Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch die Pandemie und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshaven erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten im Rahmen eines Klageteils über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

(Bild: Sankt Willehadgemeinde)

Am 18. März 2021 waren Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN Wilhelmshaven, zu Gast. Sie beschrieben eindrücklich, wie es ihrem Betrieb, ihren Mitarbeitenden und ihnen persönlich in der Pandemie ergeht. Hier dokumentieren wir den Beitrag der beiden:

Es ist der 17. März 2020. Eine WhatsApp-Nachricht an unser Team: „Wie Ihr alle mitbekommen habt, treffen Daniel und ich täglich neue Entscheidungen. Entscheidungen, welche wir Tage zuvor noch nicht einmal im Ansatz in unser Denken aufgenommen haben – so fern und abstrakt und leider so nah ist dieser ganze Mist, der nicht nur uns, sondern alle da draußen derzeit einholt. Es ist nicht so, dass rein niemand kommt und bei uns konsumiert. Aber wir merken, wie es Tag für Tag weniger werden.

Auch wächst bei uns die Unsicherheit, wie lange wir verantwortungsvoll uns, Euch und den Gästen gegenüber noch geöffnet haben können.

So sind die Tage gefüllt mit lauter Fragezeichen, mit stündlichem „Auf und Ab“. Wir erhoffen uns Klarheit bei einem morgigen Gespräch mit unserem Steuerbüro. All das, was Ihr in den Medien derzeit zu hören bekommt, gilt es zu besprechen, abzuwägen und genau unter die Lupe zu nehmen. Denn wir werden Hilfe benötigen – so viel ist klar. Inwiefern und was das für uns und auch für Euch heißt, wird sich somit erst die kommenden Tage genau zeigen. Wir werden Euch direkt darüber in Kenntnis setzen! Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise noch geht.

Ich danke Euch aber für Euer bisheriges Verständnis! Für Euer „Kein Problem, Heike! Dann geh ich halt eher nach Hause!“.

Einen Tag später, am 18. März 2020. Eine weitere Nachricht ans Team: „Hallo zusammen, heute haben bereits Gespräche mit einigen von Euch stattgefunden. Die momentane Situation bringt uns wirtschaftlich extrem an unsere Grenzen. So werden wir auf das ein oder andere Hilfspaket vom Staat zurückgreifen müssen. Ab morgen werden drei von Euch komplett auf Kurzarbeit umgestellt. […]

Für die Aushilfen unter Euch gilt, dass ich all Eure Schichten streichen musste. Es tut mir unglaublich leid, weil ihr so nicht die Möglichkeit bekommt, das benötigte Geld zum Lebensunterhalt hinzuzuverdienen. […] Ich habe keine Ahnung, ob dieser Plan aufgeht. Nicht derzeit, wo alles drunter und drüber läuft. Ich hoffe aber auf Euer Verständnis… ich kann leider keine anderen Ergebnisse liefern, was mich und Daniel selber extrem unglücklich zurücklässt.

Solltet Ihr Fragen haben, so wendet Euch sehr gerne an uns. Lasst uns gemeinsam diese Zeit so gut es geht überstehen! Und vor allen Dingen: Lasst uns gesund bleiben!“

Abends am selben Tag dann die nächste Nachricht:

„Und während ich die Zeilen heute am Spätnachmittag an Euch schrieb, war vorne das Ordnungsamt zu Besuch und teilte die nächsten Neuigkeiten mit: AB SOFORT dürfen nur noch höchstens Vierer-Tische angenommen werden. Keine Fünfer-Gruppen oder mehr!!! Müssen zwischen den verschiedenen Parteien mindestens zwei Meter Abstand sein. Muss eine Bezahlt-Reihe im Laden kenntlich sein, in welcher die Gäste mit einem Abstand von 1.5 Metern zueinanderstehen. Diese neuen Auflagen werden im laufenden Betrieb kontrolliert. Sollte da irgendetwas missachtet werden, erhalten wir keine Verwarnung, sondern direkt eine Strafanzeige!!! So haben wir nun Tische rausgeräumt, manchen Tisch doch stehen gelassen (damit‘s nicht gar so leer aussieht) und diese wiederum gekennzeichnet!“

Am nächsten Tag, den 19. März, beschlossen wir, unser Café komplett zu schließen. Die Auflagen nahmen uns unsere Betriebsfähigkeit. Es kamen keine Gäste mehr. Unter Tränen schickten wir das gesamte Team in Kurzarbeit und schlossen den Laden zu.

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Was ist geschehen? Corona platzte in unser Leben. Ließ sich nieder und machte es sich so richtig bequem. Bestimmt war es unglaublich naiv von uns, nicht im Januar und Februar 2020 bereits zu erkennen, was auf uns zukommt. Zu verstehen, was es für uns – für unser kleines Café und Hotel – für Folgen haben kann. Aber wir hätten zu dem Zeitpunkt eh nichts ändern können. Was uns zum Verhängnis wurde?

