Bianca Ewering-Janßen und Marc Ewering: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben im März 2021 mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch das Coronavirus und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshavens erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

„Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 25. März 2021 (Bild: Gemeinde St. Willehad)

Am 25. März 2021 waren Bianca Ewering-Janßen (Kurvenhaven) und Marc Ewering (Spiel + Baby Dannmann) zu Gast, um einen Klageteil zu gestalten und inhaltlich zu füllen. Das Ehepaar schilderte in der Andacht, wie sie als Geschäftsinhaber mit den Herausforderungen in der Pandemie umgehen und welche Auswirkungen die behördlichen Maßnahmen auf sie haben. Hier dokumentieren wir den Beitrag der beiden:

#MARC: Meine Frau und ich sind Unternehmer. Wir sind selbständig. Was bedeutet das? Wir haben uns entschieden, etwas zu unternehmen, selbständig zu entscheiden, ein Risiko einzugehen und die Verantwortung zu übernehmen. Und wir tun dies beide aus voller Überzeugung.

Was bedeutet also diese Pandemie für uns? Was machen die Corona-Verordnungen mit uns? Die einfache Frage: „Wie geht es dir?“ ist schon schwierig zu beantworten. Ja, wie geht es mir? „Eigentlich“ gut, meine Frau und ich sind bisher vom Virus verschont geblieben, ebenso unsere Familien und Freunde.

Die ersten Familienangehörigen sind geimpft, da sind wir sehr dankbar. Aber unseren Geschäften geht es schlecht. Das sollten wir eigentlich trennen, aber das können wir nicht.

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann
Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven (Bild: Sankt Willehadgemeinde)

#BIANCA: Der Kurvenhaven, ein Modegeschäft für Damenmode in großen Größen, ist mein Herzensprojekt. Da steckt viel Liebe drin.

Uns war es nicht vergönnt Kinder zu bekommen und ich war in meinem vorherigen Beruf nicht glücklich. Nach langem Abwägen habe ich mich dann entschlossen im November 2019 den Kurvenhaven zu eröffnen. Er ist mein Baby. Nur einen Monat später brach das Virus erstmalig in China aus und nach nur vier Monaten waren wir im ersten Lockdown.

Es ist immer noch ein Schock, auch nach über einem Jahr. Es war und ist für mich immer noch nicht vorstellbar, dass die Regierung uns von heute auf morgen ein Berufsverbot erteilen kann. Und zwar ohne dass wir uns haben etwas zu Schulden kommen lassen und ohne uns dafür angemessen zu entschädigen.

Natürlich müssen die Menschen geschützt werden! Aber da waren und sind viele Fragen: Wie geht es mit dem Kurvenhaven weiter? Wie geht es mit meinen Mitarbeitern weiter? Wie geht es mit der Ware weiter, die ich, wie üblich in meiner Branche, ein halbes bis dreiviertel Jahr im Voraus verbindlich bestelle?

Zumal ich im letzten September der Aussage von Herrn Spahn Glauben geschenkt habe, dass der erste fünfwöchige Lockdown nachträglich betrachtet ein Fehler war und es nie wieder zu einem Lockdown kommen würde. Ein Hohn mit dem Wissen von heute, da wir uns seit über drei Monaten im Lockdown befinden und ich mittlerweile nicht mehr weiß, wo ich die eintreffende Ware noch lagern, geschweige denn, wem ich sie verkaufen soll. Und die Ware muss bei Lieferung von mir bezahlt werden.

Da macht sich sehr schnell Verzweiflung breit. Plötzlich ist man davon abhängig, was andere entscheiden und hat nicht die geringste Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Es bleibt ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Trotzdem heißt es weiter machen, Ideen entwickeln, alternative Absatzmöglichkeiten finden, um dem großen Warendruck entgegenzuwirken. Die Kundinnen weiterhin an sich zu binden, gerade bei so einem jungen Unternehmen, das sich im Aufbau befindet. Den Mitarbeitern eine Perspektive bieten.

So wurde ich kurzerhand zur Moderatorin, seit Dezember bin ich mit Kurvenhaven-TV montags um 18 Uhr live bei Facebook und präsentiere eine Modenschau mit Models. Die Kundinnen können dann im Anschluss die bestellte Ware an der Ladentür abholen oder sich zuschicken lassen. An dieser Stelle nochmal ein herzlicher Dank an alle Mitwirkenden! Das und auch der Zuspruch der Kundinnen hat mir die Kraft gegeben weiterzumachen.

Dabei fühle ich mich wie in einem Paralleluniversum, während die meisten Menschen gegen die Langeweile kämpfen, arbeite ich mehr als je zuvor. Und das alles im Prinzip ohne Einkommen. Denn natürlich können auch diese Aktivitäten eine geöffnete Ladentür nicht ersetzen.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven

#MARC: Jetzt denken Sie vermutlich an die Coronahilfen. Leider ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Diese Hilfen dürfen nur für betriebliche Festkosten verwendet werden, also meine Frau und ich dürfen davon nicht unseren privaten Lebensunterhalt bestreiten. Wir sollen Hartz IV beantragen und das haben wir tatsächlich bis heute nicht übers Herz gebracht.

Wir hatten uns den Antrag zuschicken lassen. Wo dieser vereinfacht sein soll, lässt sich für uns nicht erkennen. Zum einen ist der Antrag sehr aufwendig, die Zeit haben wir gar nicht. Zum anderen müssten wir alles offenlegen. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir haben nichts zu verbergen. Vermutlich hätten wir sogar Anspruch. Aber es wurden beispielsweise die Kontoauszüge aller Konten verlangt, geschäftlich und privat. Sogar Kopien von Fahrzeugschein und Grundbuchauszug unseres privaten Hauses sollten beigelegt werden. Das alles, um Hilfe in einer Situation zu bekommen, für die wir absolut nichts können. Wir empfinden das als erniedrigend. Zudem haben wir von der Überbrückungshilfe III, die für Unternehmen gilt, die seit dem 16. Dezember geschlossen sind, noch keinen Cent gesehen.

Die Antragstellung startete erst Mitte Februar, also zu einem Zeitpunkt, als wir bereits zwei Monate geschlossen waren. Und dieser Antrag kann nur über einen Steuerberater gestellt werden. Da dieser in der Regel mehrere Klienten hat, können Sie sich vorstellen, dass sich das hinzieht. Zwischenzeitlich wurden dann auch noch die Auszahlungen komplett gestoppt, weil es einen Betrugsversuch gab. Es ist alles ein ziemlicher Nervenkrieg.

Ich habe das Glück, den Babybereich bei Spiel + Baby Dannmann auch während des Lockdowns offen halten zu können, da Babyfachgeschäfte von der Verordnung ausgenommen sind. Daher war bis Anfang März der Spielwarenbereich abgetrennt. Wir haben aber auf Vorbestellung auch gerne Spielwaren im Babybereich übergeben. Da aber alle anderen Geschäfte und Restaurants in der Marktstraße geschlossen waren, hat sich nur selten ein Kunde in meinen Laden verirrt. Also habe ich die Öffnungszeiten gekürzt und meine Mitarbeiterinnen gingen in Kurzarbeit.

Seit dem 8. März dürfen Kunden nun nach vorheriger Terminvereinbarung wieder die gesamte Fläche betreten. Und somit auch im Spielwarenbereich stöbern. Dabei hat der Gesetzgeber nicht festgelegt, wie weit im Voraus diese Termine zu buchen sind. Da mein Laden über 680 qm verfügt, und sich eine Kunde plus Begleitung auf 40 qm aufhalten darf, ist eigentlich immer noch ein spontaner Termin an der Tür möglich. Die Öffnungszeiten sind auch wieder ausgeweitet.

