Bianca Ewering-Janßen und Marc Ewering: Die „Klage“ im „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“

Die römisch-katholische Kirchengemeinde Sankt Willehad und das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael haben im März 2021 mit der dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ an die Herausforderungen und das Leid durch das Coronavirus und deren Folgen in der Stadtgesellschaft Wilhelmshavens erinnert. Menschen, die ganz unterschiedlich durch die Coronafolgen betroffen sind, kamen im „Gebet für die Stadt“ selber zu Wort und schilderten ihre Situation seit dem Beginn der Pandemie. Sie berichteten über die eigene Not, Existenzängste und den Umgang damit.

„Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ am 25. März 2021 (Bild: Gemeinde St. Willehad)

Am 25. März 2021 waren Bianca Ewering-Janßen (Kurvenhaven) und Marc Ewering (Spiel + Baby Dannmann) zu Gast, um einen Klageteil zu gestalten und inhaltlich zu füllen. Das Ehepaar schilderte in der Andacht, wie sie als Geschäftsinhaber mit den Herausforderungen in der Pandemie umgehen und welche Auswirkungen die behördlichen Maßnahmen auf sie haben. Hier dokumentieren wir den Beitrag der beiden:

#MARC: Meine Frau und ich sind Unternehmer. Wir sind selbständig. Was bedeutet das? Wir haben uns entschieden, etwas zu unternehmen, selbständig zu entscheiden, ein Risiko einzugehen und die Verantwortung zu übernehmen. Und wir tun dies beide aus voller Überzeugung.

Was bedeutet also diese Pandemie für uns? Was machen die Corona-Verordnungen mit uns? Die einfache Frage: „Wie geht es dir?“ ist schon schwierig zu beantworten. Ja, wie geht es mir? „Eigentlich“ gut, meine Frau und ich sind bisher vom Virus verschont geblieben, ebenso unsere Familien und Freunde.

Die ersten Familienangehörigen sind geimpft, da sind wir sehr dankbar. Aber unseren Geschäften geht es schlecht. Das sollten wir eigentlich trennen, aber das können wir nicht.

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann
Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven (Bild: Sankt Willehadgemeinde)

#BIANCA: Der Kurvenhaven, ein Modegeschäft für Damenmode in großen Größen, ist mein Herzensprojekt. Da steckt viel Liebe drin.

Uns war es nicht vergönnt Kinder zu bekommen und ich war in meinem vorherigen Beruf nicht glücklich. Nach langem Abwägen habe ich mich dann entschlossen im November 2019 den Kurvenhaven zu eröffnen. Er ist mein Baby. Nur einen Monat später brach das Virus erstmalig in China aus und nach nur vier Monaten waren wir im ersten Lockdown.

Es ist immer noch ein Schock, auch nach über einem Jahr. Es war und ist für mich immer noch nicht vorstellbar, dass die Regierung uns von heute auf morgen ein Berufsverbot erteilen kann. Und zwar ohne dass wir uns haben etwas zu Schulden kommen lassen und ohne uns dafür angemessen zu entschädigen.

Natürlich müssen die Menschen geschützt werden! Aber da waren und sind viele Fragen: Wie geht es mit dem Kurvenhaven weiter? Wie geht es mit meinen Mitarbeitern weiter? Wie geht es mit der Ware weiter, die ich, wie üblich in meiner Branche, ein halbes bis dreiviertel Jahr im Voraus verbindlich bestelle?

Zumal ich im letzten September der Aussage von Herrn Spahn Glauben geschenkt habe, dass der erste fünfwöchige Lockdown nachträglich betrachtet ein Fehler war und es nie wieder zu einem Lockdown kommen würde. Ein Hohn mit dem Wissen von heute, da wir uns seit über drei Monaten im Lockdown befinden und ich mittlerweile nicht mehr weiß, wo ich die eintreffende Ware noch lagern, geschweige denn, wem ich sie verkaufen soll. Und die Ware muss bei Lieferung von mir bezahlt werden.