Wir waren kurz vor Fertigstellung unserer Renovierungsarbeiten einiger Hotelbäder. Diese Arbeiten begannen im Dezember 2019. Wir waren sehr glücklich und stolz, dass wir vier Bäder renovieren konnten aus Eigenmitteln. Aus Angespartem der letzten Jahre. Wer schon mal ein Bad renoviert hat, weiß, mit welchen Kosten dies verbunden ist. Und dann kam von heute auf morgen das Aus für unser Unternehmen. Wir verdienten nichts mehr. Nichts!

Aber es mussten Rechnungen bezahlt werden. Nicht nur die Handwerkerrechnungen, die fleißig hineinflatterten… das Team sollte sein Geld bekommen, Darlehen liefen weiter, die sogenannten Fixkosten mussten beglichen werden. Die zugesagten Hilfen wurden direkt beantragt und kamen vier Wochen später. Natürlich hätten wir die Möglichkeit gehabt, diverse Zahlungen zu stunden, also aufzuschieben. Unser Steuerberater ermahnte uns, dies nicht zu tun, denn irgendwann kommt der Zeitpunkt der Zahlung. Also stundeten wir nicht. Wir zahlten weiter, was eben zu zahlen war.

Hilfe von der Hausbank, um Tilgungen auszusetzen? Natürlich doch! Das kostet aber extra! 500,- Euro Bearbeitungsgebühr. Also haben wir uns auf privatem Wege Gelder geliehen, um uns am Leben zu halten. Denn was ein Unternehmen an Fixkosten in vier Wochen zu leisten hat, ist nicht mal eben mit ein paar hundert Euro zu begleichen.

Wir liefen mehr als blank und als die Soforthilfe dann da war, waren wir auf Null. Also musste ein Kredit her! Es ging nicht anders. Das Lebenswerk meiner Schwiegereltern und das von uns neu Erschaffene aufzugeben, war keine Option! Während alle ihre Wohnungen entrümpelten und Gärten pflegten, saßen wir täglich im MORGÆN, beantragten irgendwo irgendwelche Hilfen, integrierten PayPal als Bezahlfunktion, versuchten ein Konzept zu entwickeln, mit dem wir wenigstens etwas Geld generieren konnten und machten weiterhin über die sozialen Netzwerke auf uns aufmerksam. Denn was weiterhin Bestand hatte, das waren die vielen Menschen – Gäste wie Mitarbeiter – die nur darauf warteten, uns irgendwie zu unterstützen.

Wir guckten uns für unser Hotel das Prinzip des „Hoteloffice“ aus anderen Städten ab. Wer zu Hause nicht vernünftig arbeiten kann, kann sich bei uns Tageweise ein Zimmer buchen. Dies Angebot wurde angenommen. Von einem Gast. Jede Woche an dem Tag, an dem seine Putzfrau seine Wohnung reinigte. Immerhin!

Im MORGÆN öffneten wir einen Kiosk. Gegen Vorbestellung konnte man Kuchen abholen. Die Menschen waren glücklich, auch nur ein klitzekleines bisschen vom MORGÆN bei sich daheim zu erleben, zu genießen. Und wir waren glücklich, derart Zuspruch zu erfahren.

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Mit unserem Team waren wir im steten Austausch! Wir motivierten die Menschen zu mehr Bewegung, weniger Netflix und riefen auch mal Ärzte an, wenn das Deutsch nicht so gut war um mitzuteilen, dass der Körper in den Streikmodus schaltet. Der Kampf in dieser Krise zeigte wieder mehr, dass wir es nicht nur mit extremen finanziellen Sorgen zu tun hatten, sondern als Chefs auch eine Verantwortung und Fürsorgepflicht jedem einzelnen unserer Mitarbeiter gegenüber.

Menschen, die plötzlich nur noch einen Bruchteil ihres Gehalts durch Kurzarbeitergeld bekommen, aber trotzdem die vollen festen Beträge an Miete, Nebenkosten und Krippenbeiträge et cetera zu leisten haben. Menschen, deren Familien nicht in Deutschland wohnen und durch die Krise komplett abgeschnitten wurden aus ihrem sozialen Miteinander. Alleine dastehen. Jeden Tag alleine bestreiten. Das macht was mit uns Menschen. Und es macht nichts Gutes. So ging ein Aufatmen durch die Reihen, als es hieß, wir dürfen am 12. Mai wieder öffnen.

Zwei Monate seit Schließung im März 2020 ohne nennenswerten Umsatz. Wir hatten ab diesem Zeitpunkt im Café weniger als die Hälfte an Plätzen zur Verfügung aufgrund der Abstandsregelungen. Somit auch weniger an Umsatz. Dafür mehr Ausgaben. Kanisterweise musste Desinfektionsmittel geordert werden. Masken für das komplette Team. Plexiglasabtrennungen integrieren, Lüftungsanlage in Betrieb nehmen.