Täglich lesen wir uns durch Verordnungen, die auch gerne mal über Nacht geändert werden. So zum Beispiel die Erfassung der Kontaktdaten. Der Passus stand ursprünglich in der Corona-Verordnung vom 6. März des Landes Niedersachsen nicht drin. Er wurde am Abend des 12. März nachträglich eingefügt, aber bereits zum 13. März in Kraft gesetzt. Und dabei möchten wir eigentlich nur eins: Unsere Kunden glücklich machen! Ich möchte in meinem Spielwarengeschäft in leuchtende Kinderaugen sehen und den Satz hören: „Das habe ich mir schon immer gewünscht.“

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann

#BIANCA: Und ich liebe es, wenn meine Kundin gefühlt zehn Zentimeter größer das Geschäft verlässt, weil ich ihr mit typgerechter, modischer Kleidung zeigen kann, wie schön sie ist und wie sie ihre Vorzüge unterstreicht.

Stattdessen bangen wir von Ministerpräsidentenkonferenz über Pressekonferenz zu Corona Verordnung des Landes Niedersachsen. Wir haben gelernt, Behördendeutsch zu lesen und passen unsere Betriebe ständig an.

Es fing von März bis April letzten Jahres mit dem ersten Lockdown an. Dann ein Sommer mit gefühlt ein wenig Normalität. Im November kam der Teil-Lockdown. Dieser brachte uns wieder einen großen Einbruch, da eine Fußgängerzone ohne Cafés und Toiletten in der kalten Jahreszeit nicht gerade zum Verweilen einlädt. Ab Dezember dann der komplette Lockdown, lediglich mit Abhol- und Lieferservice. Dieser Lockdown wurde mehrfach verlängert. Seit dem 8. März haben wir zwar offiziell weiterhin geschlossen, aber Beratung und Verkauf nach Terminvereinbarung ist möglich. Erst ohne Erfassung der Kontaktdaten, dann plötzlich mit.

Diese Veränderungen kommen teilweise so kurzfristig, dass wir kaum reagieren können. So auch das aktuelle Beispiel. Erst werden für Gründonnerstag und Karsamstag Ruhetage angeordnet. Nur zwei Tage später wird diese Anordnung zurückgenommen. Wir ändern also die Planung für die Mitarbeiter, verteilen die Stunden in den Schichten neu, nur um dann alles wieder rückgängig zu machen. Was ich im Übrigen jetzt nicht mache. Ich gönne meinen Mitarbeiterinnen und mir jetzt die fünf Tage Ruhe und Zeit mit der Familie. Das haben wir uns verdient.

Gleichzeitig müssen wir diese Ungerechtigkeit ertragen, dass Marktkauf und Kaufland ohne Begrenzung das volle Sortiment anbieten dürfen. Dort durften durchgehend auch Spielwaren und Bekleidung verkauft werden, dort muss auch jetzt kein Termin vereinbart werden. Dort darf sich ein Kunde auf 10 qm aufhalten, bei uns ein Kunde inklusive einer Begleitung auf 40 Quadratmeter. Wir sind wütend und die Kunden mittlerweile massiv verunsichert.

Da war die Pressemitteilung der Stadt Wilhelmshaven diese Woche nicht besonders förderlich. Die Stadtverwaltung warf den Einzelhändlern vor, die Vorgaben zu verwässern und drohte mit Bußgeldern. Auch dass einzelne Fachgeschäfte wie Blumenläden und Buchläden plötzlich ohne Terminvereinbarung öffnen dürfen, trägt nicht gerade zum allgemeinen Verständnis bei. Bisher konnte uns keiner erklären, was der Unterschied zwischen einer Topfpflanze, einem Buch, oder eben einem Pullover und einem Spielzeug ist.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zynisch werden. Und dann denken wir an die Gastronomie und Hotellerie, die immer noch nicht öffnen darf, aber dabei zusehen muss, wie körpernahe Dienstleistungen möglich sind und der volle Flieger nach Malle abhebt. Gleichzeitig sind die Theater und Kinos geschlossen. Da geht es uns gut. Aber wir spüren auch, dass sich allgemein Unverständnis breit macht, weil die Nachvollziehbarkeit nicht mehr gegeben ist.

Ebenso spüren wir leider auch, dass die Solidarität nachlässt, wurden während des ersten Lockdowns noch großzügig Gutscheine gekauft, um die regionalen Geschäfte zu unterstützen, siegt doch mittlerweile die Bequemlichkeit und bei Amazon ist alles schnell angeklickt.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven
Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann Bild: Sankt Willehadgemeinde)

#MARC: Die Schwierigkeit ist der Föderalismus. Erst erfolgen die Bund-Länder-Beratungen in der Ministerpräsidentenkonferenz. Diese schließen mit einer Pressekonferenz ab, auf der die Ergebnisse dieser Konferenz mitgeteilt werden.

Diese Ergebnisse sind für die einzelnen Bundesländer aber nicht verbindlich. Die Länder arbeiten ihre Verordnungen im Anschluss separat aus. Die niedersächsische Corona-Verordnung weicht an vielen Stellen von dem Ergebnis der Beratungen ab. Beispielsweise dürften wir auch bei einer Inzidenz von unter 35 in Wilhelmshaven unser Geschäft nicht komplett öffnen. In anderen Bundesländern ist dies üblich.

Wir haben den Glauben in die Regierung, in die Politik verloren. Zu oft gab es schon Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Das Vertrauen ist leider nachhaltig gestört. Wir haben großen Respekt, wenn Menschen, wie aktuell Frau Merkel, Fehler eingestehen und sich entschuldigen. Aber was weiterhin fehlt, ist die Perspektive.

Die aktuelle Niedersächsische Corona-Verordnung tritt mit Ablauf des 28. März außer Kraft. Das ist Sonntag, heute in drei Tagen. Und wir wissen immer noch nicht, was dann kommt. Wir wissen nicht, was wir unseren Mitarbeitern sagen sollen, ob und wann sie nächste Woche arbeiten dürfen. Wir können keine Ware, keine Öffnungszeiten planen. Nichts!

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann

#BIANCA: Was bleibt ist Hoffnung. Hoffnung, dass das Impfen nun schnell voranschreitet. Hoffnung, unsere Geschäfte bald wieder vollständig öffnen zu dürfen. Hoffnung, dass die Gastronomie wieder öffnen darf, damit die Innenstadt wieder einladend für einen Shoppingbummel ist. Hoffnung, dass die Hotellerie und sonstige Beherbergungen wieder öffnen dürfen, damit die Touristen wiederkommen, die auch für uns wichtig sind. Hoffnung auf eine neue, lebenswerte Zukunft.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven

Das Gebet für die Stadt wurde live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Wir sind Bündnismitglied. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten im Rahmen eines Klageteils über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

(Bild: Sankt Willehadgemeinde)

Am 18. März 2021 waren Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN Wilhelmshaven, zu Gast. Sie beschrieben eindrücklich, wie es ihrem Betrieb, ihren Mitarbeitenden und ihnen persönlich in der Pandemie ergeht. Hier dokumentieren wir den Beitrag der beiden:

Es ist der 17. März 2020. Eine WhatsApp-Nachricht an unser Team: „Wie Ihr alle mitbekommen habt, treffen Daniel und ich täglich neue Entscheidungen. Entscheidungen, welche wir Tage zuvor noch nicht einmal im Ansatz in unser Denken aufgenommen haben – so fern und abstrakt und leider so nah ist dieser ganze Mist, der nicht nur uns, sondern alle da draußen derzeit einholt. Es ist nicht so, dass rein niemand kommt und bei uns konsumiert. Aber wir merken, wie es Tag für Tag weniger werden.

Auch wächst bei uns die Unsicherheit, wie lange wir verantwortungsvoll uns, Euch und den Gästen gegenüber noch geöffnet haben können.

So sind die Tage gefüllt mit lauter Fragezeichen, mit stündlichem „Auf und Ab“. Wir erhoffen uns Klarheit bei einem morgigen Gespräch mit unserem Steuerbüro. All das, was Ihr in den Medien derzeit zu hören bekommt, gilt es zu besprechen, abzuwägen und genau unter die Lupe zu nehmen. Denn wir werden Hilfe benötigen – so viel ist klar. Inwiefern und was das für uns und auch für Euch heißt, wird sich somit erst die kommenden Tage genau zeigen. Wir werden Euch direkt darüber in Kenntnis setzen! Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise noch geht.