Da macht sich sehr schnell Verzweiflung breit. Plötzlich ist man davon abhängig, was andere entscheiden und hat nicht die geringste Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Es bleibt ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Trotzdem heißt es weiter machen, Ideen entwickeln, alternative Absatzmöglichkeiten finden, um dem großen Warendruck entgegenzuwirken. Die Kundinnen weiterhin an sich zu binden, gerade bei so einem jungen Unternehmen, das sich im Aufbau befindet. Den Mitarbeitern eine Perspektive bieten.

So wurde ich kurzerhand zur Moderatorin, seit Dezember bin ich mit Kurvenhaven-TV montags um 18 Uhr live bei Facebook und präsentiere eine Modenschau mit Models. Die Kundinnen können dann im Anschluss die bestellte Ware an der Ladentür abholen oder sich zuschicken lassen. An dieser Stelle nochmal ein herzlicher Dank an alle Mitwirkenden! Das und auch der Zuspruch der Kundinnen hat mir die Kraft gegeben weiterzumachen.

Dabei fühle ich mich wie in einem Paralleluniversum, während die meisten Menschen gegen die Langeweile kämpfen, arbeite ich mehr als je zuvor. Und das alles im Prinzip ohne Einkommen. Denn natürlich können auch diese Aktivitäten eine geöffnete Ladentür nicht ersetzen.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven

#MARC: Jetzt denken Sie vermutlich an die Coronahilfen. Leider ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Diese Hilfen dürfen nur für betriebliche Festkosten verwendet werden, also meine Frau und ich dürfen davon nicht unseren privaten Lebensunterhalt bestreiten. Wir sollen Hartz IV beantragen und das haben wir tatsächlich bis heute nicht übers Herz gebracht.

Wir hatten uns den Antrag zuschicken lassen. Wo dieser vereinfacht sein soll, lässt sich für uns nicht erkennen. Zum einen ist der Antrag sehr aufwendig, die Zeit haben wir gar nicht. Zum anderen müssten wir alles offenlegen. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir haben nichts zu verbergen. Vermutlich hätten wir sogar Anspruch. Aber es wurden beispielsweise die Kontoauszüge aller Konten verlangt, geschäftlich und privat. Sogar Kopien von Fahrzeugschein und Grundbuchauszug unseres privaten Hauses sollten beigelegt werden. Das alles, um Hilfe in einer Situation zu bekommen, für die wir absolut nichts können. Wir empfinden das als erniedrigend. Zudem haben wir von der Überbrückungshilfe III, die für Unternehmen gilt, die seit dem 16. Dezember geschlossen sind, noch keinen Cent gesehen.

Die Antragstellung startete erst Mitte Februar, also zu einem Zeitpunkt, als wir bereits zwei Monate geschlossen waren. Und dieser Antrag kann nur über einen Steuerberater gestellt werden. Da dieser in der Regel mehrere Klienten hat, können Sie sich vorstellen, dass sich das hinzieht. Zwischenzeitlich wurden dann auch noch die Auszahlungen komplett gestoppt, weil es einen Betrugsversuch gab. Es ist alles ein ziemlicher Nervenkrieg.

Ich habe das Glück, den Babybereich bei Spiel + Baby Dannmann auch während des Lockdowns offen halten zu können, da Babyfachgeschäfte von der Verordnung ausgenommen sind. Daher war bis Anfang März der Spielwarenbereich abgetrennt. Wir haben aber auf Vorbestellung auch gerne Spielwaren im Babybereich übergeben. Da aber alle anderen Geschäfte und Restaurants in der Marktstraße geschlossen waren, hat sich nur selten ein Kunde in meinen Laden verirrt. Also habe ich die Öffnungszeiten gekürzt und meine Mitarbeiterinnen gingen in Kurzarbeit.

Seit dem 8. März dürfen Kunden nun nach vorheriger Terminvereinbarung wieder die gesamte Fläche betreten. Und somit auch im Spielwarenbereich stöbern. Dabei hat der Gesetzgeber nicht festgelegt, wie weit im Voraus diese Termine zu buchen sind. Da mein Laden über 680 qm verfügt, und sich eine Kunde plus Begleitung auf 40 qm aufhalten darf, ist eigentlich immer noch ein spontaner Termin an der Tür möglich. Die Öffnungszeiten sind auch wieder ausgeweitet.

Täglich lesen wir uns durch Verordnungen, die auch gerne mal über Nacht geändert werden. So zum Beispiel die Erfassung der Kontaktdaten. Der Passus stand ursprünglich in der Corona-Verordnung vom 6. März des Landes Niedersachsen nicht drin. Er wurde am Abend des 12. März nachträglich eingefügt, aber bereits zum 13. März in Kraft gesetzt. Und dabei möchten wir eigentlich nur eins: Unsere Kunden glücklich machen! Ich möchte in meinem Spielwarengeschäft in leuchtende Kinderaugen sehen und den Satz hören: „Das habe ich mir schon immer gewünscht.“

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann

#BIANCA: Und ich liebe es, wenn meine Kundin gefühlt zehn Zentimeter größer das Geschäft verlässt, weil ich ihr mit typgerechter, modischer Kleidung zeigen kann, wie schön sie ist und wie sie ihre Vorzüge unterstreicht.

Stattdessen bangen wir von Ministerpräsidentenkonferenz über Pressekonferenz zu Corona Verordnung des Landes Niedersachsen. Wir haben gelernt, Behördendeutsch zu lesen und passen unsere Betriebe ständig an.

Es fing von März bis April letzten Jahres mit dem ersten Lockdown an. Dann ein Sommer mit gefühlt ein wenig Normalität. Im November kam der Teil-Lockdown. Dieser brachte uns wieder einen großen Einbruch, da eine Fußgängerzone ohne Cafés und Toiletten in der kalten Jahreszeit nicht gerade zum Verweilen einlädt. Ab Dezember dann der komplette Lockdown, lediglich mit Abhol- und Lieferservice. Dieser Lockdown wurde mehrfach verlängert. Seit dem 8. März haben wir zwar offiziell weiterhin geschlossen, aber Beratung und Verkauf nach Terminvereinbarung ist möglich. Erst ohne Erfassung der Kontaktdaten, dann plötzlich mit.

Diese Veränderungen kommen teilweise so kurzfristig, dass wir kaum reagieren können. So auch das aktuelle Beispiel. Erst werden für Gründonnerstag und Karsamstag Ruhetage angeordnet. Nur zwei Tage später wird diese Anordnung zurückgenommen. Wir ändern also die Planung für die Mitarbeiter, verteilen die Stunden in den Schichten neu, nur um dann alles wieder rückgängig zu machen. Was ich im Übrigen jetzt nicht mache. Ich gönne meinen Mitarbeiterinnen und mir jetzt die fünf Tage Ruhe und Zeit mit der Familie. Das haben wir uns verdient.

Gleichzeitig müssen wir diese Ungerechtigkeit ertragen, dass Marktkauf und Kaufland ohne Begrenzung das volle Sortiment anbieten dürfen. Dort durften durchgehend auch Spielwaren und Bekleidung verkauft werden, dort muss auch jetzt kein Termin vereinbart werden. Dort darf sich ein Kunde auf 10 qm aufhalten, bei uns ein Kunde inklusive einer Begleitung auf 40 Quadratmeter. Wir sind wütend und die Kunden mittlerweile massiv verunsichert.