Gute zwei Wochen hat es dann gedauert, bis die Menschen sich auch getraut haben, wieder vor die Tür zu gehen.

Es ist der 7. Juni 2020. Mal wieder eine WhatsApp-Nachricht an unser Team: „Hallo zusammen! Ich schicke Euch hier den Plan für den restlichen Juni. […] Wir erfahren, wie alle anderen auch, alle neuen Regelungen und Lockerungen ein paar Tage vorher durch die Medien. Und somit kann es hier auch immer noch zu Änderungen kommen, was die Schichtplanung angeht.

Es ist schwierig, einen Plan zu schreiben und dabei zu versuchen, allen so gut es geht gerecht zu werden. Die Festangestellten sind derzeit nach wie vor alle in Kurzarbeit. Zwar nicht mehr zu 100 Prozent, aber keiner ist auch zu 100 Prozent wieder bei uns.

Es ergeben sich Wochenenden, an welchen wir langsam wieder Aushilfen benötigen! Ich hoffe natürlich, dass Ihr alle noch dabei seid und Lust habt auf uns und das MORGÆN. ♥️ Wir haben Lust, auch wenn einiges komplett anders läuft.

Es gibt Tage, die laufen miserabel und andere Tage, da läuft es ganz gut. Trotzdem versuchen wir weiter, das beste aus der momentanen Situation zu machen. Und vor allen Dingen, ruhig zu bleiben. Keiner kann die Zeit zurückdrehen, niemand kann was dran ändern. Und so gießen wir weiterhin den leckersten Kaffee in Wilhelmshaven, kredenzen unsere Frühstücke und Bowls und Kuchen und haben Spaß am Leben und am Miteinander. Und jeden Tag aufs Neue freuen wir uns, Euch wieder um uns zu haben – das war ganz schön deprimierend so allein…“

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Die Zeit bis zum nächsten Lockdown lief sehr gut. Die Menschen kamen und waren unendlich glücklich, endlich wieder Orte zum Verweilen zu haben. Orte, an denen man sich zu mehreren Treffen durfte. Die Gastronomie ist ein wichtiger Pfeiler in unserer Gesellschaft. Bei uns kann man die Seele baumeln lassen, sein „Sein“ genießen. Das klingt so nebensächlich, ist es aber bei weitem nicht! Wir sind soziale Wesen! Wir brauchen einander! Die Gastronomie und Hotellerie sorgen für derlei Miteinander bei einem absolut hygienischen hohen Standard.

Dann die Ernüchterung: Der nächste Lockdown im November 2020. Wir waren ruhiger als beim ersten Lockdown im Frühjahr. Nicht mehr panisch. Es flossen keine Tränen. Es wurde uns Hilfe vom Staat zugesagt. Bessere Hilfen als beim ersten Mal. Auch wenn diese lange auf sich warten ließen.

Wir hatten uns über den Sommer ein finanzielles Polster zulegen können. Eigentlich wollten wir direkt den zuvor nicht geplanten Kredit aus dem Frühjahr wieder zurückzahlen. Aber daraus wurde nichts. Wir mussten diesen nutzen, um die Durststrecke bis zur ersten Abschlagszahlung zu überstehen.

Obendrein versuchten wir weiterhin täglich das To-Go-Geschäft im Café am Laufen zu halten. Der Zulauf wurde bis zum Schluss immer weniger. Bis Weihnachten hielten wir stand. Danach schlossen wir das Tor zum MORGÆN bis in den Februar dieses Jahres. Seitdem haben wir jeden Samstag geöffnet und verkaufen alles zum Mitnehmen.

Das Geschäft im Hotel läuft seit November mehr als schleppend. Die Firmen schicken ihre Leute nicht mehr auf Reisen und somit bleiben unsere Betten leer. Die erste Abschlagszahlung der Novemberhilfe erreichte uns kurz vor Weihnachten. Die Auszahlung der kompletten außerordentlichen Wirtschaftshilfen waren dann Ende Februar dieses Jahres abgeschlossen. Die Überbrückungshilfe III, welche einen Teil unserer Fixkosten für die Zeit ab Januar bis zur Rückkehr zur regulären Öffnung unseres Geschäftes übernimmt, ist die nächste Formalität, welche nun beantragt wird.

Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir Ende April dieses Jahres – und darauf wird es nach den aktuellen Informationen mindestens hinauslaufen – mit unserem Unternehmen nur einen Bruchteil von Umsatz machen konnten als in jedem anderen normalen halben Jahr, wird uns beiden schlecht! Also versuchen wir nicht drüber nachzudenken. Wir können es doch nicht ändern. Ändern können wir aber unsere Einstellung. Zu uns selbst. Unserem bisherigen Tun. Zu unserem Unternehmen. Und so birgt jeder noch so große Mist auch immer etwas Gutes in sich.

Heike Fürstenwerth und Daniel Dorsch, Inhaber Hotel Fürstenwerth und Café MORGÆN

Das Gebet für die Stadt wurde live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Wir sind Bündnismitglied. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

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