Ich danke Euch aber für Euer bisheriges Verständnis! Für Euer „Kein Problem, Heike! Dann geh ich halt eher nach Hause!“.

Einen Tag später, am 18. März 2020. Eine weitere Nachricht ans Team: „Hallo zusammen, heute haben bereits Gespräche mit einigen von Euch stattgefunden. Die momentane Situation bringt uns wirtschaftlich extrem an unsere Grenzen. So werden wir auf das ein oder andere Hilfspaket vom Staat zurückgreifen müssen. Ab morgen werden drei von Euch komplett auf Kurzarbeit umgestellt. […]

Für die Aushilfen unter Euch gilt, dass ich all Eure Schichten streichen musste. Es tut mir unglaublich leid, weil ihr so nicht die Möglichkeit bekommt, das benötigte Geld zum Lebensunterhalt hinzuzuverdienen. […] Ich habe keine Ahnung, ob dieser Plan aufgeht. Nicht derzeit, wo alles drunter und drüber läuft. Ich hoffe aber auf Euer Verständnis… ich kann leider keine anderen Ergebnisse liefern, was mich und Daniel selber extrem unglücklich zurücklässt.

Solltet Ihr Fragen haben, so wendet Euch sehr gerne an uns. Lasst uns gemeinsam diese Zeit so gut es geht überstehen! Und vor allen Dingen: Lasst uns gesund bleiben!“

Abends am selben Tag dann die nächste Nachricht:

„Und während ich die Zeilen heute am Spätnachmittag an Euch schrieb, war vorne das Ordnungsamt zu Besuch und teilte die nächsten Neuigkeiten mit: AB SOFORT dürfen nur noch höchstens Vierer-Tische angenommen werden. Keine Fünfer-Gruppen oder mehr!!! Müssen zwischen den verschiedenen Parteien mindestens zwei Meter Abstand sein. Muss eine Bezahlt-Reihe im Laden kenntlich sein, in welcher die Gäste mit einem Abstand von 1.5 Metern zueinanderstehen. Diese neuen Auflagen werden im laufenden Betrieb kontrolliert. Sollte da irgendetwas missachtet werden, erhalten wir keine Verwarnung, sondern direkt eine Strafanzeige!!! So haben wir nun Tische rausgeräumt, manchen Tisch doch stehen gelassen (damit‘s nicht gar so leer aussieht) und diese wiederum gekennzeichnet!“

Am nächsten Tag, den 19. März, beschlossen wir, unser Café komplett zu schließen. Die Auflagen nahmen uns unsere Betriebsfähigkeit. Es kamen keine Gäste mehr. Unter Tränen schickten wir das gesamte Team in Kurzarbeit und schlossen den Laden zu.

****

Was ist geschehen? Corona platzte in unser Leben. Ließ sich nieder und machte es sich so richtig bequem. Bestimmt war es unglaublich naiv von uns, nicht im Januar und Februar 2020 bereits zu erkennen, was auf uns zukommt. Zu verstehen, was es für uns – für unser kleines Café und Hotel – für Folgen haben kann. Aber wir hätten zu dem Zeitpunkt eh nichts ändern können. Was uns zum Verhängnis wurde?

Wir waren kurz vor Fertigstellung unserer Renovierungsarbeiten einiger Hotelbäder. Diese Arbeiten begannen im Dezember 2019. Wir waren sehr glücklich und stolz, dass wir vier Bäder renovieren konnten aus Eigenmitteln. Aus Angespartem der letzten Jahre. Wer schon mal ein Bad renoviert hat, weiß, mit welchen Kosten dies verbunden ist. Und dann kam von heute auf morgen das Aus für unser Unternehmen. Wir verdienten nichts mehr. Nichts!

Aber es mussten Rechnungen bezahlt werden. Nicht nur die Handwerkerrechnungen, die fleißig hineinflatterten… das Team sollte sein Geld bekommen, Darlehen liefen weiter, die sogenannten Fixkosten mussten beglichen werden. Die zugesagten Hilfen wurden direkt beantragt und kamen vier Wochen später. Natürlich hätten wir die Möglichkeit gehabt, diverse Zahlungen zu stunden, also aufzuschieben. Unser Steuerberater ermahnte uns, dies nicht zu tun, denn irgendwann kommt der Zeitpunkt der Zahlung. Also stundeten wir nicht. Wir zahlten weiter, was eben zu zahlen war.

Hilfe von der Hausbank, um Tilgungen auszusetzen? Natürlich doch! Das kostet aber extra! 500,- Euro Bearbeitungsgebühr. Also haben wir uns auf privatem Wege Gelder geliehen, um uns am Leben zu halten. Denn was ein Unternehmen an Fixkosten in vier Wochen zu leisten hat, ist nicht mal eben mit ein paar hundert Euro zu begleichen.

Wir liefen mehr als blank und als die Soforthilfe dann da war, waren wir auf Null. Also musste ein Kredit her! Es ging nicht anders. Das Lebenswerk meiner Schwiegereltern und das von uns neu Erschaffene aufzugeben, war keine Option! Während alle ihre Wohnungen entrümpelten und Gärten pflegten, saßen wir täglich im MORGÆN, beantragten irgendwo irgendwelche Hilfen, integrierten PayPal als Bezahlfunktion, versuchten ein Konzept zu entwickeln, mit dem wir wenigstens etwas Geld generieren konnten und machten weiterhin über die sozialen Netzwerke auf uns aufmerksam. Denn was weiterhin Bestand hatte, das waren die vielen Menschen – Gäste wie Mitarbeiter – die nur darauf warteten, uns irgendwie zu unterstützen.

Wir guckten uns für unser Hotel das Prinzip des „Hoteloffice“ aus anderen Städten ab. Wer zu Hause nicht vernünftig arbeiten kann, kann sich bei uns Tageweise ein Zimmer buchen. Dies Angebot wurde angenommen. Von einem Gast. Jede Woche an dem Tag, an dem seine Putzfrau seine Wohnung reinigte. Immerhin!

Im MORGÆN öffneten wir einen Kiosk. Gegen Vorbestellung konnte man Kuchen abholen. Die Menschen waren glücklich, auch nur ein klitzekleines bisschen vom MORGÆN bei sich daheim zu erleben, zu genießen. Und wir waren glücklich, derart Zuspruch zu erfahren.

****

Mit unserem Team waren wir im steten Austausch! Wir motivierten die Menschen zu mehr Bewegung, weniger Netflix und riefen auch mal Ärzte an, wenn das Deutsch nicht so gut war um mitzuteilen, dass der Körper in den Streikmodus schaltet. Der Kampf in dieser Krise zeigte wieder mehr, dass wir es nicht nur mit extremen finanziellen Sorgen zu tun hatten, sondern als Chefs auch eine Verantwortung und Fürsorgepflicht jedem einzelnen unserer Mitarbeiter gegenüber.

Menschen, die plötzlich nur noch einen Bruchteil ihres Gehalts durch Kurzarbeitergeld bekommen, aber trotzdem die vollen festen Beträge an Miete, Nebenkosten und Krippenbeiträge et cetera zu leisten haben. Menschen, deren Familien nicht in Deutschland wohnen und durch die Krise komplett abgeschnitten wurden aus ihrem sozialen Miteinander. Alleine dastehen. Jeden Tag alleine bestreiten. Das macht was mit uns Menschen. Und es macht nichts Gutes. So ging ein Aufatmen durch die Reihen, als es hieß, wir dürfen am 12. Mai wieder öffnen.

Zwei Monate seit Schließung im März 2020 ohne nennenswerten Umsatz. Wir hatten ab diesem Zeitpunkt im Café weniger als die Hälfte an Plätzen zur Verfügung aufgrund der Abstandsregelungen. Somit auch weniger an Umsatz. Dafür mehr Ausgaben. Kanisterweise musste Desinfektionsmittel geordert werden. Masken für das komplette Team. Plexiglasabtrennungen integrieren, Lüftungsanlage in Betrieb nehmen.

Gute zwei Wochen hat es dann gedauert, bis die Menschen sich auch getraut haben, wieder vor die Tür zu gehen.

Es ist der 7. Juni 2020. Mal wieder eine WhatsApp-Nachricht an unser Team: „Hallo zusammen! Ich schicke Euch hier den Plan für den restlichen Juni. […] Wir erfahren, wie alle anderen auch, alle neuen Regelungen und Lockerungen ein paar Tage vorher durch die Medien. Und somit kann es hier auch immer noch zu Änderungen kommen, was die Schichtplanung angeht.

Es ist schwierig, einen Plan zu schreiben und dabei zu versuchen, allen so gut es geht gerecht zu werden. Die Festangestellten sind derzeit nach wie vor alle in Kurzarbeit. Zwar nicht mehr zu 100 Prozent, aber keiner ist auch zu 100 Prozent wieder bei uns.

Es ergeben sich Wochenenden, an welchen wir langsam wieder Aushilfen benötigen! Ich hoffe natürlich, dass Ihr alle noch dabei seid und Lust habt auf uns und das MORGÆN. ♥️ Wir haben Lust, auch wenn einiges komplett anders läuft.

Es gibt Tage, die laufen miserabel und andere Tage, da läuft es ganz gut. Trotzdem versuchen wir weiter, das beste aus der momentanen Situation zu machen. Und vor allen Dingen, ruhig zu bleiben. Keiner kann die Zeit zurückdrehen, niemand kann was dran ändern. Und so gießen wir weiterhin den leckersten Kaffee in Wilhelmshaven, kredenzen unsere Frühstücke und Bowls und Kuchen und haben Spaß am Leben und am Miteinander. Und jeden Tag aufs Neue freuen wir uns, Euch wieder um uns zu haben – das war ganz schön deprimierend so allein…“

****

Die Zeit bis zum nächsten Lockdown lief sehr gut. Die Menschen kamen und waren unendlich glücklich, endlich wieder Orte zum Verweilen zu haben. Orte, an denen man sich zu mehreren Treffen durfte. Die Gastronomie ist ein wichtiger Pfeiler in unserer Gesellschaft. Bei uns kann man die Seele baumeln lassen, sein „Sein“ genießen. Das klingt so nebensächlich, ist es aber bei weitem nicht! Wir sind soziale Wesen! Wir brauchen einander! Die Gastronomie und Hotellerie sorgen für derlei Miteinander bei einem absolut hygienischen hohen Standard.

Dann die Ernüchterung: Der nächste Lockdown im November 2020. Wir waren ruhiger als beim ersten Lockdown im Frühjahr. Nicht mehr panisch. Es flossen keine Tränen. Es wurde uns Hilfe vom Staat zugesagt. Bessere Hilfen als beim ersten Mal. Auch wenn diese lange auf sich warten ließen.

Wir hatten uns über den Sommer ein finanzielles Polster zulegen können. Eigentlich wollten wir direkt den zuvor nicht geplanten Kredit aus dem Frühjahr wieder zurückzahlen. Aber daraus wurde nichts. Wir mussten diesen nutzen, um die Durststrecke bis zur ersten Abschlagszahlung zu überstehen.

Obendrein versuchten wir weiterhin täglich das To-Go-Geschäft im Café am Laufen zu halten. Der Zulauf wurde bis zum Schluss immer weniger. Bis Weihnachten hielten wir stand. Danach schlossen wir das Tor zum MORGÆN bis in den Februar dieses Jahres. Seitdem haben wir jeden Samstag geöffnet und verkaufen alles zum Mitnehmen.

Das Geschäft im Hotel läuft seit November mehr als schleppend. Die Firmen schicken ihre Leute nicht mehr auf Reisen und somit bleiben unsere Betten leer. Die erste Abschlagszahlung der Novemberhilfe erreichte uns kurz vor Weihnachten. Die Auszahlung der kompletten außerordentlichen Wirtschaftshilfen waren dann Ende Februar dieses Jahres abgeschlossen. Die Überbrückungshilfe III, welche einen Teil unserer Fixkosten für die Zeit ab Januar bis zur Rückkehr zur regulären Öffnung unseres Geschäftes übernimmt, ist die nächste Formalität, welche nun beantragt wird.

Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir Ende April dieses Jahres – und darauf wird es nach den aktuellen Informationen mindestens hinauslaufen – mit unserem Unternehmen nur einen Bruchteil von Umsatz machen konnten als in jedem anderen normalen halben Jahr, wird uns beiden schlecht! Also versuchen wir nicht drüber nachzudenken. Wir können es doch nicht ändern. Ändern können wir aber unsere Einstellung. Zu uns selbst. Unserem bisherigen Tun. Zu unserem Unternehmen. Und so birgt jeder noch so große Mist auch immer etwas Gutes in sich.

Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN

Das Gebet für die Stadt wurde live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Wir sind Bündnismitglied. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Bianca Bolle: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

Am 11. März 2021 war die Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, dem ambulanten Pflegedienst der evangelisch-lutherischen Kirche in der Nordseestadt, an die Situation der Gepflegten, des Dienstes und der Mitarbeitenden seit dem Anfang der Pandemie erinnert. Die Liturgie sah einen Klageteil vor. Hier dokumentieren wir den Beitrag von Bianca Bolle:

Im Haus der Diakonie in Wilhelmshaven (Niedersachsen) hat die von Bianca Bolle geleitete Diakoniestation ihren Sitz (Bild: Rogate-Kloster)

Anfang 2020: Corona hat Deutschland erreicht, während in Süddeutschland bereits ein hohes Ausbruchsgeschehen herrscht, ist es im Norden noch relativ ruhig. Der Übertragungsweg ist schnell klar, Tröpfcheninfektion wie auch bei Erkältungskrankheiten. Das Virus verbreitet sich schnell. Das Robert Koch Institut empfiehlt: „Abstand halten und Kontakte meiden“. Die ambulanten Pflegedienste versorgen die Risikogruppen, oft hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen. Abstandhalten in der Pflege? Wie soll das gehen? Gar nicht.

Hygieneregeln sind für uns nichts Neues, die Händedesinfektion vor und nach Patientenkontakt Routine. Ein großes Problem trat auf: die Preise für Desinfektionsmittel explodierten. Es waren Preissteigerungen von 300 Prozent zu beobachten. Auch die Preise für weitere Schutzkleidung stiegen ungebremst. Ein medizinischer Mundnasenschutz, ein 15 Cent Artikel wurde mit 3,50 Euro gehandelt. Eine Packung Handschuhe stiegt von ihrem ursprünglichen Preis von drei Euro auf 15 Euro an. Eingeschritten ist hier niemand, das nennt sich freie Marktwirtschaft, die Nachfrage regelt den Preis.

Bereits bevor die Regierung die Pflicht zum Tragen eines Mundnasenschutzes beschlossen hat, haben wir uns dazu entschlossen, sie zum Schutz unserer Patient:innen und Mitarbeitenden zu tragen. Aber woher nehmen? Der Markt ist leergefegt. Lieferzeiten bis zu zwei Monate. Im privaten Umfeld umgehört, wer kann uns ausreichend Behelfsmasken zur Überbrückung nähen? Kollegen, Familie und sogar neunzigjährige Patienten machen sich an die Arbeit.

Im März 2020 dann ein Lichtblick, die Regierung verspricht alle Krankenhäuser und Pflegeinrichtungen mit Masken zu beliefern, vorrangig die Krankenhäuser und die Pflegeheime. Ja, auch wir haben welche erhalten, Anfang Dezember 2020, mit einem Brief vom Gesundheitsminister, datiert auf den 26. März 2020.

Die Ängste wachsen, viele Patienten stellen aus Angst vor Ansteckung ihre Versorgung ein, die Medien schüren die Ängste und verkünden, das Pflegepersonal sei der Überträger.

