Fünf Fragen an: Christian Vollmann; Mitgründer Nebenan.de

Fünf Fragen an Christian Vollmann, Mitgründer von Nebenan.de, über Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung, die Hilfe zur Initiierung lokaler Gemeinschaft und Dörfer mit Zukunft.

Christian Vollmann (Bild: Hoffotografen)

Christian Vollmann ist in dem kleinen fränkischen Ort Dormitz aufgewachsen. Vor der Gründung von nebenan.de war er bereits Mitgründer der Dating-Portale iLove und eDarling sowie der Video-Plattform MyVideo. Er engagiert sich als Unterstützer von Ashoka, einer Organisation zur Förderung von Sozialunternehmen.

Rogate-Frage: Herr Vollmann, was genau ist nebenan.de?

Christian Vollmann: nebenan.de ist das größte soziale Netzwerk für Nachbar:innen in Deutschland mit 1,6 Millionen aktiven Nutzer:innen. Über die kostenlose, lokale Plattform können sich Nachbar:innen unkompliziert kennenlernen, helfen, zu Aktivitäten verabreden, Dinge teilen und verschenken. Nur verifizierte Nachbar:innen haben Zugang zu nebenan.de.

Mit nebenan.de bringen wir Menschen zusammen, die in der gleichen Nachbarschaft leben und sich trotzdem oft gar nicht kennen. Die Plattform ist ein Werkzeug, um Anonymität abzubauen und die lokale Gemeinschaft zu stärken. Starke und gut vernetzte Nachbarschaften sind gerade in Krisenzeiten wichtig – das hat die Corona-Pandemie eindrucksvoll gezeigt.

Rogate-Frage: Wie kam es zur Gründung und welche Vision verfolgen Sie für Ihr Netzwerk?

Christian Vollmann: Ich bin selbst im fränkischen Dorf Dormitz aufgewachsen. In meiner Wahlheimat Berlin fehlte mir die Dorfgemeinschaft manchmal. Ein Schwätzchen beim Bäcker, spontane Hilfe im Garten? Eine Seltenheit in der anonymen Großstadt. Als ich innerhalb Berlins umgezogen bin, wurde mir klar: Ich kenne keine meiner Nachbar:innen persönlich. Das wollte ich ändern. 2015 gründete ich mit fünf Mitstreiter:innen die Nachbarschaftsplattform nebenan.de.

Unsere Vision: Den gesellschaftlichen Herausforderungen wie zunehmender Anonymität, Einsamkeit, demographischer Wandel und Ressourcenverschwendung entgegenwirken und mehr lokale Gemeinschaft ermöglichen.

Seit 2018 können lokale, gemeinnützige Organisationen, Kommunen und Stadtverwaltungen über ein sogenanntes Organisationsprofil Teil der Nachbarschaft werden. Seit Anfang 2019 steht die Plattform auch lokalen Gewerben offen.

Rogate-Frage: Facebook verkauft die Daten ihrer Nutzer. Womit verdient Nebenan.de Geld?

Christian Vollmann: Wir bei nebenan.de nehmen den Schutz der Nutzerdaten sehr ernst. nebenan.de ist als deutschlandweit einzige Nachbarschaftsplattform TÜV-zertifiziert. Wir geben keine Nutzerdaten an Dritte weiter. Als Sozialunternehmen schließen wir ganz bewusst ein Geschäftsmodell aus, das auf der Vermarktung von Nutzerdaten beruht. Stattdessen setzen wir auf freiwillige Förderbeiträge unserer Nutzer, die Einbindung von lokalem Gewerbe sowie Kooperationen mit Kommunen.

Bei Facebook kommunizieren wir mit Freunden. Bei nebenan.de kommunizieren wir mit Fremden, die zu Freunden werden können. 99 Prozent aller Begegnungen auf nebenan.de wären ohne die Plattform nicht zustande gekommen, weil sich die Leute vorher nicht kannten. Aber es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die über die Plattform echte Freundschaften geknüpft haben.

Rogate-Frage: Unter der Überschrift „Gemeinsam gegen Einsamkeit auf dem Land“ kooperiert nebenan.de mit der Diakonie Deutschland. Wie genau soll damit einsamen Menschen geholfen werden?

Christian Vollmann: Es ist ein Irrtum, dass sich auf dem Land schon alle kennen. Oft gibt es viele Zugezogene, denen es schwerfällt, Anschluss zu finden. Wie können wir Dorfbewohner:innen besser vernetzen? Das wollen wir gemeinsam mit der Diakonie Deutschland im Rahmen von „Dörfer mit Zukunft“ herausfinden.

Mit Hilfe von nebenan.de sollen auch in ländlichen Gegenden Nachbarschaftsnetzwerke entstehen, über die sich die Dorfbewohner:innen austauschen und unterstützen können, Informationen der Gemeinde erhalten und ihr ehrenamtliches Engagement ausbauen. Kurz: Ein „digitaler Dorfplatz“ soll entstehen, als Chance für mehr Teilhabe am öffentlichen Leben. Die Hemmschwelle, nach Gesellschaft oder Hilfe zu fragen, ist online geringer als im persönlichen Kontakt. Deshalb sehen wir hier eine große Chance, das Miteinander zu stärken.

Rogate-Frage: Welche Rolle nehmen die Kirchen und ihre Gemeinden in dem Projekt „Dörfer mit Zukunft“ und in Ihrem Netzwerk ein?

Christian Vollmann: Kirchen und Gemeinden sind Teil des Ökosystems einer Nachbarschaft und haben die Möglichkeit innerhalb des Projektes (und darüber hinaus) relevante Informationen über die Plattform zu teilen, Aktionen und Veranstaltungen bekannt zu machen und in den Dialog mit den Nachbar:innen zu gehen.

Rogate: Vielen Dank, Herr Vollmann, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

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Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind: