen: Die Zusage: Du bist wertvoll. Ich freue mich, dass Du da bist. Egal, wie Dein Tag war, egal, ob Du es noch zum Friseur geschafft hast, egal, ob Du im Berufsleben erfolgreich warst: Es ist schön, dass Du da bist. So, wie Du bist. Diese vorbehaltlose und zensurfreie Annahme schaffen wir Menschen einander selten zu vermitteln. Das können vermutlich nur Tiere. Hier sind sie uns in der Vermittlung der göttlichen Liebe um einiges voraus.

Der Berliner Philosoph und Schriftsteller Andreas Weber drückt es so aus: „Darin sind sie (die Tiere) so, wie man sich einst die Gnade Gottes vorgestellt hat. Der Schulversager, der von Schwermut gepeinigt wird, hat für seinen Hund denselben Wert als Kumpan und Bezugsperson, als wäre er ein Überflieger. Die beißenden Regeln menschlicher Sozialbeziehungen sind teilweise außer Kraft gesetzt. (…) In einer Welt, in der es nichts geschenkt zu geben scheint, bezeugen Tiere gerade die Möglichkeit unverdienter Gunst.“

Ich kann es nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Niemand, aber wirklich niemand, hat mich je so ehrlich und so freudig begrüßt, wie meine Hündin. Sie kann mich geradezu überschwänglich überfallen. Wenn ich nach ein paar Tagen von einer anstrengenden Konferenzreise, bei der ich mir unter Umständen harte – oftmals sehr gnadenlose und erbarmungslose – Kritik anhören musste, geprüft, gewogen, gemustert und für gut oder eben nicht gut befunden wurde, nach Hause zurückkomme, rast sie mir entgegen. Sie rast in einer Geschwindigkeit auf mich zu, dass ich nur noch hoffen kann, dass sie es schafft, rechtzeitig abzubremsen. Dann führt sie nicht nur mit ihrer Rute, sondern mit ihrem gesamten Körper einen Tanz der Wiedersehensfreude auf, der nicht aufhören möchte. In solchen Momenten denke ich manchmal: so muss das Paradies sein. Das ist ein Vorgeschmack auf die Aufnahme in das Himmelsreich. Ein schöner, ein tröstlicher Gedanke, dort hoffentlich einst so begrüßt zu werden.

Der Kölner Pastoralreferent Peter Otten drückt es so aus: „Du kannst behaupten, dass du Gott vertrauen kannst. Du kannst darüber predigen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Du kannst den Satz sagen: Gott liebt dich. Mit einem Hund an deiner Seite hältst du es für möglich.

Ich habe meine Predigt damit begonnen, unser gestörtes Verhältnis zu unserer Mitwelt zu benennen. Und ich habe im Anschluss gezeigt, wie tief die Liebe von Mensch und Tier gehen kann. Das eine schließt das andere offenbar nicht aus. Ich frage mich, wie es uns einst gelingen kann, nicht nur bestimmte Menschen und bestimmte Tiere zu lieben, sondern den Wert des Miteinanders allen Lebens auch auf jene Lebewesen – sei es Mensch oder Tier – zu übertragen, von denen wir gelernt haben, dass sie uns nichts zu sagen haben und deren Anders-Sein wir viel zu häufig mit „weniger Wert sein“ übersetzen.

Als könnten sie etwas dafür.

Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, einen Schritt weiter auf einem Weg zu gehen, an dessen Ende wir auch das Leben von Schweinen, Wölfen, Hornissen, von Raben, Amseln, Tauben, Stinktieren, Mistkäfern und Nacktschnecken so begrüßen und annehmen, wie unsere geliebten Tiere es uns heute schon nach einem Arbeitstag an der Eingangstür vormachen.

Möge Gott uns helfen, die Kraft und den Mut hierzu aufzubringen. Amen.

Prof. Dr. Julia Enxing, Dresden

Vorschau 2021: Sonntag, 3. Oktober 2021 | 11:00 Uhr, Erntedank-Gottesdienst für Mensch und Tier zum Franziskusfest. Predigt: N.N.. Liturgie: Pfarrer Burkhard Bornemann, Zwölf-Apostel-Gemeinde, und Bruder Franziskus, Rogate-Kloster. Ort: Zwölf-Apostel-Kirche Berlin-Schöneberg.

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