Es folgt der erste Lockdown. Die Pflegedienste arbeiten weiter, still und unerkannt, sieben Tage die Woche. Selbst durch Vorerkrankungen gefährdete Kolleg:innen machen weiter. Zusätzliche Belastungen kommen hinzu, die Kindertagesstätten und Schulen schließen. In der ambulanten Pflege arbeiten zum größten Teil Frauen in Teilzeit, mit Kindern. Wohin mit dem Kind, wenn ich arbeiten muss? Das Pflegepersonal wird plötzlich als systemrelevant eingestuft. Eine Notbetreuung der Kinder muss von den Einrichtungen gewährleistet werden.

Beim Anmelden der Notbetreuung in einer Kinderkrippe erhielt eine Mitarbeiterin die Aussage: „Ja, aber nur für systemrelevante Berufe!“ Traurig. Wir sind in den Augen der Bevölkerung nicht systemrelevant. Immer wieder hören wir Aussagen wie: „Wann macht Ihr denn wieder auf? Seid ihr auch im Homeoffice? Ach so, ihr arbeitet auch im Lockdown?“ Ja, die ambulanten Pflegedienste arbeiten immer, an 365 Tagen im Jahr arbeiten … und ja…  wir arbeiten auch an Weihnachten, Silvester und während einer Pandemie!

Dann endlich ein Schreiben der Niedersächsischen Landesregierung, das Hilfe verspricht. Die Ernüchterung ist schnell da. Erste Anweisung: „Die Versorgung der Patienten ist unter allen Umständen aufrecht zu erhalten! Sollten hohe Mitarbeiterausfälle auftreten: Stellen Sie mehr Personal ein! Ist dieses nicht möglich, fragen Sie in anderen Einrichtungen nach, ob diese aushelfen können…“

Von weiteren Vorschlägen möchte ich hier gar nicht sprechen…Wir leben seit Jahren in einem Pflegenotstand, Personal auf dem freien Markt gab es schon vor Corona nicht.

Der Toilettenpapierwahnsinn nimmt seinen Lauf. Haben Sie schon einmal in das verzweifelte Gesicht einer schwer kranken neunzigjährigen Frau, geblickt, die Ihnen verzweifelt und den Tränen nahe berichtet, dass sie den Kampf um Toilettenpapier verloren hat und nichts mehr hat? Also wieder an private Kontakte anknüpfen, bis sich ein Geschäft findet, was uns Toilettenpapier für unsere Patienten reserviert. Abzuholen bitte möglichst kurz vor Geschäftsschließung, im Dunkeln, mit Begleitservice bis zum Auto, damit ja nichts passiert…

Der Sommer kommt. Die Pflegedienste arbeiten weiter. Personal fehlt noch mehr als zuvor, da jetzt jede kleine Erkältung zu einer Krankschreibung von sieben Tagen führt, obwohl diese häufig schon nach zwei Tage vorüber ist. Häufiges Einspringen aus dem „Frei“ ist die Folge. Zumindest gibt es wieder Schutzausrüstungen, die Preise weiter extrem hoch, aber zumindest lieferbar. Schnell wird in der zweiten Welle aus dem Tragen einer Behelfsmaske die Pflicht, einen medizinischen Mundschutz in der Pflege zu tragen, kurze Zeit später die Verpflichtung zur FFP 2 Maske umzusetzen in den Einrichtungen innerhalb von wenigen Tagen.

Mitarbeitende mit Lungenerkrankungen wie zum Beispiel Asthma bekommen durch diese Masken kaum Luft, die ersten Ohren sind wund, offene Stellen hinter den Ohren keine Seltenheit, die FFP 2 Maske muss eng anliegen. Die Mitarbeitende der ambulanten Pflege arbeiten weiter, ungesehen von vielen, klagen nicht und sind für Ihre Patient:innen da.

An Corona erkrankte Patienten müssen versorgt werden, in voller Schutzkleidung, die einem kaum die Luft zum Atmen lässt… So wie man es aus dem Fernsehen kennt. Das Risiko, sich trotzdem zu infizieren, schwebt immer über einem. Coronapatient:innen, die alleine zu Hause leben, die Angehörigen weit entfernt, müssen versorgt werden. Die Mitarbeitenden der ambulanten Pflegedienste sind oft die einzigen Ansprechpartner.

Eine Mitarbeitenden-Teststrategie wird von der Regierung festgelegt, umzusetzen in drei Tagen. Durchführen dürfen sie nur examinierte Pflegekräfte nach einer ärztlichen Schulung – in Testzentren darf es jeder, der eine Schulung erhalten hat. Die Schulung ist über die Krankenkasse abzurechnen, trotzdem verlangt ein Arzt knapp 700 Euro für eine einstündige Schulung. Wieder organisieren, es ist kurz vor Weihnachten 2020, viele Ärzte schon im Urlaub. Das Gesundheitsamt wird eingeschaltet. Dreimal pro Woche müssen alle Mitarbeitende verpflichtend getestet werden, auch wenn Feiertag ist, Tests sind Mangelware… Es ist alles genau zu dokumentieren.

Im Januar 2021 dann geht Niedersachsen den Alleingang: Tägliche Testung der Mitarbeitenden in der ambulanten Pflege an sieben Tagen in der Woche. In keinem anderen Bundesland ist dieses erforderlich. Soziale Kontakte gibt es eh schon lange nicht mehr. Dieses heißt täglich bis zu 15 Mitarbeitende testen: Schutzkleidung anlegen, Schutzkittel, Haube, Handschuhe, Schutzvisir , FFP2 Maske…Test durchführen, 15 Minuten auf das Ergebnis warten und hoffen, dass alles gut ausgeht… Fünfzehnmal hintereinander… wir haben ja auch sonst nichts zu tun.

Aber jetzt wird alles besser, es wird ja geimpft, Nachdem bereits im Dezember angefangen wurde, den Bedarf in Krankenhäusern und Pflegeheimen zu ermitteln, und im Januar die ersten Impfungen starteten, fiel dann Anfang März auf: Ach ja, die ambulante Pflege gibt es ja auch noch… Ja, auch wir gehören zur höchsten Priorität und sind systemrelevant, auch wenn man uns nicht sieht und wahrnimmt… oder wussten Sie, dass wir in Wilhelmshaven 18 verschiedene ambulante Pflegedienste haben?

Bianca Bolle, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, am 11. März im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ in der Pfarrkirche Sankt Willehad Wilhelmshaven.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Das Diakonische Werk Friesland-Wilhelmshaven e.V., der Förderverein Rogate-Kloster und wir sind Bündnismitglieder. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

Fünf Fragen an: Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland

Fünf Freitagsfragen an Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland, über Einsamkeit auf dem Land, Dörfer mit Zukunft und die Verknüpfung von Digitalisierung und sozialer Frage in der Coronakrise.

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland (Bild: Diakonie)

Maria Loheide studierte Soziale Arbeit und begann ihre berufliche Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Familienforschung, Sozialpädagogische Pflegekindervermittlung, Erziehungsberatung. Ihre Laufbahn in der Verbandsarbeit der Diakonie begann sie 1989 und war von 2001 bis 2008 Geschäftsführerin im Diakonischen Werk Westfalen. Ihre thematischen Schwerpunkte waren familien-, frauen- und jugendpolitische, beschäftigungspolitische und bildungspolitische Fragestellungen. Nach der Zusammenlegung der Diakonie Rheinland, Westfalen und Lippe übernahm sie ab 2011 die Geschäftsbereichsleitung Familie-Bildung-Erziehung. Im Jahr 2011 wurde Maria Loheide in den Vorstand des Diakonischen Werkes der EKD gewählt.

Nach der Gründung des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung im Jahr 2012 ist sie Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die sozialpolitische Lobbyarbeit gegenüber der Bundespolitik. Sie verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren der Diakonie Deutschland. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Sie war von 2011 bis 2019 Vice Chairperson im europäischen diakonischen Verbund Eurodiaconia.

Rogate-Frage: Frau Loheide, die Diakonie Deutschland will sich laut einer Presseinformation „Gemeinsam gegen Einsamkeit auf dem Land“ einsetzen. Wie definieren Sie Einsamkeit außerhalb der Städte?

Maria Loheide: Einsamkeit ist ein ganz individuelles Empfinden. Man kann sich unter Menschen allein und einsam fühlen, aber sich auch im Alleinsein zufrieden fühlen.