Da war die Pressemitteilung der Stadt Wilhelmshaven diese Woche nicht besonders förderlich. Die Stadtverwaltung warf den Einzelhändlern vor, die Vorgaben zu verwässern und drohte mit Bußgeldern. Auch dass einzelne Fachgeschäfte wie Blumenläden und Buchläden plötzlich ohne Terminvereinbarung öffnen dürfen, trägt nicht gerade zum allgemeinen Verständnis bei. Bisher konnte uns keiner erklären, was der Unterschied zwischen einer Topfpflanze, einem Buch, oder eben einem Pullover und einem Spielzeug ist.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zynisch werden. Und dann denken wir an die Gastronomie und Hotellerie, die immer noch nicht öffnen darf, aber dabei zusehen muss, wie körpernahe Dienstleistungen möglich sind und der volle Flieger nach Malle abhebt. Gleichzeitig sind die Theater und Kinos geschlossen. Da geht es uns gut. Aber wir spüren auch, dass sich allgemein Unverständnis breit macht, weil die Nachvollziehbarkeit nicht mehr gegeben ist.

Ebenso spüren wir leider auch, dass die Solidarität nachlässt, wurden während des ersten Lockdowns noch großzügig Gutscheine gekauft, um die regionalen Geschäfte zu unterstützen, siegt doch mittlerweile die Bequemlichkeit und bei Amazon ist alles schnell angeklickt.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven
Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann Bild: Sankt Willehadgemeinde)

#MARC: Die Schwierigkeit ist der Föderalismus. Erst erfolgen die Bund-Länder-Beratungen in der Ministerpräsidentenkonferenz. Diese schließen mit einer Pressekonferenz ab, auf der die Ergebnisse dieser Konferenz mitgeteilt werden.

Diese Ergebnisse sind für die einzelnen Bundesländer aber nicht verbindlich. Die Länder arbeiten ihre Verordnungen im Anschluss separat aus. Die niedersächsische Corona-Verordnung weicht an vielen Stellen von dem Ergebnis der Beratungen ab. Beispielsweise dürften wir auch bei einer Inzidenz von unter 35 in Wilhelmshaven unser Geschäft nicht komplett öffnen. In anderen Bundesländern ist dies üblich.

Wir haben den Glauben in die Regierung, in die Politik verloren. Zu oft gab es schon Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Das Vertrauen ist leider nachhaltig gestört. Wir haben großen Respekt, wenn Menschen, wie aktuell Frau Merkel, Fehler eingestehen und sich entschuldigen. Aber was weiterhin fehlt, ist die Perspektive.

Die aktuelle Niedersächsische Corona-Verordnung tritt mit Ablauf des 28. März außer Kraft. Das ist Sonntag, heute in drei Tagen. Und wir wissen immer noch nicht, was dann kommt. Wir wissen nicht, was wir unseren Mitarbeitern sagen sollen, ob und wann sie nächste Woche arbeiten dürfen. Wir können keine Ware, keine Öffnungszeiten planen. Nichts!

Marc Ewering, Inhaber Spiel + Baby Dannmann

#BIANCA: Was bleibt ist Hoffnung. Hoffnung, dass das Impfen nun schnell voranschreitet. Hoffnung, unsere Geschäfte bald wieder vollständig öffnen zu dürfen. Hoffnung, dass die Gastronomie wieder öffnen darf, damit die Innenstadt wieder einladend für einen Shoppingbummel ist. Hoffnung, dass die Hotellerie und sonstige Beherbergungen wieder öffnen dürfen, damit die Touristen wiederkommen, die auch für uns wichtig sind. Hoffnung auf eine neue, lebenswerte Zukunft.

Bianca Ewering-Janßen, Inhaberin Kurvenhaven

Das Gebet für die Stadt wurde live auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde gestreamt.

Kollektenergebnis: In unserer dreiteiligen Andachtsreihe „Gebet für die Stadt – in der Coronakrise“ wurde jeweils eine Kollekte für die Arbeit von United4Rescue gesammelt. Wir sind Bündnismitglied. Die drei Sammlungen erbrachten insgesamt 283,20 Euro. Vielen Dank an alle Unterstützer:innen!

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