Einsamkeit und ihre Auswirkungen auf die Seele und die körperliche Gesundheit unterscheiden sich nicht von Stadt zu Land. Einsamkeit entsteht, wenn man sich nach Begegnung sehnt, aber kein Gegenüber oder einen Ort dafür findet.

In ländlichen Regionen mit ausgedünnter Infrastruktur ist es schwieriger Menschen, mit gemeinsamen Interessen, Nachbarn, Freunde und Familie zu treffen, als in Städten mit kurzen Entfernungen und ausgebautem Verkehrsnetz. 

Wenn dann auf dem Land der Supermarkt, die Kneipe, der Bäcker schließen, es keine Kita, Kirchengemeinde, Schule oder Verein mehr gibt und der Bus nur selten in den Nachbarort fährt – dann fehlen wichtige Gelegenheiten für soziale Begegnungen. Der oftmals damit einhergehende Wegzug junger Menschen und Familien lässt andere einsam zurück.

Hier setzt unser Projekt „Dörfer mit Zukunft“ an: Wir wollen dazu beitragen, dass tragfähige Netze der Nachbarschaft entstehen.

Rogate-Frage: Was verbirgt sich hinter dem Programm „Dörfer mit Zukunft“ und wie kann es Einsamkeit reduzieren?

Maria Loheide: Das Projekt „Dörfer mit Zukunft“ erprobt die digitale und analoge Vernetzung von Nachbarschaften auf dem Land.

Engagierte Mitarbeitende aus Diakonie und Kirche bauen digitale Nachbarschaftsnetzwerke mit Hilfe der Nachbarschaftsplattform nebenan.de auf, die Kontakte, Beteiligung und gegenseitige Unterstützung fördern und erleichtern sollen. Dreh- und Angelpunkt ist das persönliche Kennenlernen, bleibt die persönliche Begegnung und das nachbarschaftliche Engagement.

Alle Dorfbewohner*innen sollen sich in ihren Nachbarschaften digital vernetzen und austauschen können – auch über die Grenzen des eigenen kleinen Ortes hinweg. Auf der Plattform nebenan.de können sich Menschen zu gemeinsamen Aktivitäten verabreden, sich über wichtige Neuigkeiten informieren und um Unterstützung anfragen. Diese Möglichkeit ist ein wichtiger Beitrag für die Teilhabe von Menschen am öffentlichen Leben.

Im Projekt Dörfer mit Zukunft binden wir vor Ort anerkannte Vertrauenspersonen ein. Auch Kommunen, Gemeinden, Vereine und Wirtschaft werden einbezogen.

Nach dem virtuellen Kennenlernen ist es dann auch nicht mehr weit bis zur persönlichen Begegnung. Die Möglichkeit jederzeit digital mit Menschen in Kontakt zu kommen, informiert zu sein und Verabredungen treffen zu können, kann und soll Einsamkeit entgegenwirken.

Rogate-Frage: Sie kooperieren mit der Nachbarschafts-Plattform „nebenan.de“ – warum?

Maria Loheide: Die Diakonie Deutschland kooperiert schon länger mit der Nachbarschaftsplattform nebenan.de beziehngsweise. der nebenan.de-Stiftung. Seit 2017 rufen die nebenan.de-Stiftung und die Diakonie Deutschland gemeinsam dazu auf, im Mai den „Tag der Nachbarn“ zu feiern. Jeder kann mitmachen. Der Aufruf ist gerade wieder gestartet.

Das enorme Potential, das in lebendigen Nachbarschaften steckt, zeigt sich immer wieder auch beim Deutschen Nachbarschaftspreis von nebenan.de, den die Diakonie Deutschland als Partnerin unterstützt. Als Jurymitglied bin ich immer wieder begeistert, wie viele Projekte gerade auf dem Land durch das Engagement der Nachbarn entstehen und es schaffen, alle zu begeistern und mitzunehmen.

Nebenan.de ist für die digitale Vernetzung von Nachbar*innen auf dem Lande ein idealer Partner. Die Plattform ist erprobt und besonders in den Städten schon gut etabliert, die Unterstützung und der Support ermöglichen unseren Projektträgern einen schnellen, guten Einstieg und eigene Qualifizierung und nicht zuletzt ist nebenan.de eine TüV zertifizierte und datensichere Plattform.

Diakonie Deutschland und nebenan.de wollen gemeinsam dafür sorgen, dass Nachbar*innen gerade auch in kontaktarmen Zeiten nicht vereinsamen, miteinander kommunizieren, sich vernetzen, gegenseitig unterstützen und sich für ihre Nachbar*innen und ihr Dorf engagieren.

Rogate-Frage: Die Diakonie hat im vergangenen Jahr erste Erfahrungen mit dem Programm gemacht. Was hat sich bewährt und was wird 2021 anders?

Maria Loheide: Anfang 2020 hat keiner geahnt, dass wir ein besonderes Jahr vor uns haben werden! Für unsere fünf Standorte war es eine große Herausforderung dennoch das Projekt zu starten. Die Unsicherheit zu Beginn der Pandemie war groß: Werden Veranstaltungen mit Hygienemaßnahmen möglich sein? Sollte man besser warten, bis Corona wieder vorbei wäre? Dank großem Engagement, außerordentlicher Flexibilität und Kreativität sind aber an allen Orten tolle Aktionen entstanden: Parkbanktreffen, ein Freiluft-Bücherbasar oder Onlinetreffen mit Vereinen und dem Bürgermeister.

Alle neuen Projektbeteiligten in 2021 haben sich darauf eingestellt, dass Corona uns auch dieses Jahr noch beschäftigen wird. Wir haben im vergangenen Jahr gelernt, dass vorhandene lokale Vertrauenspersonen sehr hilfreich sind und früh eingebunden werden sollten. Außerdem haben wir erfahren, dass Dörfer nicht an ihren Ortsgrenzen enden. Ganz im Gegenteil: Menschen wohnen in dem einen Dorf, arbeiten in dem anderen und fahren zum Vereinssport in das dritte Dorf. Sie interessieren sich sehr dafür, was um ihr eigenes Dorf herum los ist und vernetzen sich. Wenn man in der ganzen Region gleichzeitig mit der Vernetzung beginnt, profitieren davon die Nachbar*innen aller Dörfer.

Rogate-Frage: Warum sollten sich Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen daran beteiligen?

Maria Loheide: Durch eine gute Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung können soziale Problemlagen entschärft, Einsamkeit und Hilflosigkeit vermieden werden. Der erste Schritt zu einer aktiven Nachbarschaft ist dabei immer das „Kennen.Lernen.

Diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden sind Teil von Nachbarschaften. Das Projekt unterstützt ihre sozialraumorientierte Arbeit gerade auf dem Lande. Sie initiieren in dem Projekt digitale Vernetzung und können darüber die Menschen, auch neue Zielgruppen, besser beziehungsweise zusätzlich erreichen. Außerdem erfahren und lernen sie, wie digitale Plattformen ihre Arbeit unterstützen kann. Die Digitalisierung birgt die Chance, Barrieren zu überwinden. Menschen, die zum Beispiel in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, können teilhaben und besser erreicht werden. 

In der Corona-Krise wird deutlich, wie sehr Digitalisierung und soziale Fragen verknüpft sind. Digitale Informations-, Lern- und Kommunikationsprozesse sind für unsere Gesellschaft essentiell wichtig. Auch Menschen, die von Armut betroffen sind, aber oft keine ausreichende digitale Ausstattung haben, müssen digital teilhaben können. Dafür setzt sich die Diakonie Deutschland gemeinsam mit den Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen vor Ort ein.

Rogate: Vielen Dank, Frau Loheide, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de.

Andacht „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 25. März

Die aktuelle Situation des Wilhelmshavener Einzelhandels steht im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am Donnerstag im Mittelpunkt. Bianca Ewering-Janßen (Kurvenhaven) und Marc Ewering (Spiel + Baby Dannmann) schildern in der Andacht, wie sie als Geschäftsinhaber mit den Herausforderungen in der Pandemie umgehen. Die ökumenische Andacht beginnt um 18:30 Uhr in der Sankt Willehad-Kirche. Das Gebet für die Stadt wird live auf dem Youtube-Kanal der St. Willehad-Gemeinde gestreamt.

Die katholische Kirchengemeinde und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael erinnern mit der Andachtsreihe an das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kommen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort.

Das Gebet für die Stadt wird live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Termin: Donnerstag, 25. März 2021 | 18:30 Uhr, Gebet für die Stadt – in der Coronakrise. Mit Bianca Ewering-Janßen und Marc Ewering, Kurvenhaven und Spiel + Baby Dannmann. Musik: Andreas Marth. Liturgie: Pastoralreferentin Daniela Surmann und Br. Franziskus. Ort: Sankt Willehad-Kirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven. Am Ausgang wird eine Kollekte für United4Rescue erbeten.

Hinweis: Die Gemeinde St. Willehad weist auf das geltende Hygienekonzept hin. Vor dem Besuch der Kirche besteht eine Anmeldepflicht vor Ort. Es sind medizinische Masken (OP- oder FFP2-Masken) zu tragen. Weitere Infos hängen vor Ort aus sowie auf Willehad.de.

Andacht „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 18. März

Die Sankt-Willehad-Gemeinde und das Rogate-Kloster Sankt Michael laden am Donnerstag, 18. März, zum zweiten „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“. Diesmal wird besonders die Situation der lokalen Gastronomie und der Hotelbetriebe während der Pandemie in den Blick genommen. Gastredner sind Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber des Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN. Beginn ist um 18:30 Uhr in der Pfarrkirche Sankt Willehad, Bremer Str. 53, Wilhelmshaven.

Einladungsplakat für das „Gebet in der Stadt – in der Coronakrise.“ (Agentur Nolte Kommunikation, Berlin)

Die katholische Kirchengemeinde und das ökumenische Kloster wollen mit der Andachtsreihe an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnern. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kommen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schildern ihre aktuelle Situation. Sie berichten über die eigene Not und den Umgang damit.

Heike Fürstenwerth: „Wir haben zu Beginn des ersten Lockdowns gelitten. Sehr, sehr sogar, weil wir absolut überrascht worden sind. Uns wurde förmlich der Boden unter den Füßen weggerissen. Nach einigen Wochen hat sich der tosende Ozean an Emotionen gelegt und wir trieben auf ihn, an einer Planke haltend, und erlebten den Ozean als eine ruhige Naturgewalt. Mit Sonnenaufgängen und tollen Tieren. Uns konnte er erstmal nichts mehr anhaben.“ Daniel Dorsch ergänzt: „Wir sind grundsätzlich voller Zuversicht, dass sich alles wieder zum Guten wendet. Wir tragen ein positives Grundgefühl in uns. Wir haben viele Lehren draus ziehen können und sind dran gewachsen. Und das sehen wir als Hauptaugenmerk im Leben: an Geschehnissen und Erlebten zu wachsen.

Termin: Donnerstag, 18. März 2021 | 18:30 Uhr, Gebet für die Stadt – in der Coronakrise. Mit Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN Wilhelmshaven. Musik: Andreas Marth. Liturgie: Dechant Bolten und Br. Franziskus. Ort: Sankt Willehad-Kirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven. Das Gebet für die Stadt wird live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Hinweis: Die Gemeinde St. Willehad weist auf das geltende Hygienekonzept hin. Vor dem Besuch der Kirche besteht eine Anmeldepflicht vor Ort. Es sind medizinische Masken (OP- oder FFP2-Masken) zu tragen. Weitere Infos hängen vor Ort aus sowie auf Willehad.de.

Das Gebet für die Stadt wird live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Fünf Fragen an: Frederic Riedel, Kiezworker in Berlin-Schöneberg

Fünf Fragen an Frederic Riedel, Berlin-Schöneberg, über seine Arbeit als Kiezworker, Veränderungsprozesse in einer Großstadtkirchengemeinde und die Coronapandemie als Treiber der Digitalisierung..

Frederic Riedel (Bild: privat)

Frederic Riedel kommt aus Uelzen in Niedersachsen. Zum BWL- und „Wirtschaft und Recht“-Studium zog er zunächst nach Brandenburg, um sich dann in Berlin zu verlieben. Durch das Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ wurde er auf eine Stellenausschreibung der Apostel-Paulus-Gemeinde in Berlin-Schöneberg aufmerksam. Zu seinen Aufgaben gehört die Koordination der Offenen Kirche, der Besuchsdienst und die Öffentlichkeitsarbeit.

Rogate-Frage: Herr Riedel, Sie sind „Kiezworker“ in einer evangelischen Großstadtgemeinde. Welche Aufgabe haben Sie dort?

Frederic Riedel: „Kiezworker“ ist der Begriff für die Gesamtheit aller meiner Aufgaben im Rahmen der Gemeinde und im Kiez – auch ist er meine offizielle Jobbezeichnung.

Meine Aufgaben sind tatsächlich sehr vielfältig und abwechslungsreich, sodass es mir stets schwer fällt meine beziehungsweise die eine Aufgabe hier auf das Wesentliche herunterzubrechen: Wohlmöglich bin ich an all den Maßnahmen beteiligt, die Kirche und Kiez stärker miteinander verzahnen lassen sollen: Von Ehrenamtskoordination über Betreuung und Ausgestaltung der Offenen Kirche, bis hin zu Besuchsdiensten, die aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Gefahr für Risikogruppen momentan leider pausieren müssen. Auch unterstütze ich die Pfarrerin, Küsterin und den Haus- und Kirchwart in vielen Angelegenheiten, sodass ich in gewisser Weise oftmals Bindeglied und helfende Hand in Personalunion bin.

In der Zukunft soll auch für mich wesentlich mehr in Richtung Kultur, Veranstaltungen und Social Media geschehen – aber auch hier sind uns momentan leider noch die Hände gebunden – pandemiebedingt.     

Rogate-Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich kirchlich engagieren und was hat es mit dem Senatsprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“ zu tun?

Frederic Riedel: Es hat eine Menge damit zu tun, denn offen gestanden bin ich nur dadurch auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam geworden. Frau Pfarrerin Steffen-Elis hat mir von Anfang an zu Verstehen gegeben, dass die Gemeinde sich einem Wandel unterzieht und sicherlich schmeichelte mir die Idee, meinen Beitrag dazu leisten zu können. Schwer vorstellbar, dass ich in einer (Einstiegs-)Position, an einem anderen Ort mehr Einfluss auf die Entwicklungen um mich herum und auch auf meine eigene nehmen könnte. Ich würde mich nicht als strenggläubigen Menschen bezeichnen und für meinen Bereich ist Religion ehrlich gesagt auch gar nicht so maßgeblich. Entscheidend sind für mich vielmehr Wertevorstellungen, ein würdevolles und freundliches Menschenbild. Dazu zählt auch das Bedürfnis, aufgefangen zu werden, wenn man fällt. Auch Ich habe eine kleine persönliche Krise der Arbeitslosigkeit und Frustration nun zugunsten der Hilfe und Unterstützung Anderer hinter mich bringen können. Mein Team hat hier zweifellos, und zwar in ausnehmendem Maß, Anteil daran. Im Übrigen gefällt mir sehr wohl die Idee von Spiritualität, weil ich denke, dass sie jeder Mensch in sich trägt und braucht. Auch hatte ich wohlmöglich immer schon ein kleines Faible für Kunst, Geschichte, Architektur und den weiträumigen Klang von Sakralmusik. All das vereint die Apostel-Paulus-Kirche in recht beeindruckender Art und Weise.

Rogate-Frage: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit gehabt und wie haben Sie darauf reagiert?

Frederic Riedel: Das lässt sich nur schwer einschätzen, da ich das Arbeiten hier bisher noch gar nicht unter „normalen Rahmenbedingungen“ erleben durfte!

Aber ja, auch wir mussten absagen und umdenken: Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen machen vor der Kirche keinen Halt. Wie in vielen Bereichen ist Corona aber auch für uns Treiber der Digitalisierung: Aufgezeichnete Gottesdienste und Veranstaltungen, Livestreams, Zoom-Meetings. Insbesondere seitens Pfarrerin Andrea Kuhla sind hier mittlerweile Online-Formate und Podcasts ins Leben gerufen worden. Kontaktaufrechterhaltung zu älteren Gemeindegliedern erfolgt telefonisch oder postalisch. Das Schönste ist, dass wir die Kirche – unter Wahrung der Abstands- , Hygiene- und Lüftungsregeln – seit dem Beginn der Pandemie und durch die Hilfe eines mittlerweile breiter aufgestellten Teams an ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen nahezu durchgängig offen halten konnten. Mit äußerst positiver Resonanz der Besucher:innen.

Rogate-Frage: Welchen Unterschied nehmen Sie grundsätzlich im kirchlichen Umfeld im Vergleich zu anderen Arbeitgebern war?

Frederic Riedel: Der Umgang miteinander ist familiär, bedächtig und herzlich. Das ist in der heutigen Leistungsgesellschaft sicherlich kein Selbstläufer.

Wissen Sie, es gibt Arbeitgeber:innen, die ihre Mitarbeiter:innen quasi im Monatstakt auf hippe Team-Building-Seminare beziehungsweise – Maßnahmen schicken, geradezu wissenschaftliche Ansätze dabei verfolgen, und in der Praxis bleibt dann schlussendlich oft Nichts von all dem hängen. Wasser predigen und Wein trinken. Mir ist aufgefallen, dass das hier –  vielleicht aus dem Selbstverständnis, dem äußeren Rahmen und dem eigenen Wertesystem heraus –  auch ganz wunderbar ohne funktionieren kann.

Rogate-Frage: Wenn sie die Kirche in Berlin und überhaupt neu erfinden und gestalten würden, wie sähe sie dann aus?

Frederic Riedel: Das wäre ziemlich anmaßend! (lacht)

Aber sicherlich muss die Kirche – wie jede andere Institution im Laufe der Zeit – in verschiedenen Bereichen umdenken, neue Anreize schaffen, Programminhalte diversifizieren, Barrieren abbauen, auf die Leute zugehen, noch bevor sie sich entfernen. Berlin per se ist eine Stadt mit sehr modernem und dynamischem Zeitgeist und da wirkt die Kirche auf viele schlichtweg etwas aus der Zeit gefallen. Vor allem auf die jüngeren Generationen, die Zukunft. Glaube allein ist kein Kriterium mehr für die Ausrichtung und Gestaltung des Lebens. Dabei gibt es in vielen Gemeinden so viel Potential, einzigartige Räume und Gebäude in Ihrer Nutzung so zu gestalten, dass sich wieder mehr Menschen angesprochen fühlen und ihren persönlichen Zugang finden. Ich finde es etwas kurios wenngleich interessant, dass im Subkultur-Jargon ausgerechnet der wohl berüchtigtste Berliner Techno-Club landläufig gerne als „Tempel“ oder „Church“ bezeichnet wird. Und auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick noch so skurril wirken mag: Vermutlich lechzt jeder Mensch nach einem Raum, einem Ort der Geborgenheit und Zuflucht, der Gemeinschaft, des Gesangs und der Feier und auch der Spiritualität – und offenbar bedeutet Kirche im Kern nach wie vor all das.

Rogate: Vielen Dank, Herr Riedel, für das Gespräch.

Weitere Freitagsfragen (Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin ISSN 2367-3710) – und Antworten – finden Sie hier: Rogatekloster.de

_________________________________________________

Aufgrund der Corona-Pandemie finden im Moment nur wenige Rogate-Gottesdienste statt. Die nächsten geplanten Termine sind:

Andacht „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 11. März

Am Donnerstag startet die Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ mit einem besonderem Blick auf die Situation der ambulanten Pflegedienste. Bianca Bolle, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Wilhelmshaven, dem ambulanten Pflegedienst der evangelischen Kirche, wird sprechen. Beginn ist um 18:30 Uhr in der Pfarrkirche Sankt Willehad, Bremer Str. 53.

Einladungsplakat für das „Gebet in der Stadt – in der Coronakrise.“ (Agentur Nolte Kommunikation, Berlin)

Die römisch-katholische Pfarrgemeinde Sankt Willehad in Wilhelmshaven und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael wollen mit der Andachtsreihe an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnern.

Pfarrer Andreas Bolten: „Wir wissen, dass viele ältere und pflegebedürftige Menschen mit wenig Kontakten oder allein zuhause sind. Wie ergeht es ihnen in dieser Pandemie? Wie ergeht es den Pflegenden und Betreuenden? Sie übernehmen einen wichtigen Dienst in unserer Gesellschaft.“

Bruder Franziskus ergänzt: „Die mediale und politische Öffentlichkeit ist während der Pandemie stark auf Krankenhäuser und Pflegeheime und die Lage dort fokussiert. Wir wollen hingegen im „Gebet für die Stadt“ hören, was Corona in den ambulanten Pflegediensten verändert hat und wie die Mitarbeitenden mit den Herausforderungen umgehen.“ “

Das besondere der neuen Andachtsform: Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kommen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schildern ihre Situation. Sie berichten über die eigene Not und die Lage ihrer Patienten oder Mitarbeitenden und Kollegen*innen.

Termin: Donnerstag, 11. März 2021 | 18:30 Uhr, Gebet für die Stadt – in der Coronakrise. Mit Bianca Bolle, Diakoniestation Wilhelmshaven. Musik: Stadtkantor Markus Nitt. Liturgie: Dechant Bolten und Br. Franziskus. Ort: Sankt Willehad-Kirche, Bremer Straße 53, 26382 Wilhelmshaven.

Die Gemeinde St. Willehad weist auf das geltende Hygienekonzept hin. Vor dem Besuch der Kirche besteht eine Anmeldepflicht vor Ort. Es sind medizinische Masken (OP- oder FFP2-Masken) zu tragen. Weitere Infos hängen vor Ort aus sowie auf Willehad.de.

Wilhelmshaven: Gebet für die Stadt – in der Coronakrise.

Die Coronakrise belastet viele Menschen auf unterschiedliche Weise. Das gesamte gesellschaftliche Leben ist betroffen: Kontaktbeschränkungen, Schließungen von Bildungs- und Kultureinrichtungen, Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft, den Gesundheitsbereich, Schulen und Kindertagesstätten und den Alltag zuhause. Viele leiden darunter. Andere haben eine durch das Virus verursachte Krankheit überstanden oder sind daran gestorben. Über 70.000 Verstorbene alleine in der Bundesrepublik haben zu großer Trauer geführt und hinterlassen Lücken in Familie, Freundeskreisen und der Gesellschaft des Landes. 

Die römisch-katholische Pfarrgemeinde Sankt Willehad in Wilhelmshaven und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael wollen in einer Andachtsreihe an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnern. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kommen selber zu Wort, schildern ihre Situation und die Unmöglichkeiten dieser Zeit. Sie berichten über die eigene Not und die Lage ihrer Patienten oder Mitarbeitenden und Kollegen*innen. Es sollen die Nöte benannt werden, auch die Wut zur Sprache kommen und für die Menschen in den Notlagen gebetet werden. „Wir laden gemeinsam zu einem solidarischem Gebet ein, hören zu und geben der Klage der Menschen vor Gott Raum“, so Bruder Franziskus und Pfarrer Bolten.

Das Lied „Jenseits von Ebbe und Flut“ wird in jedem der drei Andachten „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise.“ zu hören sein.

Die Termine der Reihe:

Einladungsplakat für das „Gebet in der Stadt – in der Coronakrise.“ (Agentur Nolte Kommunikation, Berlin)

Die Gemeinde St. Willehad weist auf das geltende Hygienekonzept hin. Vor dem Besuch der Kirche besteht eine Anmeldepflicht vor Ort. Es sind medizinische Masken (OP- oder FFP2-Masken) zu tragen. Weitere Infos hängen vor Ort aus sowie auf Willehad.de.